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A. Resch

Andreas Resch: der Rauchenalm-Spuk

Andreas Resch: der Rauchenalm-Spuk

 

Andreas Resch

DER RAUCHENALM-SPUK

Mautern 1923/24

Von Oktober 1923 bis März 1924 ereigneten sich auf der Rauchenalm in Mautern in der Steiermark, Österreich, spukhafte Ereignisse, die mit dem 14-jährigen Mädchen Maria Schnabel in Zusammenhang standen. Dieses wurde von einer Nachbarsfamilie in die Familie des Bauern Franz Moisi aufgenommen und wie ein eigenes Kind aufgezogen. Als im Oktober 1923 spukhafte Erscheinungen auftraten, fand man bald heraus, dass diese vornehmlich mit Schnabel in Verbindung standen. Das Spukgeschehen wurde auch gleich P. Dr. Anton Schön aus dem Redemptoristenkloster in Mautern bekannt. Dr. Dörfler aus Graz, P. Dr. Schön, P. Sadleder und ein weitere Mitbruder des Klosters, der als Chronist diente, führten eine eingehende Befragung der Familie am Rauchenhof durch, deren Originaltext hier erstmals in voller Länge als bleibende Dokumentation mit den beigefügten Fotos angeführt werden soll. Die sehr sachliche Befragung der gesamten Familie, mit den dabei zusätzlich gemachten Beobachtungen, ergibt ein fachlich abgewogenes Bild vom damaligen Geschehen.

Da es sich bei diesem Bericht um eine gemeinsame Arbeit der oben genannten Personen handelt und der Chronist seinen Namen bewusst nicht nennt, veröffentliche ich den Bericht unter meinem Namen, um so für die Echtheit der 45 von Hand geschriebenen Seiten des mir vorliegenden Originals zu bürgen. Zum Original gehören auch die sechs angeführten Fotos, die zudem bezeugen, wie fachlich die Berichterstatter zur damaligen Zeit schon gearbeitet haben.
Schließlich sei noch darauf verwiesen, dass „IV. NACHTRÄGE“ Ergänzungen zweiter Hand und daher auch als solche zu werten sind.

„I. DER ERSTE BESUCH IM SPUKHAUS

Wir hatten von P. Sozius, Dr. Anton Schön, von den sonderbaren Spukerscheinungen im Rauchenhause gehört. Wie gerne hätten wir Genau­eres erfahren – doch wie wäre das einem Studenten möglich!
Da kam Dr. Dörfler aus Graz und hielt uns am Samstagabend, (Licht­messtag!), 2.11.1924, einen Vortrag über Okkultismus, Hypnotismus, Spiritismus und verwandte Erscheinungen, und  am 3.11. einen Lichtbilder­vortrag mit anschließender sehr interessanter Debatte.
Nachmittags wollte er trotz des heftigen Schneesturms das Rau­chenhaus besuchen. Mit P. Sadleder sollte ich im Rauchenhaus einige photogra­phische Aufnahmen machen. So bot sich uns die willkom­mene Gelegenheit den ganzen Hergang der Spukerscheinungen von den Hauptzeugen der Ereignisse selbst zu erfragen.

Das Rauchenhaus

Am Federweißbergwerk der Commune vorbei geht man links in die Magdwiese hinein. Gleich am Eingang des Tales führt ein schmaler Fahrweg rechts hinauf zum Rauchenhof (Magdwiese Nr. 7), dessen mächti­ger Stall und Stadel und schmuckes Bauernhaus einen wohlhabenden Be­sitzer verraten (Abb. 1).

Rauchenalm
       Abb.1: Das Rauchenhaus

Die Rauchenfamilie

Franz Moisi, vulgo „der Rauchen“, ist ein großer, ruhiger, christlicher Mann in den 50ern, ein echter steirischer Bauer, bieder, aufrich­tig und furchtlos (Abb. 2).

Rauchenfamilie
      Abb. 2: Rauchenfamilie
Maria Moisi, die älteste Tochter (= 20 Jahre).
Kathl Moisi, 14 Jahre, lebhaft und sehr geweckt, mit einem sehr treuen Gedächtnis ausgerüstet. Sie war die Hauptberichterstat­terin, deren Erzählung von den übrigen Familienmitgliedern und Dienstleuten bestätigt und ergänzt wurde.
Hansl  Moisi, 17 Jahre alt, groß und kräftig.
Anna Moisi, 13 Jahre alt, kränklich.


Maria Schnabel, uneheliche Tochter der Frau Weigandt, 14 Jahre alt, sehr kräftig, von ganz gesundem Aussehen. Von ihren Lehrern als begabtes und gewecktes Kind bezeichnet. Mit 10 Jahren wurde sie von einer Mitschülerin erschreckt und leidet seither an Epilepsie. Sie wurde vor 8 Jahren von der Familie Moisi ins Haus genommen und mit den Kindern des Hauses zusammen aufgezogen und wird wie ein Kind des Hauses behandelt (Abb. 3).


      Abb. 3: Stube der Rauchenfamilie

Die „Friederin“ ist die Schwester des Herrn Moisi, die Bäuerin des Hofes oberhalb des Rauchen, Mutter von 9 Kindern; eine sehr tüchtige und auch recht christliche Frau.

Der Bericht der Rauchenleute

Kathl erzählt, der Raucher und der Hansel, die Annerl und die Dienst­leute ergänzen den Bericht. (Gute 2 Stunden dauerte das „Verhör“; bald fragte Dr. Dörfler, bald Dr. Schön, bald P. Sadleder und ich um diesen und jenen Umstand.)

1. Die beleidigte Bettlerin

Als die Rauchenmutter gestorben war, kam die alte Thekla, eine Bettlerin, die sich alle Wochen ihr Almosen holte, und bat um einen „Kittel von der Mutter.“ Da gerade die Abschätzer da wa­ren, sagte Maria (Moisi), heute geht das nicht, weil noch nicht alles abgeschätzt sei, sie werde schon etwas bekommen, und lud sie ein, zum Mittagessen dazubleiben.

Maria Schnabel stellte ihr eine Schüssel hin mit dem Essen, wie es die Hausleute bekommen, und daneben für die „Abschätzer“ ein besseres Gericht. Die Thekla griff nach dem besseren Essen; da sagte ihr die Schnabel: „Na du bist aber keck! Du weißt wohl, was gut ist! Wird wohl das auch gut genug für dich sein!“ Die Bettlerin zeigte sich schwer beleidigt und seither kam sie nicht mehr auf den Rauchenhof, redete aber dem Schnabelmädchen übel nach. „Ob nicht de Olte dös Madl verhext hat?“ meinte der Rauchen und erzählte von einem analogen Falle einer Verwünschung durch Zigeuner im Wald vor 35 Jahren, wo der „Geist Gottfried“ bei Tisch mit aß und trank und versprach, in 35 Jahren wiederzukommen (tatsächlich erneuerte sich der Spuk im Herbst 1923).

Der alten Thekla redete man nach, sie sei eine Hexe, denn als Sennerin sei ihr immer das Vieh beisammen geblieben und obwohl sie nichts arbeitete, habe sie mehr Milch und Butter gehabt als andere Schwägerinnen.
Sie wohnt in der Nähe des Bergwerkes und sagte einem Pater, sie habe immer fleißig zum Schutzengel gebetet, da sei ihr das Vieh nie davongelaufen und es habe nie ein Unglück gegeben.
Dort wo der Steig zu ihrem Häuschen von der Straße abbiegt, bleiben jedesmal beim Holzführen die Ochsen des Rauchen von selber stehen, stecken den Kopf zwischen die Füße und schnuppern am Boden herum. Sollte ein Maleficium vorliegen?

2. Das Tischrücken

Im Oktober 1923 waren eines Abends der Rauchen und die älteste Tochter Maria nicht zuhause, die Kathl und die Schnabel liehen sich von der Friederin ein kleines 15 cm hohes Tischchen aus. „Das iss so viel lusti“, meinten die Kinder. Wenn nur zwei Hände auf dem Tischerl lagen, bliebs unbeweglich, wenn 3 oder mehr drauflagen, begann es zu tanzen, wenn man sagte“Tischl tanz!“ In den Armen verspürte man ein starkes Ziehen. Ein Fuß des Tisches hatte einen Bleistift, darauf (damit Red.) schrieb das Tischchen die Antworten auf viele Fragen der Tischrücker nie­der in schöner lateinischer Schrift (kein Teilnehmer konnte so schön schreiben), mehrmals auch in „schiacher“ Schrift. Es wurde gefragt, wie alt der und die sei, wie viel Geld die oder der habe – und stets erfolgte die rechte Antwort. „Wieviel Geld hat die Friederin im Tascherl?“ Diese war nicht anwesend, hin­terher zeigte es sich, dass die Antwort stimmte. Dann wurde z.B. auch gefragt, was die Friederin den Dienstleuten zu Weihnachten geben werde; für jeden wurde das aufgeschrieben, was sich die Friederin einmal gedacht hatte, ohne es jemandem mitzuteilen!!!, diesen zu schenken. Auf diese Weise wurde auch zur größten allgemeinen Überraschung das gänzlich geheime Liebesverhältnis eines anwesenden Burschen aufgedeckt. „Tischerl, wo bist du denn her?“– Es schrieb einen Ort im Mürztal – kein Teilnehmer wusste davon und man glaubte es nicht, als man bei der Friederin erfuhr, dass eine Magd das Tischchen von dort mitgebracht hatte. „Tischerl, wer spricht denn aus Dir?“ – Antwort: „Der Teufel.“ Darauf­hin wurde das Tischchen in Weihwasser gebadet. Dann hats woll a Weile bockt, aber wia mers dann gfragt ham: „Tischerl, macht dir das Weihwasser was?“ Da hats geschriebn: „Nein“

Was die Kathl mit klugem Stillschweigen überging, fasste Maria Moisi in die klassischen Worte: „Wie i ghört hab, was se ‚trieben haben, hob ich ihr schon a poor tüchtige zunden.“

3. Die ersten Spukerscheinungen

9. – 10. Dezember 1923:  
In der Nacht wacht Maria Schnabel auf, da kommen ihr plötzlich mehrere leere Zündholzschachteln zugeflogen, die in der Mägdekammer nebenan in der Schublade ihren Platz gehabt hatten. Das Bett der Schnabel steht im selben Zimmer, wo der Rauchen und die Kinder schlafen (Abb. 4).


Abb. 4:Schlafzimmer der Schnabel

Abb.5. Saustall in Nebengebäude

10. Dezember (Montag) 1923:
Die Schnabel und Kathl tun in der Saukuchel (einen Vorraum zum Saustall, der in einem Nebengebäude liegt, Abb. 5) „Knull oba treiben“ (mit der Maschine Rüben schneiden). Da machts hinter ihnen „an Tuscher“ und ein Holzscheitel liegt da. Die Mädchen halten es für den Schabernack eines Knechtes und schließen die Tür, die auf den Hof hinaus führt, und arbeiten weiter, da hats wieder „getuscht“ und wieder liegt ein Holzscheit da. Jetzt fliegen auch noch gleichzeitig 6 Türchen der einzelnen Schweinstallungen auf, die Tiere flüchten ängstlich aus den offenen Türen davon und drücken sich scheu an die Mauer. Kathi hat noch den Mut, die Türchen zu schließen, und läuft dann schnell ins Haus.

Dort wurden am Montag noch ein schwerer Schürhaken vom Herd weg­geschleudert und Messer und Riemenzieher geworfen.
11. Dezember 1923 (Dienstag): nichts geschehen.
12. Dezember 1923 (Mittwoch): nur weniges flog. Es kommt der Herr Klammer zum Holzmessen. Man erzählt ihm den Spuk. Er lacht sie fürchterlich aus, muss aber hören, wenn er selbst es sehen und füh­len würde, dann sollte ihm der Spaß wohl vergehen.

4. Der Großspuktag

13. Dezember 1923 (Donnerstag)
„Am sölbigen Vurmittag habn mer grad schaugn müaßn, daß mer mitn Aufklaubn ferti worn san“, meinte lachend der Rauchenbauer und schob die Pfeife wieder in den Mund, da Kathl wieder zu erzählen anfing. Sie erklärte gleich, dass es rein unmöglich sei, alles aufzuzählen, was geflogen sei und auch ebenso unmöglich, genau die

Reihenfolge der Erscheinungen anzugeben. Aus ihren ausführlichen Angaben nur einiges (nach den stenographischen Notizen des Dr. Schön, die wir 2 sofort nach der Heimkehr aus unserem Gedächtnis ergänzten).
Draußen im Hausflur hats mit einemmal „getuscht“ – ein Holzschei­tel war aus der Küche herausgeflogen. Öfters machte es auch einen „Tuscher“, als wenn ein Holzscheitel geflogen wäre, aber als man nachsah, war nichts da. Ein Holzrahmen wurde geworfen und, da man ihn aufhob, war er ganz heiß (wovon sich mehrere Personen über­zeugt haben).

„Haben Sie die Gegenstände auch durch die Luft fliegen sehen?“ fragten wir. Man habe nur immer gesehen, dass bei dem Geräusch die Sache jetzt da sei, erklärte Kathl. „Amol wull hob i a Haferl a so(u) a Stück (1/2 m ca.) daherfahren gsegn, bevors aufgflogn is“, ergänzte der Rauchen.

Ein paar Ledergamaschen flogen aus der Kammer im l. Stock herunter ins Erdgeschoß. Man brachte sie wieder hinauf, da flogen sie ein zweites Mal herunter. Kathl trug sie wieder hinauf und wollte zu­schauen, wie sie wieder davonfliegen würden. Doch sie wartete um­sonst, da wurde es ihr „zu dumm“, besonders als sie hörte, wies drunten in der Küche fuhrwerkte, wo Haferl, Teller und Besteck heruntergeworfen wurden. Der Kathl flog ein ansehnliches Holz­scheitl auf die Schulter. „‚Hats weh tan, Kathl?“ „O – hat wull weh toan!“ Die in der Stube hängende Petroleumlampe wurde herabgewor­fen, dass der Zylinder in Scherben ging. Eine zweite Stehlampe wurde vom Ofensims herabgeworfen. Ein ganzes Bündel Schafscheren wurden in die Stube geschleudert. Ein Hemd hats an die Tür hinpickt. Des Rauchenvaters Missionskreuzchen (ca 15 cm hoch) wurde in der oberen Stube vom Platz geworfen. Messer und der Riemenzieher flogen bei geschlossenen Türen und Fenstern ins Neben­zimmer. Das Melissengeistflascherl wurde samt einem Schnapsstamperl vom Wandbrett herabgeschleudert und „hin i(st)s gwest“. Ein halber Wetzstein fährt zum Fenster hinaus, das in Scherben geht.

Im Stall fallen zum Schrecken der Schwägerin 4 Kühen die Ketten ab, sodass sie frei herumspazieren. Da man die Ketten aufhebt, um das Vieh wieder anzuhängen, sieht man mit Staunen, dass die Ketten noch ebenso geschlossen sind, wie sie das Vieh umhatte. Als dann die Schnabel in den Stall kommt, wiederholt sich das Kettenabfal­len bei 3 anderen Kühen. Aus der Knechtkammer im getrennt stehenden Nebengebäude kommt Bürste und Schuhpasta ins Haus geflogen. Ein Trankschafferl fliegt so gewaltig gegen die Tür, dass es in die einzelnen Dauben zerfliegt. Der Weihbrunn­kessel fliegt aus der Stube ins Vorhaus und wird zerschlagen. 2 Blumentöpfe, davon einer voll Erde, werden geworfen.
Da die Schnabel etwas ins Freie geht, fliegt ihr ein Stein auf den Rücken und einer ins Gesicht, sodass sie eine kleine Wunde davonträgt. Sie erschrickt so stark, dass sie einen „Anfall“ bekommt – (hysterisch? epileptisch?? Trance??). Sie wird ins Zimmer geführt. Da sieht sie „a kloans Paunzerl mit eindrahte Krallen“ unter der Bank herumlaufen. „Jetzt greifts dös an! – im selben Augenblick fliegts auch schon – „jetzt dös – dös – dös –“ schon fliegts. „Jetzt greifts dös – na, jetzt hats es wieder auslossen, weil ich’s gsagt hob.“ Mit einem Male greift die Schnabel nach einem spitzen, scharfen Messer, hält es stichbereit und läuft an der Wandbank hin und her: „Da läufts – da – da – etz stich ichs ob!“ Da bleibt das Mädchen plötzlich starr stehen, sie wird leichenblass, das Messer entsinkt ihr, im Krebsgang weicht sie dann zurück und. stanmelt: „I trau mi net, etz hat sichs (selbiges Paunzerl) überpurzelt
.
Die „Beten“ (Rosenkranz) mit Perlen von l cm Durchmesser wird von dem Hirschgeweih herabgeworfen, an dem sie hing. Von einem anderen kleineren Rosenkranz ging das Kreuzchen verloren und war nicht wiederzufinden.
Beim Essen wurde ein großer Hafen von 15 lt. geworfen, Brot fliegt davon, beim Abspülen wird der Magd das Geschirr direkt aus der Hand gerissen und fliegt davon. Dem kleinen 3-jährigen Ferdl wirfts ein Haferl ins Geeicht und er weinte.
Der Rauchenbauer wurde schon langsam bös, weil viel Gerät zer­brach, doch alles Schimpfen steigerte nur das Übel. Kathl schimpfte einmal herzhaft, da fuhr all ihr Geschirr durcheinander. Eine Kaffeemühle wurde so gewaltig zu Boden geschleudert „dass sies jetzt nimmer recht tun will“. Eine Karbidlampe wurde so in den Keller geschleudert, dass sie unbrauchbar wurde. Ein Weidling mit Mehl (Rührschüssel mit Henkel) wurde vom Herd auf den Küchenfußboden geworfen. Man raffte das Mehl wieder zusammen und stellte den Weidling auf den Herd zurück. Bald flog der Weidling zum zweiten Male herunter, und zwar so gewaltig, dass das Mehl über den Küchenboden weithin zerstreut und nimmer zu brauchen war. Teller, Besteck, Schöpflöffel fliegen. Der Rauchen wird wild, weil so viel zerschlagen wurde, und beschließt, die Schnabel nachmittags mitzunehmen in die Mühle in der Reitingau.
Aus einer geschlossenen Schultasche fliegt der Katechismus heraus.

5. Der Gang zur Mühle und weitere Ereignisse

Donnerstag,13. Dez.1923
Nachmittags geht der Rauchen mit Kathl und Maria Schnabel zu seiner Mühle in der Reitingau, ein Weg von 1/2 Stunde. Zuerst den sonnseitigen Hang des Magdwiesengrabens hinab, an Ellenbogens Bergwerk vorüber bis zum Losacher, dann links hinein in die Reitingau.

Als die 3 kaum 50 Schritt vom Rauchen-Hause entfernt sind, fliegt vor ihnen ein Messer in den Schnee. Man hebt es auf und geht weiter. Bald steckt sich vor ihnen der versilberte Löffel in den Schnee, mit welchem der Rauchenbauer schon an die 30 Jahre isst und der in der Stube an der Wand seinen Platz hatte. Es folgen nacheinander in ziemlich gleichen Zeitabschnitten 3 weitere Löffel, die man alle aus dem Schnee zieht und mitnimmt. Dann fliegen mehrmals große kompakte Schneeklumpen neben den 3 Wanderern nieder und der Rauchen betonte noch ausdrücklich, dass dies auf ganz freiem Felde war (wohl hinter dem Losacher). „Es wor doch ka Bam und ka Stauden net do, doß leicht hätt obafollen kinna.“ Und rundum kein Mensch zu sehen, der den Schnee hätte werfen können. Weiters flogen neben ihnen in 3 Schritt Entfernung 3 mal (faust-)große Steine  nieder, und zwar mit solcher Wucht, dass es ihnen unheimlich zu Mute wurde. Kurz vor der Mühle kommt ein Strähn roter Wolle dahergeflogen, bald ein zweiter. Kathl konstatiert mit Staunen, dass es die Wolle zum Wäschezeichnen ist, die sie daheim in ihrem Nähkästchen verschlos­sen gehalten hat. Außerdem kommen noch einige Stricknadeln da­hergeflogen.

6. In der Mühle

Der Rauchenbauer rüstet zum Mahlen, da ging auch hier der Tanz los. Holzstücke flogen gegen die Tür, ein Kerzenleuchter wurde 2 mal vom Platz geschleudert. Der Knecht, Josef Wagner, schnitzte gerade Quirle, da flog sein Werkzeug (2 Messer) davon. Da brummte der Knecht verdrießlich: „Jetzt fahlt grod no, dass mir a die Holzklötzln davonfliegen!“ – schwupp dich, fuhren im selben Augenblick auch schon die Klötzl davon. Unter dem Bett standen Strohpatschen, in denen Socken steckten; plötzlich fliegen die Socken und die Patschen in entgegengesetzte Winkel auseinander. Da es nun hier mit dem Spuk nicht besser war, sagte die Schnabel: „Jetzt verdrießt mich aber schon alles.“ Mit Kathl ging sie jetzt zur Stürzenbacherin, einer Schneiderin (in der Nähe der Mühle), bei der die Kathl das Nähen lernt. Als Kathl und Maria Schnabel in die Stube treten, fängt sogleich die Nähmaschine an ganz wütend zu laufen, als ob einer sie in rasendem Tempo treten würde – zu sehen war an der Maschine rein gar nichts, sie lief ganz von selbst. Die Schnabel sagte bald: „Geh ma furt, es leidt mi do a net!“ Sie erlitt wie­der einen jener sonderbaren „Anfälle“ (die Dr. Dörfler als Trance­zustände ansieht) wie am Vormittag. Auf dem Rückweg zur Mühle sagte die Schnabel in ihrem „Anfall“: „Schau da läuft das Paunzerl zwischen uns – ...jetzt bleibts a wengerl hint… o, du mein  liabs Paunzerl!“ Kathl schaute wohl – sah aber rein gar nichts. Im Laufe des Gespräches sagte die Schnabel noch wörtlich: „Glaubst, es (das Paunzerl) tut etwas, wenn i’s net drum bitt’ u. wenn i’s net wüll?“

Inzwischen kommen auf einen Spaziergang in die Reitingau Patres mit Rektor P. Dr. Schön CSsR an der Mühle vorbei und sie wurden vom Rau­chenbauer zu einem kurzen Besuch eingeladen. Kathl hatte die Pa­tres schon daherkommen sehen und die Schnabel auf ihr Kommen auf­merksam gemacht, worauf diese sagte: „Wenn die Patres kommen, do tu i net.“ –

Anfangs wollte der gute Bauer nicht recht mit der Sprache heraus, schließlich aber erzählte er den Patres ausführlich von den son­derbaren Vorgängen in seinem Haus und in der Mühle, wie von einem neuen Unglück, dass seine Familie getroffen hätte. (Im Sept. 1923 war nämlich seine Frau gestorben, eine vorzügliche Hausmutter und Musterchristin.) Solange unsere Patres anwesend waren, geschah nichts. Kaum waren sie aber ein Stück vom Hause fort, be­gannen die Wer-Erscheinungen von Neuem.
Man brachte daher die Schnabel für die Nacht zu ihrer Mutter, Frau Weigandt, die ca. 5 Minuten vom Rauchenhof entfernt in einem kleinen Häuschen wohnt. Hier flog ein einziges Mal ein Holzscheit; das war die einzige Erscheinung, welche in diesem Hause beobachtet wurde.

7. Übersiedlung zum Edlinger

14. Dezember 1923 (Freitag)
Früh ging die Schnabel auf den Rauchenhof, um Milch zu holen. Gleich gings  wieder an. Der Rauchenhansl hält im Hosensack drin sein Feuerzeug in der Hand, mit einem Mal fliegt es gegen die Türe. Messer und anderes Essbesteck flog aus der festen, geschlossenen Schublade heraus, ohne dass sie geöffnet worden wäre, ebenso das Salzhäferl, „das es so kräftig zum Ofen hinpickt hat, dass es hätt’ müssen hin sein“. Ein Häferl flog aus der Küche hinauf in den oberen Stock, auch mehrere andere Gegenstände wanderten vom Erdgeschoß hinauf in den 1. Stock. Das Mädchen wurde sofort zur Mutter zurückgebracht. Doch da wegen der zahlreichen Kinder und der großen Armut in dem kleinen Häuschen ein längerer Aufenthalt nicht gut möglich war, wurde beschlossen, das Mädchen für eine Zeit zum Edlinger im Geisgraben zu schicken; der Edlinger ist vom Rauchen­hof eine gute Stunde entfernt im Geisgraben, einem Seitental (des rechten Liesingsufers) gelegen.

Die Schnabel kam also zuerst ins Rauchenhaus zurück, um rasch ihre Wäsche und Kleider zusammenzupacken. Gleich flog wieder alles Mögliche, z.B. eine Flöte, die in ein Tuch eingewickelt war, wurde so heftig aus der Tischlade heraus gegen die Tür geschleudert, dass sie 2 Sprünge bekam; ein „Flickpinkel“ wurde „vom Tische wegpickt“. Der Frau Weigandt fliegen aus einem geschlossenen Kästchen (aus dem 5 Min. entfernten Hause!) 12 Haarnadeln davon, die sie für ihre Tochter kürzlich gekauft hatte, und diese Nadeln fallen in der Rauchenstube nieder. Eine Medaille, welche die Schnabel an einem Bande um den Hals hängen hat, fliegt ihr mehrmals davon, ohne dass das Band gerissen oder das Ringlein der Medaille aufgegangen wäre. Ein paar Messer fliegen auch wieder. Plötzlich fallen 5 Nüsse auf den Tisch. Die Kinder sind hocherfreut, dass ihnen der Spuk endlich auch einmal etwas bringt, nachdem er bisher doch nur davongetragen hat, und verzehren die gespenstigen Nüsse mit bestem Appetit, doch die Schnabel wollte nichts davon essen. (Als man der Frau Weigandt nachher von dem Nussengeschenk erzählte, sagte sie: „Dös werde do net eppa gor de Nussen sein, die i im Kittelsack drein hab.“ Sie schaute nach – die Nüsse sind aus ihrer Rocktasche verschwunden). Als eben wieder alles Mögliche herumflog, begann Kathl kräf­tig zu schimpfen über diese Wirtschaft, doch sofort wurden ihre Geschirrsachen so heftig herumgeworfen, dass viel hin war.

Die Kleider der Schnabel hatte man inzwischen in eine Handtasche eingepackt. Als Kathl mit der Schnabel fortgehen will, ist die Tasche samt Kleidern verschwunden, doch bald nach einigen Suchen wiedergefunden. Da die beiden sich wieder zum Gehen anschicken, ist die Tasche ein zweites Mal davon und erst nach 20 Min. sorg­samen Suchens findet man sie ganz versteckt in einem Winkel hin­ter einem Kasten im Oberstock.
Auf dem Wege zum Edlinger flogen den beiden Mädchen wiederholt die eingepackten Kleider davon; Kathl meinte, sie hätten auf dem ganzen Wege „olleweil Kleider zsomsuachn müaßn“. Als sie das Rauchenhaus verließen, trug die Schnabel die Tasche mit den Kleidern. Schließ­lich sagte die Schnabel: „Nimm du die Kleider“, und übergab Kathl die Tasche. Bald flog auch ihr die Tasche davon. Kathl holte sie wieder, schob den Arm durch den Tragring und schloss die Hände fest vor der Brust zusammen, damit ihr die Tasche – wie sie glaubte – ja nimmer „auskummen“ könnte. Doch siehe da – mit einem Male hat sie schon wieder keine Tasche. „Bei dir ists ja auch nicht besser“, sagte die Schnabel, die nun wieder das Tragen der Tasche übernahm. Ebenso seltsam wie mit der Kleidertasche ging es ihnen mit den Haarnadeln. Der Schnabel flogen plötzlich 12 Haarnadeln davon. Nach langem Suchen fanden sie nur 8 Stück; bald fliegen auch diese wieder weg; jetzt findet man nach langem Suchen 10 Nadeln; auch diese sind nach einer Weile wieder verschwunden, und  jetzt findet man beim Suchen alle 12 Stück
.
Das „Breverl“, die Medaille, flog der Schnabel 9 mal davon. Sie sagte zur Kathl: „Nimm du das Breverl, mir leidt’s es net.“ Kathl nahm die Medaille in die eine Hand und presst mit der anderen Hand fest zu, damit die Medaille ja nicht verschwinden könne. Nach einer Weile wollte sie sehen, ob die Medaille noch da sei. Vorsichtig öffnete Kathl Finger um Finger – die Hand war leer, die Medaille fort. Dr. Dörfler meinte, vielleicht sei der Erzäh­lerin die Medaille unbemerkt entfallen. „Net um die Burg! (= auf keinen Fall) so hab i’s g’haltn!“ und Kathl hielt uns die festge­schlossene Faust hin, die von der zweiten Hand zugepresst wurde.

Nach diesem abenteuerreichen Wege kam Kathl mit der Schnabel glücklich im Geisgraben an beim Edlinger. Hier geschah nichts mehr. Kathl verabschiedete sich von der Schnabel und kehrte auf dem Heim­weg bei ihrer Nählehrmeisterin, Frau Stürzenbacher, ein. Die gab dem Mädchen „an guaden Strudl“, den Kathl mit Freuden annahm; sie führt ihn zum Munde, doch da sie abbeißen will, „geht der Strudl davon“. Immer wieder versucht sie, den „guaden Strudel“ zu essen, doch jedesmal wird sie von unsichtbarer Kraft daran gehindert. „Dann is mer z’dumm wordn,“ sagte die Kathl.
Während die Schnabel beim Edlinger weilte, geschah dort nichts Außerordentliches; auf dem Rauchenhof aber flog noch einmal ein Scheit und außerdem wurde der feine Zigarettentabak des Bauern aus einem verschlossenen Kästchen herausgeworfen und in der Stube ausgestreut.
Soweit der Bericht der Rauchenfamilie am 3. Februar 1924. Maria Schnabel selbst konnten wir leider selbst nicht sprechen, da sie seit 7.1.1924 in Knittelfeld im Sanatorium weilte, wo sie auf Epilepsie und Hysterie hin behandelt wurde.


II.ABERMALIGER BESUCH IM SPUKHAUS

Anfang März war Maria Schnabel aus Knittelfeld in die Rauchenfamilie zurückgekehrt. Doch schon am 3. Tage nach ihrer Ankunft ging der Spuk von Neuem los. Bald wurde es so arg, dass das Mädchen wieder zur Mutter übersiedeln musste; und so oft sie dann auf den Hof kam, gab es auffällige Erscheinungen. Ein Beispiel: Die kleine Rauchen-Annerl war krank (sie leidet öfters an Krämpfen, ist viel­leicht auch etwas epileptisch, dabei sehr schwächlich und 2 mal stark herzkrank) und lag im Bett, das ihr jeden Tag gründlich aufgeschüttelt und neu gerichtet wurde. Sie klagte mit einem Mal, dass sie je­mand an den Waden kratze oder steche. Man redet ihrs aus, doch sie behauptet immer fester, dass etwas steche und kratze. Man sieht nach und findet mehrere Stecknadeln in der Decke drin zu aller Ver­wunderung, da es ausgeschlossen war, dass diese versehentlich in die Decke gesteckt worden wären.
Ein anderes Faktum: Dem Rauchenbauer verschwindet eines Tages die Tabakpfeife. Umsonst sucht man sie im ganzen Haus. Am dritten Tage findet man die schmerzlich vermisste Pfeife unter dem Kopfkissen der kranken Annerl, der doch zweimal täglich das Bett gemacht worden war, wobei man die Pfeife hätte finden müssen, wenn sie gleich nach ihrem Verschwinden dorthin gebracht worden wäre.
Diese Geschichtchen erzählte uns aber der Rauchenbauer erst bei unserem Abschied nach dem Erlebnis vom 8.III.1924.

Es war dies der erste Fastensonntag. Der Rauchenbauer hatte uns, d.h. dem P. Sadleder und mir, die Rückkunft der Schnabel melden lassen und die nötigen Vorkehrungen getroffen, dass wir die photographischen Aufnahmen machen könnten. Um 1/2 5 Uhr abends gingen wir im Kloster fort. Wir hatten die Ansicht, das Mädchen sei ge­sund aus dem Sanatorium entlassen worden, und wussten auch nicht, dass schon wieder der alte Spuk von neuem aufgetreten war. Die

Maria Scnabel
Abb. 6: Maria Schnabel

Rauchenleute erwarteten uns schon. Maria Schnabel hatte ein kleid­sames Steirergewandl angelegt zum Photographieren. Wir staunten, als wir statt eines „hysterischen Frauenzimmers“ ein kräftiges rotwangiges Mädchen fanden, das jeder eher für 18- als für 14-jäh­rig gehalten hätte. Ihr ganzes Benehmen war ruhig und sicher, zu­rückhaltend und bescheiden, doch dabei ganz natürlich, ungezwungen und durchaus nicht zimperlich, aber doch so höflich und gewandt, wie es einem bei einem Bauernmädchen selten begegnet. Erst machten wir die Aufnahme von der ganzen Familie, dann von M. Schnabel allein (beim Brunnen, Abb. 6). Im Zimmer photographierten wir dann bei Blitz­licht eine Anzahl der „geflogenen“ Gegenstände, die M. Schnabel mit herbeitragen half. Während das Blitzlicht abgebrannt wurde, hielt sich M. Schnabel im Nebenzimmer auf. Sie war recht munter und heiter. Da Kathl schimpfte, da sie wohl bereitwilligst die Sachen her­beigetragen hatten, aber nicht halfen beim Wegtragen, nahm sie gleich so viel auf einmal, dass Kathl neckte: „Ja, ja die Faulen schleppen sich zu Tode“ – „Und die Fleißigen laufen sich zu Tode“, gab M. Schnabel lachend zurück und ging mit Kathl hinaus. Kaum waren beide draußen, hörten wir im Vorhause einen gewaltigen „Tuscher“. Wir eilen hinaus: „Schauns Hochwürden!“ sagte die Magd und wies auf ein großes schweres Holzschaff hin, „dös Schaff hots von dort (neben der Stubentür unter der Stiege) da auf den Tisch (neben der Haustür) gsetzt“. Gleich darauf kommt schon der Rauchenhansl und zeigt uns eine Bürste, ein Seifenstück und mehrere andere kleine Gegenstände, die in den Schnee hinausgeflogen waren. P. Sadleder hatte mehrmals das Geräusch gehört, aber sich nicht zu deuten gewusst. Ich selber hörte das Geräusch der fliegenden oder auffallenden Gegenstände nicht. Der Bauer hieß die Schnabel sich gleich umziehen gehen, dass sie schnell zu ihrer Mutter gehn könne, bevor es wieder ärger werde. Wir gingen ins Zimmer zurück, um den Apparat zu holen, inzwischen flog ein Holzstück auf den Wandschrank hinaus. Wir treten ins Vorhaus mit dem Bauern, da tut es oben einen schweren Rumperer (wie wenn eine große Kiste irgendwo herabgestürzt wäre). Wir eilen dem Bauern nach, die Stiege hinauf. In einer niedrigen Stube liegt links eine alte kranke Magd im Bett, rechts an einem Bett steht neben Kathl die Schnabel und schaut mit dem Ausdruck eines geschreckten Kindes auf den Stuhl, der mitten im Zimmer mit der Lehne am Boden liegt. Er hatte mit Kleidern und anderen Sachen belegt neben dem Bett der kranken Magd gestanden und war von dort mitten ins Zimmer geworfen worden, Lehne am Boden, wobei alle daraufliegenden Gegenstände verstreut wurden. Kathl sagte, was geschehen war, und M. Schnabel begann heftig zu weinen. Die Rauchen-­Kathl tröstete: „Därfst net weinen, Miazerl, därfst dir nichts draus machen, Miazerl, lachen musst, Miazerl, über so a duma Gschicht!“ So gut wir konnten, suchten auch wir zu trösten. Schnabel gab auf alles weinend Antwort und ich konnte nichts Außergewöhnliches an ihr bemerken. Kathl aber sagte jetzt: „Sie bekommt wieder an Anfall.“ Der Bauer aber drängte: „Schnell fort mit ihr, sonst wirds noch ärger!“

M. Schnabel geht begleitet von Kathl und Hansl, ein Medizinfläsch­chen flog ihnen nach. Unterwegs musste man sie tragen, so stark wurde der Anfall.
Als wir am Heimweg am Weigandthäuschen vorbeigingen, kam Herr W. heraus und bat uns, hineinzukommen, der Anfall sei so stark, als ob sie sterben tät. Das Mädchen lag angekleidet auf dem Bett, ganz eisig kalt und starr und steif und blass wie ein Toter. Man wollte ihr die Füße mit heißen Wasserflaschen wärmen, doch es war unmöglich, die Schuhe abzuziehen, da der Fuß ganz steif rechtwinkelig war. Man deckte das Mädchen mit warmen Decken zu, rieb ihr die Stirne mit Hoffmannstropfen ein, hielt ihr ein Riechfläschchen vor und Mutter und Kathl riefen immer wieder: „Miazerl, hörst? Miazerl, wie ist dir denn?“ Nach einer guten Weile ging ein mehrmaliges, heftiges Zucken durch den ganzen Körper des Mädchens, die Starre war gebrochen, allmählich erwachte das Mädchen. Auf all die Beweise und Worte hilfsbereiter Liebe der treubesorgten Kathl anwortete nur ein tiefer Seufzer und ein stilles und bitterliches Weinen. „Net amal an Nach­mittag lässt er mi drobn (im Rauchenhaus nämlich)“, klagte das Mäd­chen und weinte wieder so bitterlich, wie eben jemand weinen kann, der sich von unbekannter Gewalt aus seinem Vaterhause, aus seiner Heimat verdrängt sieht. (Da M. Schnabel seit 8 Jahren auf dem Rauchenhof mit den Rauchenkindern zusammen aufgewachsen ist und wie ein Kind des Hauses gehalten wurde, ist für sie der Rauchenhof wirklich das Vaterhaus.)
So gut wir konnten, suchten wir das arme Mädchen zu beruhigen und zu trösten, und sie war dankbar für jedes gute freundliche Wort. Sie grämte sich sehr, dass sie bei den Leuten überall als „Hexe“ verschrien wird, und es freute sie, als wir ihr versicherten, dass das höchstens die Dummen glauben; wir alle wüssten, dass sie keine Hexe sei und gar nichts dafür könne für den Spuk.


III. CHRONIK DER WEITEREN EREIGNISSE

27. März 1924
Bei der Rückkehr vom nachmittägigen Ausgang trafen. P. Sadleder und ich den Rauchenbauern, der sich für die Photographien bedankte, die ich ihm geschickt hatte, und uns eine Reihe interessan­ter Neuigkeiten berichtete, wovon ich mir gleich am selben Nachmittag entsprechende Notizen machte

Sooft M. Schnabel auf den Rauchenhof kam, um Milch zu holen, ging dort der Spuk wieder an.
Am 19. März war M. Schnabel beim Hochamt in der Klosterkirche. Vor ihr auf der Bank liegt das aufgeschlagene Gebetbuch – plötzlich ist es verschwunden. Ebenso vermisst sie plötzlich das Taschentuch. Als sie nach dem Gottesdienst heimgeht, kommt ihr bei der „Seif Marianne“, dem Geschäft des Frl. Marianne Stradner, das Sacktuch durch die Luft entgegengeflogen und fällt ihr auf den Kopf. Sie geht weiter und kommt über den Hauptplatz und über den Magdwiesenbach bis zu dem großen neuen Hause des Lederhändlers Mascheck. Da fällt vor ihren Füßen das Gebetbuch auf die Erde nieder. (Die Stelle wird von der Klosterkirche ca. 5 Min. entfernt sein.)
In der folgenden Woche wollte die Schnabel einmal abends beim Rauchenbauer auskehren. Sie kehrt erst ganz ruhig, doch bald regiert nicht mehr sie, sondern der Besen. Sie kann ihn nicht mehr loslassen, ihre Hände und Arme sind ganz blass und steif und der Besen fegt hin und her in der Küche, in der Stube, im Vorhaus, überall hin wird das Mädchen mitgezogen, auch vor das Haus hinaus zieht sie der Besen, wo sie in Schmutz und Schnee kehrt. Bei der Kapelle be­ginnt sie mit dem schmutzigen Besen die Kapellenwände abzukehreg, immer auf und ab, auf und ab, bis man sie von dort wegriss. Als sie das ganze Haus bis in alle Winkel hinein ausgekehrt hatte, setzte sie sich ganz erschöpft nieder und klagte über große Müdigkeit. Kaum 3 Minuten mochte sie gerastet haben, da sprang sie auf und sagte: „Jetzt muss ich in die Küche gehen, ich muss, ich muss.“ Sie lief in die Küche und legte sich der Länge nach auf die Bank. Sie liegt ein oder 2 Minuten regungslos, springt auf und eilt ins Vorhaus, wo sie sich an der Stiege niederlegt. Und so geht es eine halbe Stunde lang, sie läuft in den Keller und legt sich oben auf ein Mostfassl, dann stürmt sie über die Stiege hinauf in die Stube, in die Kammer, auf den Dachboden, überall legt sie sich für 1 – 2 Minuten nieder und wird dann wieder an einen neuen Ort gehetzt. Der Rauchenbauer wollte dem armen Mädchen helfen un hielt sie einmal eine Weile fest. Sie konnte nichts sprechen, sagte aber nachher, das Halten sei das Schrecklichste und Schmerzlichste von allem gewesen. Als der Rauchen­bauer sie losließ, ging die Jagerei wieder weiter. Der Rauchenbauer ging dem Mädchen während der ganzen halben Stunde, welche diese seltsame Erscheinung anhielt, überall hin mit dem Lichte nach, damit ihr und dem Hause kein Unheil zustoße. Der Anblick des Mäd­chens hatte während dieses Herumhastens etwas Unheimliches und Schauderhaftes an sich, so dass sich alle nicht wenig fürchteten. Das Mädchen hatte nach diesen Vorgängen keinen „Anfall“!! Sie klagte über große Ermüdung und vollständige Appetitlosigkeit; sie wusste auch fast alle Orte, wo sie hingetrieben worden war und was mit ihr geschehen war, richtig anzugeben.
M. Schnabel hatte von der Frau, die im Spital zu Knittelfeld neben ihr lag, ein „Sympathiemittel“ angeraten bekommen. Wir wollten es gerne kennenlernen, doch der Bauer sagte, „es dürfens nur wenige wissen, sonst hilft es nicht. Schlechtes ists nichts! Zweimal hats schon für 3 Tage geholfen. Morgen ists das 3. Mal, dann muss der Spuk ganz verschwinden.“ Wir warnten dringend vor abergläubischen Mitteln und gingen.

28. März 1924:  „Der Hexentanz“
Der Rauchenbauer hatte den Gendarm eingeladen, sich den Spuk ein­mal anzusehen, und der Gendarm Fellinger gedachte mit den „Waffen der Gerechtigkeit“ diesen „Unfug“ abzustellen. Doch schon unter­wegs zum Rauchenhof hinauf flogen ihm immer wieder aufs Neue Schneeballen ins Gesicht, ohne dass ein Werfer zu sehen gewesen wäre. Im Rauchenhof sollen dem Gendarmen Kartoffeln recht unsanft ins Gesicht geworfen worden sein. Die Gegenstände flogen so zahl­reich wie nie zuvor und ich sehe von der Aufzählung jeder Einzelheit ab, weil ich nur aus zweiter Hand mein Material beschaffen konnte, ohne Gelegenheit zu finden, die Richtigkeit durch die Rauchenleute bestätigt zu erhalten.
Als sicher feststehend kann das Folgende gelten. Am Abend des 28. März trieb es die Schnabel mehrmals hinauf zum Friederer (dem Schwager des Rauchenbauern), dessen Hof 3 – 5 Min. oberhalb des Rauchenhofs liegt, und wieder zurück. Einige Male wurde das Mädchen mehr geschleift, als dass es selbst gegangen wäre. Mit einem Male beginnt die Schnabel zu laufen, zu springen und zu tanzen, erst im Haus – und zum größten Schrecken aller beginnt bald die kleine, schwächliche, stark herzkranke und etwas epileptische Rauchenannerl mitzuspringen und mitzutanzen. Dem Tanz im Hause folgt der im Freien. Beide tanzen in die stockdunkle, regnerische Nacht hinaus – es war gegen 9 h abends, sie tanzten den steilen Hang hinab, über Stock und Stein  bis zum Pulverturm, wo die alte Thekla wohnt. Die ältere Rauchentochter Maria ist den beiden nachge­eilt bis zum Pulverturm. Der Schnabel schwinden die Kräfte, sie erleidet einen heftigen Anfall und wird sofort zum Mauterner Orts­arzt, Dr. Heim, gebracht. Der erklärt, ohne viele Zeremonien zu machen, die Schnabel für hochgradig hysterisch und entlässt die „3 Nacht­schmetterlinge“. Maria Moisi geht mit der Annerl und der Schnabel zu unserem Wirtschaftshof, dem Schwarzenberger, wo sie mit ihnen übernachtet, da es bereits 10 h nachts war. – Hier geschah gar nichts.
29. März 1924
Die alte Thekla kam heute weinend zum P. Mair und klagte ihm, Herr Weigandt sei mit einigen Rauchenleuten zum Pulverturm, ihrer Wohnung, gekommen und habe ihr einen Tanz ge­macht. Herr Weigandt meint nämlich, die alte Thekla habe seine Stieftochter verwünscht und verhext. Auch der Rauchenbauer scheine dieser Meinung nicht ganz abgeneigt zu sein, zumal seine Ochsen jedes Mal, wenn er in der Magdwiese Holz fährt, regelmäßig an dem Punkte stehen bleiben, den Kopf zwischen die Beine stecken und her­umschnuppern, wo der Fußsteig zu Theklas Häuschen von der Fahrstraße über den Bach hinüberführt. Dass Thekla sich überall nach dem Schnabelmädchen erkundigte und über sie schimpfte, mag wohl den Verdacht ebenso gesteigert haben wie der Umstand, dass die beiden „tanzenden“ Mädchen gerade zu Theklas Häuschen strebten.
Die alte Thekla wurde bei dem „Überfall“ als „Hexe“ beschimpft und die Fenster wurden ihr eingeschlagen und mit „Totschlagen“ und Haus-Anzünden gedroht. Zum Glück machte die Dazwischenkunft des Herrn Gemeindesekretärs Eckhart der Szene ein Ende. Er sorgte dafür, dass Thekla inzwischen eine gesicherte Zufluchtsstätte fand und dass M. Schnabel nach Graz in eine Nervenklinik gebracht werde.
Dort sollen nach Angabe der Frau Weigandt 6 Fachärzte das Mädchen genau untersucht und für vollkommen gesund erklärt haben. Sie verstanden nicht, wie man das Mädchen habe als „nervenkrank“ bezeichnen können.


IV. NACHTRÄGE

1) Im April kam M. Schnabel in einen Dienst in Seitz (bei Kammern), seither ist beim Rauchen vollkommene Ruhe.
2) Drücken im Strumpf (Bericht aus 2. Hand)
M. Schnabel ist beim Fiederer oben helfen. Mit einem Male sagt sie: „Ich weiß nicht, mich drückts im Strumpf ?!“ Sie schaut nach und zieht ein Geldtäschchen heraus; das gehört einer Magd, die dies Täschchen in ihrem wohlverschlossenen Kasten aufbewahrt hatte, zu dem die Magd den Schlüssel in der Rocktasche bei sich trug. –
Gleich darauf sagte die Schnabel wieder: „Jetzt drückts mich auch im anderen Strumpf“; aus diesem zog sie einen Wollknäuel. Die Friederin aber soll gesagt haben: „Ich mag das Mädchen nimmer auf den Hof lassen, denn ich weiß ja nicht, ob sie nicht auch mein Börsel einmal im Strumpf hat.“
3) Der Spinnrocken
Frau Weigandt erzählt dem P. Dr. Schön, wie sie einmal beim Rauchen oben war in der Stube, wo gerade gesponnen wurde. Plötzlich hob sich das Spinnrad und schwebte langsam bis zur Decke hinauf, dann senkte es sich wieder langsam. Ein zweites Mal hob sich das Spinnrad und fährt dann mit solcher Wucht auf den Boden auf, dass alle Teile des Spinnrades auseinanderfliegen und das Werg in alle Winkel auseinanderstiebt,
4) Der „Gottfried“-Spuk in Wald
Am 3.II. und am 27.III. erzählte uns Herr Moisi dies Faktum. Vor 35 Jahren sah man in Wald (Ob.Steiemark) bei einem protestantischen Bauern, wie sich Löffel und Gabel und Glas so bewegten, wie es beim Essen gesch[ieht] – doch sah man keinen Esser, hörte aber das Schlucken und Schlingen. Man fragte, wer da sei. Antwort: „Gottfried“. „Wo bist du denn her?“ „Von Italien bin ich hierher verbannt.“ So erhielt man Auskunft auf alle gestellten Fragen. Bevor der Spuk verschwand, versicherte er noch, dass er in 35 Jahren wieder kommen werde.
Im Herbst 1923 traten wieder dieselben Erscheinungen auf, verschwan­den aber bald wieder.“