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A. Resch

Andreas Resch: Inselbegabungen-küstlerische-musikalische

Andreas Resch: Inselbegabungen-küstlerische-musikalische

ANDREAS RESCH

INSELGEBAGUNGEN

V. KÜNSTLERISCHE INSELBEGABUNGEN

INSELBEGABUNGEN

V. Künsterliche Inslbegab.

Clemons, Alonzo
Mind, Gottfried
Wawro, Richard
Wiltshire, Stephen
Tréhin, Gilles
Seth F., Henriett
Widener, George
Castle, James Charles
Yeak, Ping Lian
Lerman, Jonathan
McHugh, Tommy

Salmon, Keith
Pullen, James Henry


VI..Musikal. insebegabunng
Lemke, Leslie
DeBlois, Tony
Maier, Brittany
Paravicini, Derek
Savage, Matthew („Matt“)
Vinter, Alexander
Wiggins, Tom   

I  Inselbeg.: Erinnerungen

II. Inselbeg.: Rechnerische

III. Inselbeg.:Sprachliche

IV. Inselbeg.: Visuelle

 

 

In den folgenden Ausführungen sollen jene künstlerischen Inselbegabungen vorgestellt werden, die als Naturtalente in einer besonderen Weise beeindrucken und als solche allgemeine Anerkennung finden.


Clemens Alonzo

Alonzo Clemons (Geburtsdatum unbekannt, lebt in Boulder, Colorado, USA), Bildhauer (Inselbegabung).

Entwicklung
Alonzo Clemons wurde nicht als Genie geboren, sondern war ein ganz normales Kind. Als er im zweiten / dritten Lebensjahr eine schwere Kopfverletzung erlitt, sollte dies grundsätzliche Folgen für seine weitere Zukunft haben. Seine geistige Entwicklung kam zum Stillstand. Bei einem Intelligenzquotienten von 40 bis 50 war auch an schulische Erfolge nicht zu denken. Daher kann er weder lesen noch schreiben oder Auto fahren und nur mit Mühe sprechen, so dass ihn allein seine Freunde verstehen.

Das Überraschende dabei ist, dass ihn diese Verletzung zu einem genialen Bildhauer machte. Seine bevorzugten Objekte sind Tiere. Aus einem Stück Lehm, Wachs oder Teer formt er innerhalb einer Stunde eine genaue Skulptur. Lehm, wie jede andere knetbare Masse, wurde für Clemons zum Lebens- und Gestaltungselement.

Als er noch im Heim war, hat ihm das Pflegepersonal den Ton in der Hoffnung vorenthalten, dass er sich dann auf das Lernen der Sprache konzentrieren würde. Stattdessen aber kratzte er den Fensterkitt aus den Fensterrahmen des Heims, um damit Figuren zu kreieren.
Skulpturen

Er, der keine Schuhe zubinden kann, formt die perfektesten Tierskulpturen. Dabei reicht ihm ein flüchtiger Blick auf ein Tier in der Natur, im Fernsehen oder in einem Buch, um es mit seinen Händen detailgetreu nachzubilden. Sein fotografisches Gedächtnis ist nicht auf anatomische Kenntnisse angewiesen. Ob Pferde, Stiere, Elefanten – selbst Muskeln und Sehnen sind in seiner Vorstellung vorhanden und werden perfekt dargestellt.

Lebensraum
Da man um 1980 noch kaum eine Vorstellung von Inselbegabungen hatte, wurde Clemons von Kindheit an trotz seiner ungewöhnlichen künstlerischen Leistungen für geistig behindert gehalten und entsprechend behandelt. Mit zehn Jahren steckte man ihn in ein staatliches Heim, wo er ein Jahrzehnt verbrachte und sich das Leben täglich durch seine knetende bildhauerische Tätigkeit erträglich machte. Nahm ihm die Heimleitung die Modellmasse weg, ging er auf den Parkplatz und schrubbte mit den Fingern Erde und Teer zusammen.
So arbeitete Clemons bis in die frühen 1980er Jahre völlig einsam und unbekannt vor sich hin, bis er 1986 seine erste Ausstellung machen konnte.
Inselbegabung

Als 1988 das US-amerikanische Filmdrama Rain Man von Barry Levinson in die Kinos kam, in dem Dustin Hoffman den Autisten und Gedächtniskünstler Raymond verkörperte, wurde man auf die Thematik der sog. Inselbegabungen (Savants) aufmerksam und begann sich folglich auch für Alonzo Clemons zu interessieren. Dieser versuchte nach seiner Entlassung aus dem Heim zunehmend selbständiger zu werden, übersiedelte in eine kleine Wohnung in Boulder, nahm eine Teilzeitbeschäftigung an, trainierte sich im Gewichtheben und nahm 2003 sogar an den Special Olympics in Colorado teil. Außerdem besuchte er mit besonderer Freude den Zoo in Denver sowie verschiedene Veranstaltungen.

Wo immer er auftaucht, ist man von seinen künstlerischen Fähigkeiten und seiner freundlichen Art beeindruckt. Inzwischen ist Alonzo Clemons durch Ausstellungen, Berichte im Fernsehen und das Internet als Künstler weltweit anerkannt.

Lit.: Treffert, Darold A.: Extraordinary people: understanding “idiot savants”: [spectacularly gifted musicians, artists, calculators, and mnemonists who have severe mental disabilities]. New York: Harper & Row, 1989; ders.: Extraordinary people: Understanding Savant Syndrome. Lincoln: iUniverse.com, 2000.
http://alonzoclemons.com/

Gottfried Mind

Gottfried Mind (geb. am 25. September 1768 in Bern; gest. am 7. November 1814 ebd.), Inselbegabter, Autist und Zeichner.

Frühe Kindheit
Gottfried Mind wurde in Bern geboren, kurz bevor sein Vater als Tischler und Formschneider aus Lipsich in Ungarn in die Schweiz kam. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. In seiner frühen Kindheit wurde Mind wegen seiner schwächlichen Konstitution meist sich selbst überlassen. Er war körperlich und geistig behindert, beindruckte aber durch seine Begabung im Zeichnen und Schnitzen. Schon frühzeitig wollte Mind auf Papier malen und zeichnen. Sein Vater betrachtete dies als unnütze Arbeit und er gab ihm daher statt Papier immer ein Stück Holz. So begann Mind zu schnitzen und war dabei sogar ziemlich erfolgreich.

In Neuhof
Mit acht Jahren, ca. 1775 – 1780, wurde Mind in die Johann Heinrich Pestalozzi-Erziehungs- und Arbeitsanstalt Neuhof bei Birr im Kanton Aargau aufgenommen. Auch dort stach er im Bereich der bildenden Kunst durch eine exzellente Begabung hervor, war andererseits aber nicht in der Lage, schreiben und rechnen zu lernen. So wurde 1778 von der Wirtschaftsgesellschaft von Bern folgender Vermerk zu ihm veröffentlicht: „Friedrich Mind von Bosse (Mind von Pizy), vom Amtsbezirk Aubonne, wohnhaft in Worblaufen, sehr schwach, unfähig zu harter Arbeit, voll von Zeichentalent, eine sonderbare Kreatur, voll Künstler-Kaprizen, andererseits von einer gewissen Verschmitztheit: Zeichnen ist seine einzige Tätigkeit: er ist eineinhalb Jahre hier: zehn Jahre alt.“

Beim Maler Sigmund Freudenberger
Als Neuhof 1780 geschlossen wurde, nahm ihn die Familie des Berner Malers Sigmund Freudenberger auf. In seinem Atelier arbeitete er zunächst als Zeichner und als Kolorator mit Wasserfarben. Nach Freudenbergers Tod am 15. November 1801 war Mind weiterhin in dessen Atelier tätig und spezialisierte sich auf Kinder- und Tiermotive.

„Katzen-Raffael“
Mind zeichnete vor allem ländliche Szenen mit Kindern und Haustieren, insbesondere Katzen. Dabei wies er ein überdurchschnittliches Erinnerungsvermögen für visuelle Eindrücke auf und zeichnete fast nie nach der Natur, sondern aus dem Gedächtnis. Vor allem seine Katzenbilder beeindrucken durch anatomische Genauigkeit und sein Einfühlungsvermögen in das häusliche Leben der Tiere. So bildete er diese z.B. beim Jagen, Spielen oder Schlafen ab. Aufgrund seiner einmaligen Katzenzeichnungen wurde Mind weithin als „Katzen-Raffael“ bekannt. Diese Bezeichnung prägte die französische Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 – 1842).

Gottfried Mind

Während seiner Arbeit hielt Mind regen Kontakt mit den Tieren. So saß beim Malen meist eine Katze auf seinem Rücken oder seinen Schultern. Eine zweite machte es sich zuweilen auf seinem Arbeitstisch bequem und ein junges Kätzchen spielte unter dem Tisch. Er beobachtete das Verhalten der Katzen mit Genugtuung und Ausdauer, ohne sie bei ihrem Tun zu stören. Neben der anatomischen Gestalt versuchte Mind auch die Schlauheit, Genügsamkeit, Ruhe und Gelassenheit, ebenso wie die Hinterlistigkeit und den Kampf der Tiere in der Zeichnung einzufangen. Besuche von Menschen waren ihm dabei eher lästig.

Figuren aus wilden Kastanien
An Sonntagen und in Winternächten verarbeitete Mind zum Zeitvertreib wilde Kastanien zu Katzen, Bären und anderen Tieren, und zwar mit solch künstlerischer Feinheit, dass diese Figuren bald ebenso begehrt waren wie seine Zeichnungen. Leider wurden fast alle diese Gebilde durch Wurmfraß zerstört.

Bären und Kupferplatten
Mind verweilte auch viele Stunden am Bärengraben von Bern, wo einige echte Bären zu sehen waren. Er beobachte und fütterte sie und war von ihnen so fasziniert, dass sie neben den Katzen zum zweiten Gegenstand seiner Zeichnungen wurden.
Außer für Tiere begeisterte sich Mind noch für Kunstgegenstände, insbesondere Kupferplatten, auf denen ihn zwei Tierfiguren besonders beeindruckten – die Löwen von Rubens, Rembrandt und Potter sowie die Hirsche von Kidinger, während die sehr gepriesenen Katzen von Cornelius Vischer und Wenzel Hollar ihn nicht ansprachen.
Minds Beobachtungsgabe war so stark, dass er dieselbe auch noch einige Zeit später abrufen konnte.

Lit.: Der Katzen-Raphael: zwölf Blätter Katzengruppen; nebst einer kurzen Lebensskizze Mind’s und der Novelle: „Der Katzen-Raphael“ von Franz Freiherrn Gaudy. Berlin: Schroeder, 1861 (Albertina-Sammlung); Widmann, Franz: Der Katzenraphael. Lebensbild eines seltsamen Künstlers. Leipzig: Oehmigke, 1887; Gaudy, Franz von: Der Katzenraphael. München: Callwey, um 1920; Kölsch, Adolf: Gottfried Mind, der Katzen-Raffael. Versuch eines Lebensbildes. Zürich: Montana, 1924; Katzen. Texte aus der Weltliteratur. Hrsg. von Federico Hindermann. Mit Illustrationen von Gottfried Mind. München: Manesse in dtv, 1994.

Richard Wawro

Richard John Wawro (geb. am 14. April 1952 in Newport-on-Tay, Schottland; gest. am 22. Februar 2006 in Edinburgh, Schottland) inselbegabter Autist und bekannter schottischer Landschaftsmaler (Öl und Buntstift).

Kindheit
Richard John Wawro war der Sohn von Thaddäus und Olive Wawro. Der Vater war polnischer Militäroffizier und Zivilingenieur und wanderte nach dem Krieg nach Fife in Schottland aus, wo er in Tayport als Buchhändler tätig wurde. Die Mutter war Volksschullehrerin und stammte aus einer Bauernfamilie im schottischen Galloway.

Richards erste Lebensjahre gestalteten sich wegen seiner angeborenen Behinderungen sehr schwierig und schmerzhaft. Zwischen den Phasen seines gestörten Verhaltens machte er oft eine Pause und starrte das Licht an, wobei ihn der direkte Blick zur Sonne am meisten erfreute.
Als er drei Jahre alt war, wurde den Eltern mitgeteilt, dass ihr Sohn mittel bis schwer behindert sei. Zudem zeigte er erhebliche Anzeichen von Autismus mit einem charakteristischen Hang zur Eintönigkeit, Zurückgezogenheit, Bewegen im Kreis, endlosem Drehen von Gegenständen und stundenlangem Betätigen ein und derselben Taste am Klavier. Wegen eines grauen Stars musste er als Kind an beiden Augen operiert werden, was ihm ein so geringes Sehvermögen bescherte, dass er gesetzlich als blind eingestuft wurde.

Allen Unbilden zum Trotz begann Richard mit drei Jahren auf einer Tafel zu zeichnen. Im Nu war die kleine Tafel mit einer Unmenge von Bildern übersät. Im Alter von sechs Jahren brachte ihn die Mutter zu Molly Leishman, einer Lehrerin für besondere Fälle und weithin bekannt für die Aufnahme von Kindern, die für andere Spezialschulen zu schwierig waren. Leishman erkannte bereits beim ersten Bild, das der Kleine zeichnete, dessen außerordentliche Begabung. „Was ich sah, war magisch“, sagte sie. Zeichnen war auch die Form seiner Kommunikation, denn ordentlich sprechen konnte er erst mit elf Jahren. 1960 übersiedelte die Familie dann nach Edinburgh.

Inselbegabung
Als Wawro 12 Jahre alt war, begutachtete Prof. Marian Bohusz-Szyszko von der polnischen Kunstschule in London seine Zeichnungen und war „wie vom Blitz getroffen“. Er beschreibt Wawros Arbeiten als „phänomenal, geschaffen mit höchster technischer Präzision und der Vision eines Poeten“.

Richard Wawro

Wie andere Inselbegabte verfügte auch Wawro über ein außerordentliches Gedächtnis. So erinnerte er sich genau, wo und wann er ein Bild gezeichnet hatte, und konnte diese Daten jederzeit abrufen. Für seine Zeichnungen verwendete er keine Vorlagen, sondern brachte zu Papier, was er lediglich einmal im Fernsehen oder in irgendeinem Buch gesehen hatte. Er verfügte zwar über ein absolutes Gedächtnis, versah seine Arbeiten jedoch oft auch mit persönlichen Eindrücken und Interpretationen.

Zeichnen
Besonders fasziniert war Wawro vom Licht, mit dem er spielend umgehen konnte. Die Farbtöne, die er zur Darstellung von Licht und Schatten verwendete, gelten als meisterhaft.
Für ihn war die Kunst sein Leben und seine Liebe. Er war stolz auf sein Talent und setzte es mit Freuden ein. Jedes neu geschaffene Bild brachte er seinem Vater und die gemeinsame Zufriedenheit über den Erfolg kam jeweils in der feierlichen Geste eines High Five zum Ausdruck. Die beiden schätzten sich sehr. Auch die Mutter, die 1979 starb, stand ihm nahe. Der Vater starb 2002.

Ausstellungen
Seine erste Ausstellung hatte Wawro mit 17 Jahren in Edinburgh, wodurch er auch öffentlich bekannt wurde. Zum eigentlichen Durchbruch kam es 1970, als der Edinburgher Unternehmer Richard Demarco mit ihm Kontakt aufnahm und seine Werke in seiner Galerie ausstellte. Für das nationale Bekanntwerden sorgte ein Bericht der BBC, der ein zweites Mal ausgestrahlt wurde.
Heute ist Wawro weltweit bekannt. In über hundert Ausstellungen wurden mehr als 1000 Bilder von ihm verkauft. Eine Ausstellung wurde sogar von Margaret Thatcher eröffnet, als diese Bildungsministerin war. Unter den vielen Käufern befand sich auch Papst Johannes Paul II. 1983 wurde von Dr. Laurence Becker unter dem Titel „With Eyes Wide Open“ ein Film über Wawro gedreht, der großen Anklang fand.

Öffentlichkeit
Wawro liebte seine Bekanntheit und nannte sich gern „internationaler Künstler“. Trotz seiner Kommunikationsschwierigkeiten verstand er es, mit jedem in Verbindung zu kommen und Freundschaften zu pflegen. Er liebte auch die Musik, besonders die Popmusik der 1960er Jahre. Nach dem Anhören eines Liedes konnte er den Namen des Sängers und das Entstehungsjahr nennen.

Nachdem er bereits mit sechs Jahren eine Krebserkrankung überlebt hatte, kam für ihn die Nachricht von Lungenkrebs im Endstadium doch eher überraschend. Richard Wawro starb im Alter von 53 Jahren in Edinburgh.

Lit.: Treffert, Darold A.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=Pvys7263DNc

Stephen Wiltshire

Stephen Wiltshire (geb. am 24. April 1974 in London), autistischer Künstler mit Inselbegabung.

Stephan Wiltshire ist der Sohn von Eltern westindischer Herkunft. Sein Vater Colvin war gebürtig aus Barbados, seine Mutter Geneveva stammte aus St. Lucia. Als Kind blieb er in seiner Entwicklung gegenüber anderen Kindern zurück und wurde mit drei Jahren als Autist diagnostiziert. Im Alter von fünf Jahren stellte dann ein Lehrer an der Queensmill School in London fest, dass das Zeichnen die einzige Tätigkeit war, bei der sich Stephen wirklich in seinem Element fühlte. Zeichnen war sein Weg, mit der Welt zu kommunizieren. Mit sieben Jahren begann er, neben seiner Faszination für amerikanische Autos, Landschaften und Städte zu zeichnen. Sein Interesse für amerikanische Autos war so groß, dass er darüber ein geradezu enzyklopädisches Wissen anhäufte.

Die ersten Worte
In der Queensmill School, die er besuchte, forderten ihn die Lehrer jedoch zum Sprechen auf. Um ihn sogar dazu zu zwingen, nahmen sie ihm auf Zeit die Zeichenutensilien weg – mit Erfolg. Stephen antwortete zunächst mit gewissen Tönen und stotterte sein erstes Wort, angeblich: „Papier“.
Nach Einsicht in einen Bildband mit Fotos über Verwüstungen durch Erdbeben begann er mit detaillierten architektonischen Zeichnungen von Stadtbildern.

Karriere
Stephens Karriere begann bereits mit sieben Jahren. Mit Hilfe seines Lehrers Chris Morris, der seine Begabung erkannte und förderte, lernte er mit neun Jahren nicht nur sprechen, sondern konnte auch an Kinderwettbewerben für Kunst teilnehmen, bei denen er mehrere Preise gewann. Inzwischen wurde auch die Presse auf ihn aufmerksam und er wurde landesweit bekannt. Mit acht Jahren erhielt er von Premierminister Edward Heath als ersten Auftrag, die Kathedrale von Salisbury zu zeichnen.

Im Alter von zehn Jahren zeichnete er eine Serie von Bildern, genannt „London Alphabet“, in alphabetischer Ordnung von Albert Hall bis London Zoo.
1987 wurde Stephen von Hugh Casson in einer Show als das wahrscheinlich beste Künstlerkind Großbritanniens vorgestellt. Casson brachte ihn auch mit der Literaturagentin Margaret Hewson in Kontakt. Diese eröffnete Stephen die Möglichkeit, an der angesehenen City and Guilds of London-Kunstschule Zeichnen und Malerei zu studieren. 1998 schloss er dort das Studium ab.

Das fotografische Gedächtnis
Stephens außergewöhnliche Begabung, die ihn von allen anderen Künstlern unterscheidet, ist sein fotografisches Gedächtnis, verbunden mit der Fähigkeit, die einmal gewonnenen Eindrücke gleichsam kopierartig mit großer Geschwindigkeit auf Leinwand zu zeichnen. So nahm er im Lauf der Jahre an mehreren Fernsehdokumentationen teil, bei denen er in einem Hubschrauber über verschiedene Metropolen auf der ganzen Welt flog und diese Sicht dann auf eine gigantische Leinwand brachte. Die Menge an Details, die Stephen dabei in sein Gedächtnis aufnehmen und reproduzieren kann, ist nicht nur absolut außergewöhnlich, sondern auch völlig unerklärlich und hat ihm zu Recht den Spitznamen „Die lebende Kamera“ eingebracht.
Stephen Wiltshire

2007 wurde Stephen Wiltshire in Anerkennung seiner besonderen Leistungen von Königin Elisabeth II. zum Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt.
In seine Zeichnungen, zuweilen in Farbe, fügt er Anklänge an Gestalten von Tieren und Menschen ein, was auf seine soziale Entwicklung hinweist. Inzwischen zeichnet er auch Karikaturen.

Musik
Schon seine Lehrer machten die Beobachtung, dass Stephen auch gerne singt, doch war sein musikalisches Talent nicht auffallend. Die Journalistin Anne Barrowclough berichtet, dass sie ihn bei seiner Reise nach Russland, als sie im Hotelzimmer Opernmusik anhörten, eines Abends aus dem Gedächtnis Carmen singen hörte. Stephen hatte die Oper im Fernsehen gehört und sie vollkommen in Erinnerung behalten. Er begann dann gleich bei der Musiklehrerin Evelin Preston Musikunterricht zu nehmen. Diese stellte ein absolutes musikalisches Gehör bei ihm fest. Das ist insofern überraschend, als Autisten meist nur in einer Richtung Lernbegabungen aufweisen. Linda Pring, Neuropsychologin am Goldsmith College in London, befasste sich einen Sommer lang mit dieser Doppelbegabung von Stephen. Dabei kam sie zum Ergebnis, dass es in der gesamten wissenschaftlichen Literatur diesbezüglich nur einen früheren Fall gibt.

Galerie
2007 eröffnete Wiltshire seine eigene Galerie. 2011 erhielt er die Ehrenmitgliedschaft von der Gesellschaft für Architekturillustration. Er engagiert sich zunehmend persönlich, hat viel Sinn für Humor und parodiert zuweilen bekannte Sänger.

W.: Drawings. London: Dent, 1987; Floating cities: Venice, Amsterdam, Leningrad – and Moscow. London: Joseph, 1991.
www.stephenwiltshire.co.uk

Gilles Tréhin

Gilles Tréhin (geb. 1972 in Belgien, genaues Datum nicht bekannt), autistischer Inselbegabter, lebt heute in Cagnes-sur-Mer an der Cote d’Azur in Frankreich.

Entwicklung
Mit drei Jahren konnte Gilles das erste Wort sprechen, nämlich: Flugzeug, immer zweimal. Mit fünf entdeckte er die Primzahlen und das dreidimensionale Zeichnen. Er zeichnete vor allem Flugzeuge, Flughäfen und Städte. Mit sechs Jahren stellte man bei ihm ein absolutes Gehör fest und die Fähigkeit, komplizierte Rechenaufgaben zu lösen, ohne nachzudenken.

USA
Von 1978 bis 1981 lebte Gilles mit seiner Familie in der Nähe von New York und war fasziniert von den großen Bauten und Wolkenkratzern. Er machte sich gleich daran, dieselben mit Legobausteinen nachzubilden, ohne klare Idee für deren Verwendung. Gleichermaßen interessierte er sich für Flugzeuge und Flugplätze. Mit acht Jahren bekam er die Diagnose Autismus mit Savant-Syndrom, die vom Yale Child Study Center durch Prof. Donald Cohen gestellt wurde.
Trotz des angeborenen Kanner-Autismus entfaltete sich Gilles in Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter überraschend positiv. Dies hängt damit zusammen, dass er, wie man weiter feststellte, eine Reihe von Talenten besitzt, die sein Selbstbewusstsein und sein soziales Verhalten förderten.

Bereits in seinen Kinderjahren wurde offensichtlich, dass er ein perfektes Musikgehör hat. So ersuchte er trotz begrenzter Sprachfähigkeit schon als Kind den Vater, Klavier oder Gitarre zu spielen. Beim Abspielen von Musik mit nicht korrekter Geschwindigkeit wurde er unruhig. Später begann er sogar selbst eine elektrische Bassgitarre zu spielen und spielte ohne jeden Unterricht schwierige Jazz-Stücke.

Mit fünf Jahren stellte er für sich fest, dass er die Fähigkeit hatte, dreidimensional zu zeichnen. Dies sollte dann auch seine bevorzugte Tätigkeit werden, weil er durch Zeichnen seine ganze Phantasie zum Ausdruck bringen konnte.
Gilles Tréhin

Als weitere Begabung ist das Kopfrechnen zu nennen. Schon mit sechs Jahren überraschte er die Eltern bei der Beantwortung von Multiplikationsfragen, die diese an seine Schwester stellten. Sie prüften ihn daraufhin mit einem Taschenrechner. Er stockte nur, wenn er die Zahl nicht aussprechen konnte, wie etwa 1000. Mit sieben Jahren lernte er von selbst die Primzahlen kennen und konnte sofort sagen, ob eine Zahl eine Primzahl enthält. In 4187 sei nichts, sagte er, keine 2, 3, 5, 7, 11 oder 13.

London
Von 1984 bis 1986 lebte Gilles mit seiner Familie in London. Gerade 1984 konkretisierte sich die Idee von der fiktiven Stadt Urville. Er zeichnete eine große Zahl von kleinen Flugzeugen, für die er mittels Legobausteinen ein Flughafenmodell erstellte. Zudem versuchte er eine Broschüre mit Abflug- und Ankunftzeiten zu verfassen. Allerdings kam er in den zwei Jahren in London zu keiner klaren Vorstellung, wie die Stadt aussehen sollte, bis er den ersten symbolischen Bau von Urville, den Turm 2000, schuf.

Cagnes sur Mer
1986 kehrte die Familie nach Cagnes sur Mer zurück, wo Gilles die Idee von zwei Türmen kam: Megalopolis-Turm und Olympisches Stadion. Zudem zeichnete er den Flughafen ganz nahe bei der Stadt, da in seinem Schlafzimmer nicht mehr Platz war. Zu einem großen Flughafen gehöre jedoch eine große Stadt, dachte er bei sich. Doch wo konnte sie gebaut werden?

Urville
1987 kam ihm die alles umfassende Idee, die Stadt einfach in seiner Vorstellung zu bauen und Lego durch Zeichnen zu ersetzen. Damit war der Weg frei für das Zeichnen und Beschreiben der großen Phantasiestadt Urville, in die er gedanklich seinen Wohnsitz stellte.

Dort zeichnete er bisher bereits auf mehreren hunderttausend Bögen Papier die futuristischen Häuser aus allen Perspektiven und mit allen Details. Die Stadt hat zwanzig Millionen Einwohner, besteht aus entsprechend vielen Häusern, einem ausgeklügelten Kanalsystem, einem Hafen und einem Flughafen. Gilles, der neben Fremdsprachen Mathematik und Klavier lernte, studierte sogar Geschichte, um seiner Stadt einen glaubwürdigen geschichtlichen Anstrich zu geben.
Zudem lernte er Catherine Mouet (Abb.) kennen, die besessen ist von mathematischen Formeln und ein Universitätsdiplom in Mathematik vorzuweisen hat. Während der Doktorarbeit verließen sie allerdings endgültig die Kräfte. Mit 31 Jahren erfuhr sie dann, dass sie Autistin mit Asperger-Syndrom ist. Mouet und Tréhin verstanden sich von Anfang an als Autisten, da sie keiner geregelten Arbeit nachgehen können. So wohnen sie nun beide in Urville. Den Wohnbereich in der großen Stadt durfte Catherine wählen. Allerdings existiert Urville nur in der Phantasie der beiden. Gilles hatte die Stadt ja nur auf Papier gebaut.

Lit.: Treffert, Darold: Gilles Tréhin – The City of Urville. Wisconsin Medical Society. Retrieved 2007-11-15.
Moore, Charlotte: Autistic couple bound to each other – and their art. The Guardian. Retrieved 2007-11-15.
http://www.urville.com


Henriett Seth F.

Henriett Seth F. (ungarisches Pseudonym Seth F. Henriett; der eigentliche Name ist Fajcsák Henrietta, geb. am 27. Oktober 1980 in Eger, Ungarn), Autistin mit Inselbegabung, Malerin, Dichterin und Schriftstellerin.

Kindheit
In ihrer frühen Kindheit blickte Henriett niemanden an, mied jeden Augenkontakt. Aufgrund ihrer Kommunikationsschwierigkeiten lehnten es 1987 sämtliche Volksschulen ab, sie aufzunehmen. Man gab sie in eine Musik- und Kunstschule,wo sie aber nie ein Lied sang. 1989 wurde sie von zwei Lehrern in eine Schule für geistig Behinderte geschickt, wenngleich sie weiterhin an der Musik- und Kunstschule bleiben konnte.

Mit acht Jahren spielte Henriett Flöte, zwischen dem 10. und dem 12. Lebensjahr Kontrabass und im Alter von 13 Jahren trat sie bei Konzerten in der Armee-Garnison von Eger auf. Im gleichen Jahr gab sie allerdings die Musikkarriere für immer auf.

Neben Kommunikationsproblemen und repetitivem (wiederholendem) Verhalten litt Henriett auch an Echolalie, dem Nachsprechen vorgesagter Wörter bzw. dem Wiederholen von Sätzen und Wörtern von Gesprächspartnern. Bereits 2002 wurde von der ungarischen Autismus-Stiftung und zwei Psychiatern aus Eger die Diagnose frühkindlicher Autismus gestellt, der bei Henriett heute als Kanner-Autismus mit Inselbegabung bezeichnet werden kann, da sie schon in ihrer Kindheit besondere Begabungen im Bereich darstellende Kunst, Dichten und Schreiben zeigte. Diese Begabungen kamen vom 9. bis zum 13. Lebensjahr zur Entfaltung.

Ausstellungen und Veröffentlichungen
Ihre ersten Bilderausstellungen fanden 1996 und 1998 im Haus der Kunst in Eger statt. Mit 18 Jahren gewann Henriett für ihre künstlerische und literarische Tätigkeit den Géza Gárdonyi-Preis. 2000 erreichte sie beim internationalen Literaturwettbewerb den sechsten und 2001 bei der Internationalen Allianz der ungarischen Schriftsteller den ersten Platz. 2004 nahm sie an der Osteuropa-Autismus-Konferenz teil. Ihre Kunst wird dem Expressionismus und Surrealismus zugeordnet.

Henriett Seth F.

2005 schrieb sie das Buch Autizmussal önmagamba zárva (Mit Autismus im Selbst eingeschlossen), das von der ungarischen Autismus-Stiftung und vom Ministerium für Nationales Kulturerbe veröffentlicht wurde und Henriett weltbekannt machte. Im gleichen Jahr wurde sie zum Friderikusz Sándor-Dokumentarfilm Szólás Szabadsága (Sprechfreiheit) eingeladen, der großen Anklang fand und den Titel Esőlány (Rain Girl) erhielt. 2006 schrieb sie den Roman Autizmus – Egy másik világ (Autismus – eine andere Welt), der von der Universität Pécs veröffentlicht wurde. Bereits in ihrer Kindheit und im Kolleg verfasste sie für die Zeitschrift Esőember (Rain Man) Novellen und Gedichte.

Gesundheitliche Grenzen
Trotz ihres Eifers und der Erfolge ihrer Arbeit setzte Henriett der Gesundheitszustand immer mehr zu. Sie litt an Immunschwäche, Herzproblemen, drei Formen von Augenkrankheiten (Myopie, Astigmatismus, Strabismus), an orthopädischen Erkrankungen und anderen körperlichen Störungen. 2009 erkrankte sie an Leukämie (Werlhof-Krankheit) und 2012 wurde ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert.

So zeigte sie ihr letztes Kunstwerk 2007 in der Öffentlichen Bibliothek Brody Sándor. Mit 25 Jahren stellte sie die Schriftstellerei und noch vor ihrem 27. Lebensjahr auch die Malerei ein. Auf den Rat ihrer Mutter hin verkaufte sie keine Schriften und Bilder aus der Kindheit und Jugendzeit. Dafür finden sich im Internet mehrere Videoclips über Henriett Seth F. und ihre Arbeiten.

https://www.youtube.com/watch?v=fXbrCojvGEY


George Widener

George Widener (geb. am 8. Februar 1962 in Covington / Kentucky, USA), Vertreter des Art brut mit Asperger-Syndrom und Inselbegabung.
Art brut (franz.‚ unverbildete, rohe Kunst; engl. Outsider Art, Außenseiter-Kunst) ist ein Sammelbegriff für autodidaktische Kunst von Laien, Kindern und Menschen mit geistiger Behinderung. Die Bezeichnung ging von dem französischen Maler Jean Dubuffet aus, der sich eingehend mit der „naiven“ Ästhetik befasste.

Kindheit
George Widener war schon als Kind und Jugendlicher in seinem Verhalten besonders auffällig, weil er im Umgang mit Menschen große Probleme hatte. Andererseits faszinierte ihn der Kalender in der Wohnung seiner Großmutter, war es für ihn doch ein Leichtes die kalendarischen Daten in Beziehung zu bringen. So steht auf einem Selbstporträt: „Ich wurde geboren als zweiter Sohn der zweiten Ehe am zweiten Donnerstag im zweiten Monat des zweiten Jahres der zweiten Dekade in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts des zweiten Jahrtausends. Ich lebe zurzeit im zweiten Stock. Ich brauche keine zweite Meinung, aber eine zweite Chance wäre mir schon recht.“

Beruf
Trotz dieser eigenwilligen Denkform absolvierte Widener die Hochschule und war Anfang der 1980er Jahre bei der Air Force im deutschen Zweibrücken an der Ausarbeitung von Spionageaufnahmen tätig, wurde aber (wegen Geisteskrankheit) als kampfuntauglich nach Hause geschickt. Als er dann in Texas Ingenieurwissenschaften zu studieren begann, häuften sich die psychischen und finanziellen Probleme, sodass er das Studium aufgab und zeitweise in der Amsterdamer Hausbesetzerszene mitwirkte oder als Obdachloser auf Parkbänken logierte.
Tagsüber studierte er in Bibliotheken Lexika und las Bücher und Zeitschriften. Dabei zeigte er eine auffällige Begabung für Zahlen, Daten, historische und statistische Fakten sowie mathematische Berechnungen.

Autist mit Inselbegabung
Der Wendepunkt in seinem Leben kam jedoch erst im Jahre 2000, in seinem 38. Lebensjahr, als man bei ihm im Zuge einer medizinischen Untersuchung die Diagnose Asperger-Syndrom mit Inselbegabung stellte. George musste nun nicht mehr als Verrückter leben. Er fing an sein Denken, das er schon lange in Zeichnungen und Listen umgesetzt hatte, in künstlerische Ausdrucksformen zu bringen und seinen zeichnerischen Arbeiten eine ästhetische Gestalt zu verleihen. Zunehmend begannen sich Galerien für seine Werke zu interessieren.

Zeichnungen
Seine Zeichnungen bestehen häufig aus Papierservietten oder Tischdecken, die er mit Tee oder Kaffee einfärbt und mit unzähligen Ziffern, Daten und Ereignisbeschreibungen überzieht. Den Bildraum selbst strukturieren häufig Schiffe, Flugzeuge oder Städtepanoramen.

George Widener

Die Themen seiner Gestaltung sind vielfältig und zeigen einen Hang zu Unglücksfällen. So interessierte er sich schon als Kind für die „Titanic“. Als er später dann alle möglichen Daten rund um deren Untergang sammelte, stieß er auf seinen Urgroßonkel, den Kaufmann und Bankier George Widener. Dies heizte sein Interesse für Unglücksfälle und Katastrophen mit auffälligen Zahlen- und Datenkorrespondenzen in deren Umfeld noch weiter an.

Ein besonderes Erlebnis war für ihn 2006 die Begegnung mit dem Autisten und Inselbegabten Kim Peek, von dem schon im Abschnitt „Erinnerungstalente“ die Rede war. Dabei machte er die Erfahrung, dass er mehr Spielraum hatte, sich von den inneren Zahlenwelten zu lösen und sich dem Alltag und anderen Menschen zuzuwenden. So arbeitete er daran, sein Leben immer mehr zu normalisieren, ging eine Partnerschaft ein und begann auch Auto zu fahren.

Ausstellung
Als Wideners erste Ausstellung in Europa im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart in Berlin von den Journalisten vorgestellt wurde, gab er sich charmant, gesprächig und offener als oft andere Künstler. Dabei zeigte er auch seine andere Sicht der Welt, indem er auf die Frage eines Journalisten die Frage nach dessen Geburtsdatum stellte. Als dieser dasselbe nannte, schloss Widener für einen Moment inneren Sehens die Augen, um gleich darauf festzustellen: „Das war ein Sonntag.“

Innere Welt der Daten
Solche Rückzüge in seine innere Welt der Daten macht Widener immer, wenn ihn die Eindrücke, wo auch immer, zu überschwemmen drohen, wie etwa im Verkehr einer Großstadt. Zur Entspannung übersetzt er dann einfach Autokennzeichen in historische Daten.
Seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart in Berlin 2013 war vor allem auch deshalb von Bedeutung, weil sie die Begegnung mit der Schönheit einer Denkweise ermöglichte, die lange als absonderlich wahrgenommen wurde, bis man eine Inselbegabung mit Asperger-Syndrom zu schätzen vermochte.

Lit.: Henk, Malte: Die Inseln der Begabung, in: Intelligenz, Begabung, Kreativität, Nr. 28 von Geo-Kompakt, 09/2011; Kittelmann, Udo / Dichter, Claudia / Safarova, Barbara: George Widener. Secret Universe IV. Köln: Walther König, 2013.
https://www.youtube.com/watch?v=8xiOdRkTCeU

James Charles Castle

James Charles Castle (geb. am 25. September 1899 in Garden Valley, Idaho, USA; † 26. Oktober 1977), tauber Autist mit künstlerischer Inselbegabung.

Kindheit und Schule
James Charles Castle war der Sohn von Frances J. Castle und Mary Nora Scanlon. Er war das fünfte von sieben Kindern und wurde zwei Monate zu früh geboren. Die Mutter war Hebamme, der Vater Postbeamter.

Castle kam vollständig taub zur Welt und besuchte zunächst keine Schule, bis er mit zehn Jahren in die Gooding School für Taube und Blinde im Südosten von Idaho aufgenommen wurde, wo er von 1910 – 1915 lebte. Da an den öffentlichen Schulen der damaligen Zeit Zeichensprache nicht gelehrt wurde, lernte er diese möglicherweise von Mitschülern. Praktische Formen der Kommunikation, die er sich an der Schule angeeignet haben mag, gingen über die Jahre wieder verloren, weil diese zu Hause nicht weiter gepflegt wurden. Es ist daher nicht bekannt, inwieweit Castle lesen, schreiben oder Gebärdensprachen konnte. Dennoch: Obwohl er nichts über die künstlerische Welt außerhalb seiner kleinen Gemeinde wusste, entwickelte sich sein Werk parallel zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Außer in der Gooding School wohnte Castle an drei Orten in Idaho: in der Kleinstadt Star sowie auf Subsistenzlandwirtschaften in Garden Valley und Boise. Als seine Mutter dann in den 1930er Jahren starb, erbte seine Schwester Agnes die Farm in Boise, wo Castle fortan mit ihr, ihrem Mann und den vier Kindern in einer kleinen Dreizimmerwohnung hauste.

Zeichnungen und selbstgemachte Bücher
Castle begann schon sehr früh zu zeichnen. Dabei gestaltete er seine künstlerischen Arbeiten und selbst gemachten Bücher das ganze Leben hindurch als Inselbegabter und absoluter Autodidakt. Seine Werke wurden fast ausschließlich aus gefundenen Materialien wie weggeworfenem Packpapier, Lebensmittelpackungen, Post- und Containerabfällen hergestellt. So gehörte es zu seinem täglichen Ritual, die Mülleimer zu Hause und in der unmittelbaren Nachbarschaft nach Material und Anregungen für sein künstlerisches Schaffen zu durchstöbern. Er mischte beispielsweise Tinte aus Ruß vom Holzofen mit Spucke und trug dieses Gemisch mit selbst gebastelten Werkzeugen auf. Die Familienmitglieder gaben ihm Öl- und Wasserfarben dazu.

 James Charrles Castle

Castles Zeichnungen stellen tief empfundene Innenräume dar, Gebäude, Tiere, Menschen in ländlichen Heimgärten, Familienheime auf dem Land, architektonische Besonderheiten oder Landschaften aus der Umgebung, die er durchstreifte.

Anerkennung als Künstler
Niemand in der Familie erkannte den künstlerischen Wert von Castles Arbeiten, bis in den 1950ern sein Neffe Bob Beach von der Museum Art School in Portland, Oregon, auf Urlaub nach Hause kam und der Familie zu verstehen gab, dass man Castles Zeichnungen und selbst gemachte Bücher durchaus „Kunst“ nennen könne. Beach durfte auch einige der Zeichnungen an die Kunstschule mitnehmen, um sie den Professoren zu zeigen. Dies war der Beginn von Castles Anerkennung als Künstler. Seine Werke wurden schon bald in Museen und Galerien des Pazifischen Nordwestens gezeigt und bereicherten von den 1960ern an bis zu seinem Tod 1977 mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen. Die durch das anhaltende Interesse an seinen Werken völlig überforderte Familie verweigerte daraufhin 20 Jahre lang jeden weiteren Zugang zu seiner Sammlung.

Ausstellungen im In-und Ausland
1998 wurden Castles Werke auf der „Außenseiter“-Kunstmesse in New York der Öffentlichkeit vorgestellt. Ausstellungen in verschiedensten Museen und Galerien der USA folgten. Seine Werke wurden von bedeutenden Institutionen gesammelt. Das Philadelphia Kunstmuseum organisierte sogar eine Retrospektive seiner Arbeiten, die 2008 und 2009 als Wanderausstellung in den Vereinigten Staaten zu sehen war. Auf die internationale Bühne fanden seine Arbeiten im Rahmen einer größeren Ausstellung 2011 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid sowie 2013 auf der Biennale in Venedig.

Geheimnisvollster Künstler der USA im 20. Jahrhundert
Castle verbrachte sein Leben als Taubstummer in Idaho. Seine Hauptsprache war die Kunst. Er zeichnete und schrieb, sprach aber niemals auf direkte Weise. Dies machte den Inselbegabten in der Einsamkeit seiner Tausenden von hervorragenden Kunstwerken zum Favoriten auf dem Gebiet der autodidaktischen Künstler. Die angebliche Einsamkeit sprengte das Smithsonian American Art Museum in Washington, das 54 Werke, die vierzig Jahre seiner künstlerischen Tätigkeit abdecken, beherbergt und durch deren Computerisierung der Welt einen der geheimnisvollsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts präsentiert. So geheimnisvoll wie er selbst bleiben seine selbst gemachten Bücher, die vor rätselhaften Symbolen und Anspielungen nur so strotzen.

Lit.: Percy, Ann: James Castle: A Retroperspective. Yale University Press, 2009.
http://www.jamescastle.com

Ping Lian Yeak

Ping Lian Yeak (geb. am 18. November 1993 in Kuala Lumpur, Malaysia, wohnt seit 2006 in Sydney, Australien), Autist und Inselbegabter, Künstler.

Kindheit
Ping Lian Yeak wurde als Jüngstes von drei Kindern in Kuala Lumpur geboren, wo er mit zwei älteren Schwestern aufwuchs. Er war immer anders, doch alles, was die Eltern, Mutter Lee und Vater Ming Sen, damals wussten, war, dass er hyperaktiv ist und unter Schlafproblemen leidet. Sie versuchten daher ihr Möglichstes, um sein unstetes Verhalten zu mäßigen und seinen Schlaf zu fördern. So schalteten sie z.B. beruhigende Musik ein und ließen ihn nachts zwischen ihnen schlafen, streichelten ihn und taten ihm kund, dass sie ihn liebten.
Ping war aber nicht nur ein hyperaktives Kleinkind mit Schlafschwierigkeiten, sondern zeigte auch keinerlei Gefühl und kein Empfinden für Gefahren. Sprechen konnte er mit drei Jahren noch nicht. Er lebte in seiner eigenen Welt.

Als Ping vier Jahre alt war, wurde der Mutter mitgeteilt, dass sein Gehirn in Ordnung sei, dass er aber an einem Aufmerksamkeitsdefizit und einer hyperaktiven Störung mit autistischen Eigenschaften leide. Zudem wurde ihr gesagt, dass er einer Sprach- und Beschäftigungstherapie bedürfe. Dabei bemerkte man, dass Pings Energieausbrüche nur durch Szenen und schöne Bilder gebändigt werden konnten. Als er auch in der Schule nicht mit den anderen Schülern mithalten konnte, gab seine Mutter ihren Beruf auf, um ihn zu Hause zu unterrichten. Anfangs war seine Motorik jedoch noch so schwach, dass er nicht einmal einen Bleistift halten konnte. Auch von einem Spiel war keine Rede. Erst allmählich wurde er kräftiger und begann zu skizzieren und mit Wasserfarben einzufärben, wobei die Mutter Zug um Zug seine Hand führte. Diese Übung sollte Ping bei seiner Unfähigkeit, Kontakte zu knüpfen, auch zur Selbstbeschäftigung dienen.

Als die Familie Yeak eines Tages – Ping war damals fünf oder sechs Jahre alt – in Kuala Lumpur auf dem Markt spazierte, hörte Ping ein Kind im Kinderwagen weinen und rannte sofort zu ihm, um ihm zu helfen. Es war dies der erste Ausdruck von Empathie, auf den man Jahre gewartet hatte.
Die steten Wiederholungen im Zeichnen und Malen führten geradezu zu einem Zwang. Mit acht Jahren entfaltete sich Pings Kreativität dann so rasch, dass die Mutter drei verschiedene Künstler anstellte, um sein Talent zu fördern. Malen wurde nun zu seiner beliebtesten Ausdrucksform, wenngleich er auch Klavier spielen kann.

Pings Werke
Pings Werke beeindruckten jeden Betrachter und so wurde er rasch als autistische Inselbegabung erkannt. Dokumentensammler, Kunstgalerien und medizinische Experten aus aller Welt kamen, um die Arbeiten Pings zu sehen und seine künstlerische Begabung zu bewundern. Er selbst ließ sich davon nicht stören, sondern zeichnete und malte unbeirrt weiter. Die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit in Kohle, Acryl, Wasserfarben, Tinte und Ölfarben gemalten Bilder wurden sofort an mehreren Orten ausgestellt.

Der eigentliche Durchbruch erfolgte jedoch erst, als Ping elf Jahre alt war und plötzlich der Vater starb, ein Jahr später gefolgt vom Tod der 79-jährigen Großmutter. Ping sagte zur Mutter: „Ich vermisse Vater, ich vermisse Großmutter.“ Zum ersten Mal verstand er die Bedeutung von Liebe und Verlust und teilte dies mit. Dann setzte er sich hin und malte mit besonderem Gefühl ein wundervolles großes Huhn mit einem Küken unter den Flügeln.
Die schrittweise Begleitung bei seinen Skizzen und Zeichnungen bot auch eine Möglichkeit, seine Nachahmung zu fördern. Schließlich wurde das Zeichnen zum Auslöser für die Entdeckung seines außerordentlichen künstlerischen Talents.

Damals entschied die Mutter, mit ihrer Familie nach Australien zurückzukehren, wo sie schon früher gelebt und Sidney und Melbourne besucht hatten. Da Ping die Gebäude von Sidney so gefielen, ließ sich die Mutter 2006 mit ihren drei Kindern dort nieder, obwohl alles völlig fremd war. Sie lebten vom Verkauf ihrer Wohnung in Kuala Lumpur und von einer Gruppe von Geschäftsleuten, die die Arbeiten Pings schätzten und unterstützten. Die Mädchen gingen einer Teilzeitbeschäftigung nach, während Ping die Aspect Vern Barnett School für autistische Kinder besuchte.

Mit acht Jahren ließ Ping vom Skizzieren ab und schien ganz plötzlich vom Zeichnen besessen zu sein. Der Übergang vom Skizzieren zum Zeichnen erfolgte völlig spontan. Eines Tages hatte er gerade ein Eis gegessen, als er sofort darauf das Bild auf der Eisverpackung malte. Seither hat er nicht mehr zu zeichnen aufgehört und die Qualität seiner Zeichnungen nahm überraschend zu.

Ausstellungen
2009 entschloss sich die Mutter, Pings Ausstellungen zu organisieren. Die beiden eröffneten auf dem Wochenendmarkt von Sidney einen Verkaufsstand für seine Werke, zumeist Gemälde. Dabei lernte Ping unter Menschen zu gehen. Er ging sogar gerne dorthin, fühlte sich nützlich, weil er den Stand errichten konnte und die Aufmerksamkeit liebte. Er wurde glücklicher und ruhiger.
Inzwischen hat Ping an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen und viele Bilder verkauft. Der Höchstpreis, den er für ein Bild erzielte, betrug umgerechnet über 20.000 Euro. Ping weiß jedoch nicht, was diese Summen bedeuten, für ihn zählt nur die Freude am Malen.

Lit.: Bonesteel, Lynn: Real Reading 3: Creating an Authentic Reading Experience. White Plains, NY: Pearson Longman, 2011.
http://www.pinglian.com/


Jonathan Lerman

Jonathan Lerman (geb. 1987 in New York), Autist und Inselbegabter, Künstler.

Kindheit
Die Mutter Caren, eine Operationsschwester, beschreibt Jonathan als fröhliches Kind, das bei der Feier des ersten Geburtstags in unkontrolliertes Weinen ausbrach und sich dann in ein tiefes und langes Schweigen hüllte. Die Eltern brachten Jonathan von einem Spezialisten zum andern. Als er drei Jahre alt war, diagnostizierte ein Neuropsychiater schließlich eine tiefe autistische Entwicklungsstörung. Eine lebenslange Beeinträchtigung würde ihn von echter Kommunikation und dem Verständnis dessen, was er sieht, hört oder fühlt, abhalten. Autisten neigen nämlich sowohl zu extremer Aktivität als auch zu ungewöhnlicher Passivität. 80% liegen unter der normalen Intelligenz, wenngleich viele in Kunst, Mathematik und Gedächtnis Außerordentliches leisten.

Eigenartige Verhaltensformen
Bei dieser Nachricht fielen die Lermans, er introvertiert, sie extrovertiert, in eine tiefe Trauer und suchten nach Erklärungen. Obwohl inzwischen geschieden, sorgten beide für Jonathan. Die Mutter dachte an einen genetischen Fehler oder eine Virusinfektion im Mutterleib und beauftragte einen Sprachtherapeuten und andere Spezialisten. Um den Kleinen auch einer Verhaltensmodifikation in Binghamton, New York, zu unterziehen, übersiedelte die Mutter nach Vestal. Dabei bemerkte sie im Umgang mit Jonathan eine Reihe eigenartiger Verhaltensformen. So griff er im Zirkus nach dem Popcorn des Nachbarn und nahm sich in einem Gasthaus ein Stück von einer Geburtstagstorte. Die Mutter erklärte beschämt das Problem und man brachte für Jonathan ein eigenes Stück Kuchen. Am Badestrand machte er sich an die „Sonnenanbeter“ heran, um ihnen die Decke wegzunehmen.

Was seine Nahrung betrifft, so bestand diese eine Zeitlang aus Hamburger. Später kam Pizza dazu, doch musste diese dreieckig und mit sehr wenig Käse belegt sein. Zu Hause saß er viel vor dem Fernseher und kannte bereits mit drei Jahren die meisten Komödien, obwohl er den Eindruck erweckte, dass er sein Wissen kaum einsetzte. Allerdings fragte er bei einem Besuch im Weißen Haus, ob da Hillary wohne.

Kunst
Zu dieser Zeit hatte Jonathan zwar noch kein besonderes Interesse an Kunst, machte aber sonderbare Kritzeleien. Die Eltern führten ihn daher in Museen. Während ihn Picasso überhaupt nicht beeindruckte, berührten ihn die weißen Augen römischer Skulpturen und Bilder. Von Van Gogh war er geradezu fasziniert.

Er sprach nur wenige Worte, drückte seine Bedürfnisse meist mit Gesten aus. Wenn Freunde der Familie zu Besuch kommen wollten, suchte er sich eine Wand, vor die er sich hinlegte, um sie dann stundenlang anzustarren. Die Eltern wunderten sich, als er auf ihre Nennung seines Namens keine Antwort gab und sich bei den Haaren zog, wenn ihm etwas missfiel. Er konnte das Alphabet-Lied singen, bis 12 zählen und lernte Körperteile kennen. Eines Tages dann verschwanden diese Meilensteine seiner Entwicklung.
Inzwischen hatten Jonathans Eltern ein Kind adoptiert. Der Großvater mütterlicherseits machte sie jedoch darauf aufmerksam, dass sie Jonathan nicht vernachlässigen dürften, denn er würde sie noch überraschen.

Jonathan Lermann

Als Jonathan zehn Jahre alt war, starb sein 75-jähriger Großvater, was ihn sehr betroffen machte. Ständig fragte er, wo der Großvater sei und wann er ihn im Himmel besuchen könne.
Schließlich durchbrach er die autistische Isolation und begann zu zeichnen, meist komische und seltsame Gesichter. Auf Fragen gab er aber weiterhin keine Antwort. Als der Vater, ein Gastroenterologe, zu ihm sagte, wenn er glücklich sei, solle er das sagen, hüllte sich Jonathan in Schweigen. Er setzte sich, nahm eine feine Feder sowie ein CD-Album zur Hand und zeichnete in groben Zügen eine vollständige Karikatur des Deckbildes von „Nirwana“ mit Kurt Cobain, einem seiner beliebtesten Rockstars.

Kurz darauf – Jonathan war in ein Programm des lokalen jüdischen Gemeinschaftszentrums eingebunden – rief sein Helfer, Eryn Hartwig, an bat die Mutter, schnell zu kommen, um zu sehen, was Jonathan mache. Er zeichne, aber was für Zeichnungen! Gesichter, komisch und horrend zugleich. Die Mutter deutete dies dahin, dass der Tod ihres Vaters in Jonathan etwas ausgelöst haben könnte.

Inzwischen wurde der Direktor der KS Art (Kunstgalerie) in New York auf Jonathan aufmerksam und gab dem 12-Jährigen 1999 seine erste eigene Ausstellung. Gleichzeitig setzte Jonathan seine Schulausbildung fort. Er kann fließend lesen, fliegt dabei jedoch über die Worte hinweg, ohne den Inhalt voll zu verstehen. Zudem liebt er Rockmusik, nimmt die Gitarre zur Hand und trainiert seine Hände für das Malen und die Bildhauerei. Seine Zeichnungen enthalten Porträts, reale Menschen wie auch Phantasiegestalten. Jonathan füllt die Zeichenblätter mit strengen Linien und dramatischen Schatten, um in den Wesenszügen von Gesichtern tief empfundene Gefühle einzufangen. Mittlerweile arbeitet er auch mit Farben und baut einen Hintergrund in seine Bilder ein. Gegenstand seiner Zeichnungen sind u.a. Rockstars und sexuelle Anklänge. Er macht Ausstellungen und tritt auch im Fernsehen auf.

Lit.: Rexer, Lyle: Jonathan Lerman: Drawings of an Artist with Autism. New York: Braziller, 2002; Treffert, Darold A.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.


Tommy McHugh

Tommy McHugh (geb. 1949 in Liverpool; gest. am 19. September 2012), Bauarbeiter, Künstler, Poet und Inselbegabter.

Unfall
McHugh verließ mit 14 Jahren die Schule ohne Abschluss und arbeitete von da an als Bauarbeiter in seiner Heimatstadt. Er hatte einen sehr temperamentvollen und aggressiven Charakter. Mit 51 Jahren erlitt er Schläge auf Stirn und Hinterkopf, woraufhin er bei einer unglücklichen Bewegung im Bad plötzlich heftige Kopfschmerzen verspürte, sodass eine Einlieferung in das Spital erforderlich wurde. Dort diagnostizierten die Ärzte den Riss zweier Arterien im Gehirn. Im Zuge der Operation konnte das Aneurysma auf der rechten Seite neurologisch (Coiling) behandelt werden, nicht aber auf der linken Seite, sodass neurochirurgisch ein Gefäßclip eingesetzt werden musste. Beide Verfahren sind allgemein üblich.

Bei seiner Entlassung aus dem Spital konnte McHugh gehen und essen, wusste aber nicht, dass er essen sollte. Er litt unter schweren Depressionen und Gemütsbewegungen sowie an Agoraphobie. Es folgten Gedächtnis- und Konzentrationsschwächen und Perioden völliger Verwirrtheit, die zuweilen zu Zornausbrüchen führten, sowie Dissoziationsstörungen. Sein Kopf wurde beim Gehen von Gedanken überschwemmt, die er mitteilen wollte. So begann McHugh etwa sechs Wochen nach dem chirurgischen Eingriff wie besessen Gedichte zu schreiben. „Je mehr ich schrieb, umso mehr wollte ich schreiben, es war wie eine Droge“, erzählte er. Dies war jedoch nur ein Vorspiel zu seiner kommenden Verfassung. Die Themen seiner Gedichte handelten vor allem von seiner Persönlichkeitsspaltung und der veränderten Wahrnehmung. Gewisse Bilder und Motive wiederholten sich und seine Gedanken verliefen parallel.

Malereien, Skulpturen und Gedichte
Eines Tage sagte er: „Es ist schade, dass ich nicht zeichnen kann.“ Seine Frau zeigte sich völlig überrascht, war ihr Mann doch ein harter Bursche und schon öfters wegen Drogenmissbrauch und Gewaltdelikten im Gefängnis gesessen. Für Kunst hatte er sich nie interessiert. Dennoch reichte sie ihm einen Zeichenblock und einen Bleistift. Im Nu zeichnete er daraufhin Dutzende kleiner Köpfe und sein Drang zum Zeichnen nahm kein Ende.

In seiner Verzweiflung über diese Zustände schrieb McHugh an eine Reihe von Neurowissenschaftlern und arbeitete mit Alice Flaherty von der Harvard Medical School und Mark Lythgoe von der Universität London zusammen. Letzterer veröffentlichte darüber ein Buch.
Ein anderes Mal griff McHugh zum Pinsel und dekorierte sämtliche Wände und Decken seiner Wohnung mit bunten Gesichtern, Tieren und abstrakten Motiven. Oft arbeitete er bis zu zehn Stunden an einem Wandbild, was ihm selbst wie 10 Sekunden vorkam. Für die Essenszeiten stellte er sich einen Wecker zurecht. Der Tageszeitung The Times erzählte er: „In meinem Haus gehen sie durch mein Gehirn, dort passiert so viel, dass ich alles herauslassen muss, sonst platzt der Kopf.“

Tommy MacHug

McHughs Persönlichkeit, sein Empfinden und seine Wahrnehmung waren völlig verwandelt. In Wolken, Bäumen und Steinmauern sah er Gesichter, die sich ständig veränderten. „Habe ich ein Auge und einen Mund gemalt, hat sich mein inneres Bild schon fünfzigmal verändert und ich versuche, es trotzdem mit dem Pinsel einzufangen.“ Bald kreierte er auch Skulpturen aus Ton, Wachs und Stein. Seine Schaffenskraft bezog sich jedoch nicht nur auf die bildende Kunst, sondern er sprach auch häufig in Reimen und schrieb Gedichte.

Aufgrund dieser außergewöhnlichen Handlungen wurde McHugh zu einem begehrten Forschungsobjekt der Neurowissenschaft. Diese hatte nämlich herausgefunden, dass bei einer Schädigung der linken Hirnhälfte musikalische und künstlerische Exzesse auftreten können, bei einer Verletzung der rechten Hirnhälfte sich hingegen Schreiblust bemerkbar macht. Auf McHugh traf diese Erklärung allerdings nicht zu, denn er malte und schrieb. Außerdem sollen Menschen mit Schädigungen des Hirnlappens antriebsarm sein. McHugh aber war sehr aktiv.

Was hingegen sein unablässiges Üben betraf, so scheint dies gewirkt zu haben. Sind McHughs anfängliche Werke nämlich noch wenig beeindruckend, zeigen seine späteren Arbeiten eine exzellente Qualität, was renommierte Galerien erkannten. Seine Werke wurden bereits mehrmals in Liverpool und London ausgestellt. Schließlich stellte er sämtliche Arbeiten in England und Amerika Hilfsorganisationen zur Verfügung, die damit viel Geld machen konnten.

Nach McHughs neu gewonnener Überzeugung ist die positive Einstellung von grundsätzlicher Bedeutung: „Wenn diese zu Kunstwerken führt, beurteile diese nicht und achte nicht auf die Meinung der anderen, denn Meinungen ändern sich.“

Lit.: Nature, vol 430; 1 July 2004; Lythgoe, M. F. / Pollak, T. A. / Kalmas, M. / De Haan, M. / Chong, W.: Obsessive, Prolific Artistic Output Following Subarachnoid Hemorrhage. Neurology 64 (2005), 397 – 398.
http://www.tommymchugh.co.uk/


Keith Salmon

Keith Salmon (geb. 1959 in Essex, England), bildender Künstler (blind)

Ausbildung
Keith Salmon, in Essex geboren, übersiedelte 1960 nach Wales. Von 1979 bis 1983 studierte er, im Blick auf den Bachelor of Arts, Kunst am nunmehrigen Shrewsbury College of Arts & Technology und an der Falmouth School of Art. Ursprünglich arbeitete Salmon als Bildhauer mit den Materialien Stahl, Holz und Zement. Nach Abschluss seiner Ausbildung zog er nach Newcastle-upon-Tyne im Nordosten Englands, wo er sein erstes Studio einrichtete.
1989 kehrte Salmon nach Wales zurück und eröffnete ein neues Studio. Zu dieser Zeit nahm seine Sehkraft rapide ab, sodass er seine Werke nach nur wenigen Jahren nicht mehr ausstellen konnte. Damals fasste er den Entschluss, aus seiner noch verbliebenen Sehkraft das Beste zu machen und alle Energie in das Zeichnen und Malen zu investieren, wobei er neue Methoden entwickelte. 1998 übersiedelte er nach Irvine, Ayrshire, in Schottland, und obwohl er für blind erklärt wurde, hatte er genug Vertrauen in seine neu geschaffenen Werke, um wieder an Ausstellungen zu denken.

Keith Salmon

In dieser Zeit entwickelte sich sein Schaffen in zwei unterschiedliche Stilrichtungen: Während die Zeichnungen aus systematischem Gekritzel bestanden, zeigten die Malereien in Öl und Acryl großzügige und kräftige Pinselstriche. Die meisten seiner Bilder fußen auf Erfahrungen, die er bei seinen Wanderungen im schottischen Hochland machte. In den letzten Jahren kombinierte er Pastellzeichnung und Acrylmalerei, um nach eigener Aussage auf diese Weise ein wenig von dem einzufangen, wie er diese wundervollen wilden Plätzen erlebte.

Ausstellungen
Zur Zeit belegt Salmon eine Ausstellungsfläche in den Courtyard Studios in Irvine und präsentiert seine Werke wieder regelmäßig der Öffentlichkeit.
2009 erhielt er den Jolomo-Preis für schottische Landschaftsmalerei und wurde von der schottischen Tageszeitung The Scotsman interviewt. 2014 wurde er zu einem Künstlerwettbewerb nach Brasilien eingeladen, an dem über 100 international bekannte Künstler teilnahmen.

Lit: http://www.keithsalmon.org

James Henry Pullen

James Henry Pullen (1835 – 1916), auch bekannt als der Genius of Earlswood Asylum, britischer Inselbegabter, der wahrscheinlich unter Aphasie litt.

Ein Leben in der Anstalt
James Henry Pullen wurde 1835 in Dalston, London, geboren und lebte in Peckham, Südlondon. Er und sein Bruder William galten als taubstumm (wenngleich James möglicherweise nicht taub war) und geistig zurückgeblieben. Bis zu seinem siebten Lebensjahr hatte er nur ein einziges Wort gelernt, Mutter, das er noch dazu kaum verständlich aussprach. Schon als Kind begann James kleine Schiffe aus Brennholz zu schnitzen und dann zu zeichnen.

1850 wurde er in das damals neue Earlswood Asylum (später Royal Earlswood Hospital) in Reigate, Surrey, in Südengland aufgenommen, wo er bis zu seinem Tod am 15. Juni 1916 lebte. Zeitgenossen berichten, dass sich Pullen nicht verbal, sondern nur durch Gebärden mitteilen konnte. Er hatte die Gabe, von den Lippen zu lesen und Gesten zu verstehen, lernte aber nie über eine Silbe hinaus zu lesen und zu schreiben. Sein Bruder William, ein talentierter Maler, folgte ihm später nach Earlswood nach, starb aber bereits mit 35 Jahren.
Im Earlswood Asylum versuchte man, den Patienten eine Reihe von Fertigkeiten beizubringen, damit sie sich selbst und die Anstalt erhalten konnten.

Technische und zeichnerische Begabung
Pullen entwickelte seine Fertigkeiten weiter und wurde zu einem hervorragenden Zimmermann und Tischler. Tagsüber arbeitete er in der Werkstatt, nachts zeichnete er. Die meisten seiner Bilder zeigten die Gänge der Anstalt und wurden von ihm selbst gerahmt.

Was sein Verhalten betrifft, so war er entweder aggressiv oder mürrisch zurückkhaltend. Fremdanweisungen mochte er nicht und wollte immer seinen eigenen Weg gehen. Als er einmal davon schwärmte, eine Frau aus der Stadt heiraten zu wollen, beruhigte ihn die Belegschaft, indem sie ihm eine Admiralsuniform gab.

Während der 66 Jahre im Earlswood Asylum wurde Pullen aufgrund seiner außerordentlichen technischen und zeichnerischen Begabung zu einer nationalen Berühmtheit. Sogar der spätere König Edward VIII. und Prince of Wales interessierte sich für seine Arbeiten und schickte ihm Elfenbeinstücke, aus denen er Schnitzereien anfertigen konnte. Königin Victoria und Prinz Albert erhielten Zeichnungen von ihm.

Der Anstaltsleiter, Dr. John Langdon Down, nach dem das Down-Syndrom benannt ist, ließ Pullen großen Spielraum. So konnte er beispielsweise gemeinsam mit der Belegschaft seine Mahlzeiten einnehmen.

Pullens Meisterstück ist eine 3 m lange Nachbildung der SS Great Eastern, des bis 1858 größten je gebauten Dampfschiffes. Pullen begann mit der Konstruktion im Jahre 1870 und arbeitete sieben Jahre daran, wobei er alle Details akribisch ausarbeitete: 5.585 Nieten, 13 Rettungsbote und die Innenausstattung en miniature. Das Modell wurde im Crystal Palace ausgestellt.
Nach Pullens Tod 1916 wurde seine Werkstatt zum Museum für seine Werke, bis das Royal Earlswood Hospital 1997 geschlossen wurde. Sein Modell der SS Great Eastern kann zusammen mit weiteren Entwürfen und Kunstwerken als Teil der James Henry Pullen-Sammlung im Museum im Langdon Down Center, Normansfield, 2A Langdon Park, Teddington, bestaunt werden.

Lit.: Sano, F.: James Henry Pullen, the Genius od Earlswood. Journal of Mental Science, N. 266. Vl. LXIV, 1918.

 

VI. MUSIKALISCHE INSELBEGABUNGEN

Die folgenden Ausführungen befassen sich mit außergewöhnlichen musikalischen Sonderbegabungen.

Leslie Lemke

Leslie Lemke (geb. am 31. Januar 1952 in Milwaukee, Wisconsin, USA), blinder inselbegabter Musiker und Komponist.

Lesli Lemke erblickte als Frühchen die Welt und litt von Beginn an an zerebraler Lähmung und grünem Star, worauf ihm die Augen entfernt wurden. Im Anblick seines gesundheitlichen Zustandes gab ihn die leibliche Mutter gleich bei der Geburt zur Adoption frei. Die Bezirksverwaltung fragte daraufhin die 52-jährige Krankenschwester May Lemke, die sie kannte und ihr volles Vertrauen genoss, da sie selbst fünf Kinder hatte, ob sie den Kleinen aufnehmen könnte. Sie stimmte zu und nahm das Kind zu sich in das einfache Haus am Pewaukee Lake, wo sie mit ihrem Mann wohnte. May liebte den gebrechlichen Jungen, brachte ihm das Essen bei und forcierte die Lautentwicklung, sodass er sich mitteilen konnte. Dann lehrte sie ihn zu stehen, was er mit 12 Jahren schaffte. Richtig laufen konnte er erst mit 15 Jahren.

Hingegen war Leslie von klein auf von Musik und Rhythmus fasziniert und hatte ein hervorragendes Gedächtnis. Beim Spielen einfacher Töne am Klavier legte May Lemke die Hand auf ihn und sang dabei. Er wiederholte Worte, Gesänge, ja, ganze Gespräche, die er bei Besuchen mitbekam, und sang oft die Lieder, die May sang oder die er im Radio hörte.
Als Leslie etwa 14 Jahre alt war, vernahm May eines Nachts Musik und dachte, das Fernsehgerät sei nicht ausgeschaltet worden. Zu ihrer Überraschung musste sie jedoch feststellen, dass Leslie einwandfrei Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 spielte, das er am Abend zuvor im Fernsehen gehört hatte. Dabei hatte er bis dahin nie Klavierunterricht bekommen. Daraufhin vermittelte May dem Jungen zur Förderung seiner außerordentlichen musikalischen Begabung Auftritte bei öffentlichen Konzerten, in Kirchen und Schulen. So gab Leslie beispielsweise 1980 ein Konzert in Fond du Lac in Wisconsin. Die Zuhörer waren mehr als erstaunt über das, was sie hörten und sahen: einen blinden jungen Mann, geistig behindert, mit Kinderlähmung geschlagen, einen Mann, der niemals Musikunterricht erhalten hatte und anscheinend in der Lage war, ein unbegrenztes Repertoire an Musikstücken auf dem Klavier zu spielen, die er irgendwann einmal gehört hatte.

Ein lokaler Fernsehsender legte dem Mediziner und Experten für Inselbegabungen Dr. Darold Treffert im Auftrag der lokalen Gesundheitsbehörde Aufnahmen von Leslies Klavierdarbietungen zur Begutachtung vor. Treffert bezeichnete – im Blick auf die Lebensgeschichte und die gegebene Situation von Leslie Lemke – dessen Fähigkeiten als Savant-Syndrom, als Inselbegabung bei einer ansonsten geistig sehr beinträchtigten Person.
Neben seiner Fähigkeit, etwa 1000 Musikstücke aus dem Gedächtnis nachzuspielen, verfasste Leslie dann auch selbst Kompositionen und gab Konzerte in den USA. 1984 wurde er nach Norwegen und Japan eingeladen. Im gleichen Jahr verschlechterte sich der Gesundheitszustand von May Lemke, die bereits seit 1980 an Alzheimer litt. Daher übernahm ihre Tochter Mary die Obsorge von Leslie. Nach dem Tod ihres Ehemannes Joe 1987 übersiedelte auch May zu ihrer Tochter, um bei Leslie zu sein. Sie starb am 6. November 1993.

Leslie blieb weiterhin bei Mays Tochter, Mary Parker, in Arpin, Wisconsin. Man befürchtete, dass Leslie nach Mays Tod mit seiner Musik aufhören würde, doch dem war nicht so. Die Musik ist sein Leben, mit der er sich ausdrückt, er kann aber auch lächeln und sprechen. Zudem spielt er nicht nur Gehörtes nach, sondern improvisiert auch, ja, komponiert neue Lieder mit eigenen Worten und nach seinen Gefühlen und gibt weiterhin Konzerte. Am 15. April 2011 gab er ein Konzert an der Marian University in Fond du Lac, wo er, wie erwähnt, bereits 1980 gespielt hatte und durch einen Auftritt mit Walter Cronkite in den Abendnachrichten von CBS landesweit bekannt wurde. Zahlreiche Fernsehauftritte folgten, darunter That’s Incredible, 60 Minutes. Donahue, Oprah. Dustin Hoffmann z.B. war von Leslies Auftritt in 60 Minutes so beeindruckt, dass er die Rolle des Savant im Film Rain Man annahm.

Mit dem Konzert „And sings my soul“ konnten die finanziellen Mittel aufgebracht werden, um das Haus, in dem Leslie mit May Lemkes Tochter, Mary, lebt, einem dringend nötigen Umbau zu unterziehen. May und Mary Lemke haben das Sondertalent Leslies all die Jahre hindurch als ein Geschenk Gottes betrachtet, ohne ihn je auszunutzen, und ihn dahingehend auch durch die Veranstaltung von Gratiskonzerten unterstützt.
Einem Blog des Scientific American vom 26. Juni 2014 zufolge ist Leslie Lemke nach wie vor wohlauf und singt und spielt weiterhin fabelhaft.

Lit.: Treffert, Darold A.: Extraordinary people: understanding savant syndrome Lincoln: iUniverse.com, 2000; ders.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=ZWtZA-ZmOAM
https://vimeo.com/58396705

Tony DeBlois

Tony DeBlois (geb. am 22. Januar 1974 in Randolph, Massachusetts, USA), blinder Musiker mit autistischer Inselbegabung.

DeBlois wog als Frühgeburt kaum ein Kilogramm und musste als Frühchen in den Brutkasten gegeben werden, wo er mit viel Sauerstoff versorgt wurde, was im Alter von wenigen Tagen zur Blindheit führte und von den Ärzten nicht bemerkt wurde.
Als Zweijähriger begann Tony zur Überraschung aller Klavier zu spielen. Die Mutter schickte ihn zunächst auf die Perkins School für Blinde. 1989 erhielt er ein Sommerstipendium für das Berklee College of Music in Boston, Massachusetts. Der Lehrkörper war von Tony jedoch so beeindruckt, dass er als Vollzeitstudent aufgenommen wurde. 1996 beendete er das Studium mit magna cum laude. Es war dies eine bemerkenswerte Leistung für einen blinden Autisten, der bis zum 17. Lebensjahr gesprächsunfähig war und aufgrund seiner Blindheit auch heute weder schreiben noch lesen kann.

Tony entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen Jazzmusiker mit eindrucksvoller Improvisationsgabe und lebendigem Ausdruck.

Tony DeBlois

1991 wurde er mit seiner Mutter in der Today Show, in CBS Sunday Morning und in verschiedenen anderen Fernsehsendungen vorgestellt. Zudem befasste sich die Presse ausführlich mit ihm. Tony spielt 22 Musikinstrumente, ist in der Lage 8.000 Lieder aus dem Gedächtnis zu spielen und in 11 Sprachen zu singen. Dabei reicht seine Musik von Country bis Klassik.

Am 2. März 1997 strahlte CBS den Film Journey to the Heart über Tony DeBlois und seine stolze Mutter Janice aus. So wurde er auch international bekannt. Es folgten Konzerte in Singapur, Taiwan und Irland. Dokumentationen über ihn wurden in Rom, London, Japan und Australien gesendet. Zudem fand er Eingang in psychologische Textbücher. Trotz seiner internationalen Bekanntheit litten sein Lerneifer und seine Heimatverbundenheit keinerlei Schaden. So sagt seine Mutter: „Wenn er nicht auf Tournee ist, singt er im Kirchenchor von St. Mary’s, spielt mit seiner Band „Goodnuf“, mit der er auch weltweit Konzerte gibt, und unterhält sich mit seinen Freunden. Neben dem Klavier spielt er auch gerne Orgel, Saxophon, Harmonika, Gitarre, Trompete und eine Reihe anderer Musikinstrumente. Zur körperlichen Ertüchtigung schwimmt, wandert und tanzt er vor allem.“

Lit.: DeBlois, Janice / Felix, Antonia: Some kind of genius. The extraordinary journey of musical savant Tony DeBlois. Emma, Pa.: Rodale Press, 2005.
https://www.youtube.com/watch?v=2y0zAd5dI44
https://www.youtube.com/watch?v=2ALiQB5pZZ8


Brittany Maier

Brittany Maier (geb. am 9. April 1989 in Maryland, USA), blinde Musikerin mit autistischer Inselbegabung.

Brittany Maier kam infolge einer Lebererkrankung der Mutter bereits im fünften Schwangerschaftsmonat zur Welt. Sie wog weniger als ein Kilo. Man gab ihr nur 5% Lebenschance. Da die 15-jährige Mutter aufgrund ihrer Krankheit sechs Monate im Krankenhaus verbringen musste, blieb auch die kleine Brittany dort – zunächst im Brutkasten, wo sie mit Sauerstoff am Leben gehalten wurde, der allerdings seinen Preis forderte: Brittany erblindete. Die Ärzte hofften zwar, die Blindheit operativ beheben zu können, doch war der Eingriff erfolglos, womit auch jede Hoffnung schwand, dass Brittany jemals ihr Augenlicht zurückerhalten würde. Ihr Vater, Chuck Maier, der in dieser schweren Zeit öfters und länger in die Kirche ging, um zu beten, wurde von diesen Nachrichten schwer getroffen. Als die Eltern dann noch zur Kenntnis nehmen mussten, dass ihre Tochter auch geistig behindert und autistisch veranlagt war, was zudem ihre soziale Entwicklung stark beeinträchtigen würde, war ihre Lebensfreude schwer getrübt.

Bei all den negativen Aspekten fiel jedoch auf, dass Brittany, wenn sie schrie, am ehesten durch Musik beruhigt werden konnte. Hörte sie Musik aus dem Lautsprecher, wollte sie ganz in seine Nähe kommen, um ihn zu berühren.

Ihr Musikinteresse musste jedoch zunächst wichtigeren Anstrengungen weichen, wie gehen und sprechen lernen. Im fünften Lebensjahr geschah dann etwas Besonderes. Das Mädchen, das kein Wort sprach, begann zu singen. Da Brittany die Worte, die an sie gerichtet wurden, nicht verstand, versuchte sie, deren Klang zu imitieren, wie etwa das Vibrato von Barbra Streisand.
Als die Eltern begriffen, dass Musik für ihre Tochter ein Weg zur Kommunikation sein könnte, kauften sie ihr ein Kinder-Keyboard. Nach einigem Probieren spielte sie zunächst Kinderlieder und dann gleich das Ave Maria von Schubert, das Phantom der Oper und mehr, ohne je Klavierunterricht erhalten zu haben. In wenigen Monaten lernte sie von selbst hunderte Lieder, indem sie diese einfach einmal anhörte.

Mit Erreichen des Schulalters schickten die Eltern Brittany in die öffentliche Schule von Columbia in North Carolina, wo man mit ihr jedoch nichts anfangen konnte. So wurde sie in die Blinden- und Gehörlosen-Schule nach South Carolina gebracht. Dort bemerkten die Eltern, dass ihre Tochter Schwierigkeiten hatte, die Umgebung geistig zu erfassen. Sie wurde an die öffentliche Schule zurückgeschickt, wo man nach eingehenden Tests feststellte, dass die sechsjährige Brittany autistisch war.

Die Mutter erinnerte sich nun, dass sich ihre Tochter schon vom ersten Geburtstag an für Musik interessierte. Mit zwei Jahren liebte sie eine Reihe von Kindermusikaufzeichnungen. Mit sechs Jahren spielte sie Musik von Tonbandaufzeichnungen auf ihrem Kinderklavier. Im Laufe der Zeit lernte sie auch etwas sprechen, doch blieb ihre Sprache der Wahl die Musik.
Als Brittany neun Jahre alt war, hörten die Eltern das erste Mal von autistischen Inselbegabungen und konnten nun ihre Tochter besser verstehen. Diese begann nach einem formellen Musikunterricht an der Musikschule der Universität von South Carolina mit zehn Jahren ihre eigenen Lieder zu komponieren und veröffentlichte mit 12 Jahren ihre erste CD.

2005 übersiedelte die Familie nach New York, wo sie über die Medien eine größere Hörerschaft erreichte. Brittanys Biografie wurde von Dateline NBC verfilmt und erreichte 16 Millionen Seher. Weitere Sendungen und Einladungen folgten, so von Gouverneur George Pataki und von Montel Williams, in dessen Show ihr selbst komponiertes Lied Tears For My Country zum Gedenken an den 11. September 2001 gespielt wurde. Einige Wochen später sang sie vor 55.000 Zuhörern im Shea Stadium in New York City. 2006 gab sie mit 17 Jahren ihre zweite CD heraus. 2007 erreichte sie bereits eine weltweite Hörerschaft.

Der Musikexperte Dr. Scott Price und der Experte für Inselbegabungen Dr. Darold Treffert haben sich eingehend mit ihrem Talent befasst und Brittany als außergewöhnliche Sonderbegabung bezeichnet. Sie ist nicht nur eine bewundernswerte Musikerin, sondern auch eine Seele von Mensch. So geht sie in Schulen, Studentenheime, zu Tagungen von Erwachsenen und setzt sich landesweit für karitative Belange von Autisten und anderen Behinderten ein. Wie weit ihre Fähigkeiten reichen und wie lange diese andauern, wird die Zukunft zeigen.
Ob Tschaikowsky, Mozart, Bach oder Eigenkompositionen, Brittany beherrscht inzwischen mehr als 15.000 Musikstücke. Wenn die 25-Jährige am Klavier sitzt, sind selbst Musikprofessoren hingerissen. Sie spielt mit ganzer Seele und mit nur sechs Fingern, die anderen kann sie nicht bewegen.

Wie Brittany all das bewerkstelligt, ist trotz eingehender Untersuchungen noch nicht geklärt. Sie ist jedenfalls ein Ausnahmetalent, auch unter den Inselbegabungen, und das auch noch aus einem weiteren Grund: sie ist eine Frau. Die meisten Inselbegabten sind nämlich männlich.

Lit.: Treffert, Darold A.: Extraordinary people: understanding savant syndrome. Lincoln: iUniverse.com, 2000; ders.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=jy9iCmshFOQ
https://www.youtube.com/watch?v=ikqP6-mIBHk

Derek Paravicini

Derek Paravicini (geb. am 26. Juli 1979 in London), blinder und leicht autistischer Inselbegabter.

Paravicini wurde in der 25. Schwangerschaftswoche geboren. Seine Zwillingsschwester starb bei der Geburt. Derek blieb drei Monate in der Klinik. Er musste in den Brutkasten gelegt werden, wo er durch die Gabe von Sauerstoff erblindete. Dies wirkte sich auch auf die Hirnentwicklung aus. Seine Lernfähigkeit war beeinträchtigt, sodass er auch als junger Erwachsener auf dem geistigen Entwicklungsstand eines Kleinkindes blieb. Zudem hat er autistische Züge, verfügt aber über ein absolutes Gehör und kann nach einmaligem Hören von Musikstücken diese spielen. Bereits mit zwei Jahren begann er Klavier zu spielen, als ihm seine Oma ein altes Keyboard gab.

Ausbildung
Die Eltern ermöglichten Derek den Besuch der Linden Lodge School für Blinde in London. Bei der ersten Vorstellung in der Schule riss er sich im Musikraum von den Eltern los, ging direkt auf das Klavier zu, schob den Pianisten Adam Ockelford beiseite und berührte, gleichsam spielend mit seinen Fingern, dessen Hände, Ellbogen und Nase. Ockelford erkannte Dereks offensichtliches Musiktalent und organisierte zunächst einen wöchentlichen, dann einen täglichen Musikunterricht. Im Verlauf dieses Unterrichts trat klar zutage, dass es sich bei Paravicini um einen musikalischen Inselbegabten mit absolutem Gehör handelte.

Konzerte
Mit sieben Jahren gab Paravicini im Tooting Leisure Centre im Süden Londons sein erstes Konzert. 1989, mit neun Jahren, hatte er zusammen mit dem Royal Philharmonic Pops Orchestra sein erstes größeres öffentliches Konzert in der Barbican Hall in London.

Derek Paravicini

Im gleichen Jahr trat er in der Talkshow Wogan auf und war die Hauptfigur in der Dokumentation Musical Savants. Später wurde Paravicini von Lady Diana für seine Auftritte mit sieben und neun Jahren mit einem Barnardo’s Children’s Champion Award ausgezeichnet. Weitere Auftritte folgten, darunter in Ronnie Scott’s Jazz Club. Sein erstes Album Echoes of the Sounds to Be erschien am 27. September 2006. 2007 veröffentliche Adam Ockelford Dereks Biografie.
Paravicini hatte nun weitere Auftritte in Rundfunk, Fernsehen und bei verschiedenen Konzerten. 2010 wurden seine Eltern mit der Vormundschaft betraut.

Tests
Paravicini wurde zudem einer Reihe von Tests unterzogen, vor allem auch was seine Wiedergabe einmal gehörter Musikstücke betraf. Dabei erreichte er eine Trefferquote von 95%.
Wie viele andere Inselbegabte ist auch Paravicini ruhig, entspannt, mit einem freundlichen und zufriedenen Aussehen. Heute lebt er in einer Wohngemeinschaft für Blinde in London und ist ein gefeierter Musiker, wie auf seiner Homepage zu erfahren ist.

Lit.: Ockelford, Adam: In the key of genius: the extraordinary life of Derek Paravicini. London: Hutchinson, 2007.
http://www.sonustech.com/paravicini/


Matthew (“Matt”) Savage

Matt Savage (geb. am 12. Mai 1992 in Sudbury, Massachusetts, USA), autistischer und inselbegabter Musiker.

Kindheit
Matt wuchs bei seinen Eltern Diane und Lawrence „Larry“ Savage in Sudbury auf. Seine Entwicklung verlief zunächst sehr hoffnungsvoll und dennoch eigenartig. Er fing früh an zu gehen und begann schon mit 18 Monaten zu lesen, unterschied sich jedoch von Geburt an von anderen Kindern. Matt war sehr unruhig, schlief nie und war äußerst pingelig. Sein Spielzeug stellte er der Reihe nach auf und wiederholte alles, folgte Zwangsritualen, ging auf den Zehenspitzen mit schräg gehaltenem Kopf und gestikulierenden Armen. Er spielte nicht mit anderen Kindern und mied jede Begegnung und jede Musik. Ausflüge endeten regelmäßig mit einem Wutanfall.

Was über alles hinwegtäuschte, so die Mutter, war die Tatsache, dass Matt einen großen Wortschatz besaß (er war ein Nachsprecher) und alles las, was ihm in die Augen fiel. Er litt an Hyperlexie, jener von N. und M. Silberberg 1967 bei Kindern unter dem 5. Lebensjahr beschriebenen Fähigkeit, ohne vorhergehendes Üben Worte zu lesen, sie aber gleichzeitig nicht zu verstehen, was als Anzeichen für Autismus gewertet wird.

Die betroffenen Kinder beginnen, wie gesagt, weit vor der normalen Entwicklung zu lesen und sind stark von Buchstaben und Zahlen fasziniert. Es fehlt ihnen aber das „inhaltliche“ Sprachgefühl. Sie erkennen nicht die Bedeutung der von ihnen gesprochenen Worte und haben daher Schwierigkeiten im normalen sozialen Umgang mit anderen Menschen. So widersetzte sich Matt jeder Fühlungnahme und Berührung auf das Heftigste. Selbst die Mutter durfte ihn bis zum 4. Lebensjahr nicht anfassen. Sein Schutz waren die Hyperlexie und die extrem hohe Intelligenz. 90% seiner Tätigkeit verbrachte er mit dem Lesen von Buchstaben und Zahlen.

Therapie
Im Alter von drei Jahren diagnostizierte man bei Matt einen hohen Grad von Autismus. Die Eltern bemühten sich Jahre hindurch, ihn nach den Anweisungen einer Antiautismus-Therapie zu behandeln, und dies nicht ohne Erfolg. Je besser Matt sein Empfinden mitteilen konnte, umso mehr nahm seine Frustration ab. Unter Ausnutzung seiner Hyperlexie für Worte und Zahlen lehrten ihn die Eltern durch stetes Wiederholen und Insistenz Inhalte, die er an und für sich nicht lernen wollte. Auch das sollte nicht ohne Erfolg bleiben.

Mit sechseinhalb Jahren wurde Matt einer Therapie zur Integration des Gehörs unterzogen, die sein Klangempfinden drastisch reduzierte. Mit dem neuen Empfinden und der sozialen Wahrnehmung stürzte er sich in alle Formen von Musik, die er früher nicht ausstehen konnte. Hier zeigt sich, dass eine Übersensibilität, die keinen Ausgleich durch einen Umweltbezug hat, zur Unerträglichkeit wird, weil sie den Binnenraum zu einem geschlossenen unerträglichen Resonanzfeld macht, wo sich die Töne überlappen und für den Betroffenen die Flucht zum einzigen Ausweg wird.

Musiktalent
Matts musikalische Fähigkeiten entfalteten sich im Eiltempo. Er brachte sich selbst das Lesen der Noten bei und lernte über Nacht Klavier zu spielen. Zunächst beschäftigte er sich ein knappes Jahr lang mit klassischer Musik, bevor er den Jazz entdeckte, auf den er dann sein Hauptaugenmerk legte. In den folgenden drei Jahren studierte er zunächst sowohl klassische als auch Jazz-Musik, da er sich zwischen den beiden nicht entscheiden wollte. Elissa Putukian gab ihm Klavierstunden in klassischer Musik. Der Jazz-Unterricht erfolgte im Herbst 1999 am New England Musikkonservatorium in Boston, Massachusetts, mit dem israelischen Jazz-Pianisten Eyran Katsenelenbogen. Die allgemeine Schulbildung erhielt er gemeinsam mit seiner Schwester Rebecca zu Hause. Seine Hyperlexie und sein absolutes Gehör, verbunden mit einer extrem hohen Intelligenz blieben nicht verborgen. Aufgrund seiner Begabungen konnte er auch einen regionalen Geographie-Wettbewerb, den statewide geography bee, gewinnen.

Matthew Savage

Anfang 2002 übersiedelte Matts Familie von Boston nach New Hampshire und Matt verlor so den Kontakt zu seinen beiden Lehrern. Die nächsten eineinhalb Jahre lernte er daher als Autodidakt. Er studierte Bücher mit klassischer Musik und übte stundenlanges Spielen nach Jazz-CDs. Trotz seiner Jugend und ohne formalen Unterricht im musikalischen Aufbau gelang es ihm, mit dem Matt Savage Trio und auch als Solist mehrere Alben zu veröffentlichen.

Auszeichnungen und Auftritte
Im Alter von 14 Jahren trat Matt auch mit der Soul- und Pop-Sängerin Chaka Khan und anderen bekannten Sängern auf. Er ist zudem das einzige Kind, das neben sonstigen Auszeichnungen auch vom Klavierhersteller Bösendorfer in seiner 175-jährigen Geschichte eine Auszeichnung bekam. Auf internationaler Ebene spielte Matt vor Staatsoberhäuptern und trat in Fernsehsendungen und Radioprogrammen auf.

Ebenfalls mit 14 Jahren wurde er in einem CNN-Report über das menschliche Gehirn als herausragender Inselbegabter mit anderen Inselbegabten verglichen. Zudem erschien er in mehreren Dokumentationen über Savants.

2003 wurde Matt Savage schließlich vom Jazz-Guru Charlie Banacos als Privatstudent angenommen. Matt lernte mit ihm bis 2009, als er nach Tony DeBlois als zweiter Inselbegabter in das Berklee College of Music in Boston aufgenommen wurde und dort das Studium mit dem Diplom in Musik abschloss. Bis dahin hatte er bereits mehr als 70 Musikstücke komponiert und aufgenommen.

Seine erste Filmmusik schrieb Matt für den Film Sound of Redemption: The Frank Morgan Story, der 2014 beim Los Angeles Filmfestival Premiere hatte.
Matt ist als Musiker bereits sehr gefragt und hatte im Laufe der Jahre Auftritte mit den namhaftesten Jazz-Musikern.

Weitere Informationen finden sich auf seiner Webseite unter:
http://www.savagerecords.com/

Alexander Vinter

Alexander Vinter (geb. am 16. April 1987 in Oslo, Norwegen), Asperger-Savant und Musiker.

Alexander Vinter wuchs in Oslo auf. Im Alter von vier Jahren begann er auf einer elektrischen Orgel von Yamaha zu spielen. Wegen Geldmangels seiner Familie benutzte er das defekte Casio-Keyboard seiner Schwester, dem er nur drei Töne entlocken konnte. Hier entdeckte er die sogenannte Trance-Musik, eine elektronische Musik, bei der sphärische, sanfte, lang gezogene und warme Klängen dominieren. Der Grundrhythmus steht im Vier-Viertel-Takt. In der Regel wird jedes Viertel durch eine große Trommel betont.

Vinter experimentierte auf einem Computer mit dem Programm eJay, um Drum and Bass-Musik zu produzieren, einen Underground-Musikstil, bis er die Fast Tracker, einen Freeware-Rastersequenzer, entdeckte. Dabei handelt es sich um ein Programm für die Aufnahme, Wiedergabe und Bearbeitung von Daten zur Erstellung von Musik. Kern eines solchen Sequenzers ist die Speicherung und Übermittlung einer Partitur in maschinenlesbarer Form an einen Tonerzeuger, wobei Tonhöhe, Tondauer und ggf. weitere Aspekte der wiederzugebenden Noten einer oder mehrerer Stimmen in ihrer zeitlichen Reihenfolge an ein Gerät weitergegeben werden, das entsprechende Töne erzeugt. Beide Funktionen können auch in einem Gerät vereint sein. In der Regel ermöglicht ein solcher Sequenzer, über geeignete Verfahren Noten einzugeben, z.B. über das Einspielen auf einem Masterkeyboard oder das Eingeben von Noten am Computer.

Alexander Vinter

Ausgerüstet mit diesen Techniken trat Vinter in der norwegischen Black Metal-Band No Funeral als Keyboarder auf. Schon bald entschloss er sich aber, auf seinem Computer eigene Metal-Musik zu produzieren, und fuhr fort mit House (elektronische Tanzmusik), Trance und Metal zu experimentieren. Dabei produzierte er seine Werke mit Vorliebe unter Autorennamen (Pseudonymen) wie „Savant“, „Vinter in Hollywood“, „Vinter in Vegas“ usw.
2009 veröffentlichte er sein Debüt-Album Outbreak unter dem Namen „Vinter in Hollywood“ und wurde damit innerhalb der elektronischen Musik-Kategorie für den norwegischen Spellemannprisen nominiert. 2011 unterzeichnete er mit SectionZ Record einen Vertrag und veröffentliche sein erstes Album Mamachine unter dem Namen „Vinter in Vegas“ sowie Ninür unter dem Pseudonym „Savant“.

2013 unternahm er eine erfolgreiche Reise nach Nordamerika und veröffentlichte das Album Cult. Am 13. Dezember 2014 erschien ZION, sein elftes Album als „Savant“. Im Januar 1915 begann Vinter auf seiner SoundCloud- Seite mit der Veröffentlichung seines zwölftes Albums mit dem Titel Invasion.
Alexander Vinter gilt als Inselbegabung mit Asperger-Syndrom und ADD (attention deficit disorder, Aufmerksamkeitsstörung). Es handelt sich dabei um eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit und Impulsivität sowie durch ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität) äußert.

Weitere Informationen finden sich unter:
http://www.savantofficial.com/

Tom Wiggins

Tom Wiggins (geb. am 25. Mai 1849 in Harris County, Georgia, USA; gest. am 13. Juni 1908 in Hoboken, New Jersey), blinder Pianist und Komponist mit Inselbegabung.

Leben
Tom Wiggins wurde 1849 auf der „Wiley Edward Jones Plantage“ in Columbus, Georgia, als Sohn der Sklaven Charity und Domingo Wiggins geboren. Er war von Geburt an blind, Autist und Inselbegabter für Musik, der internationalen Ruhm erlangte. Da sein Gutsherr, Wiley Jones, für einen wortlosen „Zwergochsen“ nicht aufkommen wollte und ihm den Tod wünschte, hätte er ohne die Sorge seiner Mutter Charity nicht überlebt.

Als Tom neun Monate alt war, setze sein Herr ihn, seine beiden Geschwister und die Eltern einzeln zur Versteigerung aus. Sein Leben war wieder in Gefahr. Da kontaktierte die Mutter den Nachbarn, Colonel James N. Bethune, einen Rechtsanwalt und Herausgeber bei der Columbus Times, und bat ihn, die Familie vor der Versteigerung zu bewahren. Bethune verneinte zunächst, kam aber am Auktionstag vorbei und „kaufte“ die Familie. So kam Tom 1850 gemeinsam mit Eltern und Geschwistern zu Colonel Bethune. Tom Wiggins ist daher auch als Tom Bethune (Thomas Greene Bethune) bekannt.

Einige Monate nach Ankunft auf Bethunes Farm zeigte Tom ein sonderbares Verhalten. Er wiederholte die Töne um sich herum. Der Mutter wurde erlaubt, ihn zur Arbeit im Haus der Familie Bethune mitzunehmen. In dieser Familie mit sieben musikalisch talentierten Kindern wurde gesungen und Klavier gespielt. Als Tom eines Tages an die Tastatur des Klaviers gelangte, versetzte er die Familie in Staunen, da er mit seinen kleinen Fingern aus dem Gedächtnis genau nachspielte, was er gehört hatte – dies, nachdem der Colonel der Mutter mitgeteilt hatte, dass ihr Sohn die Intelligenz eines Hundes besitze und auch dahingehend zu unterrichten sei, nämlich mit „sitz!“, „steh!“ usw. Beim Hören von Musik aber geriet Tom völlig in Ekstase und sooft die Bethunes Tom auch aus dem Musikzimmer entfernten, sooft kehrte er wieder dorthin zurück.

Ausbildung
Mit sechs Jahren begann Tom bereits am Klavier zu improvisieren und eigene Stücke zu komponieren. Man brachte ihn zu Aufführungen in der Nachbarschaft der Bethunes. Ein lokaler Musiker ließ Bethune bei dieser Gelegenheit wissen, dass Tom unglaublich musikalisch begabt sei. Daraufhin besorgte Bethune Tom verschiedene Musiklehrer. Einer von ihnen sagte später, dass Tom in wenigen Stunden lernte, wozu andere Jahre brauchten.

Im Alter von acht Jahren gab er am 7. Oktober 1857 in der Temperance Hall in Columbus das erste öffentliche Konzert vor einem großen Publikum, das es kaum fassen konnte, dass ein „versklavter Idiot“, noch dazu blind, derart Klavier spielen könne. Auch die Presse berichtete durchwegs positiv.

Konzertreisen unter Perry Oliver
Kurz nach dem Tod von Colonel Bethunes Frau im Mai 1858 wurde Tom als Sklave an den Tabakplantagenbesitzer und Konzertveranstalter Perry Oliver ausgeliehen. Dabei wurde in dem Drei-Jahres-Vertrag eine Summe von 15.000 US-Dollar für das Recht vereinbart, Tom auch außerhalb Georgias einzusetzen. Tom spielte für Oliver einige Konzerte in Savannah. Beim Konzert am 27. Juni 1860 in Baltimore war auch der Klavierbauer William Knabe zugegen. Dieser war von Toms Können so beeindruckt, dass er ihm ein großes Klavier aus Rosenholz schenkte. Im gleichen Jahr wurden zwei Kompositionen des 11-jährigen Tom veröffentlicht: Oliver Galop und Virginia Polka. 1861 spielte er in Washington D.C. für die ersten japanischen Diplomaten in den USA. Zu Beginn des Sezessionskrieges brachte Perry Oliver den 12-Jährigen wieder zurück nach Georgia, um ihn für Konzerte im Süden einzusetzen. Tom komponierte nun sein Hauptwerk, Battle of Manassas.

Im Dienst der Familie Bethane
Nach Vertragsende im Oktober 1862 brachte Oliver Tom wieder zu Colonel Bethune zurück. Als dieser am Ende des Sezessionskrieges erkannte, dass die Südstaaten den Krieg verlieren würden, schloss er mit Toms Eltern einen Vertrag. Nach diesem Vertrag sollte Tom Wiggins von Bethune gemanagt werden, freie Kost und Unterkunft sowie eine musikalische Ausbildung und einen Monatslohn von 20 US-Dollar erhalten. Toms Eltern wurden laut Vertrag jährlich 500 US-Dollar und ebenfalls freie Kost und Logis zugesprochen. Bethune sollte in den Genuss von 90% des übrig bleibenden Gewinns von Toms Aufführungen erhalten – geschätzte 18.000 Dollar jährlich.

Mit Kriegsende war Tom, der nie erfuhr, dass er ein Negersklave war, ein freier Mann und reiste fortan unter dem Management von Bethune durch Amerika, ja sogar bis Europa. Seine Konzerte waren eine Mischung aus höchst virtuosen Stücken und Volksweisen. Er konnte auch gleichzeitig ein Stück mit der linken, ein anderes mit der rechten Hand spielen und ein drittes dazu singen. Dann wiederholte er das Gespielte mit dem Rücken zum Klavier und umgedrehten Händen. Amerika hatte so etwas noch nie gesehen.

Bei jedem Konzert ersuchten ihn Teilnehmer ein Stück nachzuspielen, das sie ihm vorspielten. Tom war nicht zu schlagen. Dennoch waren seine Auftritte von abgrundtiefem Rassismus überschattet, der damals in Amerika herrschte. Zeitungen nannten ihn einen Idioten und verglichen ihn mit einem Tier. Seine Fähigkeiten bewiesen jedoch das Gegenteil. Fragte man ihn, von woher er die Eingebungen bekomme, sagte er, „von Gott“. Zudem glaubte man, Tom lebe fröhlich und unbeschwert dahin, doch die Wirklichkeit war anders. Auf Reisen sperrte ihn der Manager in einem Hotelzimmer ein. Nach Jahren der gesellschaftlichen und physischen Isolation wurde Tom mürrisch und misstrauisch den Menschen gegenüber, die ihn nur zu oft samt Presse aus rassistischen Motiven verhöhnten.

1866 hielt sich Tom vier Wochen in New York City auf, wo er in der Irving Hall Konzerte gab. Anschließend wurde er auf eine Europa-Tournee geschickt, wo er unter anderem vor dem böhmisch-österreichischen Komponisten, Pianisten und Musikpädagogen Ignaz Moscheles und dem Pianisten und Dirigenten Charles Halle spielte, die ihm begeisterte Empfehlungsschreiben ausstellten und von einem „musikalischen Wunder“ sprachen. 1868 tourte Tom durch Nordamerika und Kanada.

Bereits 1870 verdienten die Bethunes als Toms Manager durch seine Konzertauftritte 50.000 US-Dollar im Jahr. Tom selbst hatte keine Ahnung von Geld und wurde auf niederträchtige Weise ausgenützt. Am 25. Juli 1870 ernannte sich Colonel Bethune selbst zu Toms Vormund und hob damit den mit Toms Eltern geschlossenen Vertrag auf. Tom lebte von nun an mit Colonel Bethune in einer Pension in New York City. Den Sommer verbrachte er auf der Farm der Bethunes in Virginia. 1872 wurde Tom für unmündig erklärt und das gesamte Geld, das er verdient hatte, floss in die Kasse von Bethune.

Von 1875 an lag das Management von Tom in den Händen von Colonel Bethunes Sohn John, der 1882 seine Vermieterin Eliza Stutzbach heiratete. Die Ehe war jedoch nicht von Dauer. Eliza trennte sich von John und gab vor, dass er sie verlassen hätte. Zur Scheidung kam es jedoch nicht mehr, denn John Bethune starb am 16. Februar 1884, als er versuchte, auf einen bereits anfahrenden Zug aufzuspringen, und dabei unter die Räder kam. Da er in seinem Testament Eliza von jeder Erbschaft ausgeschlossen hatte, nahm diese Kontakt mit Toms Mutter auf, um von ihr die Obsorge von Tom zu erlangen. Diese wollte jedoch die Sorge für Tom unter ihrer Kontrolle gesetzlich absichern, was zu jahrelangen Gerichtsverhandlungen führte.

Am 30. Juli 1887 entschied das Gericht, dass Colonel Bethune Tom in Arlington, Virginia, in die Obhut seiner Mutter Charity und seiner Schwiegertochter Eliza Bethune zu übergeben habe. Tom war ob der Aussicht, Virginia und den alten Colonel Bethune verlassen zu müssen, alles andere als erfreut. Am Tag der Übergabe brachte Bethunes Sohn, James, Tom in den Gerichtssaal. Die Bethunes, die mit Tom 750.000 US-Dollar verdient hatten, übergaben ihn dort seiner Mutter Charity, die er kaum kannte. Tom, der außer einer silbernen Flöte und den Kleidern, die er am Leibe trug, nichts besaß, bestieg dann widerstandslos den Zug von Virginia nach New York, wo er bis zu seinem Lebensende bei Eliza Bethune arbeiten und wohnen sollte.
Einen Monat später gab er wieder Konzerte, ohne eine gefühlsmäßige Beeinträchtigung zu zeigen. Er war von nun an die Einnahmequelle von Eliza Bethune, die ihn als „den letzten vom Obersten Gericht der Vereinigten Staaten freigesetzten Sklaven“ managte. Er trat jetzt unter dem Nachnamen seines Vaters, Thomas Greene Wiggins, auf.

Außer der kurzen Wiedervereinigung mit seiner Mutter Charity, die bald wieder nach Georgia zurückkehrte, hatte sich bei Tom nichts geändert. Er blieb den Rest seines Lebens in der Obhut von Eliza und bestritt unter ihrem Management bis 1904 Konzerte und Varieté-Auftritte in Amerika und Kanada.

Seine letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen beim Klavierspielen und unter bildhaften Eingebungen. Thomas Wiggins verstarb am 13. Juni 1908 im 59. Lebensjahr in Elizas Wohnung in Hoboken an einem Schlaganfall und wurde in einem Armengrab auf dem Evergreens Friedhof in Brooklyn, New York, beerdigt.

Die eindrucksvollsten Worte zu seinem Tod fand der Herausgeber der Kentucky Tageszeitung, Henry Watterson: „Was war er? Woher kam er und wofür? Dass da eine Seele war, ist sicher, eingesperrt, angekettet in dieser kleinen schwarzen Brust, und schließlich freigelassen.“
20 Jahre später versuchte die Tochter seines früheren Herrn, Fanny Bethune, Toms sterbliche Überreste in das Familiengrab der Bethunes in Columbus, Georgia, zu überführen. Der Leichnam blieb jedoch in Brooklyn. So existieren heute zwei Grabtafeln, eine in Columbus in Georgia und eine in Brooklyn.

Lit.: Southall, Geneva Handy: Blind Tom, the black pianist-composer: 1849 – 1908); continually enslaved. Lanham, Md. [u.a.]: Scarecrow Press, 1999.
https://www.youtube.com/watch?v=aPkbvbzTbiQ
https://www.youtube.com/watch?v=nTybUllInv0