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Monika Sccala: Was ist Exorzimus GW 62(2013) 4, 291-333

Monika Scala: Wissen Sie, was Exorzismus ist?

MONIKA SCALA

WISSEN SIE, WAS EXORZISMUS IST?
Liturgiehistorische Nachforschungen anhand von Textquellen

Dr. Monika Scala, Studium der katholischen Theologie in Graz, Assistentin und Promotion am  Institut für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Universität Wien, Habilitationsprojekt über die Liturgische Erneuerungsbewegung in Österreich und Pius-Parsch-Forschung.
Die ausführlichere Buchpublikation zu diesem Thema: Der Exorzismus in der Katholischen Kirche. Ein liturgisches Ritual zwischen Film, Mythos und Realität. Studien zur Pastoralliturgie. Band 29 (StPaLi 29). Regensburg: Pustet, 2012.

I. HINFÜHRUNG UND BEGRIFFSERKLÄRUNGEN

1. Bilder und Vorstellungen aus Horrorfilmszenarien

Die Vorstellungen vom Ritual des Exorzismus der katholischen Kirche werden heutzutage meist mit Bildern und Eindrücken aus einschlägigen Kinofilmen assoziiert, die vorwiegend dem Horrorgenre zuzuordnen sind. Allen voran The Exorcist (Der Exorzist, USA 1973, Regie: William Friedkin)1, der „erste populäre Horrorfilm, der von Exorzisten und bösen Mächten handelt“2 und der mit seinen „realistisch wirkenden Spezialeffekten ... tiefsitzende Schichten des Unbewussten“ anz usprechen und „namenlose Ängste“ freizusetzen schien, denn „der Film brach Zuschauerrekorde und löste so viele Anfälle von Hysterie aus, dass in einigen Großstadtkinos Krankenschwestern bereitstanden. Kinobesucher fielen in Ohnmacht oder mussten sich übergeben. Viele Menschen bemühten sich um psychiatrische Hilfe, um Ängste loszuwerden, die sie sich nicht erklären konnten. Psychiater begannen über Fälle von ‚Kino-Neurose‘ zu schreiben“3. Die für die Siebzigerjahre einzigartigen und daher preisgekrönten Special Effects wie die Kopfrotation um die eigene Achse, das in der Luft frei schwebende Abheben des Körpers oder der Rückwärtsgang des Mädchens auf allen Vieren die Vorzimmertreppe hinab, aber auch das wenig ansehnliche Speien von grünem Schleim in Übermengen, die obszönen Blasphemien der Besessenen mit dem  Kruzifix und schließlich die von gruseligen Make-ups und schockierenden Lichteffekten begleiteten Inszenierungen regten nicht nur die Phantasien der damaligen Kinobesucher an, sondern beeinflussten nachhaltig die Auffassungen über Exorzismus und Besessenheit bis in die Gegenwart. Vordergründig prägen sich die Bilder auf der Leinwand stärker in das Bewusstsein als die ernsten theologischen Anliegen dahinter, worin es um den Kampf von Gut und Böse geht, der in dieser Welt stattfindet, um die innerweltliche Existenz des Bösen überhaupt, aber auch um die Macht des übernatürlichen Glaubens sowie um die Tugenden eines Priesters und die transzendente Autorität der Kirche. Es ist daher nicht von vornherein auszuschließen, dass The Exorcist für zumindest christliche, religiöse oder spirituelle Zuseher nicht mehr sein kann als bloß ein Horrorgenre der besonderen Art, sondern ganz im Gegenteil die äußerst dramatische Darstellung einer ebenso ungewöhnlichen wie unbehaglichen Realität.4 Hautnah und dennoch aus sicherer Distanz kann auf der Leinwand mitvollzogen werden, wie völlig unvermutet, allmählich und beinahe unbemerkt das Böse Einzug hält in die bürgerliche Gesellschaft der westlichen zivilisierten Welt und alles, was vorher in Ordnung gewesen zu sein schien, auf archaische Art und Weise in Unordnung bringt, einhergehend mit einer Umkehrung der Werte, einer Perversion: Frömmigkeit wird zu Unglauben, Zärtlichkeit zu Gewalt, Liebe zu Hass, Unschuld zu Schuld, das Geweihte zum Entweihten, das Opfer zum Täter und das Leben zum Tod. Ungefähr vierzig Minuten, das sind rund ein Drittel der gesamten Länge, beschäftigt sich der Film ausschließlich mit dem Ritual des Exorzismus. Zwei Priester versuchen anhand des liturgischen Rituals mit seinen normierten und fixierten Handlungen das dämonische Chaos an die heilenden und heiligenden  Ritualisierungen zu binden, um die Kontrolle wiederzuerlangen und es schließlich in die göttliche Ordnung im Sinne der ursprünglichen Schöpfungsordnung zurückzuzwingen. Unter Beiziehen von fachlicher Beratung durch Priester und Theologen des Jesuitenordens hat der Regisseur William Friedkin die vielseitige Problematik um das Phänomen Besessenheit und Exorzismus möglichst wirklichkeitsnah („as realistic as possible“) aufzuzeigen versucht.

2. „Wissen Sie, was Exorzismus ist?“

Diese Frage stellt einer der Psychiater in The Exorcist der Mutter am Ende einer langen Serie von ebenso mühevollen wie ergebnislosen medizinischen Untersuchungen an der leidenden Tochter und beantwortet sie selbst als „ein religiöses Ritual, in dem ein Rabbi oder Priester den in den Körper eingedrungenen Geist auszutreiben versucht. – Eine fragwürdige Angelegenheit, außer bei Katholiken, die sie etwas schamhaft versteckt halten, weil sie ihnen vermutlich peinlich ist. Aber es hat tatsächlich manchmal gewirkt, allerdings nicht aus dem Grund, den die Geistlichen sich einbilden. Es war nichts als die Kraft der Suggestion. So wie der Glaube des Opfers an die Besessenheit diese Besessenheit verursacht, kann im Gegenzug der Glaube an die Wirkung des Exorzismus sie auch wieder beseitigen“5. Hier wird der Exorzismus als religiöses Ritual vorgestellt, das alternativ zur medizinischen Ratlosigkeit quasi ärztlich durchaus empfehlenswert und, wenn auch unter Vorbehalt, so dennoch unter gewissen Umständen sogar wirkungsvoll sein kann. Ebenso richtig wie wichtig wird schon darauf hingewiesen, dass dieses Ritual nur ein Priester durchführt und zwar mit der Absicht, den eingedrungenen Geist aus dem Körper auszutreiben. Außerdem thematisiert diese filmische Erklärung einen weiteren Sachverhalt, nämlich dass der Exorzismus in den entsprechenden Kreisen tabuisiert wird, als ob es etwas Schämenswertes oder Peinliches wäre. Auch das entspricht weitgehend der Realität, obwohl, wie die eingehende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Exorzismusritus zeigt, es rein von der Sache her kaum Anlass dazu gäbe.


3. Was die Katholische Kirche unter Exorzismus versteht

Exorzismus heißt nach dem älteren Kanonischen Recht (CIC 1917) „ein im Namen Gottes oder Jesu an den Teufel gerichteter Befehl, Menschen oder Gegenstände zu verlassen oder sich eines schädigenden Einflusses auf diese zu enthalten“6. Um einer magischen Deutung dieser Definition entgegenzuwirken, versucht ein neuerer Kommentar zum gegenwärtig gültigen katholischen Kirchenrecht (CIC 1983) das Verständnis von Exorzismus anders auszudrücken, nämlich als „das eindringliche Gebet der Kirche, Gott möge einen vom Bösen in ungewöhnlicher Weise bedrängten Menschen durch die Erlösungstat Jesu Christi von dieser Bedrängnis befreien“7. Während das ältere Kirchenrecht den Akzent auf die Eigenschaft des Befehls gelegt hat, hebt das neuere Verständnis stärker den Charakter des fürbittlichen Gebets beim Exorzismus hervor, was eher dem Wesen der Sakramentalien entspricht, denen der Exorzismus zuzurechnen ist. Unter den Sakramentalien werden „verschiedene liturgische Handlungen wie Kreuzverehrung, Fußwaschung, der gläubige Gebrauch von Weihwasser, Prozessionen, Bittgänge, das kirchliche Begräbnis, Exorzismen und vor allem die Weihungen und Segnungen unterschiedlicher Art“8 verstanden.

 Im Katechismus spricht die Katholische Kirche von einem Exorzismus, wenn „die Kirche öffentlich oder autoritativ im Namen Jesu Christi darum betet, dass eine Person oder ein Gegenstand vor der Macht des bösen Feindes beschützt und seiner Herrschaft entrissen wird“9 und er dient dazu, „Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien und zwar kraft der geistigen Autorität, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat“10. Ganz allgemein oder auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, meint Exorzismus schlicht die „rituelle Vertreibung oder Verbannung böser Mächte oder Geister aus Personen, Lebewesen oder Gegenständen“11 und zwar „mithilfe bindender Vergegenwärtigung überlegener Gegenkräfte“ mit dem Zweck, „seelische bzw. als beseelt aufgefasste leibliche Leiden, die als rational weder erklärbar noch heilbar gelten, zu beseitigen oder abzuwehren“12.

 Nach der kirchlichen Tradition werden drei Arten von Exorzismen unterschieden: 1) Exorzismus im strengen Sinne zur Befreiung einer vom Teufel besessenen Person bzw. Exorzismus über Energumene (Besessene); 2) Taufexorzismen zum Zeichen für das Ende des Einflusses des Teufels auf die menschliche Seele vor der Taufe; 3) Sachbeschwörungen zur Abwehr schädlicher Einflüsse des Teufels auf Dinge und Gegenstände.13

 Sowohl kirchenrechtlich als auch liturgiewissenschaftlich erfolgt eine weitere Differenzierung in den Großen Exorzismus und die kleinen Exorzismen sowie in die Gebete zur Befreiung vom Bösen. Der feierliche Große Exorzismus „richtet sich gegen die dämonische Besessenheit eines Menschen, d. i. die gewaltsame Besitzergreifung vom Leibe und den niederen Seelenkräften eines Menschen durch einen bösen Geist.“14 Die kleinen Exorzismen sind die „bei der Taufspendung sowie bei Weihungen und Segnungen vorkommenden Teufelsbeschwörungen, besonders bei der Weihwasserweihe, der Salzweihe und der Weihe der heiligen Öle. Sie wollen der durch die Ursünde heraufbeschworenen Herrschaft des Teufels über die Welt begegnen“15. Der „Exorzismus gegen den Satan und die abtrünnigen Engel“ von Papst Leo xiii. († 1903) wurde seit 1925 als „Der Kleine Exorzismus“ dem Großen Exorzismusritual als „Kapitel III“ hinzugefügt.16 Dagegen wurden die kleinen Exorzismen in der heutigen Erwachsenentaufe in „Gebete um Befreiung“17 umbenannt.

 Eine weitere liturgietheologische Unterscheidung der Exorzismen erfolgt nach deren Ausrichtung. Exorzistische Gebete, die an die bösen Geister gerichtet sind und diesen in direkter Befehlsform gebieten, aus der besessenen Person, einem anderen Lebewesen oder einem Gegenstand auszufahren, werden entsprechend „imprekatorische bzw. imperativische Exorzismen“ genannt. Jene Gebete, die sich mit der flehentlichen Bitte um Hilfe zur Befreiung vom Bösen an Gott selbst richten, heißen „deprekatorische bzw. deprekative Exorzismen“18.


4. Etymologische Begriffsklärungen

a) Exorzismus – exorzisieren – Exorzist

Der Terminus Exorzismus entspricht dem griechischen ἐξορκισμòς, das sich etymologisch vom Verb ἐξορκίζω herleiten lässt und eine dreifache Bedeutung haben kann: a) schwören lassen; an einen Eid binden; b) beschwören; eindringlich anrufen; c) exorzisieren; austreiben; vom bösen Geist befreien.19 Zur selben Wortverwandtschaft gehören ferner das griechische Substantiv ὅρκος, das den Eid bzw. einen Gegenstand bezeichnet, bei dem man schwört, und ebenso das Verb ὁρκίζω mit der Bedeutung schwören lassen oder beschwören,20 woraufhin ἐξορκίζω auch wörtlich mit „herausbeschwören“21 wiedergegeben werden kann. Das lateinische exorcizare entspricht in seiner Bedeutung weitgehend dem griechischen ἐξορκίζω im Sinne von „beschwören“ und bleibt in den lateinischen Beschwörungsriten für Sachen lange erhalten.22 Das lateinische Substantiv exorcismus kann zwar ebenso mit „Beschwörung“23 übersetzt werden, wird im Christentum aber zunehmend zum terminus technicus für die „spezielle Bedeutung einer Beschwörung mit dem Ziel der Teufelsaustreibung“24. Der exorcista oder ἐξορκιστής ist demnach entweder der Beschwörer, der Exorzist oder der Teufelsaustreiber.

b) Besessenheit – besessen sein – Besessener

Unter Besessenheit wird seit der sowohl heidnischen wie christlichen Antike jener Zustand verstanden, „in den der Mensch gerät, wenn eine höhere Macht in seinen Körper hineinfährt“, wobei er „zeitweilig völlig vom Geist des Gottes oder Dämons erfüllt“25 wird. Die Bezeichnungen für Besessene ergeben verschiedene Assoziationen: κατεχόμενος ist einer, der in Besitz genommen ist; μετέχων heißt jemand, der Anteil hat (an der höheren Macht); als wirksam, ἐνεργής , erweist sich einer, der ἐνεργούμενος , Energumene,26 ist. Im frühen Christentum wird ein Kranker als Energumene bezeichnet, in dem sich „nach damaliger Anschauung eine dämonische Kraft wirksam zeigt (ἐνεργει)“, sei es in Form eines epileptischen oder auch Gemütsleidens. Die Kirche kannte schon bald das fürsorgliche „flehentliche Gebet“ für die Energumenen im Rahmen der Gemeindeliturgie.27

 Lange Zeit galt die Vorstellung vom Vorgang des Besessen-Werdens durch das Hineinfahren, der εἴσκρισις , des Dämons bzw. der Dämonen durch die Körperöffnungen, vornehmlich der weiblichen Geschlechtsorgane oder des Mundes beim Atemholen oder Essen von gewissen Speisen, weshalb das Fasten zur Abwehr empfohlen wurde.28 Besessenheit erfolgt grundsätzlich wider Willen entweder als Vorstufe in Form einer belästigenden Um-/Belagerung, circumsessio, bzw. völlige Einschließung, obsessio, durch Dämonen von außen oder aber als Zustand innerer Besitzergreifung, die eigentliche manifestierte possessio daemonum.29 Die rituelle Heilung von Besessenheit geschieht seit Jahrtausenden durch den Exorzismus.

 Auch in der heutigen medizinischen Sprache ist der Begriff der Besessenheit noch immer präsent und anerkannt. Die WHO klassifiziert „Trance- und Besessenheitszustände“ als „Störungen, bei denen ein zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung auftritt; in einigen Fällen verhält sich ein Mensch so, als ob er von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer ‚Kraft‘ beherrscht wird. Aufmerksamkeit und Bewusstsein können auf nur ein oder zwei Aspekte der unmittelbaren Umgebung begrenzt und konzentriert sein, und häufig findet sich eine eingeschränkte, aber wiederholte Folge von Bewegungen, Stellungen und Äußerungen“ (ICD-10 F 44.3).30

c) Satan – Teufel – der bzw. das Böse

Das hebräische Wort śāṭān ןטשּ ist die Bezeichnung für den Widersacher31 im Sinne vom Gegner im Krieg bzw. vor Gericht sowie allgemein für denjenigen, der Hindernisse in den Weg legt oder zur Sünde reizt.32 In der Kombination mit dem bestimmten Artikel „ha“ (ה) zu haśāṭān ןטשּה 33 stellt die hebräische Bibel den Satan als „ein übermenschliches Wesen“ vor, „das die Menschen schonungslos bei Gott anklagt“34. Das entsprechende Verb mit der Wurzel
ןטשׂ bringt im Hebräischen das Gefühl des (durch Anklagen) angefeindet-Seins bzw. feindlich-gesinnt-Seins zum Ausdruck.35 Vom hebräischen Wort wird das ähnlich lautende griechische σατᾱν bzw. σατανᾱς 36 abgeleitet, das in deutschen Übersetzungen getreu mit Satan, aber ebenso mit Widersacher oder Teufel wiedergegeben wird.37 Häufiger verwendet der griechische Bibeltext allerdings den Begriff διάβολος , der zwar im Deutschen ebenso mit Satan (1 Chr 21,1)38, Feind (Est 7,4), Ankläger (Ps 108,6) und öfter noch mit Teufel (Mt 4,5)39 übersetzt wird, aber eigentlich mit der διαβολή , der Verleumdung40, in Zusammenhang steht und daher auch den Aspekt des Verleumders ins Spiel bringt. In diesem Sinne steht auch das verwandte Verb διαβάλλειν für durcheinanderwerfen, verleumden, verhasst machen, täuschen, betrügen oder Ähnliches mehr.41 Dieser Bedeutung entspricht exakt der kirchenlateinische Ausdruck diabolus42, der selbst im deutschen Wortlaut Teufel noch weiterklingt. Daneben kennt selbstverständlich auch das Lateinische noch die Ableitung aus dem Hebräischen und verwendet das Lehnwort satanas43.

 Der Begriff Böse bzw. böse bezeichnet aus physischer Sicht entweder einen körperlich allgemein schlechten Zustand oder eine schmerzvolle und ernste Krankheit.44 Aus ethischer Perspektive impliziert es Aussagen über charakterliche Eigenschaften einer Person, die boshaft, bösartig, sittlich herabgekommen, arrogant bzw. neidisch ist.45  Das Böse τò πονηρòν bzw. τò κακόν (lateinisch malum; hebräisch עדה)46 und der Böse ὁ πονηρòς bzw. (lateinisch malus, malignus, nequam, nequissimus)47 werden im Griechischen nicht nur dem Wort nach, sondern auch der Bedeutung nach unterschieden. Während das Böse meist im ethischen Gegensatz zum Guten gesehen wird48, figuriert der Böse eine einzelne böse Macht, sei es in der Person eines bösen Menschen, in einem übermenschlichen Wesen oder im Teufel selbst.

d) Dämonen

Obwohl Engel ἄγγελος (angelos) und Dämon δαιμόνιον (daemonium) / δαίμων (daemon) grundsätzlich voneinander verschieden sind, werden die Begriffe vor allem von antiken Schriftstellern mitunter synonym verwendet. Dämonen entstehen als Nachkommen des so genannten „gefallenen Engels“, „der Satan oder der Teufel genannt wird“49, und bringen das Böse in die Welt. Da Gott alles „sehr gut“50 erschaffen hat, hat er auch die Engel „ihrer Natur nach“51 gut erschaffen, bis einige von ihnen selbstüberheblich gegen Gott rebelliert haben52, entweder „aus Neid“53 auf die Menschen, deren Diener sie sind, oder weil sie sich „Menschentöchter zur Frau genommen haben“54. Die Umwelt der griechisch-heidnischen Antike hält Dämonen für Mittelwesen zwischen Göttern und Menschen, welche die kosmischen Vorgänge und menschlichen Schicksale „positiv oder negativ“55 lenken, die mit ihrer „oft grauenhaften Mächtigkeit das Menschenschicksal beeinflussen und die man deshalb auch durch Beschwörung und Magie zu bewältigen sucht“56. Das Judentum und auch das frühe Christentum übernehmen dieses Gedankengut in
einer vorwiegend nur noch ins Negative veränderten Form, indem sie unter Dämonen ausschließlich böse Geistwesen57 verstehen, „Kräfte des an sich unbegründeten Widerstandes gegen die kommende Gottesherrschaft“, „unreine Geister“58 bzw. „die geheimnisvolle Macht des Bösen in der von Gott als gut erschaffenen Welt“59, welche die Menschen mit Krankheiten und Besessenheiten schädigen und bedrohen.


II: BIBLISCHE ÜBERLIEFERUNGEN VON SATEN
BESESSENEIT UND EXORZISMUS

Nach der biblischen apokalyptischen Vision ist im Himmel ein Kampf um den Aufbau des kommenden Gottesreiches zwischen dem Erzengel Michael mit der Engelschar auf seiner Seite und dem Satan mit dem Dämonenheer auf der anderen Seite entfacht, ein Kampf, der mit dem Kommen Jesu Christi begonnen hat, im Sieg über Sünde und Tod durch Kreuz und Auferstehung bereits entschieden wurde und in der Wiederkunft des Herrn zur Vollendung gebracht werden wird (vgl. Offb 12,7–12)60. Die Kirche sieht sich in der Nachfolge Christi zur kontinuierlichen Fortführung dieses Kampfes verpflichtet (vgl. Mt 10,7f)61 und führt die Exorzismen aus der Überzeugung heraus durch, dass keiner „jemals von der Herrschaft des Teufels befreit wurde, es sei denn durch den Glauben an den Mittler zwischen Gott und den Menschen, unseren Herrn Jesus Christus“ (DH 1347)62.

1. Altes Testament

Entsprechende Untersuchungen der alttestamentlichen Terminologie verstärken den befehlsgewaltigen Aspekt des „Exorzismus“ von seiner Etymologie her, bei gleichzeitiger Betonung von Satans Unterlegenheit. Zahlreiche Textbeispiele unterstreichen das Verb „exorzisieren“ in seiner Bedeutung eines beschwörenden Befehls im Sinne einer performativen Sprechhandlung, wonach das explizit ausgesprochene Verb des Schwörens bzw. Beschwörens
עבשׁ / ἐξορκίζω / ὁρκίζω / adiuro) den geleisteten Eid impliziert, sodass die verbale Äußerung zugleich den Vollzug der Handlung voraussetzt:63

Textbeispiel: Gen 24,1–67

1 Abraham war alt und hochbetagt; der Herr hatte ihn mit allem gesegnet.  2 Eines Tages sagte er zum Großknecht seines Hauses, der seinen ganzen Besitz verwaltete: Leg deine Hand unter meine Hüfte!  3 Ich will dir einen Eid beim Herrn, dem Gott des Himmels und der Erde, abnehmen (ἐξορκιϖ σε / ךּצּיִבּשׁאַוּ / ut adiurem te), dass du meinem Sohn keine Frau von den Töchtern der Kanaaniter nimmst, unter denen ich wohne.  4 Du sollst vielmehr in meine Heimat zu meiner Verwandtschaft reisen und eine Frau für meinen Sohn Isaak holen … 9 Da legte der Knecht seine Hand unter die Hüfte seines Herrn Abraham und leistete ihm in dieser Sache den Eid. 10 Der Knecht nahm zehn von den Kamelen seines Herrn und machte sich mit allerlei kostbaren Sachen aus dem Besitz seines Herrn auf die Reise … 61 Der Knecht nahm Rebekka mit und trat die Rückreise an.

Dieser Text zeigt, dass im Alten Testament der griechische Ausdruck für Beschwören ἐξορκίζω bzw. ὁρκίζω, ähnlich wie das hebräische עכשׁ (šbʼ)64 und ebenso das lateinische adiuro, eine charakterisierende Eigenschaft beinhaltet, wonach das Subjekt ein Objekt veranlasst, unverzüglich eine Aktion zu initiieren und vollständig auszuführen. Der vor Gott geschworene Eid nimmt den bzw. die „Beschworenen“ oder „schwören Gelassenen“ in die unweigerliche
Pflicht zum Gehorsam. In der Berufung auf Gott lässt diese Art von Beschwörung keinen Handlungsspielraum, sondern wird zur verbindlichen Vorschrift. „Exorzisieren“ bedeutet demnach höchstens im weiteren Sinne „herausbeschwören“, „vertreiben“ oder „austreiben“, im engeren Sinne bezeichnet es vielmehr den auf Gott berufenen Befehl eines stellvertretenden Vorgesetzten an einen Untergebenen mit dem Effekt eines performativen Sprechaktes65, also einer Handlung, die allein durch das Aussprechen einer Äußerung vollzogen wird.66

 An drei markanten Stellen des Alten Testaments tritt der Satan als Anstifter zum Bösen (1 Chr 21,1) bzw. in der Funktion des teuflischen Anklägers (Ijob 1,6–12; 2,1–7; Sach 3,1–7) in Erscheinung. Im letzteren Fall erfährt er durch JHWH eine wirkmächtige drohende Zurechtweisung (רענּ / ἐπιτιμάω / increpare), die später im Zuge von Jesu Exorzismus in der Synagoge von Kafarnaum (Mk 1,25; par Lk 4,35) eine Parallele erhält:

Textbeispiel: Sach 3,2

2 Der Engel des Herrn sagte zum Satan: Der Herr weise dich in die Schranken, Satan; ja, der Herr, der Jerusalem auserwählt hat, weise dich in die Schranken (ןטּשּׁﬨ ךּכּ ﬨוּﬨיִ / ἐπιτιμήσαι κύριος ἐν σοί διάβολε / increpet Dominus in te Satan).

Die hebräische Verbwurzel ﬢﬠנ meint „jemanden anschreien, schelten“ und im Sinne von Gott her: „Bedrohen, besonders um abzuwehren“67. Der griechische Septuagintatext verwendet hierfür den Ausdruck ἐπιτιμάω mit der Bedeutung von schelten, anfahren, drohen, dem das lateinische increpare entspricht, das in den liturgischen Texten der Römischen Kirche für den Exorzismus bis zur Gegenwart erhalten bleibt.

2. Neues Testament

Die Exorzismen Jesu in den synoptischen Evangelien präsentieren sich als Kampf gegen Satan und seine dämonischen Mächte mit dem Ziel, deren Herrschaft ein Ende zu bereiten und stattdessen die Herrschaft Gottes zu errichten. Mit dem Kommen des Gottessohnes ist das Reich Gottes (βασιλεία  τοŪ   θεοŪ) und damit das eschatologische Zeitalter bereits angebrochen, denn Jesus „sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Lk 10,18). Jesu Verkündigung von der Basileia ist begleitet von seinen machtvollen Heilstaten, allen voran den Exorzismen, denn, wenn er durch den „Finger“ bzw. „Geist Gottes“ die Dämonen austreibt, ist das Reich Gottes schon gekommen (vgl. Lk 11,20; Mt 12,28). Eine Analyse der einzelnen Dämonenaustreibungen durch Jesus nach dem Markusevangelium weist ein klassisches Schema (Der Exorzismus in der Synagoge von Kafarnaum, Mk 1,21–28) für die Gattung von Exorzismuserzählungen auf, das aus den charakteristischen Elementen besteht: Begegnung (Exorzist, Dämon) – Gegenwehr (Dämon) – Drohung (Exorzist) – Schweigegebot (Exorzist) – Ausfahrbefehl (Exorzist) – Ausfahrt (Dämon) – Staunen (Volksmenge) – Chorschluss (Volksmenge) – Verbreitungsnotiz (Erzähler). Davon abweichende Elemente wie eine genaue Beschreibung des Krankheitsbildes, die Namenerfragung des Dämons, die Konzessionsbitte des Dämons und die Einfahrerlaubnis mit einem abschließenden Verkündigungsauftrag Jesu an den Geheilten (vgl. Der Besessene von Gerasa, Mk 5,1–20) oder aber auch ein Glaubensbekenntnis des um einen Exorzismus Bittenden, das Verbot der Wiedereinfahrt und eine Jüngerbelehrung (vgl. Der „von einem Geist“ besessene Knabe, Mk 9,14–29) entsprechen dem jeweiligen spezifischen Kontext bzw. der Intention einer Exorzismuserzählung und können von der nachchristlichen Bearbeitung entweder wie im ersten Fall missionarisch oder wie im zweiten Fall christologisch geprägt sein. Eine besondere Form innerhalb der Gattung nimmt die Fernexorzismuserzählung von der besessenen Tochter der Syrophönizierin (Mk 7,24 –30) ein, in der die Mutter stellvertretend für die Tochter um einen Exorzismus bittet (Mk 7,26).

 Besondere Beachtung in diesem Zusammenhang verdient der Vorwurf an Jesus seitens der Schriftgelehrten, er selbst sei vom Beelzebul besessen und treibe mit dessen Hilfe die Dämonen aus (Mk 3,22–30 parr), den Jesus zurückweist und mit Gleichnissen ad absurdum führt, indem er argumentiert, dank der Kraft Gottes der „Stärkere“ (vgl. Lk 11,22) zu sein. Sowie Jesu eigenes Wirken als Verkündigung, Heilung und Exorzisieren zu seinem Leben gehört, überträgt er dieselbe Kraft (δύναμις) und Vollmacht (ἐξουσία) an seine Jünger, damit auch sie „in seinem Namen Dämonen austreiben“ (vgl. Mk 16,17).

 Die synoptischen Evangelien nennen am häufigsten Dämonen, danach Satan, Beelzebul, den Teufel sowie unreine, böse, stumme und taube Geister als Ursachen für Besessenheiten, die sich in unterschiedlichen Krankheitsbildern äußern. Jesus treibt sie alle aus (ἐκβάλλω / eicere) entweder mit dem vollmächtigen Wort (λόγῳ / verbo), der göttlichen Vollmacht und Kraft (ἐν ἐξουσίᾳ καὶ δυνάμει / in potestate et virtute) oder durch den Geist (ἐν πνεύματι θεοῡ / in Spiritu Dei) bzw. durch den Finger Gottes (ἐν δακτύλῳ θεοῡ / in digito Dei), keinesfalls jedoch mit Beelzebul, dem Anführer der Dämonen.

 Nach alttestamentlicher Tradition droht (ἐπιτιμάω / increpare) und befiehlt (ἐπιτάσσω / imperare) Jesus dem Satan und den Dämonen, den Gequälten zu verlassen oder zu fliehen (ἐξέρχομαι / exire) und die bösen Geister gehorchen (ὑπακούω / oboedire) ihm. Das Ausfahren (Apopompé) geschieht unter Widerstand mit Zerren und Hin-und-Her-Zerren (σπαράσσω / discerpere) des Besessenen, begleitet von lautem Geschrei (ϕωνέω ϕωνῇ μεγάλῃ / exclamare voce magna) und manchmal mit der Bitte um die Erlaubnis (ἐπιτρέπω / concedere), anderswo einfahren (εἰσέρχομαι / introire) zu dürfen (Epipompé).

 Die Befreiung von Dämonen kann wie die Befreiung von Krankheiten als Heilung (θεραπεύω / ἰάομαι / sanare / curare) und Rettung (σῴζω / salvare) aufgefasst werden. Das Gelingen des angestrebten Erfolgs wird in Abhängigkeit des Glaubens (πιστεύω / credere) sowohl der um Hilfe Bittenden wie auch Gebetenen gestellt. Glaube (πίστις / fides) und Gebet (προσευχή / oratio) erweisen sich für die Austreibung von Dämonen oder die Befreiung von Krankheiten als maßgebliche Parameter für das rettende Heil (σωτηρία / salus).


III. FRÜHCHRISTLICHE EXORZISMUSTEXTE
UND DAS RÖMISCHE RITUALE

1. Die Kirchenordnungen Apostolische Konstitutionen
(Apost. Konst., 4. Jh.) und Testamentum Domini (T. Dom., 5. Jh.)

Die ältesten erhaltenen, frühchristlichen Kirchenordnungen erbringen einhellig den Nachweis für die ab dem 3. Jh. übliche Praxis der Durchführung von Exorzismen zur Eingliederung in die christliche Gemeinde.68 Die Exorzismen werden von den Katecheten an den Taufwerbern während deren dreijähriger Unterweisung in regelmäßigen Abständen und in den letzten vierzig Tagen der Fastenzeit vor Ostern sogar täglich vorgenommen. Vor dem eigentlichen Taufritus am Ostermorgen exorzisiert der Bischof selbst die Kandidaten. Die Exorzismen über Wasser, Öl und Salz, die Absage an den Teufel (Abrenuntiation) mit der anschließenden präbaptismalen Salbung mit dem Exorzismusöl sowie das Credo während der Wassertaufe mit der darauffolgenden postbaptismalen Salbung mit dem eucharistischen (Chrisam-)Öl sind spätestens ab dem 3. Jh. nachweislich konstitutive Bestandteile des Taufritus.

 Die Apostolischen Konstitutionen (4. Jh.) überliefern ein Gebetsformular für die Energumenen zur Befreiung vom Bösen, das der Diakon in der liturgischen Feier gemeinsam mit der gläubigen Gemeinde an Gott richtet.69 Das Testamentum Domini (5. Jh.) unterscheidet zwischen den an Katechumenen einzeln durchgeführten Exorzismen der Katecheten und dem im Taufritus für die Katechumenen an Gott gerichteten kollektiven Exorzismusformular des Bischofs. Es gibt die ersten Hinweise auf eine Differenzierung von Exorzismen über Katechumenen und Exorzismen über Energumenen und dient zugleich als Textquelle für eines der frühesten Exorzismusformulare:

Testamentum Domini (5. Jh.)70

Exorzismus vor der Taufe
(T. Dom. 2,7)

Exorcismus ante baptismum
(T. Dom. 2,7)

Durch deinen Namen, Herr, allmächtiger Gott
und deines geliebten Sohnes Jesu Christi, beschwöre ich diese:
Vertreibe aus den Seelen dieser deiner Diener
alles Leiden und Krankheit, jeden Anstoß
und jeden Unglauben, jeden Zweifel, jede
Verachtung, jeden noch so unreinen Geist,
jedes magische und tödliche Werk, das unter
der Erde feurig, dunkel, übelriechend, verzaubernd
und wollüstig besteht, die anmaßende
Begierde nach Gold, und rasende Geldgier.
Ja, Herr Gott, mache, dass von diesen deinen
Dienern, deren Namen in dir eingeschrieben
sind, die Waffen des Satansweichen.
Ja, Herr, erhöre mich und hauche in diese
deine Diener den Geist des Friedens, damit
sie von dir bewacht, … weil sie für dich Diener
im Namen Jesu Christi
genannt werden,
da sie auf die Dreieinigkeit, im Namen des
Vaters und des Sohnes und des heiligen
Geistes
getauft werden …
bewahre ihre Herzen, Gott, weil du mächtig
und ruhmvoll bist von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Und das gesamte Volk und die Priester sagen:
Amen, so sei es, so sei es, so sei es.

Per nomen tuum, Domine, Deus omnipotens
dilectique Filii tui Jesu Christi
hosce exorcizo:
Depelle ex animabus horum tuorum famulorum
omnem morbum et aegritudinem, omne
scandalum et omnem infidelitatem, omnem
contemptionem, quemvis spiritum immun-
dum
, omnem operam magicam et mortiferam,
quae sub terra ignea, tenebrosa, graveolente,
incantatrice, et voluptuosa subsistit, auri cupidinemarrogantem,
argentique furentem.
Sane, Domine Deus, cessare fac a servis
hisce tuis, qui in te nominati sunt, satanae
arma,…
Sane, Domine, exaudi me et in hosce
famulos tuos insuffla spiritum pacis, ut a te
custoditi … quoniam tibi vocati sunt
servi in nomine Jesu Christi,
cum in Trinitate,
in nomine Patris et Filii et
Spiritus sancti
baptizantur …
custodi corda ipsorum, Deus, quoniam fortis
et gloriosus es per omnia saecula saeculorum.
Universus populus et sacerdotes dicant:
Amen, fiat, fiat, fiat.

Unmittelbar an dieses Gebet schließt eine Bemerkung an, welche die Absonderung eines jeden Taufkandidaten anordnet (a diaconis abscondatur), der, „während der Bischof den Exorzismus spricht (dum episcopus exorcismum profert)“, gequält wird (exagitetur), plötzlich sich erhebt und weint (repenteque exsurgens fleat) oder laut schreit (clamitet), schäumt (spumet), mit den Zähnen knirscht (dentes frendat), zudringlich schaut (procaciter adspiciat), sich stark emporhebt (admodum se extollat) oder von plötzlicher Eingebung gepackt flieht (celeri impetu abreptus evadat). Beiseitegenommen, um nicht Aufsehen zu erregen, soll dieser von den Priestern exorzisiert werden, bis er rein geworden ist und danach möge er getauft werden (qui eiusmodi fuerit, exorcizetur a sacerdotibus, donec mundetur et tum baptizetur). Erst nachdem der Priester alle Kandidaten exorzisiert hat (exorcizaverit eos), auch den, der unrein (immundus) gewesen ist, möge er sie anhauchen (insufflet in ipsos), ihnen auf Stirn, Nase, Herz und Ohren das Kreuzzeichen machen, um sie so gemäß der Ordnung für die Taufe bereit zu machen.71


2. Die Sakramentare Altgelasianum (GeV, 8. Jh.)
und Römisch-Germanisches Pontifikale (PRG, 10. Jh.)

Seit dem 7./8. Jahrhundert entwickelte sich in den Kirchen des Westens ein reges Schrifttum, das zur Ausbildung und Verbreitung der liturgischen Praxis entscheidend beigetragen hat. Vor allem um die Liturgie im Reich der Karolinger zu vereinheitlichen, wurden vereinzelte Ordnungen für den Ablauf der Liturgie gesammelt und zu kleinen Heftchen, den Libelli, zusammengebunden. Sie bildeten die Vorläufer der Sakramentare im eigentlichen Sinne, die in Rom ihren Ausgang fanden, wo zum ersten Mal für den Vorsteher der heiligen Messe deren vollständiger Ablauf und deren Formulare wie ein Rollenbuch festgeschrieben wurden. Das Sakramentar (liber sacramentorum oder sacramentarium) ist ein Buch, das für den Zelebranten als Hilfe für die liturgische Praxis bestimmt ist, und enthält dementsprechend sowohl Gebete und Formulare als auch Handlungsanweisungen für den gesamten Jahreszyklus (ordinis anni circuli).72 Das Sacramentarium Gelasianum Vetus („Altgelasianum“ GeV, 8. Jh.) gilt als die „unter allen lateinischen Sakramentarhandschriften bedeutendste“73, was auch für das exorzistisch relevante Quellenmaterial zutrifft, dessen Spuren noch lange weitergetragen werden sollten. Das erste und dritte Buch zitieren jeweils eine Reihe von Sachbeschwörungen über Salz (GeV 288; 1559; 1568), Öl (GeV 389; 617) und Wasser (GeV 604; 607; 1557; 1568), kollektive Exorzismen über Taufkandidaten (GeV 291–298), einzelne Exorzismen an den Täuflingen (GeV 419 – 421), einzelne Exorzismen an besessenen Katechumenen (GeV 593) oder Kindern (GeV 594) und schließlich ein langes Exorzismusformular, das einzeln über Energumenen (GeV 1705 –1725)74 zu sprechen ist. Der Text besteht sowohl aus deprekativen Exorzismen mit an Gott gerichteten Gebeten als auch aus imperativen Exorzismen als an den Teufel direkt gerichtete Befehle, wobei Erstere die Mitte sowie eine Klammer um das Ganze am Anfang und am Ende bilden und Letztere dazwischen den weitaus größeren Umfang einnehmen.

 Das zweite bedeutende Sakramentar, dessen Exorzismustexte in das Rituale Romanum Eingang gefunden haben, ist das Pontificale Romano-Germanicum (PRG; 10. Jh.)75, das Römisch-Deutsche Pontifikale, das nach allgemeiner Formulierung ein „Feierbuch für die bischöfliche, vorwiegend nicht-eucharistische Liturgie im frühen Mittelalter“76 darstellt. Neben einer Reihe von Exorzismen über Wasser, Salz, Öl, Asche, Blumen, Brot und Käse mit den aus dem Altgelasianum bekannten und üblich gewordenen Formeln sind auch einige imperativische Exorzismen über Besessene enthalten, in denen sich die Anrede an den Teufel mit der Formel „Exorcizo te, immunde spiritus …“ (PRG 115 –118)77 bereits durchgesetzt hat. Die an den weiblichen und männlichen Electi getrennt vorgenommenen, kollektiven Exorzismen während der österlichen Bußzeit unterscheiden sich in ihrem Wortlaut kaum von jenen, die aus dem Altgelasianum bekannt sind, und eröffnen ebenfalls mit dem Befehl an den unreinen Geist im Namen der Trinität:

„Exorcizo te, immunde spiritus, in nomine patris et filii et spiritus sancti [/ per patrem et filium et spiritum sanctum], ut exeas et recedas ab hoc famulo [ab hac famula] Dei …“ (PRG 99,103f; 116,1; vgl. GeV 296f).

Das römisch-germanische Pontifikale kennt Exorzismusgebete, „um diesen zu helfen, die vom Dämon geplagt werden (ad succurendum his qui a demonio vexantur)“ (PRG 115). Erstmals werden vorbereitende Handlungsanweisungen an den Priesterexorzisten (sacerdos) mitgeteilt, wonach er den Besessenen vor den Altar (in ecclesiam ante altare) führen und nach seinem Leiden (passio) befragen soll. Er selbst möge sich in einer Prostratio zum Kreuz hinstrecken (prosternat se in crucem), sieben Psalmen singen und Gott in einer vorgeschriebenen Oratio für sich selbst als Sünder (mihi peccatori) um Erhörung bitten. Es folgen ein Sündenbekenntnis, eine Litanei, ein Exorzismus und eine Segnung des Salzes und des Wassers sowohl zur Heilung von Körper, Geist und Seele als auch zur Reinigung von allen Sünden sowie zur Vertreibung von Dämonen und Krankheiten (ad abigendos demones morbosque pellendos) (PRG 115,5 –17). Eingebettet in mehrere Orationen, besprengt der Priester den Besessenen mit der Mischung aus Weihwasser und dem Salz mit der Bitte um Erbarmen (miserere mei; PRG 115,22), legt ihm die Hand auf das Haupt und macht dreimal ein Kreuz, indem er den Exorzismus spricht: „Exi ab eo, Satanas, da locum spiritui sancto paraclyto“ (PRG 115,24). Darauf macht er dreimal zwischen den Schultern das Kreuzzeichen mit der Formel: „Exi foras, spiritus immunde, ab hoc creatura Dei“ (PRG 115,25).

 Orationen, imperativische Exorzismen und Benediktionen wechseln einander ab und den Abschluss bildet ein deprekatorisches, flehentliches Bittgebet an den Herrn Jesus Christus um Erhörung (Obsecro te, domine Iesu Christe … exaudi me, domini …; PRG 115,43). Bekannte Redewendungen wie „Deus ipsi tibi imperat (Gott selbst befiehlt dir)“, „abs-/dis-/re-/cede (weiche)“, „da locum / honorem (mach Platz / erweise die Ehre)“, „ad-/coniuro te (ich beschwöre dich)“ oder „exi (fahr aus)“ werden durch sämtliche Texte hindurch des Öfteren wiederholt (PRG 115,31.33.37). In den deprekativen Gebeten zu Gott wird um Erhörung und um Befreiung dieses seines Dieners (hic famulus / servus tuus) gefleht (deprecamur / petimus). Der Satan oder Teufel (diabolus) erhält des Weiteren Bezeichnungen als der üble Feind (nequissimus inimicus), die alte Schlange (serpens antiqua / vipera), der böse Drache (draco), der Skorpion (scorpio), der unreine Geist (immundus spiritus), der Sünder (transgressor), der Verführer (seductor) oder der Verfluchte (maledictus).

 In den Exorzismen über Besessene der Kapitel PRG 116 –118 dominiert unübersehbar die klassische Exorzismusformel „Exorcizo te, …“, die bisher hauptsächlich bei den Sachbeschwörungen Anwendung fand, nun jedoch als drohende Beschwörung im Namen Gottes gegen den Satan gerichtet wird:

„Exorcizo te, inmunde spiritus, in nomine patris et filii et spiritus sancti ..…“ (PRG 116,1).

„Exorcizo te, maledicte et inmunde spiritus ... per Deum omnipotentem …“ (PRG 117,1).

„Exorcizo te, auctor diabolicae potestatis ... in nomine patris et …“ (PRG 117,2).

„Exorcizo te, spiritus inmunde, per Deum patrem omnipotentem …“ (PRG 117,3.4).

„Exorcizo te, hostis humani generis, in nomine Dei omnipotentis ...“ (Exorzismus sancti Ambrosii; PRG 118,1).


3. Das Rituale Romanum (RR 1614) der römisch-katholischen Kirche

Seit dem 10. Jh. entstanden zumeist in Klöstern aus Teilen von Pontifikalen und Sakramentaren in unterschiedlichen Zusammenstellungen die ersten Bücher mit den Texten für die sakramentlichen Feiern und Segenshandlungen der Priester. Diese ersten Ritualien waren jeweils auf lokalkirchliche oder diözesane Gültigkeit beschränkt und traten im Laufe der Zeit, begünstigt durch die Erfindung des Buchdrucks, in unzähliger Vielfalt in Erscheinung. Die Bemühungen des Trienter Konzils (1545 –1563) um eine „reinigende, raffende und vereinheitlichende Reform“78 der liturgischen Bücher brachten eine Reihe revidierter römischer Musterfassungen hervor, wovon das Rituale Romanum 1614 als letztes erschienen ist.79 Die entscheidenden Vorarbeiten zum Exorzismusteil in diesem Rituale leistete einerseits A. Castellani80 mit seinem Sammelwerk Sacerdotale, seu Liber sacerdotalis collectus (1523), das traditionelle, teils altgelasianische Exorzismusformeln über Energumenen sowie Praenotanda mit juridisch-pastoralen Hinweisen aus der Erfahrung für die Praxis der Exorzisten enthält. Andererseits verfasste G. A. Santori81 auf Castellanis Grundlagen das unvollendete Rituale Sacramentorum Romanum Gregorii XIII. Pont. Maximi editum (1589). Unter Papst Paul v. († 1621) wurde dieses wertvolle Material aufgegriffen und binnen kürzester Zeit in einem „überschaubaren und handlichen“ Ausmaß in das Rituale Romanum von 1614 umgewandelt 82, sodass verallgemeinernd gesagt werden kann, dass die von Castellani und Santori aus der schriftlichen Tradition gesammelten und überlieferten Exorzismusformeln ihrem Inhalt nach die Grundlage des römischen Exorzismusrituals bildeten, wie es seit seiner ersten Edition im Jahre 1614 bis zur jüngsten Vergangenheit seiner Erneuerung von 1999 in der liturgischen Praxis angewendet wurde.

Der Große Exorzismus

Der so genannte Große Exorzismus (RR 1614/1925/1952)83 oder auch Ritus zum Exorzismus an vom Dämon Besessenen (Ritus exorcizandi obsessos a daemonio) beginnt mit Eröffnungsriten, bestehend aus dem Kreuzzeichen (signo crucis) über den Besessenen, sich selbst und die Umstehenden,  der anschließenden Besprengung mit Weihwasser (aqua benedicta)84 und der knieenden (genibus flexis) Rezitation der Allerheiligenlitanei (Litanias ordinarias), die mit der Antiphon beendet wird. Im Stillen (secreto) betet der Exorzist das Vaterunser (Pater noster) bis zum Vers „und führe uns nicht in Versuchung“, worauf die Anwesenden mit dem Responsorium beenden: „Sondern erlöse uns von dem Bösen“. Darauf folgt zur Gänze der Psalm 54 (53), ein Klagepsalm eines Bedrängten, der in seiner Not zu Gott um Hilfe fleht. Der doxologische Schluss „Gloria Patri … / Ehre sei dem Vater …“ ist erst seit dem RR 1952 festzustellen. Vorher schlossen unmittelbar an den Psalm die nächsten vier thematisch auf ihn abgestimmten Paare aus Versikeln und den entsprechenden Responsorien an. Zwei weitere Versikelpaare leiten zur ersten Oration über, die von nun an vor jeder Oration, insgesamt fünfmal, wiederholt werden und daher im Folgenden die Bezeichnung „Standardversikel“ erhalten. Dabei handelt es sich um die ersten beiden Verse aus dem Klage- oder Bußpsalm Ps 102 (101) und somit um eines der ältesten und oftmals zitierten Gebetsformulare:85

Standardversikel

V: Domine, exaudi orationem meam.
R: Et clamor meus ad te veniat. (Ps 101)
V: Dominus vobiscum.
R: Et cum spiritu tuo.

Herr, erhöre mein Gebet.
Und lass mein Rufen zu dir kommen (Ps 102)
Der Herr sei mit euch.
Und mit deinem Geiste.

Der erste deprekatorische Gebetsabschnitt (deprecatio nostra) mit der 1. Oration zu Gott beinhaltet aus der Exorzismustradition vertraute Termini. Es geht um den Diener, die Dienerin Gottes hic famulus tuus, haec famula tua, weiters um das Fesseln, Befreien und Lösen, constringere bzw. absolvere (Mk 5,4; 7,25; Lk 8,29; 13,16; T. Dom. 2,7; GeV 1724f; ). Dieses Gebet findet eine frühe Quelle im römisch-germanischen Pontifikale (PRG 91,12) und ist nahezu identisch mit einer Oration aus dem fränkischen Altgelasianum (8. Jh.; GeV 1714), die zwischen zwei lange imperativische Exorzismen gegen den Satan eingeschoben ist, wobei sich der daran anschließende Exorzismus (GeV 1715–1719) mit dem 2. Exorzismus im Rituale Romanum deckt. Auch das Pontificale Romano-Germanicum (PRG, 10. Jh.) zitiert dieselbe Oration, hat aber bereits Korrekturen an manchen Schreibweisen vorgenommen, die vom Rituale Romanum übernommen wurden. Die Stellung der Oration im Pontifikale unter dem Kapitel Ad succurrendum his qui a demonio vexantur (PRG 115,32) liegt ebenfalls zwischen zwei imprekatorischen Exorzismusformularen (PRG 115,31.33), wobei wiederum das davor dem 1. Exorzismus und das danach dem 2. Exorzismus im Rituale Romanum entspricht. Eine direkte Gegenüberstellung der Orationen möchte die große Übereinstimmung der Texte veranschaulichen:

Rituale Romanum86
(RR 1614 / 1925 / 1952)

De exorcizandis obsessis a
daemonio
/ Ritus exorcizandi obsessos a
daemonio

Sacramentarium Gelasianum 87 /
Pontificale Romano-
Germanicum88 (8./10. Jh.)
Exorcismus contra Inerguminos
(GeV) /

Ad succurendum his qui a
daemonio vexantur
(PRG)

Römisches Rituale89

 


Ritus zum Exorzismus an vom
Dämon Besessenen

1. Oration

GeV 1714 / PRG 91,12; 115,32

1. Oration

 Oremus.

Deus, cui proprium est
misereri semper et parcere:
suscipe deprecationem

nostram; ut hunc famulum
tuum, quem (hanc famulam
tuam, quam)

delictorum catena constringit,
miseratio tuae pietatis
clementer absolvat.

Domine sancte, Pater
omnipotens, aeterne Deus,
Pater Domini nostri Jesu
Christi, qui illum refugam
tyrannum
et apostatam
gehennae ignibus deputasti,
quique Unigenitum tuum in
hunc mundum misisti, ut illum
rugientem contereret, velociter
attende, accelera, ut eripias
hominem
ad imaginem et similitudinem
tuam creatum, a ruina et
daemonio meridiano.

 

Da Domine terrorem
tuum super bestiam, quae
exterminat vineam tuam. Da
fiduciam servis tuis contra
nequissimum draconem

pugnare fortissime, ne
contemnat sperantes in te, et
ne dicat, sicut in Pharaone,

qui iam dixit, Deum non novi,
nec Israel dimitto.

 

 

Urgeat illum
dextera tua potens, discedere
a famulo tuo (N. vel. a
famula tua N.) + ne diutius
praesumat captivum tenere,
quem tu ad imaginem tuam
facere dignatus es, et in Filio
tuo redemisti,
qui tecum vivit,
et regnat in unitate Spiritus
Sancti Deus, per omnia saecula
saeculorum. R. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deus, cui proprium est
misereri semper et parcere,
suscipe deprecationem
nostram
et quos […]

 


delictorum catena constrigit,
miseratio tuae pietatis
absolvat.
(PRG 91,12)

Domine, sanctae pater,
omnipotens aeterne deus,

osanna in excelsis, pater
domini nostri Jesu Christi,
qui illum refugam tyrannum

gehennae […] deputasti, qui
unigenitum tuum in hunc
mundum misisti, ut illum
rugientem leonem conteret:
velociter adtente
[sic!] et
accelera, ut eripias hominem

tuis formatum manibus [GeV] /
ad imaginem et similitudinem
tuam creatum [PRG] a ruina
et daemonio meridiano.

 

Da, domine, terrorem tuum
super bestiam quae exterminat
vineam tuam. Da fiduciam
servis tuis contra nequissimum
draconem fortiter stare, ne
contempnat
[sic!] sperantes in
te nec dicat, sicut in Faraone
iam dixit: Deum non novi nec
Israel demitto.

 

 

Urguat [GeV; sic!] / urgeat
[PRG] illum, domine, dextera
tua potens discedere a famulis
tuis
[GeV] / a famulo tuo N.
[PRG], ne diucius [GeV; sic!]
/ diutius [PRG] prae/sumat
captivum tenere hominem,
quem tu ad imaginem tuam
facere dignatus es
et in fine
saeculi, per filii tui sanguinem
redemisti [PRG]. (GeV 1714 /
PRG 115,32)

 

 

 

 

 

 

 

(Lasset uns beten.)
Gott, dir ist es eigen, stets
Erbarmen zu üben und
Schonung; nimm unser
Flehen gnädig an
, damit
dieser dein Diener oder
diese deine Dienerin, von
der Kette seiner oder ihrer
Verfehlungen, die ihn
(oder sie) fesselt, durch das
Erbarmen deiner Gnade
schonend befreit werde.
Heiliger Herr, allmächtiger
Vater, ewiger Gott,
Vater unseres Herrn Jesus
Christus, du hast jenen
entlaufenen
und abtrünnigen
Tyrannen dem Feuer der
Hölle überantwortet und
deinen Eingeborenen in
die Welt gesandt, um jenen
brüllenden
[Löwen] zu
vernichten, hab Acht und
eile, den Menschen, den
du nach deinem Ebenbild
und Gleichnis erschaffen

[mit deinen Händen geformt]
hast, dem Unglück und dem
Mittagsdämon zu entreißen.
Bring, Herr, deinen
Schrecken über das Untier,
das deinen Weinberg
verwüstet.

Gib deinen
Dienern die Zuversicht,
damit sie
sehr mutig kämpfen
/ widerstehen gegen den
bösen Drachen, denn nicht
soll er die verachten, die auf
dich hoffen, und nicht sage
er wie schon der Pharao
gesagt hat: Ich kenne Gott
nicht, und lasse Israel nicht
los.

 


Deine mächtige Rechte
zwinge ihn
[Herr], von
deinem Diener (N. bzw.
deiner Dienerin N.) zu
weichen + und nicht länger
wage er gefangen zu halten
den Menschen, den du nach
deinem Abbild erschaffen
hast und durch deinen Sohn
erlöst hast,
und am Ende
der Zeiten, durch das Blut
deines Sohnes gerettet hast,
der mit dir lebt und herrscht
in der Einheit des Heiligen
Geistes, Gott von Ewigkeit zu
Ewigkeit. R. Amen.

 

Auf die erste Oration folgt die erste imperativische Formel in direkter Anrede an den Dämon als personales Gegenüber: „Praecipio tibi quicumque es, spiritus immunde … (Ich befehle dir, unreiner Geist, wer immer du bist …)“. Der Befehl „praecipere / imperare / increpare / iubere“ (Mk 9,25; Apg 16,18) und die Anrede „spiritus immunde“ (Mt 12,43; Mk 1,23.26.30; 5,2.8; 7,25; Lk 4,33; 9,42 u.a.) haben ihre Wurzeln in den biblischen Besessenheitserzählungen und ziehen sich durch die gesamte Geschichte des Exorzismusformulars (vgl. GeV 1716; PRG 115,33; 118,3). Nun bietet das Rituale Romanum vier Evangelienlesungen zur Auswahl, wovon jede eine ganz spezifische Aussage zum Exorzismus enthält und zumindest eine dem Besessenen (super obsessum) vorzutragen ist, umrahmt von Kreuzzeichen an Stirn, Mund und Brust.90 An die Lesung schließen wiederum das Standardversikelpaar und die zweite Oration „Oremus. Omnipotens Domine … (Lasset uns beten. Allmächtiger Herr …)“ an, mit der Bitte an Gott (deprecor) um die Verleihung der Macht, um diesen grausamen Dämon anzugreifen (ut hunc crudelem daemonem … aggrediar). Diese zweite Oration hat ihre Vorläufer in der Mailändischen Liturgie und wird im römisch-germanischen Pontifikale zitiert als „Exorzismus des Heiligen Ambrosius“ (PRG 118,4)91.

 Nach weiteren Kreuzzeichen über sich selbst und den Besessenen folgen exorzistische Handlungen, indem der Priester das eine Ende seiner violetten Stola auf den Hals des Energumenen und zugleich die rechte Hand auf dessen Haupt legt und mit starkem Glauben droht und befiehlt: „Ecce Crucem Domini, fugite partes adversae (Seht das Kreuz des Herrn, flieht ihr feindlichen Mächte)“.

 Wieder leitet das dritte Versikelpaar die dritte Oration ein, womit der Priester noch einmal den Namen Gottes um Hilfe gegen sämtliche dämonische Mächte anruft. Diese Oration ist nur ein Teil einer etwas ausführlicheren im römisch-germanischen Pontifikale, die dort nahtlos mit der Formel „ipsi enim tibi imperat“ übergeht in den ersten längeren Exorzismus des Rituale Romanum, der auch hier anschließt:

Rituale Romanum
(RR 1614/1925/1952)
De exorcizandis obsessis a
daemonio
/ Ritus exorcizandi obsessos a
daemonio

Sacramentarium Gelasianum
/ Pontificale Romano-Germanicum
(8. / 10. Jh.)
Item exorcismi super electos (GeV)
/ Ad succurendum his qui a
daemonio vexantur
(PRG)

Römisches Rituale

 

Ritus zum Exorzismus an vom
Dämon Besessenen

[1.] Exorcismus

GeV 296f / PRG 115,31

1. Exorzismus

Exorcizo te, immundissime
spiritus, … in nomine Domini
nostri Jesu + Christi eradicare,
et effugare
ab hoc plasmate
Dei. +

Ipse tibi imperat ... Ipse tibi
imperat, qui mari, ventis, et
tempestatibus imperavit..

Audi ergo, et time, satana,
inimice fidei
, hostis generis
humani, ...

Illum metue, ...
Recede ergo in nomine Patris,
+ et Filii,
+ et Spiritus + sancti:

da locum Spiritui sancto

 

Exorcizo te, spiritus immunde,
[…] omnisque incursus inimici
et omne fantasma satanae […],
eradicare et effugare ab hoc
forma Dei, […] (PRG 97,3;
vgl. PRG 99,260; GeV 296f;
GeV 1722).

Ipse enim tibi imperat, diabole,
qui te de supernis caelorum
in inferiora terrae demergi
praecepit, [qui te retrorsum
redire iussit].
Audi ergo, Satana, et time,
[victus et prostratus abscede
…] inimice fidei, deceptor
generis humani,

Illum metue, …
Recede in nomine Patris et filii
et spiritus sancti et
da locum
eidem spiritui sancto
… (PRG 115,31)

Ich beschwöre dich, unreiner
Geist,
… im Namen unseres
Herrn Jesus + Christus: Reiße
dich los und weiche
von
diesem Geschöpf Gottes. +

 

Er selbst befiehlt dir … Er
selbst befiehlt dir, der dem
Meer, den Winden und Stürmen
gebot.

Höre also, und fürchte
dich, Satan, du Feind
des Glaubens, Feind des
Menschengeschlechts


Fürchte ihn, …
Weiche daher im Namen des
Vaters,
+ und des Sohnes,+
und des Heiligen + Geistes.
Mach Platz dem Heiligen
Geist …

 

Ähnlich wie für die Orationen sind auch für diesen ersten Exorzismus Parallelen in den frühen Sakramentaren nachweisbar. Die häufige Einleitungsformel „Exorcizo te, immundissime spiritus …“ ließe sich auf mehrere Stellen (PRG 116 –118) zurückführen und in ihrer wörtlichen Weiterführung durch „omnis incursio … omne phantasma … eradicare et effugare …“ in signifikanter Weise auf das römisch-germanische Pontifikale (vgl. PRG 97,3). Ebenso findet die Berufung auf die Befehlsmacht Gottes durch die Worte „ipse tibi imperat“ schon in älteren Exorzismusformularen häufige Anwendung, meist in bewusster oftmaliger Wiederholung (vgl. GeV 1716 –1719), um ihnen besondere Kraft und Autorität zu verleihen.

 Eine vierte Staffel von Standardversikel und Oration sowie Kreuzzeichen auf Stirn und Brust des Besessenen zu dessen Stärkung und Schutz an Leib und Seele leiten schließlich über zum Höhepunkt des Rituals, dem zweiten und längsten Exorzismus:

Rituale Romanum
(RR 1614 / 1925 / 1952)


De exorcizandis obsessis a
daemonio
/ Ritus exorcizandi obsessos a
daemonio

Sacramentarium Gelasianum
(8. Jh.; vgl. Pontificale Romano-
Germanicum; 10. Jh.)
Exorcismus contra Inerguminos
(GeV)
(vgl. Ad succurendum his qui a
demonio vexantur; PRG 115,33)92

Römisches Rituale

 


Ritus zum Exorzismus an vom
Dämon Besessenen

[2.] Exorcismus GeV 1715–1719 2. Exorzismus

Adiuro te serpens antique,
per iudicem vivorum et
mortuorum …, ut ab hoc
famulo Dei N. … discedas/t.

 

Adiuro te iterum + (in fronte)
non mea infirmitate sed virtute
Spiritus sancti, ut
exeas ab
hoc famulo Dei N., quem
omnipotens Deus ad imaginem
suam fecit.

Cede igitur, cede non mihi, sed
ministro Christi.


Illius enim te urget potestas,
qui te […] Cruci suae
subiugavit.

Illius brachium contremisce,
qui, devictis gemitibus inferni,
animas ad lucem perduxit.


Sit tibi terror corpus hominis
+ (in pectore) sit tibi formido
imago Dei
+ (in fronte).


Non resistas nec moreris
discedere ab homine isto,
quoniam complacuit Christo
in homine habitare. Et ne
[…] contemnendum putes
,
dum me peccatorem nimis esse
cognoscis.


Imperat tibi Deus + imperat
tibi Maiestas Christi
+ imperat
tibi Deus Pater
+ imperat
tibi Deus Filius +. Imperat
tibi
Deus Spiritus sanctus +.
Imperat tibi Sacramentum
Crucis +. Imperat tibi fides
Sanctorum Apostolorum
Petri et Pauli, et ceterorum
Sanctorum
+. Imperat tibi
Martyrum Sanguis
+. Imperat
tibi
continentia Confessorum
+. Imperat tibi pia Sanctorum
et Sanctarum omnium
intercessio + imperat tibi
Christianae fidei mysteriorum
virtus +.


Exi ergo, transgressor. Exi,
seductor, plene omni dolo,
et fallacia, virtutis inimice,
innocentium persecutor.


Da locum dirissime; Da locum
impiissime; Da locum Christo,
in quo nihil invenisti de
operibus tuis; qui te spoliavit,
qui regnum tuum destruxit,
qui te victum ligavit, et vasa
tua diripuit; qui te proiecit
in tenebras exteriores, ubi
tibi cum ministris tuis erit
praeparatus interitus. Sed
quid truculente reniteris? quid
temerarie detrectas?

 

Reus es omnipotenti Deo,
cuius statuta transgressus
es. Reus es Filio eius Iesu
Christo Domino nostro,
quem tentare ausus es, et
crucifigere praesumpsisti.
Reus es humano generi, cui
tuis persuasionibus mortis

venenum propinasti.

 

Adiuro ergo te, draco
nequissime in nomine Agni

+ immaculati, qui ambulavit
super aspidem, et basiliscum,
qui conculcavit leonem, et
draconem, ut discedas ab
hoc homine
+ (fiat in fronte)
discedas ab Ecclesia Dei +
(fiat signum Crucis super
circumstantes)

contremisce, et effuge,
invocato nomine Domini
illius, quem inferi tremunt,
cui virtutes caelorum, et
Potestates, et Dominationes
subiectae sunt; quem
Cherubim et Seraphim
indefessis vocibus laudant,

dicentes, Sanctus, Sanctus,
Sanctus, Dominus Deus
Sabaoth.


Imperat tibi verbum + Caro
factum
(est).
Imperat tibi natus + ex
Virgine. Imperat tibi Iesu

+ Nazarenus, qui te, cum
discipulo eius contemneres,
elisum, atque prostratum exire
praecepit ab homine, quo
praesente cum te ab homine
separasset, nec porcorum
gregem i
ngredi praesumebas.

 

Recede ergo nunc adiuratus
in nomine
+ eius ab homine,
quem ipse plasmavit. Durum
est
tibi […] velle resistere
+. Durum est tibi contra
stimulum calcitrare
. + Quia
quanto tardius exis, tanto
magis tibi supplicium crescit,
quia non homines contemnis,
sed illum, qui dominatu/or
vivorum et mortuorum […],
qui venturus est iudicare vivos,
et mortuos, et saeculum per
ignem.
Amen
.

 

 

 

 

 

 

Adiuro te ergo, serpens
antique, per iudicem vivorum
et mortuorum … ut ab hoc
famulo Dei… discedas.

 

Coniuro te non meam
infirmitatem sed virtute
spiritus sancti, ut
desinas ab
his, quos omnipotens deus ad
imaginem suam fecit.


Cede […], cede non mihi, sed
mysteriis Christi.

 

llius enim te perurget
potestas, qui te adfigens cruce
suae subiugavit.


Illius brachium contremisce,
qui divictis gemitibus inferni,
animas ad lucem produxit.

Sit tibi terror corpus hominis,
sit tibi formido imago Dei,

 


nec resistas nec moreris
discedere ab homine […],
quoniam complacuit Christo
in hominem habitaret.
Et ne
in-/firmissimum
contemnendum putes, […].

 


Imperat tibi dominus,
imperat tibi maiestas Christi,
imperat tibi deus pater,

imperat tibi […] filius […]
et spiritus sanctus. Imperat
tibi apostolorum fidei, sancti
Petri et Pauli et ceterorum
apostolorum. Imperat tibi

martyrum sanguis, imperat
tibi
indulgencia confessorum.
[…] Imperat tibi sacramentum
crucis, imperat tibi […]
mysteriorum virtus.

 

 

 

Exi […], transgressor, exi,
seductor, pleni omni dolo, et
fallacia, veritates inimice,
innocencium persecutor.

 

Da locum durissime, da locum
impiissime. Da locum Christo,
in quo nihil invenisti de
operibus tuis; qui te expoliavit,
qui regnum tuum destruxit,
qui te vinctum ligavit et vasa
tua disripuit; qui te proiecit
in tenebras exteriores, ubi
tibi cum ministris tuis erat
praeparatus interitus. Sed quid
nunc, turbolente, recogitas;
quid temerarie retractas?

 

Reus /omnipotente Deo, cuius
statuta transgressus es, reus
filio eius Iesu Christo Domino
[…], quem tentare ausus es et
crucefigere praesumsisti, reus
humano generi cui mors tuis
persuasionibu
s venit.

 

Adiuro ergo te, draco
nequissime in nomine agni
inmaculati, qui ambulat
super aspidem, et basiliscum,
qui conculcat leonem et
draconem: ut discedas ab
homine, discedas ab aecclesia
dei.

 

 

Contremisce, et effuge
invocato nomine domini
illius, quem inferi tremunt,
cui virtutes caelorum et
potestates et dominaciones
subiectae sunt, quem cerubin
et seraphin indefessis vocibus
laudant.

[…]


Imperat tibi verbum caro
factum, imperat tibi natus
ex virgine, imperat tibi Iesus
Nazarenus, qui te, cum
discipulis contempneris,
elisum et prostratum exire
iussit ab homine, quo
praesente cum te ab homine
separasset, nec porcorum
grege praesumebas contingere.

 

 

Recede ergo nunc adiuratus in
nomine eius ab homine quem
ipse plasmavit. Durum tibi est

Christo velle resistere, durum
tibi est contra stimulum
calcitrare; quia
quicquid
tardius exis, supplicium tum
crescit, quia non hominem
contemnis, sed illum, qui
dominator vivorum et
mortuorum
est, cui universitas
tacit, qui venturus est iudicare
saeculum per ignem

 

 

 

 

 

 

Ich beschwöre dich, alte
Schlange, beim Richter über
die Lebenden und die Toten,
weiche … von diesem(r)
Diener(in) Gottes N., …
Ich beschwöre dich
wiederum
+ (Kreuzzeichen auf die
Stirn) nicht d urch meine
Schwachheit, sondern durch
die Kraft des Heiligen

Geistes, fahre heraus aus / lass
ab von diesem(r) Diener(in)
Gottes N., den (die) der
allmächtige Gott nach seinem
Abbild geschaffen hat.
Weiche
daher, weiche nicht
mir, sondern
vor dem Diener /
Geheimnis Christi.
Denn die Macht dessen
bedrängt dich / sehr, der dich
mit seinem Kreuz unterworfen
hat.
Erzittere vor dem Arm
dessen, der das Ächzen der
Unterwelt überwunden und
die Seelen ans Licht geführt
hat.
Erschrecke vor dem Leib des
Menschen
+ (Kreuzzeichen
auf die Brust) erzittere vor
dem Ebenbild Gottes
+
(Kreuzzeichen auf die Stirn).
Widerstehe nicht und zögere
nicht, fahr aus aus diesem
Menschen, denn Christus
hat bereits daran Gefallen
gefunden, im Menschen zu
wohnen. Meine nicht, mich zu
verachten,
weil du weißt, dass
ich ein armer Sünder bin.
Gott selbst befiehlt dir + die
Majestät Christi befiehlt
dir
+ Gott der Vater befiehlt
dir
+ Gott der Sohn befiehlt
dir
+ Gott der Heilige Geist
befiehlt di
r + es befiehlt
dir das Geheimnis des
Kreuzes + es befiehlt dir
der Glaube der heiligen
Apostel Petrus und Paulus
und der übrigen Heiligen
+
es befiehlt dir das Blut der
Märtyrer
+ es befiehlt dir die
Standhaftigkeit der Bekenner

+ es befiehlt dir die fromme
Fürbitte aller heiligen Männer
und Frauen + es befiehlt dir
die Kraft der Geheimnisse
des christlichen Glaubens
+.
Fahr aus, du Übertreter
der Gesetze. Fahr
aus, du
Verführer, voll Trug und
Hinterlist, Feind der Tugend,
Verfolger der Unschuldigen.
Mach Platz, du Unheilvoller,
mach Platz, du Gottloser,
mach Platz für Christus, in
dem du nichts von deinen
Werken gefunden hast, der
dich entwaffnet hat, der dein
Reich zerstört hat, der dich
besiegt und gefesselt hat und
der deine Habe vernichtet
hat, der dich in die äußerste
Finsternis gestürzt hat, wo
dir und deinen Dienern der
Untergang bereitet ist. Aber
was wehrst du dich trotzig?
Was weigerst du dich so
verwegen?

Schuldig bist du vor dem
allmächtigen Gott, dessen
Gebote du übertreten hast.
Schuldig bist du vor seinem
Sohn Jesus Christus, unserem
Herrn, den zu versuchen du
gewagt und zu kreuzigen dir
angemaßt hast. Schuldig bist
du vor dem Menschengeschlecht,
dem du durch deine
Überredungskünste
den
Gifttrunk des Todes gereicht
hast.
Ich beschwöre dich also,
verfluchter Drache, im
Namen des unbefleckten
Lammes
+, das über
Schlangen und Basilisken
schritt, das auf den Löwen
und den Drachen trat, weiche
von diesem Menschen
+
(Kreuzzeichen auf die Stirn),
weiche von der Kirche Gottes
+ (Kreuzzeichen über die
Umstehenden),
erzittere und fliehe, bei der
Anrufung jenes Herrn, vor
dem die Hölle erbebt, dem
die Kräfte des Himmels,
die Mächte und Gewalten
untertan sind, den die
Cherubim und Seraphim
unermüdlich lobpreisen
und
rufen: Heilig, heilig, heilig,
Herr der Heerscharen.
Es befiehlt dir das Wort +,
das Fleisch geworden ist.
Es befiehlt dir, der aus der
Jungfrau geboren ist +.
Es befiehlt dir Jesus +
von Nazaret, der dich
zerschmetterte und
demütigte, als du seine
Jünger verachtetest, und dir
befahl, aus einem Menschen
auszufahren, und als er dich
aus dem Menschen austrieb,
wagtest du nicht vor ihm in
eine Herde von Schweinen

einzufahren.
Weiche nun da du
beschworen bist im seinem
Namen + aus diesem
Menschen, den er selbst
geschaffen hat. Hart ist es

für dich, zu widerstehen +,
hart ist es für dich, gegen den
Stachel zu treten
+. Je später
du ausfährst, umso größer
wird die Strafe, denn nicht
die Menschen verachtest du,
sondern jenen, der herrscht
über die Lebenden und die
Toten und der kommen wird
zu richten die Lebenden und
die Toten und die Welt durch
das Feuer.
Amen.

 

 Dieser sehr lange zweite Exorzismus, mit mehr als 20 Kreuzzeichen, nimmt ohne jeden Zweifel die zentrale Mitte innerhalb des gesamten Rituals ein. Das zeigt sich vor allem dadurch, dass er die für den Exorzismus entscheidenden Elemente und charakteristische Terminologie nicht nur in großer Anzahl enthält, sondern auch auf signifikante Weise zum Ausdruck bringt. Die mehr als tausend Jahre alte lateinische Formel „illius enim te urget potestas“ – „denn die Macht dessen bedrängt dich …“ besagt genau das, worum es im Exorzismus geht, nämlich um „ein Machtwort, das im Namen Gottes oder Christi an Geschöpfe (Dinge, Dämonen, den Teufel) – niemals an Gott – gerichtet wird“93 und dem die Kraft innewohnt, auf zweifache Weise der Machtsphäre des Bösen entgegenzuwirken und die Wirklichkeit positiv zu verändern: einerseits, indem der einzelne Mensch aus seiner bedrohlich empfundenen Bedrängnis, wogegen er sich aus eigenen Leistungen nicht mehr zu wehren vermag, befreit wird, was andererseits selbst wiederum zum Zeichen für das anbrechende Reich Gottes wird, das Jesus Christus verkündet hat, wenn er „mit dem Finger Gottes“ (Lk 11,20) die Dämonen ausgetrieben hat 94 und dessen reale Präsenz nun machtvoll durchgesetzt wird. Deshalb ist es auch nicht der Exorzist, der dem Teufel befiehlt, sondern Gott selbst. Sowie er in der Vergangenheit in seinem Sohn Jesus Christus und durch den Heiligen Geist in den facettenreichen Gestalten der Heiligen und Märtyrer sein Heil gewirkt hat, wirkt er auch im Priester, im Hier und Jetzt. Die neue Herrschaft und damit die Endzeit 95, der letzte Äon, steht nicht mehr bevor, sondern ist angebrochen, das Reich Gottes ist zu uns gekommen, ist Gegenwart geworden, ist mitten unter uns96. Das Reich Gottes ist zugleich aber auch untrennbar mit dem Gericht Gottes verbunden. Im Exorzismus wird der Satan vor den „iudicem vivorum et mortuorum / Richter über die Lebenden und die Toten“ geführt, es werden ihm seine Vergehen an den Menschen und der gesamten Schöpfung vorgeworfen, er wird „reus / schuldig“  gesprochen, schuldig an Gott und dem ganzen Menschengeschlecht, weshalb ihm am Ende die sichere Strafe bevorsteht durch den, „der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten und die Welt durch das Feuer“, worauf die oftmalig wiederholte Schlussformel des Exorzismus verweist: „qui venturus est iudicare vivos, et mortuos, et saeculum per ignem“ 97. Der Exorzismus ist daher nicht nur Beschwörung (adiuro te) und Befehl (imperat tibi) an den Satan, zu weichen (dis-, re-, cedere / exire / locum dare), sondern zugleich eine präsentische Vorwegnahme des eschatologischen Gerichts über den abtrünnigen Widersacher Gottes.

 Obwohl dieser wortmächtige zweite Exorzismus weder zu überbieten zu sein scheint, noch eines Nachschlages bedarf, wird dennoch ohne Unterbrechung ein dritter und letzter Block mit dem fünften Versikelpaar, der fünften Oration und dem dritten Exorzismus nachgereicht. Das deprekative Flehen zu Gott „Oremus. Deus caeli, Deus terrae … (Lasset uns beten. Gott des Himmels, Gott der Erde …)“, dass er diesen seinen Diener von den unreinen Geistern befreie (hunc famulum tuum de immundis spiritibus liberare), geht dem dritten Exorzismus voraus, der den Ambrosianischen Exorzismus aus dem Pontificale Romano-Germanicum (PRG 118,5) zur älteren Quelle hat. Dieser Exorzismus schließt thematisch nahtlos an den vorangehenden an. Er setzt sowohl die Anklage gegen den Satan als auch das drohende Strafgericht durch Gott fort und verwendet dazu anamnetisch Beispiele aus der Heilsgeschichte. Die Ausfahrbefehle (dis-, cedere / exire) wie auch die Aufforderungen, für Gott Platz zu machen (locum dare), werden von einer Reihe von insgesamt zwölf Kreuzzeichen begleitet. Wiederum ist das eigentliche Subjekt des Exorzismus Gott bzw. Christus selbst (ille te eiicit / expellit / excludit), der das ewige Feuer (ignem aeternum / flammas perpetuas / incendium inextinguibile) in der Hölle bereits bereitet hat, durch das er die Lebenden wie die Toten richten wird (qui venturus est iudicare vivos et mortuos et saeculum per ignem):

 

Rituale Romanum
(RR 1614 / 1925 / 1952)
De exorcizandis obsessis a
daemonio
/ Ritus exorcizandi obsessos a
daemonio
Pontificale Romano-Germanicum
(10. Jh.)
Item exorcismus sancti Ambrosii
Römisches Rituale
Ritus zum Exorzismus an vom
Dämon Besessenen
[3.] Exorcismus PRG 118,5 3. Exorzismus

Adiuro ergo te omnis
immundissime spiritus …
Cede ergo Deo + … Cede Deo,
+ … Cede Deo, + …
Exi ergo + impie, exi +
scelerate, Exi cum omni
fallacia tua, quia hominem
templum suum esse voluit
Deus …


Da honorem Deo Patri
omnipotenti + cui omne
genuflectitur, Da locum
Domino Iesu Christo + qui
pro homine sanguinem suum
sacratissimum fudit. Da locum
Spiritui + sancto …

 


Discede ergo nunc + discede +
seductor …
Ille te eiicit, cuius oculis nihil
occultum est. Ille te expellit,
cuius virtuti universa subiecta
sunt. Ille te excludit …
… qui venturus est […]
iudicare vivos, et mortuos, et
saeculum per ignem. Amen

Adiuro ergo te omnis
immundissime spiritus …
Cede ergo Deo … Cede Deo
… Cede Deo …
Exi ergo, impie; exi, scelerate,
exi cum omni fallacitate tua,
quia hominem templum suum
voluit esse Deus …

 


Da honorem Deo Patri
omnipotenti, cui omne
flectitur genu. Da locum […]
Christo Iesu, qui pro homine
sanguinem suum […] fudit.
Da locum spiritui sancto …

 


Discede ergo nunc; discede,
seductor …
Ille te eicit, cuius oculis nichil
occultum est. Ille te expellit,
cuius virtuti universa subiecta
sunt. Ille te excludit …
Qui venturus est in eodem
spiritu sancto iudicare vivos, et
mortuos.

Ich beschwöre dich also,
unreiner Geist …
Weiche also Gott + … Weiche
Gott + …
Fahr aus +, du Gottloser,
fahr aus +, du Verruchter,
fahr aus mit all deinen
Vorspiegelungen! ! Gott
wollte ja, dass der Mensch
sein Tempel sei …
Gib die Ehre Gott, dem
allmächtigen Vater +, vor
dem sich jedes Knie beugt!
Mach Platz unserem Herrn
Jesus + Christus, der für die
Menschen sein heiligstes Blut
vergossen hat! Mach Platz
dem Heiligen + Geist …
Weiche also jetzt +, weiche +,
du Verführer …
Jener verjagt dich, dessen
Augen nichts verborgen ist.
Jener treibt dich aus, dessen
Macht das All unterworfen
ist. Jener weist dich ab …
und er wird kommen im
Heiligen Geist, zu richten die
Lebenden und die Toten und
die Welt durch das Feuer.
Amen.

Ein rubrizistischer Vermerk weist darauf hin, dass alles Bisherige nach Bedarf wiederholt werden könne, bis der Besessene gänzlich befreit ist (donec obsessus sit omnino liberatus). Den Abschluss bildet ein größerer Block aus sehr altem Traditionsgut an oft zu wiederholenden Gebeten über den Besessenen (Pater noster,  Ave Maria, Credo) sowie andächtig zu verrichtende Gesänge, Gebete und Psalmen [Canticum Magnificat, Canticum Benedictus, Symbolum Athanasianum, Pss 91 (90), 68 (67), Psalm 70 (69), Psalm 54 (53) u.a.]. Nach Beendigung des Ritus exorcizandi obsessos a daemonio ist noch ein Gebet nach der Befreiung (Oratio post liberationem) vorgesehen, das ebenfalls bereits im Römisch-germanischen Pontifikale bezeugt ist (PRG 118,10). Mit diesem versöhnlichen und zuversichtlichen Ausklang begnügte sich der Große Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614 für die nächsten drei Jahrhunderte, bis Papst Pius xi. († 1939) in der revidierten Fassung von 1925 in einem dritten Unterkapitel den so genannten Leonischen oder Kleinen Exorzismus gegen den Satan und die abtrünnigen Engel hinzugefügt hat.98

4. Das erneuerte Exorzismusritual
De Exorcismis et Supplicationibus Quibusdam
(DESQ 1999 / 22004)

Ende Januar 1999 erschien die Editio typica des neuen Exorzismusrituals De Exorcismis et Supplicationibus Quibusdam 99 als das letzte Buch des Rituale Romanum, das nach der liturgischen Reform des II. Vatikanischen Konzils (1962 –1965) in einzelnen Faszikeln100 herausgegeben wurde. Die konziliare Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium (SC) war Anlass und Maßstab zugleich, nach welchem „die Sakramentalien überarbeitet werden [sollen] (recognoscantur), und zwar im Sinne des obersten Grundsatzes von der bewussten, tätigen und leicht vollziehenden Teilnahme der Gläubigen (actuosa et facili participatione fidelium) und im Hinblick auf die Erfordernisse unserer Zeit“ (SC 79)101. Obwohl dieselbe Liturgiekonstitution (SC 63) ausdrücklich auf die besondere Nützlichkeit der Volkssprachen (linguae vernaculae) bei der Spendung von Sakramenten und Sakramentalien hinweist und die Fuldaer Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2008 eine von Rom rekogniszierte deutsche Übersetzung des Rituale für den Exorzismus angekündigt hat, fehlt eine solche bis zum heutigen Tag. Daher kann zu Studienzwecken nach wie vor auf die äußerst nützliche Übersetzungshilfe von M. Probst 102 zurückgegriffen werden.

a) Praenotanda

Die dem Text des Ritus vorangestellten Vorbemerkungen (Praenotanda) wurden gegenüber dem RR 1614 von 21 auf 38 Punkte erweitert und in sechs größere Abschnitte unterteilt. Sie legen die Glaubensgrundlagen fest, reihen die Exorzismen auf dem Hintergrund der Taufexorzismen in die Tradition der frühesten Kirche ein und erklären den Großen Exorzismus zur liturgischen Feier (celebratio liturgica). Des Weiteren beschreiben sie den Dienst und die Bedingungen des Priesterexorzisten (de sacerdote exorcista) und ergänzen die bisherigen Anzeichen für Besessenheit durch die vehemente Abneigung gegen Gott und alles Heilige. Besonders hervorgehoben wird das Gebet und Fasten für den Exorzisten sowie das Gebet, die Buße, die Tauferneuerung und die heilige Eucharistie für den gequälten Gläubigen (fidelis vexatus). Ferner wird darauf hingewiesen, dass die versammelten Anwesenden selbst weder deprekative noch imperative Exorzismusformeln, die ausschließlich dem Exorzisten vorbehalten sind, gebrauchen.

b) Der Große Exorzismus

Schon die erste Oration erweist sich im Grunde als Übernahme aus dem Rituale Romanum von 1614, wo sie die Stelle der zweiten Oration einnimmt, deren Abhängigkeit vom Römisch-germanischen Pontifikale (PRG 118,4) aus dem 10. Jh. nachgewiesen wurde:

 

De Exorcismis et
Supplicationibus
Quibusdam (DESQ
1999 / 2004)
Caput 1
Ritus exorcismi maioris

Rituale Romanum
RR 1614 / 1925 / 1952
De exorcizandis obsessis
a daemonio
/ Ritus exorcizandi
obsessos a daemonio

Pontificale Romano-
Germanicum (10. Jh.)

 

Item exorcismus sancti

Ambrosii

Exorzismen und
Bittgebete103


Kapitel 1
Ritus des Großen
Exorzismus

1. Oration (n. 39)

2. Oration

PRG 118,4

1. Oration (Nr. 39)

Domine Iesu Christe,
Verbum Dei Patris, Deus

universae creaturae,
qui sanctis Apostolis
tuis potestatem dedisti

daemonia subiciendi
in nomine tuo et super
omnem calcandi virtutem
inimici;
Deus sancte, qui inter
cetera mirabilium
tuorum praecipere
dignatus es: Daemones
effugate;

Deus fortis, cuius virtute
elisus tamquam fulgur
de caelo Satanas cecidit:
nomen sanctum tuum
cum timore ac tremore
suppliciter deprecor, ut
tua potentia munitus

spiritum malignum, qui
hanc vexat creaturam
tuam, fiducialiter
aggrediar.


Qui venturus es iudicare
vivos et mortuos et
saeculum per ignem.
Amen.

 

 

 

 

 

 

Oremus.
Omnipotens Domine

Verbum Dei Patris,
Christe Iesu
, Deus et
Dominus universae
creaturae: qui sanctis
Aposolis tuis dedisti
potestatem calcandi

super serpentes et
scorpiones:
qui inter cetera
mirabilium tuorum
praecepta dignatus
es
dicere: Daemones
effugate:

cuius virtute motus
tamquam fulgur de caelo
satanas cecidit:
tuum sanctum nomen
cum timore et tremore
suppliciter deprecor,
ut
indignissimo mihi
servo tuo, data venia
omnium delictorum
meorum, constantem
fidem, et potestatem
donare digneris, ut hunc
crudelem daemonem,
bracchii tui sancti
munitus potentia,
fideliter et securus
aggrediar: per te, Iesu
Christe, Domine Deus
noster, qui venturus
es iudicare vivos et
mortuos, et saeculum per
ignem.

 

 

 

Omnipotens domine,
verbum Dei patris,

Christe Iesu, Deus et
dominus universae
creaturae, qui sanctis
apostolis tuis potestatem
dedisti calcandi supra
serpentes et scorpiones,


quique, inter cetera
mirabilium tuorum
precepta, dignatus
es
dicere: „Demones
effugate“,


cuius virtute victus
tamquam fulgur de caelo
Satanas caecidit,

tuum nomen cum
timore et tremore
supplex deprecor, ut

indignissimo michi [sic!],

data venia omnium
delictorum, confidentiam
et possibilitatem donare
digneris, ut hunc
crudelem draconem,
brachii tui munitus
potentia, fideliter et
securus aggrediar.

 

 

 

 

 

Herr Jesus Christus,
Wort des ewigen Vaters,

Gott der gesamten
Schöpfung, du hast
deinen heiligen Aposteln
die Vollmacht gegeben

in deinem Namen
Dämonen auszutreiben
und alle Macht des
Feindes nieder zu treten.

Heiliger Gott, du hast
unter deinen großen
Taten aufgetragen:
Treibt Dämonen aus;


Heiliger Gott, durch
dessen Macht

zerschmettert der Satan
wie ein Blitz vom
Himmel gefallen ist:
Deinen heiligen Namen
rufe ich mit Furcht und
Zittern demütig an:
dass ich mich, durch
deine Macht gestärkt,

dem bösen Geist, der
dieses dein Geschöpf
quält, mit Zuversicht
nähere.


Der du kommen wirst,
zu richten die Lebenden
und die Toten und diese
Welt durch das Feuer.
Amen.

 

Aus dem Vergleich geht hervor, dass das sehr alte Gebet zu großen Teilen wörtlich übernommen wurde. Nur gewisse Ausdrücke scheinen bewusst vermieden und durch andere in vielleicht etwas abgeschwächter Form ersetzt worden zu sein, wie z.B. „serpentes et scorpiones“ durch „omnem virtutem inimici“ oder „crudelem daemonem“ durch „spiritum malignum“. Beachtlich ist dennoch, dass selbst die in der frühen Tradition, insbesondere im Altgelasianum104 häufig verwendete Schlussformel „qui venturus es iudicare …“ weiterhin übernommen worden ist.

 Nach einer Weihwassersegnung105 (exorcista aquam benedicit) und der Besprengung aller Anwesenden mit einer Mischung aus Salz und Weihwasser zur Erinnerung an die Taufe106 betet der Priester als Nächstes gemeinsam mit der versammelten Gemeinde die Litanei (supplicatio litanica) der Heiligen. Dann die folgt die 2. Oration, die ebenfalls als 1. Oration im Ritual von 1614 gebetet wird und ihre Wurzeln in den frühen Quellen hat (vgl. PRG 91,12):

De Exorcismis et
Supplicationibus
Quibusdam (DESQ
1999/2004)
Caput 1
Ritus exorcismi maioris

Rituale Romanum
RR 1614 / 1925 / 1952
De exorcizandis obsessis
a daemonio
/ Ritus exorcizandi
obsessos a daemonio

Pontificale Romano-
Germanicum (10. Jh.)
Ad succurendum his qui a
daemonio vexantur

 

 

Exorzismen und
Bittgebete
Kapitel 1
Ritus des Großen
Exorzismus

 

2. Oration (n. 47)

1. Oration

PRG 91,12

2. Oration (Nr. 47)

Deus, cui proprium
est misereri semper
et parcere: suscipe
deprecationem nostram,
ut hunc famulum
tuum (hanc famulam
tuam) N., quem (quam)
diabolicae potestatis
catena constringit,
miseratio tuae pietatis
clementer absolvat.

Per Christum Dominum
nostrum.

Oremus.
Deus, cui proprium
est misereri semper
et parcere: suscipe
deprecationem nostram,
ut hunc famulum tuum,
quem (hanc famulam
tuam, quam)

delictorum
catena constringit,
miseratio tuae pietatis
clementer absolvat.

 

Deus, cui proprium
est misereri semper
et parcere, suscipe
deprecationem nostram

et quos […]

 

 

delictorum
catena constrigit,
miseratio tuae pietatis
absolvat.

Gott, du offenbarst
deine Macht im
Erbarmen und im
Verschonen. Höre auf
unsere Bitten: Befreie
gnädig diesen deine/n
Diener/in N., der/die
von teuflischer Macht
umschlungen ist, von
allen Ketten des Bösen.

Durch Christus, unseren
Herrn.

Danach sind Psalmengebete entweder aus dem Angebot in Caput 2 auszuwählen oder es wird wie im RR 1614 auch hier der Psalm 91(90) zur Rezitation bevorzugt vorgeschlagen: „Qui habitat in adiutorio Altissimi (Wer im Schutz des Höchsten wohnt) …“. Daran schließt eine 3. Oration, die thematisch angepasst ist und um Schutz fleht sowie um Befreiung aus der dämonischen Bedrängnis. 

 Anstelle von vier Evangelienlesungen im RR 1614 wird im neuen DESQ nur noch der Johannesprolog (Lectio sancti Evangelii secundum Ioannem – Joh 1,114) empfohlen, weitere Lesungen befinden sich unter den Auswahltexten in Kapitel 2. Das Ritual führt an dieser Stelle eine feierliche Zeremonie zur Tauferinnerung und -erneuerung ein, mit Handauflegung, Glaubensbekenntnis, Abrenuntiation (vgl. GeV 421; 602; PRG 99,87a; 107,2.27), Vaterunser, Kreuzzeichen und Anhauchung (exsufflatio) des Gequälten.

 Erst darauf spricht der Exorzist die ersten Exorzismusformeln (Exorcismi formulae), und zwar bestehend aus einer langen deprekativen Formel (Formula deprecativa) an den Schöpfergott und einer direkt anschließenden imprekativen Formel (Formula imperativa) an den Satan.107

 Diese ersten Verse der deprekativen Formel (DESQ, Nr. 61) haben eine Parallele in der  4. Oration im RR 1614 und stammen aus dem Pontifikale (PRG 115,41). Das Gebet wird jedoch nicht wie üblich weitergeführt, sondern nimmt epikletischen Charakter an, indem Gott um die Sendung des Heiligen Geistes gebeten wird: „Mitte super eum / eam Spiritum Sanctum tuum …“. Daran schließen vier „Exaudi / Erhöre“-Rufe, die um Erhörung der Fürbitten der Kirche, der seligen Jungfrau Maria, des heiligen Erzengels Michael sowie der Apostel und Heiligen flehen, damit nach deren Vorbild der / die Diener/in Gottes vom unreinen Geist (immundo spiritu) befreit sowie durch den Geist der Heiligkeit (Spiritus sanctitatis) ruhig und rein werde und die Fesseln der Bosheit (nequitiae vincula) gelöst werden, sodass er / sie wiederhergestellt (restitutus/a) im Lob und durch das Leben Gott verherrlichen könne (glorificet laudibus et magnificet vita).

 Die imperative Exorzismusformel (DESQ, Nr. 62) beginnt mit einer dreimaligen „Adiuro te Satan“-Beschwörung, die dem Satan befiehlt, er solle doch die Gerechtigkeit und Güte Gottes des Vaters sowie die Macht und die Kraft Jesu Christi erkennen (agnosce) und daher vom Diener bzw. der Dienerin Gottes weichen (dis-/ recede). Mit der dritten Beschwörung steuert der Exorzismus dramatisch seinem Höhepunkt zu: „Satan, … agnosce Spiritum verita-
tis et gratiae
 /  erkenne den Geist der Wahrheit und der Gnade“, fahr daher aus (exi), weiche (recede) von diesem Mann (dieser Frau): „Recede ergo, Satan!“„recede …!“„recede …!“. Dieses Vokabular liegt ganz in der Tradition der Exorzismussprache, wie die vorangegangenen Textvergleiche des Rituale Romanum (1614/1912/1952) mit den Quellenschriften des Altgelasianum und des Römisch-germanischen Pontifikale aus dem ersten Jahrtausend gezeigt haben.


Schlussbemerkung

Die Phänomene Besessenheit und Exorzismus heute gehen von der Realität aus, dass es selbst in der aufgeklärten Welt trotz des stetig wachsenden Fortschritts in Wissenschaft und Technik Menschen gibt, die sich auf ungewöhnliche und mitunter äußerst leidvolle Weise vom Teufel und Dämonen bedrängt erfahren. Aus katholischer Sicht ist dieser Sachverhalt durchaus ernst zu nehmen, nicht zuletzt deshalb, weil die kirchliche Lehre an der Möglichkeit der Existenz eines personal anwesenden Dämons festhält und das Christentum seit seinen frühesten Anfängen ein Ritual zur Befreiung von allem Bösen kennt. Die Überlieferungen der Heiligen Schrift erzählen von Dämonenaustreibungen durch Jesus Christus (Mk 1,21–28; 5,1–20; 7,24 –30; 9,14 –29; parr Mt; Lk) und auch von der Beauftragung der Jünger mit diesem Dienst zum Heil der Menschen (vgl. Mk 16,17). Schon im hebräischen Teil der Bibel tritt der Satan als Anstifter zum Bösen (1 Chr 21,1) oder als Ankläger der Gerechten (Ijob 1,6 –12; 2,1–7; Sach 3,1–7) vor Gott, der ihn unter drohendem Befehl in die Schranken weist (hebr. ﬧﬠבּ). Mit derselben göttlichen Vollmacht und Autorität befiehlt (griech. ἐπιτιμάω / lat. increpare) Jesus sowie später auch seine Nachfolger den Dämonen. Hieran knüpfen die ersten überlieferten Exorzismusformeln in den liturgischen Textquellen der frühen Kirche.

 Exorzismen im Kontext von Katechumenat und Taufe, die nahezu untrennbar verwoben sind mit den Exorzismen über den von Dämonen Gequälten und auch das gemeindeliturgische Gebet zur Befreiung vom Bösen lassen sich in der traditionellen exorzistischen Terminologie mit der Bitte an Gott um Heilung, aber auch mit dem drohenden Befehl mit der Macht Gottes durch Jesus Christus bestätigen. In den Orationen des Testamentum Domini (5. Jh.) wird Gott gebeten, den unreinen Geist (immundus spiritus) zu vertreiben (depellere), den Satan zum Weichen (cessare) zu veranlassen und seinen Diener (servus, famulus) zu bewahren (custodire). Das Römisch-germanische Pontifikale (10. Jh) enthält einen der frühesten Nachweise für die klassische imperativische Exorzismusformel über Besessene „Exorcizo te (Ich beschwöre dich), … Ipsi tibi imperat (Er [Gott] selbst befiehlt dir) … Adiuro te (Ich beschwöre dich) …“ (PRG 115–118) und richtet sich im Namen der heiligen Trinität (in nomine patris et filii et spiritus sancti …) gegen Satan oder den unreinen Geist (immunde spiritus), damit er aus diesem Diener Gottes (ab hoc famulo) ausfahre (ut exeas et recedas / exi, recede). Diese termini technici werden über die nächsten Jahrhunderte tradiert und finden sich unverändert wieder sowohl im Exorzismusritus des Römischen Rituale (1614/1925/1952) als auch in der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erneuerten Editio typica De Exorcismis et Supplicationibus Quibusdam (1999 / 22004). Es bleibt daher festzuhalten, dass es sich beim Exorzismusritual der Katholischen Kirche um ein tatsächlich sehr altes Traditionsgut handelt, dessen Kern aus Gebeten und Formeln besteht, die mit göttlicher Kraft und Vollmacht ausgestattet sich über Jahrtausende hinweg wohl nur dadurch gehalten haben, indem sie den glaubenden Menschen an allen Orten und zu allen Zeiten in selbst noch so bedrohlichen Situationen Mut und Hoffnung gegeben haben. 

Anmerkungen

1The Exorcist, Der Exorzist, USA 1973 / The Exorcist – The Version you’ve never seen. Director’s Cut, Der Exorzist – Die neue Fassung, USA 2000, Produktionsfirma: Warner Bros. /Hoya, Produktion: William Peter Blatty, Regie: William Friedkin, Drehbuch: William Peter Blatty.

 2 Th. Bohrmann / W. Veith / S. Zöller (Hgg.): Handbuch. Theologie und populärer Film. Bd. 1 (2007), 174.

3 Th. B. Allen: Besessen (1993), 9.

4 P. Malone: Lights, Camera, Faith (2002), 175.

5 The Exorcist – Director’s Cut, USA 2000, 01:06:46.

 6 K. Mörsdorf: Lehrbuch des Kirchenrechts auf Grund des Codex Iuris Canonici. 2, Sachenrecht (111967), 303 (kursivschriftliche Hervorhebung im Zitat von der Autorin).

 7 H. J. F. Reinhardt: Die Sakramentalien, in: J. Listl / H. Schmitz (Hgg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts (21999), 1013–1016, 1015f. (kursivschriftliche Hervorhebung im Zitat von der Autorin).

 8 Ebd., 1013. – Vgl. ebenso: N. Ruf: Das Recht der Katholischen Kirche nach dem neuen Codex Iuris Canonici für die Praxis erläutert (1989), 293 –295. – W. Aymans / K. Mörsdorf: Kanonisches Recht. Lehrbuch aufgrund des Codex Iuris Canonici. 3. Verkündigungsdienst und Heiligungsdienst (2007), 542f.

 9 KKK 1673, in: Ecclesia Catholica, Katechismus der Katholischen Kirche (1993) (kursivschriftliche Hervorhebung im Zitat von der Autorin).

 10 Ebd.

 11 M. Ott: Exorzismus. I. Religionsgeschichtlich, in: 3LThK 3 (2006, Sonderausg.) 1125f, 1125.

 12 Ergänzender und begründender Zusatz zu vorangehender Definition nach: K. Thraede: Exorzismus, in: RAC 7 (1969) 44 –117, 44.

13 C. F. Bouuaert: Exorcisme, in: R. Naz (Hg.): Dictionnaire de droit canonique. Tome cinquième (1953), 668– 671, 668.

 14 K. Mörsdorf: Lehrbuch des Kirchenrechts (111967), 304. – Auch für das neuere kanonische Recht (CIC 1983) gilt: „Zu unterscheiden ist zwischen den kleinen Exorzismen (etwa im Zusammenhang mit der Taufspendung) und dem großen (imprekatorischen) Exorzismus (c. 1172)“, in: H. J. F. Reinhardt: Die Sakramentalien, in: J. Listl / H. Schmitz (Hgg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts. Regensburg: Pustet, 21999, 1013–1016, 1015.

 15 Ebd., 304.

 16 G. Siegmund (Hg.): Ecclesia Catholica (32005), 110.

 17 Die Feier der Eingliederung Erwachsener in die Kirche (21994).

 18 Vgl. dazu: R. Kaczynski: Der Exorzismus, in: B. Kleinheyer / E. v. Severus / R. Kaczynski: Sakramentliche Feiern II (1984), 275–291, 279. – deprecor (lat.) = durch Bitten abzuwenden suchen, bitten, flehen bzw. eine Fürbitte einlegen, in: A. Sleumer: Kirchenlateinisches Wörterbuch (1926), 268. – imprecor (lat.) = (Böses) wünschen, fluchen, ebd., 412.

 19 Eigene freie Übersetzung nach der französischen Originalfassung in: C. F. Bouuaert: Exorcisme, in: R. Naz (Hg.): Dictionnaire de droit canonique. Tome cinquième (1953), 668 – 671, 668. – Vgl. ebenso: W. Nagel: Exorzismus. II. Liturgiegeschichtlich, in: TRE 10 (1982) 750 –756, 750f.

 20 Die Übersetzungen der griechischen Wörter werden sowohl hier als auch im Folgenden entnommen aus: W. Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch (91991).

 21 Vgl. in: M. Ott: Exorzismus. I. Religionsgeschichtlich, in: 3LThK 3 (2006, Sonderausg.) 1125f, 1125.

 22 W. Nagel: Exorzismus, in: TRE 10 (1982) 751.

 23 A. Sleumer: Deutsch-kirchenlateinisches Wörterbuch (31962), 43.       

 24 W. Nagel: Exorzismus, in: TRE 10 (1982) 751.

 25 J. H. Waszink / E. Stemplinger: Besessenheit, in: RAC 2 (1954) 183 –185, 183.

 26 Die Energumenoi sind die von den „unreinen Geistern Getriebenen“, in: Th. Klauser: Energumenoi, in: RAC 5 (1962) 51–53, 51.

 27 H. Brakmann: Energumenen, in: LThK 3 3(2006, Sonderausg.) 644f.

 28 Ausführlichere Erklärungen bietet: J. H. Waszink / E. Stemplinger: Besessenheit, in: RAC 2 (1954) 183–185, 183. – Das Eindringen der bösen Geister durch Mund, Auge, After, Genitalien zur Besitznahme des Leibes von innen her wird auch bestätigt in: O. Böcher: Dämonen („böse Geister“) I. Religionsgeschichtlich, in: TRE 8 (1981) 270 –274, 271.

 29 Vgl. P. Dinzelbacher: Besessenheit. I. Kulturgeschichtlich, in: 3LThK 2 (2006, Sonderausg.) 312.

 30 WHO, Internationale Klassifikation psychischer Störungen (42000).

 31 „Jetzt aber hat mir der Herr, mein Gott, ringsum Ruhe verschafft. Es gibt keinen Widersacher [ןטש] mehr und keine Gefahr” (1 Kön 5,18; vgl. 1 Kön 11,14.23.25). – „Der Satan trat gegen Israel auf und reizte David, Israel zu zählen“ (1 Chr 21,1).

 32 W. Gesenius: Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament (171962), 782. – Zur profanen Bedeutung des hebräischen śāṭān ןטש siehe auch: H. Haag: Teufelsglaube (1974), 197f. 

 33 Allein 14-mal kommt diese Form in der hebräischen Bibel in der Rahmenerzählung des Buches Hiob, einem Dialog im Himmel zwischen Gott und dem Satan über Hiob, den untadeligen Knecht Gottes (Ijob 1–2), vor. – Vgl. die vierte Vision des Propheten Sacharja: „Danach ließ er mich den Hohenpriester Jeschua sehen, der vor dem Engel des Herrn stand. Der Satan [ןטשתו] aber stand rechts von Jeschua, um ihn anzuklagen. Der Engel des Herrn sagte zum Satan [ןטשת־ֿלא]: Der Herr weise dich in die Schranken, Satan [ןטשת]; ja, der Herr, der Jerusalem auserwählt hat, weise dich in die Schranken …“  (Sach 3,1–2).

 34 W. Gesenius: Hebräisches Handwörterbuch (171962), 782.

 35 „Sie vergelten mir Gutes mit Bösem, sie sind mir feind [ינונטשי]; denn ich trachte nach dem Guten“ (Ps 38,21; vgl. Pss 71,13; 109,4.20.29).

 36 „Der Herr ließ Salomo einen Widersacher [σατᾶν] erstehen“ (1 Kön 11,14). – „Wenn also der Satan [σατανᾶς] den Satan [σατανᾶν] austreibt, dann liegt der Satan mit sich selbst im Streit …“ (Mt 12,26; vgl. Mk 3,23; Lk 10,18; Röm 16,20; Offb 2,13 u.v.m.).

 37 W. Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch (91991), 670.

 38 Die griechische Übersetzung der Rahmenerzählung im Buch Hiob gibt den hebräischen Ausdruck ןטשת durchwegs mit διάβολος wieder (Ijob 1–2).

 39 Vgl. Mt 4,8.11; Lk 4,3.6.13; Joh 6,70; Offb 2,10 u.v.m.).

 40 „Stell den Freund zur Rede, denn oft gibt es Verleumdung [διαβολή]; trau nicht jedem Wort!“ (Sir 19,15).

 41 Vgl. W. Gemoll: Griechisch-Deutsches Handwörterbuch (91991), 195.

 42 „Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel [Diabolus] oder Satan [Satanas] heißt“ (Offb 12,9).

 43 satanas, ae = diabolus = Teufel, in: A. Sleumer: Deutsch-kirchenlateinisches Wörterbuch (31962), 162. – Die lateinische Rahmenerzählung im Buch Hiob nach der Nova Vulgata gibt das hebräische ןטשּׁת bzw. das griechische διάβολος konsequent mit dem lateinischen Satan wieder (Ijob 1–2).

 44 „… ein böses und schlimmes [κακὸν καὶ πονηρὸν] Geschwür an den Menschen“ (Offb 16,2).

 45 „… indem ihr tatet, was in den Augen des Herrn böse [τὸ πονηρὸν / עדה] ist, so daß ihr ihn erzürntet“ (Dtn 9,18). – „Denn alle sind ruchlos und böse [πονηροί / nequam / [עדמו] …“ (Jes 9,16). – „Diese Generation ist böse [πονηρά / nequam]“ (Lk 11,29).

 46 „… und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse [γνωστὸν καλοῦ και πονηροῦ / scientiae boni et mali / עדו בוט תעדה]“ (Gen 2,9). – „Du sollst das Böse [τὸν πονηρὸν / malum / עדה] aus deiner Mitte wegschaffen“ (Dtn 17,7; 19,19; 21,21; 22,21 u.v.m.). – „… und eure Kinder, die heute noch nichts von Gut und Böse [κακóν / mali / עדו] wissen, sie werden in das Land hineinkommen“ (Dtn 1,39).  – „All dieses Böse [πάντα ταῦτα τὰ πονηρὰ /omnia haec mala] kommt von innen und macht den Menschen unrein“ (Mk 7,23). – „Verabscheut das Böse [τὸ πονηρóν / malum], haltet fest am Guten!“ (Röm 12,9).

 47 „Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse [ὁ πονηρòς / malus] und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde“ (Mt 13,19). – „Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen [του πονηρου / nequissimi] auslöschen“ (Eph 6,16). – „Wer von Gott stammt, sündigt nicht, sondern der von Gott Gezeugte bewahrt ihn, und der Böse [ὁ πονηρòς / malignus] tastet ihn nicht an“ (1 Joh 5,18).

 48 Ebenso in: J. B. Hygen: Das Böse, in: TRE 7 (1981) 8–17, 8.

 49 KKK 391, in: Katechismus der Katholischen Kirche, 1993.

 50 „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut [דאמ בוט]“ (Gen 1,31). – Gott „schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht“ (DH 800). – Diese Erklärung erfolgte auf dem 4. Laterankonzil (1215), um einem dualistischen Weltbild entgegenzuwirken.

 51 „Der Teufel nämlich und die anderen Dämonen wurden zwar von Gott ihrer Natur nach gut geschaffen, sie wurden aber selbst durch sich böse. Der Mensch aber sündigte aufgrund der Eingebung des Teufels“ (DH 800).

 52 „Die Schrift spricht von einer Sünde der gefallenen Engel [2 Petr 2,4]. Ihr ‚Sündenfall‘ besteht in der freien Entscheidung dieser geschaffenen Geister, die Gott und sein Reich von Grund auf und unwiderruflich zurückwiesen“ (KKK 392). 

 53 „Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören“ (Weish 2,24).

 54 „Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel“ (Gen 6,1f). – Die „Gottessöhne“ sind offensichtlich Wesen, die nicht der Menschenwelt angehören und es legt sich die Vermutung nahe, dass damit die Engel gemeint sein könnten (vgl. DH 800), die durch ihr Vergehen an den Menschen den Fall der Engel verursacht haben. In dieser Theorie wird im größeren Kontext eine Erklärung für die Autonomisierung des Bösen gesucht. – Vgl. dazu: K. E. Grözinger: Engel III. Judentum, in: TRE 9 (1982) 586 –596, 591. – Vgl. ebenso: „Gott hat auch die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern sie in die finsteren Höhlen der Unterwelt verstoßen und hält sie dort eingeschlossen bis zum Gericht“ (2 Petr 2,4). 

 55 O. Böcher: Dämonen („böse Geister“) I. Religionsgeschichtlich, in: TRE 8 (1981) 270 –274, 270.

 56 A. Ganoczy: Dämonen, in: W. Beinert (Hg.): Lexikon der katholischen Dogmatik (1991), 80f., 80. – Ebenso O. Böcher: Dämonen („böse Geister“), in: TRE 8 (1981) 270.

 57 „Der böse Geist / τò πνευμα τò πονηρóν / daemonium pessimum” (Apg 19,16).

 58 „Ein unreiner Geist / τò ἀκάθαρτον πνευμα / inmundus spiritus“ (Mt 12,43; Mk 1,23.26 u.v.m.); „daemonium inmundum“ (Lk 4,33).

 59 A. Ganoczy: Dämonen, in: W. Beinert (Hg.): Lexikon der katholischen Dogmatik (1991), 80.

 60 „Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen. Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod. Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen. Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, daß ihm nur noch eine kurze Frist bleibt“ (Offb 12,7–12).

 61 „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,7f).

 62 H. Denzinger: Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum (1991).

 63 Vgl. dazu: M. Scala: Der Exorzismus in der Katholischen Kirche (2012), 158–167.

 64 Die Verbalwurzel עבש (šbʼ) aus den Buchstaben Schin, Beth und Ajin bedeutet nicht nur im Hebräischen schwören, einen Eid bzw. Schwur ablegen, sondern klingt in ihrer Aussprache noch in unserem deutschen Wort Schwur nach. – Das Hif’il „hat gegenüber dem Grundstamm k a u s a t i v e Bedeutung, d.h. das Subjekt veranlasst ein Objekt zu dem im Grundstamm ausgesagten Vorgang bzw. zu der im Grundstamm ausgesagten Handlung“, in: E. Jenni: Lehrbuch der hebräischen Sprache des Alten Testaments ( 21981), 142.

 65 Wenn ich mit Äußerungen unter passenden Umständen etwas Bestimmtes tue und „dabei ist klar, dass ich mit ihnen nicht beschreibe, was ich tue, oder feststelle, dass ich es tue“, dann heißt den Satz äußern, „es tun“. Solche Sätze oder Äußerungen werden nach John L. Austin als „performativer Satz“ oder „performative Äußerung“ bezeichnet. Der Name stammt von „to perform“, „vollziehen“, man „vollzieht“ Handlungen, wodurch die Äußerung nicht „einfach als bloßes Sagen“ aufgefasst wird. In: J. L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte (1972), 27f. – Austin schränkt aber zugleich ein, indem er zu bedenken gibt, dass es „in einer bestimmten Situation“ freigestellt werden kann, ob eine Äußerung performativ aufzufassen ist oder nicht, denn: „Vielleicht habe ich sie nicht als Befehl aufgefasst oder musste sie jedenfalls nicht als Befehl auffassen“, ebd., 51.

 66 Vgl. A. Wagner: Sprechakte und Sprechanalysen im Alten Testament (1997), 3. – „… mit Sprache kann man nicht nur über Dinge reden, man kann auch etwas mit ihr ‚tun‘ “, ebd., 8. – Der Hypothese, dass Sprechen in Übereinstimmung mit Regeln „Akte vollziehen“ bedeutet, schließt sich auch John R. Searle an und unterscheidet demnach „verschiedene Arten von Sprechakten“, in: J. R. Searle: Sprechakte (1971), 38.

 67 W. Gesenius: Hebräisches Handwörterbuch (171962), 146. – Der griechische Text verwendet das Verb ἐπιτιμάω im Sinne von „Vorwürfe machen, tadeln“, nach: W. Gemoll: Griechisch-Deutsches Handwörterbuch (91991), 319. – ἐπιτιμάώ, griech., auch für: schelten, anfahren. Nach: E. Preuschen: Griechisch-deutsches Taschenwörterbuch zum Neuen Testament (61976), 83. – Die lateinische Übersetzung der Vulgata „increpet Dominus in te Satan“ lässt ebenfalls die Bedeutung „es schelte dich der Herr, Satan“ zu. Vgl. dazu: A. Sleumer: Deutsch-kirchenlateinisches Wörterbuch (31962), 242.

 68 Vgl. dazu: M. Scala: Der Exorzismus (2012), 312–350.

 69 G. Schöllgen, in: Didache ( 32000). – M. Metzger (Hg.): Les constitutions apostoliques. I. Livres I et II (1985). – F. X. Funk: Die Apostolischen Konstitutionen (1891).

70 Testamentum Domini nostri Jesu Christi (1899). – Das 7. Kapitel fährt mit einem kollektiven „Exorzismus vor der Taufe (Exorcismus ante baptismum)“ (T. Dom. 2,7), der vom Bischof am Sabbat durchgeführt wird, fort.  Dazu werden die Täuflinge vom Diakon aufgerufen, die Knie zu beugen (genua flectere), der Bischof legt ihnen die Hand auf (manum super eos imponat) und spricht den Exorzismus (et exorcizans dicat). – Die deutsche Übersetzung stammt von der Autorin [M. S.]. – Zum Vergleich kann eine Übertragung ins Englische hergenommen werden, in: G. Sperry-White: The Testamentum Domini (1991), 24 –27.

 71 Vgl. Testamentum Domini, Rahmani (1899), 121–127.

 72 Vgl. dazu in: M. Metzger: Les sacramentaires (1994), 25–37.

 73 Liber sacramentorum romanae aeclesiae ordinis anni circuli (21968), XIX. – Vgl. dazu die speziellen Studien von: A. Chavasse: Le Sacramentaire dans le groupe dit „Gélasiens du VIIIe siècle“ (1984).

74 Liber sacramentorum (21968), XIX, Nr. 1705–1725.

75 C. Vogel / R. Elze: Le Pontifical Romano-Germanique du dixième siècle (1972). – M. Andrieu: Les Ordines Romani du haut moyen âge (1931–1961).

 76 M. Klöckener: Das Pontifikale als liturgisches Buch, in: W. Haunerland u. a. (Hgg.): Manifestatio Ecclesiae (2004), 79–127, 80. 

77 C. Vogel / R. Elze: Le Pontifical Romano-Germanique du Dixième Siècle (1963), 193 –220.

 78 B. Fischer: Das Rituale Romanum (1614–1964). Die Schicksale eines liturgischen Buches, in: TThZ 73 (1964) 257–271, 257.

 79 Die liturgischen Bücher im Geiste des Trienter Konzils erschienen in der Reihenfolge: Breviarum Romanum (1568), Missale Romanum (1570), Martyrologium Romanum (1584), Pontificale Romanum (1595/96), Caeremoniale Episcoporum (1600), Rituale Romanum (1614). – Vgl. dazu: R. Messner: Einführung in die Liturgiewissenschaft (2001), 52f. – H. Reifenberg: Fundamentalliturgie (1978), 107f.

 80 Der Liber Sacerdotalis von Alberto Castellani war eines der ersten gedruckten Ritualien, kam gut an und wurde mehrmals aufgelegt. Vgl. dazu: Don G. Nanni: Aspetti liturgici dell’esorcismo (2005), 113–164, 121f. – Ebenso: A. Jilek: Die Taufe, in: H.-Ch. Schmidt-Lauber / M. Meyer-Blanck / K.-H. Bieritz (Hgg.): Handbuch der Liturgik (32003), 285 –318, 296.

 81 Das Rituale von Giulio Antonio Santori (Sanctorius) existiert lediglich noch in wenigen Kopien. – Vgl. in: Don G. Nanni: Aspetti liturgici dell’esorcismo (2005), 113–164, 122.

 82 Vgl. dazu die detaillierte Beschreibung von: B. Fischer: Das Rituale Romanum (1614 –1964). Die Schicksale eines liturgischen Buches, in: TThZ 73 (1964) 257–271, 259f.

 83 Zum lateinischen Textvergleich wurden herangezogen: Rituale Romanum. Pauli V. Pont. Max. iussu editum. Brixen, 1635 (Österreichische Nationalbibliothek). – Rituale Romanum. Editio Princeps (1614). – Rituale Romanum Pauli V. Pont. Max. iussu editum (1927). – Rituale Romanum, Pauli V Pont. Max. iussu editum (1952). – Als Hilfsmittel zur deutschen Übersetzung wurde verwendet: Das Römische Rituale (1936). Neuauflage: P. Parsch (Hg.): Römisches Rituale. Deutsch (2012). – Vgl. ebenso die lateinische Version des Rituale Romanum editio prima post typicam von 1954 und deren deutsche Übersetzung von: G. Siegmund (Hg.): Ecclesia Catholica (32005).

 84 Im Vergleich dazu beschreibt das römisch-germanische Pontifikale die aufwendigen Eröffnungsriten zum Exorzismus über Besessene mit vorangehenden Exorzismen und Segnungen von Salz und Wasser, die sodann miteinander vermischt zur Besprengung des Besessenen vor seinem ersten Exorzismus verwendet werden (PRG 115,1–22).

 85 Vgl. Pss 4,2; 38,13; 53,13; 54,2; 63,2; 83,9; 142,1. – Besonders viele authentische Textzeugen des Versikels überliefert das römisch-germanische Pontifikale, vgl.: PRG 26,4; 32,3; 40,144; 99,229; 132,1; 139,6.11; 144,3.6.16; 145,5.u.ö.

86 Rituale Romanum (1635), 336. – Rituale Romanum. Editio Princeps (1614), 209f. – Rituale Romanum (1927), 392. – Rituale Romanum (1952), 681f.

87 Liber sacramentorum (21968), 251f.

88 C. Vogel / R. Elze: Le Pontifical Romano-Germanique du dixième siècle (1963), 199f.

89 Vgl. dazu: G. Siegmund (Hg.): Ecclesia Catholica (32005). – P. Parsch (Hg.): Römisches Rituale. Deutsch (2012).

 90 Vgl. dazu: „frontem, aures, nares / Stirn, Ohren, Nase“ (Trad. apost. 20) – „in fronte, ad nares, ad pectus, ad aures / Stirn, Nase, Brust, Ohren“ (T. Dom. 2,7) – „in fronte quam in corde / auf die Stirn sowie am Herzen“ (GeV 599) – „in manu dextera, in sinistra manu, ad linguam, ad frontem, ad oculos, ad aures, ad nares, ad pectus, … omnia membra / auf die rechte, die linke Hand, auf die Zunge, Stirn, Augen, Ohren, Nase, Brust, … alle Glieder“ (PRG 119,2–15).

91 C. Vogel / R. Elze: Le Pontifical Romano-Germanique (1963), 213.

 92 Um den Rahmen der Überschaubarkeit nicht allzu sehr zu strapazieren, wird hier auf eine wörtliche Zitation des wahrscheinlich jüngeren Textes aus dem römisch-germanischen Pontifikale verzichtet. Ein Textvergleich hat zudem ergeben, dass der Exorzismus nach PRG 115,33 zu genau mit der Version aus dem Altgelasianum (GeV 1715–1719) übereinstimmt, sodass er wenig Ergiebiges zur Erkenntnis beiträgt. In Zweifelsfällen, wo der Text dem römischen Rituale gegenüber Differenzen aufweist – z.B. ministro Christi (RR) / mysteriis Christi (GeV) –
stützt das Pontifikale die Version des gelasianischen Sakramentars (GeV). Der Dreimal-Sanctus fehlt allerdings nur im Altgelasianum, denn das Pontifikale enthält ihn ebenso wie das Rituale Romanum, nur nicht in Verbindung mit „Dominus Deus Sabaoth“ (RR), sondern als: „Sanctus, Sanctus Sanctus, dominus omnipotens“ (PRG 115,33). Der entsprechende Exorzismustext PRG 115,33 ist zu entnehmen aus: C. Vogel / R. Elze: Le Pontifical Romano-Germanique (1963), 200f.

 93 Vgl. dieses Zitat und die nachfolgenden Überlegungen mit: R. Messner: Einführung in die Liturgiewissenschaft (2001), 94.

 94 „Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen“ (Lk 11,20).

 95 Vgl. dazu aus dem Hebräerbrief: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt …“ (Hebr 1,1–3).

 96 Auf die Frage nach dem Reich Gottes antwortete Jesus den Pharisäern: „Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch“ (Lk 17,21).

 97 Vgl. das apokalyptische Bild vom Endgericht vor dem himmlischen Thron Gottes nach der Offenbarung des Johannes: „Dann sah ich Throne; und denen, die darauf Platz nahmen, wurde das Gericht übertragen … Und der Teufel, ihr Verführer, wurde in den See von brennendem Schwefel geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind. Tag und Nacht werden sie gequält, in alle Ewigkeit. Dann sah ich einen großen weißen Thron und den, der auf ihm saß; vor seinem Anblick flohen Erde und Himmel, und es gab keinen Platz mehr für sie. Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war. Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee [in stagnum ignis] geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee. Wer nicht im Buch
des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen“ (Offb 20,4 –15).

 98 Entstehungsgeschichte, Inhalt und Aufbau mit Gliederungstabelle zu diesem Exorzismus nach Papst Leo XIII. († 1903) ist ausführlich nachzulesen in: M. Scala: Der Exorzismus in der Katholischen Kirche (2012), 387–394.

 99 Rituale Romanum ex Decreto Sacrosancto Oecumenici Concilii Vaticani II (1999). – Sofern keine ausdrückliche Anmerkung erfolgt, haben die in diesem Artikel folgenden Untersuchungen für beide Ausgaben gleichwertige Gültigkeit, obwohl der Text von 1999 verwendet wurde.

100 Seit 1971 sind in rascher Folge die einzelnen amtlichen liturgischen Ordnungen und Bücher zu den Feiern der Sakramente und anderer liturgischer Feiern (Kindertaufe, Eingliederung Erwachsener in die Kirche, Firmung, Krankensalbung, Buße, Trauung, Begräbnisfeier, Benediktionen, Ordensprofess u.a.) manche schon in zweiter Auflage, auch in (deutscher) Volkssprache herausgegeben worden. Vgl. in: R. Messner: Einführung (2001), 53f. – A. Adam: Grundriss Liturgie (82005).

101 Der lateinische Text ist abgedruckt in: Paulus Episcopus Servus Servorum Dei (1964) 97 –138. – Die deutsche Übersetzung: K. Rahner / H. Vorgrimler: Kleines Konzilskompendium (31967).

102 M. Probst / K. Richter: Exorzismus oder Liturgie zur Befreiung vom Bösen (2002).

103 Die deutsche Übersetzung des Ritus des Großen Exorzismus und der daran anschließenden Auswahltexte und Gebete folgt hier und im Folgenden dem Vorschlag in: M. Probst / K. Richter: Exorzismus (2002), 89 –130.

104 S.o. die Exorzismusformel aus dem Altgelasianum (GeV 1715 –1719) in der Vergleichstabelle mit dem 2. Exorzismus im Rituale Romanum (RR 1614) sowie der Vergleich des Römisch-germanischen Pontifikale (PRG 118,5) mit dem 3. Exorzismus (RR 1614).

105 Vgl. GeV 1556; PRG 40,8; 105,4; 115,17; 181,16; 183,17.

106 Die Mischung aus Weihwasser und Salz wurde unter mehreren Orationen, Handauflegung und Kreuzzeichen beim kollektiven Exorzismus über Electi während der österlichen Taufriten angewendet (PRG 115,22–24).

107 Diese Anordnung kommt der Forderung aus den Praenotanda nach, wonach keine Imperative Formel angewandt werden soll, ohne dass ihr eine deprekative vorausgegangen ist, umgekehrt jedoch die deprekative Form gebetet werden kann auch ohne nachfolgende imperative („Formula imperativa ne utatur nisi praemissa formula deprecativa. Formula vero deprecativa etiam sine imperativa adhiberi potest“, Nr. 28). – Diese Prämisse stellt keine Neuerung dar, sondern ist gängige Exorzismuspraxis von Anfang an, was sowohl anhand der zahlreichen Belege in den Textquellen des Altgelasianums sowie des römisch-germanischen Pontifikale als auch in konsequenter Weise im Rituale Romanum 1614 nachvollzogen werden kann. Vgl. dazu das Aufbauschema Versikel – Oration – Exorzismus im Römischen Ritus (RR 1614).

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Dr. Monica Scala, Stift Klosterneuburg / Pius Parsch-Institut, Stiftsplatz 1, A-3400 Klosterneuburg, m.scala@stift-klosterneuburg.at

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