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Rezensionen

Rezensionen 2016/15

REZENSIONEN 2017/16

ETHICA 2017/1


Ropohl, Günter: Das Wesen der Wirtschaft und das Unwesen der Ökonomen. Baden-Baden: edition sigma in der Nomos Verlagsges., 2015, 187 S., ISBN 978-3-8487-2513-7, Brosch., EUR 29.00

Prof. Günter Ropohl, mit Ausbildung in Technologie, Philosophie und Soziologie, setzt sich in diesem Buch mit dem Wesen der Wirtschaft auseinander. Dabei versteht er unter „Wirtschaft“ die tatsächlichen Handlungen und Einrichtungen, mit denen Bedarfsgüter ausgetauscht werden. Die Ergründung der Wirtschaft als solche ist für den Autor hingegen eine philosophische Aufgabe, die von den Philosophen allerdings kaum wahrgenommen wird.
Auch die Mehrzahl der Wirtschaftswissenschaftler hat sich um die Einbettung des Wirtschaftens in die menschlichen Lebensbedingungen kaum gekümmert. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Wirtschaft ein zwiespältiges Wesen ist. Auf der einen Seite sind es die Aktivitäten zur Sicherung unserer Lebenssituation durch Kaufen, Arbeiten und Sparen. Auf der anderen Seite ist die Wirtschaft ein Geflecht von Organisationen, die man meist nicht kennt geschweige denn durchschaut. So hat Wirtschaft eine subjektive und eine objektive Seite, insofern die Individuen zum einen ihren eigenen Plänen nachgehen, zum andern über individuelle Organisationsformen das individuelle Handeln in bestimmte Bahnen lenken. Damit verbunden ist die Arbeitsteilung, die einen zusammenhängenden Produktionsvorgang in Teilarbeiten gliedert und jede einzelne Teilarbeit einer bestimmten Person bzw. Maschine überträgt. Dabei erklärt sich der Wert einer Ware vor allem mit dem persönlich zu erwartenden Nutzen, den sich ein Käufer davon verspricht. Durch diese Subjektivierung des Wertes der Arbeit ist Letztere jedoch als Wertschöpfungsfaktor in den Hintergrund getreten. Geld ist zum Aushängeschild der Wirtschaft geworden, doch spiegelt Geld wider, was Menschen tun, um ihren Bedarf zu decken.
Seit Teile der Arbeit von Maschinen übernommen werden, sehen einige sogar das Ende der Erwerbsarbeit gekommen, was aber nicht auch schon das Ende der Arbeit bedeutet. Erwerbsarbeit ist nämlich nicht das ganze Leben.
Die Technik ist jedenfalls ein Mittel zur Kapitalakkumulation und Geld ist zu einer Ware geworden, die sich durch Verleihen sozusagen selbstständig vermehrt. Zinseinnahmen werden zum Einkommen ohne Arbeit, das durch den Zinseszins noch gesteigert wird. Allerdings bergen diese finanziellen Verfahren der Geldvermehrung den Keim krisenhafter Entwicklungen, wie der Immobilien-Kollaps in den USA gezeigt hat. Verschuldete Hauseigentümer konnten die Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen und sahen sich zu Notverkäufen gezwungen. Die Immobilienpreise fielen dramatisch und die Forderungen an die involvierten Banken konnten nicht mehr eingelöst werden.
In der modernen Wirtschaft tauscht man nämlich nicht nur Waren gegen Geld und Geld gegen Zins-Geld, sondern man tauscht auch zunehmend Geldforderungen gegen Geld. Auf diesem Weg können die Vermögensverhältnisse enorm gesteigert werden. So soll 1 Prozent der Menschen mit 110 Billionen Dollar die Hälfte des Reichtums dieser Welt besitzen. Dabei müssen die Reichen paradoxerweise Kapital abgeben, um für den gewinnbringenden Absatz ihrer Produkte auf eine entsprechende Kaufkraft zu kommen. Das ist das Gesetz des konsumistischen Kapitalismus, was besagt, dass sich die Geldspekulation von der Realwirtschaft völlig abgelöst hat.
Hingegen ist es das Ziel der Unternehmen, Bedarfsgüter hervorzubringen, die von an-
deren Wirtschaftseinheiten nachgefragt werden. Als vorrangiges Unternehmensziel gilt dabei die Rentabilität. So ist heute selbst im modernen Haushalt die Entwicklung dadurch gekennzeichnet, dass der Kauf extern hergestellter Güter gegenüber der Eigenproduktion gewonnen hat.
Die Vorstellung, die menschlichen Bedürfnisse wären unbegrenzt, wird mit der Vorstellung des Mehrens von Waren verbunden, was nach vielen Ökonomen ein menschlicher Urtrieb sei. Nun gibt es nach Ropohl auch Menschen, die mit dem, was sie haben, vollkommen zufrieden sind. Damit will der Autor das Wachstum allerdings nicht grundsätzlich verneinen, zumal Wachstum, wenn es allen schlecht geht, Abhilfe schaffen kann. Man müsse aber nicht grundsätzlich ständig Mehrung erstreben. Ist ein erreichter Zustand zufriedenstellend, sollte nur noch dieser Bestand aufrechterhalten bleiben.
Der Hinweis, dass der Vatikan die Begrenzung des Bevölkerungswachstums auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 durch ein Veto verhindert habe, ist allerdings ungenau, weil der Vatikan nur gegen eine rein technische Bevölkerungsbegrenzung ist, da er auf eine verantwortete Elternschaft baut. Dies deckt sich schließlich auch mit der Ropohls Aussage: „Wer nur in monetären Quantitäten denken kann, vermag menschliche Lebensäußerungen, die sich vor allem durch ihre besondere Qualität auszeichnen, natürlich kaum zu begreifen.“ (S. 176)
Das Buch gibt einen aufgefächerten und allgemein verständlichen Einblick in das Wesen der Wirtschaft mit einer Schlussattacke gegen die Ökonomen in einem unterschwelligen sozialen und antikapitalistischen Ton. Ein Literaturverzeichnis mit Nennung ausgewählter Klassiker und neuerer Quellen sowie ein Personenregister beschließen die informative Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften: Sozialethik der Pflege und Pflegepolitik. Münster: Aschendorff, 2016 (Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften; 57), 391 S., ISBN 978-3-402-10989-2, Brosch., EUR 38.00

Der vorliegende Sammelband enthält auf 391 Seiten 19 fachbezogene Beiträge zur Thematik der Pflege. Dass dies ein hochaktuelles Thema in westlichen Industriestaaten mit einer immer älter werdenden und langlebigeren Gesellschaft ist, braucht hier wohl nicht näher begründet zu werden. Die Hauptlast dieser Pflege-Arbeit trägt zwar immer noch die Familie, aber die Richtung zeigt eindeutig, dass zunehmend gesellschaftliche, seien es nun staatliche oder privat-, d.h., profitorientierte Trägerorganisationen, diese Aufgabe übernehmen. Hier tut sich, wie der Sammelband überzeugend darlegt, eine Vielzahl von Problemkreisen auf, die an dieser Stelle gar nicht alle aufgezählt werden können. Dabei werden nicht nur ethische Fragestellungen thematisiert, sondern auch, wie vor allem aus bundesdeutscher Sicht dargestellt und erläutert wird, eine Reihe von Problemen, die sich auf der politischen bzw. finanzierungstechnischen Seite ergeben.
Immer wieder tönt auch an, dass dem Beruf der Pflege, insbesondere von älteren Menschen, die dafür notwendige Anerkennung und Wertschätzung – nach wie vor – vorenthalten wird. Die Pflege stellt kein Berufsfeld dar, zu dem sich die Massen Arbeitswilliger drängen. So ist es denn auch nicht erstaunlich, dass in diesem Bereich fast ausschließlich Frauen arbeiten, die zu einem nicht zu unterschätzenden Teil aus Osteuropa, aber auch aus Asien kommen. Im Buch wird hierbei von sogenannten live-ins gesprochen. Das sind Arbeitskräfte, welche die Pflegearbeit bei den alten Menschen zu Hause verrichten. In der Schweiz kennen wir hierfür den Begriff der Spitex. Es haben sich aber auch hier mittlerweile Firmen etabliert, die auf rein profitorientierter Basis diese live-ins-Dienste anbieten.
Ein weiterer Punkt soll hier noch Erwähnung finden, nämlich der, dass die Vulnerabiliät des Klientels nicht allein bei diesem zu suchen ist, sondern oft in den gesellschaftlich-politischen Gegebenheiten. Es geht nicht um die Verletzlichkeit des alten Menschen als solche, sondern um die Verletzlichkeit, die systembedingt ist und verändert werden könnte. Davon handelt dieses Buch.
Es ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil ist mit ,Sozialethik der Pflege und Pflegepolitik‘ überschrieben und enthält drei Unterbereiche: a) Ouvertüre, 4 Beiträge, b) Forschungsbeiträge, 6 Beiträge und c) Literaturüberblick, 1 Beitrag. Der zweite Teil heißt: Forschungsbeiträge zur Sozialethik und enthält 2 Beiträge. Der dritte Teil trägt den Titel: Christlich-sozialethisches Denken und Arbeiten in Europa / Thinking and Doing Christian Social Ethics in Europe und enthält einen Beitrag aus Irland. Der vierte Bereich enthält Berichte und Mitteilungen über stattgefundene Tagungen sowie über Qualifikationsarbeiten in der deutschsprachigen katholischen Sozialethik. Dabei werden Arbeiten aus Deutschland und Österreich berücksichtigt.
Wer sich mit Pflege im umfassenden Sinn beschäftigt bzw. beschäftigen muss, wird nicht umhinkommen, sich diesen Sammelband zuzulegen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Witschen, Dieter: Ethischer Pluralismus. Grundarten – Differenzierungen – Umgangsweisen. Paderborn: F. Schöningh, 2016, 129 S., ISBN 978-3-506-78222-9, Brosch., EUR 19.90

Das Buch, wie es der katholische Theologe W. vorgelegt hat, räumt vor allem mit der terminologischen Unordnung in der Debatte um ethischen Pluralismus auf. In einer Vielzahl von Differenzierungen skizziert es sinnvolle und problematische Redeweisen des ethischen Pluralismus. Während W. dabei zunächst eine deskriptive Redeweise vom moralischen Pluralismus, die eine Vielstimmigkeit als Faktum konstatiert (Kap. II, 15 –23), von einer normativen Begründung (III, 24 – 69) abgrenzt, geht er dann näher auf eine Pluralität von Tugendethiken ein (IV, 70 –105), bevor er abschließend (V, 106 –129) einen „fundierten Pluralismus“ als Lösung zum Umgang mit der moralischen Vielstimmigkeit anbietet. Darunter versteht er eine Pluralität unter „Anerkennung allgemeingültiger Regeln“ (114).
Viele Differenzierungen des Buches sind klug und situationsrelativ eingefasst. Wer sich mit dem Phänomen des ethischen Pluralismus beschäftigt, wird sich häufiger in der Darstellung des Dickichts, aber auch in der Zurückhaltung gegenüber einer voreiligen Emphase für pluralistische Konzepte bestätigt fühlen. Gleichwohl ist W’s Versuch, Ordnung in ein unübersichtliches Terrain zu bringen, mit neuen Unschärfen erkauft. Das dürfte zwar der Kürze des Buches geschuldet sein; aber gerade dann hätte sich W. für eine umfassendere Darstellung entscheiden sollen. Viele methodische Entscheidungen bleiben nun im Dunkeln, so z.B. die Feststellung, metaethische Beobachtungen seien nur hin und wieder in das Buch eingeflossen (14, 131). Sollen damit die vorgenommenen Differenzierungen normativ zu verstehen sein? Dann bleibt der Leser auf Verdachtsmomente angewiesen, welche normative Leitperspektive W. einnimmt. Die Behauptung, dass in der Ethik „Geltungsgründe“ (46) stechen, übergeht aber unbegründet die Situationsethik und den Emotivismus. Ebenso fehlen die Gründe für die Behauptung, dass in einer ethischen Diskussion „Nominaldefinitionen“ (48) einzuführen sind, damit man sich in „neutraler Sprache“ (ebd.) verständigen kann. Dahinter steckt die unbegründete Unterstellung, dass eine sprachliche Ambiguität vermieden werden kann (etwa auch 69, 90).
Ich vermute dahinter einen ethischen Realismus. Ausdrücklich spricht W. davon, dass es „moralische Universalien … gibt“ (17, Herv. D.W., 33). Das Universalisierungsprinzip wird formallogisch begründet, dass es keinen Individualbegriff enthalten dürfe (32). Zwar sind moralische Erfahrungen „nicht in gleicher Weise objektivierbar wie empirische Einsichten im Feld der Naturwissenschaften“ (21), so dass die ethische Realität einer hermeneutischen Zugangsweise bedarf (ebd.). Daraus folgt aber offenbar nicht, dass sie überhaupt nicht objektivierbar wäre.
Wie sich Realismus und Hermeneutik zueinander verhalten, zeigt sich in der Darstellung der Gründe, warum trotz eingehender Diskussion ein Dissens bestehen bleiben kann (47–52). Während die meisten dieser Gründe technisch sind (sprachliche Ungenauigkeiten oder unterschiedliche Prognosen), nennt W. einen substanziellen Grund, nämlich unterschiedliche „metaphysische oder religiöse Annahmen“ (51). Wie sich solche Differenzen allerdings ausräumen lassen, bleibt wieder dem Leser überlassen. Im Realismus gäbe es hierzu zwei Optionen: Entweder bilden unterschiedliche religiöse Perspektiven jeweils verschiedene hermeneutische Zugänge zur Realität; dann wäre zu klären, ob solche Zugänge selbst ein Teil der zu erkennenden Realität sind (so anscheinend 42, wo die hermeneutische Vermittlung moralischer Äquivalente in den Weltanschauungen unterstellt wird) oder sie immer nur konstruieren. In beiden Fällen freilich wäre ein ethischer Pluralismus unausweichlich, der über einen fundierten Pluralismus hinausgehen würde. – Oder religiöse Perspektiven betreffen nur moralische Zusätze, „supererogatorische Handlungen“ (84) die zwar gelobt, aber deren Unterlassung nicht getadelt werden dürfte. Immerhin versteht W. theologische Tugenden (91) und religiöse Ideale (103) in diesem Sinn als Superadditum analog zur römisch-katholischen Zwei-Stufen-Ethik.
So sehr sich daher bei mir während der Lektüre der Eindruck eines ethischen Realismus als Leitperspektive des Buches verfestigt hat, so sehr habe ich die Begründung eines solchen vermisst. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem moralischen Pluralismus als eines Relativismus oder Partikularismus ist der bloße Verweis auf scheinbare Selbstverständlichkeiten („evident“, 12, vgl. 34) zirkulär. So muss die Prämisse von Relativisten nicht geteilt werden, dass ein Handlungsgrundsatz keine Individualbegriffe (32) enthalten dürfe, weil sie die Existenz von Universalien leugnen könnten. W. brandmarkt Partikularisten nur klischeehaft als Rassisten oder Chauvinisten (ebd.). Subtiler wäre eine Diskussion mit feministischen Ansätzen oder Tierschützern gewesen, die partikulare Begründungsmuster in Anspruch nehmen. Zudem tut W. einem Universalismus keinen Gefallen, wenn er ihn mit einem geheimen ethischen Realismus paart, so als ob diese metaphysische Vorentscheidung geschluckt werden müsse, um einen grundlegenden ethischen Konsens zu ermöglichen. Umgekehrt werden weder alle Universalisten noch alle grundierten Pluralisten der Differenz von Moral und Sitte zustimmen (26): „Was für Frauen und Männer bei welcher Gelegenheit als jeweils angemessene Kleidung angesehen wird“, sei angeblich „moralisch kein Problem“ (ebd.). Angesichts der Diskussion um Kopftuch- und Burkaverbot wüsste man hier gerne mehr, nämlich ob damit eine Tyrannei der Sitte bar moralischer Gründe über Kleidungsvorschriften entscheiden darf oder ob umgekehrt Kleidungsverbote illegitime moralische Übergriffe darstellen. W’s Realismus dürfte der Sitte jedoch in beiden Fällen einen ontologischen Status zuschreiben.
Angesichts der onto-logischen Perspektive des Buches irritiert es, dass der Art-Begriff (z.B. 7, 12, 13, 24, 32, 53), den W. für Unterscheidungen innerhalb des Pluralismus heranzieht, mehrfach äquivok verwendet wird: Er kann die Aufteilung in verantwortet / dogmatisch (12), deskriptiv / normativ /tugendethisch (13f), universalistisch / partikularistisch (31f.), statisch / dynamisch (53) meinen. Solche Äquivozitäten gehen zu Lasten der sonstigen Feinsinnigkeit von Differenzierungen, übrigens ebenso wie beim Begriff der „Ebene“ (13, 18, 29).
Warum der Tugendethik ein eigenes Kapitel zu widmen ist, wird zwar damit begründet, dass sie eine Grundart des ethischen Pluralismus sei (14). Kapitel IV. beschreibt aber eher tugendethische Ansätze als ihren pluralistischen Grundzug. Erst vom letzten Kapitel wird die tugendethische Präzisierung deutlich: W’s grundierter Pluralismus setzt letztendlich auf die Tugend der Toleranz (123). Dabei wird Toleranz nicht normativ begründet, sondern in Seinsaussagen beschrieben (125–128): Der tolerante Mensch ist selbst ein ethischer Realist, weil er sich an der „Prüfung der Realitäten“ (127) orientiert.
Lukas Ohly, Frankfurt

Wedler, Hans: Suizid kontrovers. Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft. Stuttgart: Kohlhammer, 2017 (Horizonte der Psychiatrie und Psychotherapie – Karl Jaspers-Bibliothek; 3), 148 S., ISBN 978-3-17-031046-9, Brosch., EUR 26.00

Prof. Dr. med. Hans Wedler, Facharzt für Innere Medizin und Psychotherapeutische Medizin, ehem. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), legt hier seine Wahrnehmungen zum Thema Suizid in Medizin und Gesellschaft vor.
Wie bekannt, wird der Suizid heute in fast allen gesellschaftlichen Kreisen, einschließlich der Medizin, negativ gewertet und ist in vielen Staaten sogar strafrechtlich verboten. Andererseits wird er bisweilen als die dem Menschen einzig adäquate Form der Lebensgestaltung gepriesen.
Zu den Personen, die als besonders suizidgefährdet gelten, zählt man psychisch Kranke, ältere Menschen und hier vor allem Männer, Arbeitslose sowie rassisch, religiös und politisch Verfolgte und ihrer Umgebung Entwurzelte. Dabei begeht jemand Selbstmord selten aus Überlegung, sondern aus emotionaler Verengung, wenngleich sich fast jeder vor der suizidalen Handlung in irgendeiner Weise mitteilt, was durch eine Reihe von Fällen belegt ist. So schreibt z.B. Heinrich Kleist: „... die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“
Die Option zum Suizid besteht für den Menschen ein Leben lang, für das Kind zumindest ab dem Erwachen des Todesverständnisses.
Wegen seiner individuellen und gesellschaftlichen Vielschichtigkeit ist der Suizid auch vielfach Thema in Literatur und bildender Kunst. Die Medien berichten in bestimmten Fällen in besonderer Aufmachung und Ausführlichkeit. Dabei wird der Freitod nicht selten als die Höchstform menschlicher Autonomie gepriesen. Angesichts der Einengung des Denkens und Empfindens bei der Vorbereitung und Durchführung des Suizids darf die Betonung der diesbezüglichen Autonomie durchweg in Frage gestellt werden.
Was die Formen selbstbestimmten Sterbens betrifft, so bewegen sich diese von demonstrativer öffentlicher Selbsttötung bis hin zu den ausgeklügeltsten Formen der Vertuschung.
Nach diesen Beschreibungen geht der Autor auch auf die viel diskutierte Form der Suizidassistenz ein, die in einigen Ländern schon lange praktiziert wird. In Deutschland z.B. ist nach den Bundestagsbeschlüssen vom 7. November 2015 die ärztliche Beihilfe zum gemeinsamen Suizid zweier alter Menschen erlaubt, sofern sie nicht geschäftsmäßig erfolgt.
In diesem Zusammenhang wird auch die Palliativversorgung am Lebensende angesprochen. Es geht hier nicht mehr um Heilung, sondern lediglich um Linderung der durch die Krankheit ausgelösten körperlichen und seelischen Beschwerden, einschließlich der Erleichterung des Sterbens.
Man unterscheidet heute zwischen Sterbebegleitung in Form von pflegerischer Grundversorgung, Sterbeerleichterung in Form von Palliativbehandlung und Sterbebeschleunigung in Form von ärztlich assistiertem Suizid. Was die Suizidassistenz betrifft, so ist die diesbezügliche Diskussion weltweit gegeben. Katholische Kirche, Islam und Judentum lehnen sie ab, die evangelische Kirche erklärt sich hier nicht eindeutig. Auf jeden Fall ist das Tötungsverbot die Basis für jede Form sozial gestalteten Lebens. Allerdings kennt es gewichtige Ausnahmen. Das Töten des Feindes z.B. ist ein gesellschaftlich anerkanntes Kriegsziel und heute auch ein Mittel der Wahl bei der Terrorbekämpfung und zur Wahrung der öffentlichen Ordnung, wenngleich mit definierten Einschränkungen. Daher kommen eine Aufhebung des Tötungsverbotes im Rahmen der Sterbehilfe und generell die gesellschaftliche Tolerierung des Suizids in den Augen vieler einer Verletzung der Menschenwürde gleich. Zudem setze, so die weitverbreitete Meinung, eine vom Staat legitimierte und gesetzlich geregelte Sterbebeschleunigung das falsche Signal an die Gesellschaft.
Von psychiatrischer Seite wird darauf verwiesen, dass die meisten Menschen, die einen Suizid in Erwägung ziehen, an Depressionen leiden und psychisch krank sind.
Am Schluss geht der Autor noch auf die Suizidprävention ein und stellt fest, dass weder durch gute Ratschläge noch mit Zwang ein Mensch dauerhaft vom Wert des Weiterlebens überzeugt werden kann.
Wirft man nach diesen kurzen Inhaltsangaben einen Blick auf das Buch als Gesamtes, so beindrucken Abgewogenheit, Fachlichkeit und Vielschichtigkeit der Argumentation mit den zahlreichen historischen Beispielen. Ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister beschließen diese sehr informative und fachliche Arbeit zu einem der schmerzvollsten Themen des menschlichen Lebens.
Andreas Resch, Innsbruck

Zur Nieden, Christiane: Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Eine Fallbeschreibung. Frankfurt a. M.: Mabuse 2016, ISBN 978-3-86321-287-2, Brosch., 171 S., € 19.95.

Dieses populär geschriebene Buch ist nicht nur ein Sterberatgeber. Es eröffnet auch ein ethisches Thema, das selten so offen diskutiert wurde wie hier, nämlich die Frage, auf welche Art und Weise wir selbst sterben möchten. Das ist eine sehr persönliche, aber dennoch eine ethische Frage, die dann wirklich in den Vordergrund rückt, wenn wir damit konfrontiert sind, dass unser Leben bald enden wird. Wie soll aber eine Frage, die doch letztlich nur eine Person (jeweils „mich“) angeht, eine Frage von moralischer Bedeutung sein? Erstens deswegen, weil das Sterben das gesamte Leben betrifft. Und zweitens, weil in den Gedanken und Handlungen andere involviert und direkt oder indirekt von ihnen betroffen sind.
Es gibt verschiedene Arten des mehr oder weniger selbstbestimmten Sterbens. Und es gibt das Sterben ohne Selbstbestimmung über den Zeitpunkt. Wenn Sterben im medikalisierten Raum stattfindet, ist meistens irgendeine Möglichkeit gegeben und es sind Entscheidungen darüber erforderlich, wie die Umstände des Sterbens mitgestaltet werden sollen. Sterbefasten ist einer dieser möglichen Wege. Er beinhaltet den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Es ist rechtlich gesehen einwandfrei und bietet sich auch in Ländern als Möglichkeit an, die ansonsten restriktive Gesetzgebungen für das assistierte Sterben aufweisen. Aber nicht nur dort ist das ein Thema: In den Niederlanden – bekannt für eine sehr liberale Gesetzgebung am Lebensende – starben 2010 rund 2800 Menschen mit Sterbefasten (eine Studie ist zitiert auf S. 130).
Wenn man das tun möchte, braucht es einiges Know-how: Es geht z.B. um die richtige Mundpflege, um eine gute Schmerztherapie, um eine Rund-um-die-Uhr-Fürsorge durch Familienangehörige nach spätestens 4 –5 Tagen u.v.m. Davon handelt das Buch. Es ist mit der 25-jährigen Erfahrung einer Sterbe- und Trauerbegleiterin geschrieben, die viele Menschen mit Sterbefasten bis zum Tod begleitet und unterstützt hat. Sie weiß, wie das alte Menschen machen können. Deutlich warnt sie vor Illusionen: Für Jüngere Menschen, die sterben möchten, ist es kein möglicher Weg. Auch bei alten Menschen kann man nicht wissen, wie lange es genau dauern wird, bis das Leben auslöscht. Nur so viel ist klar: Je weniger Flüssigkeit, desto schneller wird es gehen. Die Autorin schreibt davon, dass es körpereigene Prozesse gebe, die alten Sterbenden helfen, den Prozess auszuhalten: bei manchen Betroffenen entstehe eine Schläfrigkeit durch den erhöhten Harnstoffgehalt im Blut wegen einer Nierenunterfunktion. PalliativmedizinerInnen, die ich gefragt habe, sagen aber, dass das in einigen Fällen auch zu Unruhe führen kann. Medizinisch ungeklärt sei, ob es stimmt, wie im Buch behauptet wird, dass es zu einer Ausschüttung von Endorphinen führt, die heiter stimmen.
Das Buch klärt auch über die rechtlichen Begleitumstände auf: Die Abgrenzung zum assistierten Suizid, der Sinn einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht werden erklärt, sowie die in Deutschland notwendige Modifikation der Garantenpflicht des behandelnden Arztes.
Was mich beindruckt hat an diesem Buch, ist die Aufmerksamkeit, die es den moralischen Implikationen des Sterbefastens für die Beteiligten schenkt. Zuerst geht es schon einmal darum, wie man diese Handlung der Hilfe, die Menschen einem Sterbefastenden zuteil werden lassen, richtig beschreibt. Die Helfenden helfen mit, so formuliert zur Nieden, „die sterbewillige Person sterben zu lassen“ (S. 30). Es gibt Verhandlungen zwischen der sterbenden Person und den Helfenden über Fragen der Schuld. Die sterbende Person möchte oft die Angehörigen von Schuld an ihrem Sterben freisprechen. Die unterstützenden Angehörigen fragen sich, ob sie ein Recht haben, die Hilfe abzulehnen, d.h. im Endeffekt der sterbenden Person ein Leben, das sie selbst nicht mehr als lebenswert empfindet, aufzuzwingen (S. 36).
Ist das Buch suggestiv, weil es mit der als schwierig aber letztlich als positiv beschriebenen persönlichen Sterbeerfahrung der Mutter der Autorin einsetzt? Ich hatte diesen Eindruck nicht. Es nimmt zwar für die Position Partei, dass Sterbefasten eine reale Möglichkeit des selbstbestimmten Sterbens ist, die man nicht aus moralischen Gründen von vornherein ausschlagen soll. Aber es argumentiert nicht dafür, es so zu tun oder das anderen zu empfehlen.
Es wirft einige wichtige Fragen einer existenziellen und religiösen Ethik auf: Haben wir Menschen ein Recht dazu, den Tod einzuladen, wenn das Leben am Lebensende nicht mehr lebenswert ist? Mit welchem Recht können wir das anderen Menschen verweigern, die durch konsequentes Fasten diese Einladung aussprechen möchten? Kann es uns Gott verweigern? Wie müssten wir uns Gott denken – das heißt, in welchem Verhältnis uns gegenüber – wenn wir argumentierten wollten, dass er uns das in jedem Fall verweigert?
Eine andere Frage, welche die Ethik im Gesundheitswesen beschäftigen müsste, ist die: Wie krank muss man sein, um mit Sterbefasten sterben zu dürfen? Muss man eine „vorzeigbare“ Krankheit haben wie etwa Krebs oder ein Organversagen, oder reicht es aus, dass ein langes Leben gelebt ist und fortan wegen vieler Beschwerden nicht mehr sinnvoll scheint? Sollen Hospize und Palliativstationen oder auch ambulante Palliativteams Menschen, die sterben möchten, ohne an einer vorzeigbaren Krankheit zu leiden, sondern nur sehr alt und sehr gebrechlich sind, wenn sie das ausdrücklich und nachhaltig wünschen, auf dem Weg des Fastens bis zum Tod unterstützen? Das sind Nagelproben für unser moralisches Verständnis des Todes.
Christoph Rehmann-Sutter, Basel / Lübeck

Maio, Giovanni: Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung. Freiburg i. Br. u.a.: Herder, 2015, 223 S., ISBN 978-3-451-30687-7, Geb., EUR 19.99

Das Buch ist ein Plädoyer für die Zuwendung von ÄrztInnen zu kranken Menschen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, über die kein Buch geschrieben werden müsste, wenn sie nicht in unserem durchrationalisierten, ökonomisch geprägten Gesundheitssystem zunehmend verloren ginge bzw. schon verloren gegangen ist. Der Autor begründet mit leisen Tönen, dafür umso überzeugender, warum Zuwendung der Kern ärztlicher, psychotherapeutischer und pflegerischer Praxis ist. Dazu analysiert er die Begriffe Annehmen, Vertrauen, Hoffen und Verstehen.
Das Buch beginnt mit Überlegungen zu, „wenn das Verstehen des Patienten zur Nebensache wird“. Credo dieses Teiles ist ein Zitat von Ruth C. Cohn: „Keine Methode ersetzt persönliche Wärme, Toleranz und positive Einstellung zum Menschen“. Entsprechend wird die Betrachtung (und Realität) der modernen Medizin als Industriebetrieb in Frage gestellt.
Der zweite Abschnitt ist eine „kleine Phänomenologie des Krankseins“. Analysiert werden folgende Beispiele: chronischer Schmerz, Krebs, Demenz und der sterbende Mensch. Während chronischer Schmerz und Krebs Herausforderungen an eigene Einstellungen darstellen (die ausführlich beschrieben werden), sei Demenz eine Herausforderung an die Gesellschaft, die nächsten Angehörigen und die Helfenden. Ähnliches gelte für die Zuwendung zum sterbenden Menschen. Dieser Teil beginnt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen ein primäres Verständnis von Suizid als Freiheit. Es gehe nicht um die Frage, ob der Einzelne wohlüberlegt handle (der Suizid also eine Klugheitswahl sei), sondern es sei die Frage nach der Not des Menschen zu stellen, der es in Erwägung zieht, sich selbst zu töten.
Der dritte Abschnitt befasst sich mit „Annehmen zu lernen“; warum Vertrauen nicht einklagbar ist, der Bedeutung von Hoffnung für die moderne Medizin und wie der kranke Mensch verstanden werden kann. In diesem Teil führt Maio seine andernorts begonnenen Überlegungen (Abschaffung des Schicksals, 2011) zum modernen Verständnis von Schicksal fort. Entscheidend ist für ihn „die Anerkenntnis dessen, dass es etwas gibt, was sich dem Entscheidungs- und Verfügungsbereich des Menschen entzieht… Das Schicksal widerfährt einem ohne erkennbaren Sinnzusammenhang. Es bricht als etwas Unerklärliches über uns herein … Der unvorhersehbare Einbruch von Schicksal konfrontiert den Menschen mit der Fremdheit der Welt und lässt die Empfindung der Willkür und des Ausgeliefertseins in ihm aufkommen“ (S. 113/114).
Es folgen Überlegungen zur Bedeutung von Vertrauen und Hoffnung in unserem Leben und ein letzter Abschnitt zum Thema Zuwendung. Das Buch schließt mit einem Personen- und Stichwortverzeichnis.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Schlegel, Johann Ulrich: Der Terror und die Freiheit. Reaktion, Philosophie und die zurückgekehrte Religion. Baden-Baden: Nomos, 2016, 182 S., ISBN 978-3-8487-2527-4, Brosch., EUR 29.00

Vorliegendes Buch wendet sich nicht an „abgehobene pädagogische Theoretiker“ (17), es ist vielmehr ein am Beispiel orientiertes Buch eines Pädagogen, der in einer Zeit der zunehmenden Spezialisierung eine „wiedergeborene Kultur der Besinnung auf das Wesentliche“ (18) einfordert.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. In einem ersten Teil (13–94) wird anhand verschiedener Beispiele auf Wege unterschiedlicher Denker hingewiesen, in Staat und Gesellschaft mit Krieg und Frieden umzugehen. Diese Philosophie des Politischen wird in einem zweiten Teil (95–182), in Rekurs auf die Entwicklungen jüngster Zeit, auf eine politische Theologie hin transformiert.
Beispiele, so der Autor, offenbaren das Wesentliche. Zu den großen Denkern, die anhand ihrer Texte Wesentliches offenbarten, zählt Schlegel im ersten Teil etwa in persona Nietzsche, Mirandola und auch Kant. In Nietzsches Denken seien zwei Aussagen von größter Tragweite, teilt uns Schlegel mit: Diagnose und Prophetie (22–25). Die Diagnose liegt in der Erkenntnis des Todes Gottes, die Prophetie führt in den anbrechenden Nihilismus. Denn, so lesen wir, „in einer entgöttlichten Welt, in der es kein Jenseits mehr gibt, können auch unsere überlieferten Anschauungen nicht mehr stimmen. Wahrheit und Lüge, Wissenschaft und Kunst, Völker und Vaterländer verlieren ihren bisherigen Sinn, aber die neue Rolle des Menschen ist noch nicht durchgedacht“ (23). Mirandolas Beispiel ist ein anderes. Schlegel liest Mirandola als Denker des Übergangs. Ein Denker, der sowohl die Freiheit des Menschen erkennt als auch auf die Würde des Menschen, seine Bürde, nicht vergisst. Die umfangreichste Auseinandersetzung findet sich in dem Beitrag über Kant (38 – 61). Kant wird als Denker gesehen, der sich der Aufklärung annahm und diese durch die Zerstörung der Gottesbeweise auch überwand. „Nachdem Kant erst einmal Gott aus der Welt der Gelehrten zu streichen vermochte“, so schreibt der Autor, „füllte er die entstandene Lücke geschickt mit der für den Einzelnen noch schmeichelhaften Krone der eigenen Vernünftigkeit und der Selbständigkeit“ (52). Doch wo führt uns dieses allbekannte Diktum des „Sapere aude!“ hin, setzt es nicht letztlich technokratische Prozesse mit gesellschaftlichen gleich? Ist es nun nicht einfach, die Überwindung Gottes durch den eigenen Verstand ideologisch zu kompensieren, sich im Nihilismus einzubetten oder die innere Leere durch „pseudoreligiöse Ersatzkulte wie den … Marxismus in Russland und den Faschismus in Italien und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (55) auszufüllen? Schlegel bejaht dies und plädiert für die Hinzunahme eines misstrauischen „Homo homini lupus est“. Der Ausweg finde sich darin, wo Metaphysik noch bestehe, nicht im alternden Westen, sondern in der aufstrebenden islamischen Welt.
Der zweite Teil befasst sich mit besagter Transformation hin zu einer politischen Theologie. Es sei eben die Religion als Bereich des Metaphysischen, die heute zu neuer Blüte gelange. Dies bringe einerseits Gefahren mit sich, biete andererseits aber zugleich eine Lösung an. Eine Lösung, wie sie etwa in der Theologie des Katholizismus und des Protestantismus, die über Jahrhunderte gereift ist, vorgefunden werden kann. Ihre Erfahrungen seien es, die gerade im aktuellen Alltag „die Menschen vor großen Gefahren bewahren können“ (96). Diesbezüglich führt Schlegel nun auch im zweiten Teil einige Beispiele an.
Mir bleibt festzuhalten: Man kann Schlegels Buch mit Gewinn lesen.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Rosenberger, Michael / Schaupp, Walter (Hrsg.): Ein Pakt mit dem Bösen? Die moraltheologische Lehre der „cooperatio ad malum“ und ihre Bedeutung heute. Münster: Aschendorff, 2015 (Studien der Moraltheologie. Neue Folge; 5), 246 S., ISBN 978-3-402-11929-7, Brosch. , EUR 39.00

Das Böse ist immer und überall – sangen einst die Musiker der Gruppe EAV. Wenn das so ist, stellt sich unmittelbar die Frage, ob und wie es sich für die Guten vermeiden lässt, zum Bösen beizutragen bzw. wie welche Art von Beitrag zu bewerten ist. Die Frage wird weitaus dringender und relevanter, wenn bedacht wird, dass es dabei nicht „nur“ um privates Verhalten geht, sondern auch um die berufliche Mitwirkung in Firmen und Institutionen, deren Aktivitäten – oft erst im Nachhinein – als Beitrag zum Bösen erkannt werden, wenn es schon (fast) zu spät ist. So kann sich etwa ein mit der Absicht, etwas Gutes zu tun, geleisteter Beitrag zur Grundlagenforschung Jahre später als Ausgangspunkt für eine neue Massenvernichtungswaffe erweisen.
Die Herausgeber des Buches weisen in der Einführung mit Nachdruck auf die Relevanz der Thematik hin und zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich eine „cooperatio ad malum“ sowohl in der theologischen als auch in der gerichtlichen Praxis interpretiert und geahndet wurde. „Von den rund 6.500 SS-Männern, die in Auschwitz-Birkenau Dienst taten, wurden nur 45 vor Gericht angeklagt. Mitglieder der Lager-Fahrbereitschaft, die Gefangene bis vor die Tür der Gaskammern fuhren, wurden als „kleine Handlanger“ freigesprochen – anders als die Fahrer von Bankräubern, die mit steter Regelmäßigkeit wegen Beihilfe zum Raub zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden“ (S. 10). Zur kirchlichen Seite: „Eine moraltheologische Aufarbeitung der Mitwirkung in Auschwitz und im Nationalsozialismus insgesamt ist aber bis heute nicht zu erkennen. Hier hat sich das Fach ähnlich gedrückt wie die Instanzen des Rechtsstaates. Doch nicht nur vergangenheitsorientiert lässt die Anwendung und Weiterentwicklung der Cooperatio-Lehre zu wünschen übrig. Auch in den aktuellen Zukunftsfeldern der Individual- und Sozialethik spielt sie im deutschen Sprachraum keine Rolle. Dabei sind ethisch sensible Kooperationen heute häufiger als je zuvor: Zwischen Kirche bzw. kirchlichen Organisationen und demokratischem Rechtsstaat; zwischen unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteuren; auf den Gebieten von Politik und Politikberatung; im Bereich von Wissenschaft und Forschung; zwischen Non-Profit-Organisationen usw“ (S. 11).
Die im Buch versammelte Prominenz von Professoren der (Moral-)Theologie beginnt ihr gemeinsames Werk mit deutlicher Selbstkritik und weitreichender Programmatik! Wie soll das Buch diesem Anspruch gerecht werden? Im viertem Abschnitt der Einführung wird der Gesamtaufbau vorgestellt: Im ersten Teil „soll eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte die bisherige Lehre von der Mitwirkung entfalten und differenzieren. Im zweiten wird auf dieser Grundlage eine systematische Reflexion durchgeführt und auf den Prüfstand gestellt. Schließlich wird der dritte Teil konkrete Anwendungsfelder der Cooperatio-Lehre beleuchten“ (S. 15).
Der sehr differenzierten und engagierten Argumentation in allen drei Teilen kann eine Rezension schon aus Platzgründen nicht gerecht werden. Wer sich auch nur ein wenig für die Thematik interessiert, wird die aufgewendete Zeit zum Lesen und Nachdenken über das Buch nicht bereuen, sondern genießen. An einem einfachen Beispiel lässt sich die Schlussfolgerung der Herausgeber, fünf Kategorien, zwei der formalen und drei der materialen Mitwirkung zu unterscheiden, gut mitvollziehen. „Die Grundstruktur der Lehre von der Mitwirkung mit ihrer Unterteilung in zwei plus drei Kategorien trägt auch heute noch und kann die anstehenden ethischen Fragen durchaus lösen. In der konkreten Anwendung bedarf es allerdings einiger Präzisierungen und Weiterentwicklungen. Insbesondere die immanente Hermeneutik der Klassifizierungen muss vertieft und ausdifferenziert werden“ (S. 233).
Das hier angedeutete Beispiel entstand offenbar aus der Erfahrung, dass Bedienstete ein schlechtes Gewissen hatten und damit zur Beichte gegangen sind, weil ihre Herren sie zur Mitwirkung an ihren Sünden (konkret: Ehebruch) gezwungen hatten. Das Spektrum der Mitwirkung reicht vom Transport des Herren (oder der Korrespondenz zum Zwecke der Terminvereinbarung) zum Tatort über das Halten der Leiter, über die der Herr zum Fenster steigt bis hin zum Festhalten der vergewaltigten Frau. Letzteres ist offenkundig und unstrittig als formale Mitwirkung strafbare Sünde. Wie aber ist der Transport als materiale Mitwirkung zu beurteilen? Was soll der Pfarrer dem beichtenden Diener dazu sagen? Viel aktueller wirkt die folgende Frage, die der Struktur nach jedoch ganz ähnlich ist: Was soll der Pfarrer dem beichtenden Arzt sagen, an dessen Arbeitsplatz, dem örtlichen Krankenhaus, ohne seine formale Mitwirkung Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftsabbruch stattfinden?
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

Weber, Karsten / Zoglauer, Thomas: Verbesserte Menschen. Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen. Freiburg / München: Alber, 2015, 156 S., ISBN 978-3-495-48591-0, Brosch., EUR 24.00 [D], 24.70 [A]

Die beiden Autoren legen hier ein Buch vor, das aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil (57 S.) stammt von Karsten Weber, Prof. für Allgemeine Technikwissenschaften an der BTU Cottbus-Senftenberg, und trägt den Titel: (Alb)Traum und Wirklichkeit: Bilder des Menschen und Technikvisionen des Enhancements. Den zweiten Teil (63 S.) verfasste Thomas Zoglauer, er ist überschrieben mit: Die Verbesserung des Menschen: Wunschtraum oder Albtraum? Zoglauer ist Prof. für Technikphilosophie ebenfalls an der BTU Cottbus-Senftenberg. Wie an diesen Überschriften unschwer zu erkennen ist, weisen die beiden Teile diverse Überschneidungen auf, was aber kein Problem darstellt. Vermutlich war es für die beiden Autoren bzw. Kollegen so einfacher, dieses Buch zu erstellen.
Einleitend wird festgestellt, dass die Entwicklung der Technik, die sich auf den Menschen bezieht, oft zwischen dem einen Extrem „einer äußerst pessimistischen Sicht“ (S. 9) und dem anderen Extrem eines „übertriebenen Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten“ (S. 9) hin und her pendelt. Sowohl von den Befürwortern als auch von den Kritikern wird bezüglich Enhancement auf die Gerechtigkeit abgestellt. Kritiker monieren, dass damit, ähnlich wie bei der Doping-Diskussion, das Prinzip der Chancengleichheit verletzt wird. Auf der anderen Seite rücken die Befürworter eher den sozialpädagogischen Effekt in den Vordergrund, indem Defizite, Nachteile, Behinderungen etc. kompensiert werden könn(t)en.
Ein Fazit zu den zwei Teilen: Beide Autoren überzeugen durch eine Fülle von historischen Abrissen, Beispielen, Fakten und Perspektiven. Ich habe beide Teile mit großem Interesse gelesen; Einiges war mir bekannt, anderes habe ich neu erfahren. Die Schreibstile empfand ich als flüssig, d.h. sie sind gut verständlich. Also ist die Lektüre durchaus als Gewinn zu verzeichnen.
Betrachten wir die im letzten, gemeinsam erarbeiteten Kapitel normativen Fragestellungen zur beschriebenen Thematik. Es besteht (nur) aus 6 Seiten und ist überschrieben mit: „Können, sollen und dürfen Menschen sich verbessern? Oder müssen sie es sogar? Versuch einer abschließenden Bewertung“. In diesem Teil wird die grundlegende Problematik, die bereits in der Einleitung formuliert wurde, noch einmal wiederholt. Es geht dabei um Positionen des Liberalismus bzw. Kommunitarismus. Versteht man Enhancement als liberales Grundrecht, besteht die Gefahr, dass die Allokation, d.h. die Verteilungsgerechtigkeit, immer weiter in ein Ungleichgewicht abdriftet. Aber Chancengleichheit verlangt nach Normierung und Festlegung: wer, was, wann zugute hat. Dass dies kaum möglich ist, zeigt die Debatte, wer ein Spenderorgan erhält und wer nicht. Wie verhält sich der Staat, wenn es einzelnen reichen Bürgern möglich ist, sich Dinge zu verschaffen, die der Allgemeinheit so nicht zugänglich sind, „oder einfach in solche Länder abwandern, in denen die gewünschten Eingriffe erlaubt sind“ (S. 138). Im Weiteren sprechen die Autoren grundlegende Fragen der Anthropologie des Menschen an. Wann ist ein Mensch noch ein Mensch und wann beginnt er ein Mischwesen zu sein? Der Begriff Cyborg, der von den Autoren auch verwendet wird, bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt werden. Der Name ist ein Akronym, abgeleitet vom englischen cybernetic organism („kybernetischer Organismus“). Da Cyborgs technisch veränderte biologische Lebensformen sind, sollten sie nicht mit Androiden oder anderen Robotern verwechselt werden. Cyborgs erinnern mich an das Paradox aus der Antike von Theseus’ Schiff. Hier ergab sich schon damals die Frage: Inwieweit ist ein Schiff noch dasselbe, wenn laufend neue Planken und Ersatzteile eingefügt werden. Wann ist es nicht mehr das alte Schiff, sondern ein komplett anderes, obwohl es immer noch das Schiff von Theseus ist?
Hoch problematisch wird die Sache (!) dann, wenn es um Eingriffe in das menschliche Genom geht oder auch in das Zentralnervensystem. Die Autoren kommen hier zum Schluss, dass es „zum gegenwärtigen Zeitpunkt, prima facie nicht angeraten» ist, «solche Formen des Enhancements zu nutzen“ (S. 139). Ich hör die Botschaft, doch allein mir fehlt der Glaube (Goethe). Naturalistischen Argumentationen, was nun für den Menschen natürlich oder eben widernatürlich sein kann bzw. könnte, erteilen die Autoren eine Absage. Dies scheint mir nur folgerichtig und konsequent zu sein. Das Schlussfazit, d.h. die letzten beiden Sätze des Buches, erscheinen mir allerdings etwas blauäugig zu sein und ich kann diesem (Zweck-)Optimismus nicht ganz folgen. Sie lauten: „In jedem Fall eröffnet die Forschung im Bereich der menschlichen Verbesserung einen Pfad weg vom Sosein als Schicksal hin zu Sosein als Wahl (Buchanan et al. 2000). Es ist an jedem von uns (mit) zu entscheiden, ob und wie weit dieser Pfad begangen werden soll“ (S. 142).
Drei Überlegungen, die mit diesen Aussagen der beiden Autoren nicht ganz einig gehen, sollen hier, in der der gebotenen Kürze, wiedergegeben werden. Für mich nicht ganz nachvollziehbar blenden sie mehrere Dinge aus.
1. Da ist zum einen der Profit, den man sich durch Enhancement auch verspricht und der oft – erstaunlicherweise – völlig negiert wird. Es entstehen ja dadurch neue Industrien und damit auch Absatzmärkte. Das kann man doch auch bei einer ethisch motivierten Betrachtungsweise nicht außer Acht lassen.
2. Ein weiterer Punkt ist jener der normativen Kraft des Faktischen. Die Frage, die hier in den Sätzen der beiden Autoren steckt, ist doch diese: Darf der Mensch all das tun, was er auch in der Lage ist zu tun? Diese Frage ist, mit Verlaub, Spiegelfechterei. Was der Mensch tun kann, das macht er auch. Das Faktische wird zur Norm. Warum? Weil es als Fakt existent ist, geworden ist. Also: die Möglichkeit es zu tun, ergibt als Automatismus, dass es getan wird.
3. Ein weiterer Punkt, der mir doch in der Darstellung der Autoren recht naiv erscheint, ist der, dass wir (wer ist das denn?) selber entscheiden wollen, was geforscht wird oder nicht. Wurde ich jemals gefragt, ob ich damit einverstanden bin, dass Millionen in die Forschung des z.B. Neuro-Enhancements gesteckt werden? Ich glaube nicht. Obwohl wir gerade in der Schweiz häufig zur Urne gehen, gibt es hierüber keine Abstimmungen. Es ist eben nicht an jedem von uns, mitzuentscheiden, ob ich neue Innovationen möchte oder nicht, weil hierbei keine Mitbestimmung besteht. Auf die Probleme, dass ich eventuell gar nicht in der Lage bin, ein einigermaßen vernünftiges Urteil abzugeben, will ich hier nicht eingehen.
Es wäre aber m.E. an den Autoren gewesen, diese Punkte einer tiefer gehenden Betrachtung zu unterziehen. So wurde ich z.B. nie gefragt, ob ich die Pränatale Diagnostik möchte. Ich bin einfach eines Tages aufgestanden, habe meine Morgenzeitung (oder mein Tablet) gelesen und erfahren, dass es das gibt. Ich denke, dass es wohl eher so läuft und ich, wie Hase und Igel, technologischen Entwicklungen immer hinterherhechle, hecheln muss. Von individuell-persönlicher Entscheidung kann hierbei ja wohl keine Rede sein!
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Klapheck, Elisa (Hg.): Jüdische Positionen zur Sterbehilfe. Berlin: Hentrich & Hentrich, 2016 (Injanim / Kernfragen; 1), 191 S., ISBN 978-3-95565-140-4, Ebr, EUR 19.90

Ausgangspunkt vieler der vorliegenden Texte war ein Seminar 2015 in Bielefeld zum Thema „Jüdische Perspektiven auf das Ende des Lebens“, das u.a. die mit der veränderten Gesetzeslage in Deutschland zum ärztlich assistierten Suizid entstandenen Herausforderungen diskutieren wollte. Der Band enthält die große Bandbreite sowohl jüdischer Positionen zum Thema Sterben und Tod als auch der Gesetzeslage in verschiedenen Ländern, insbesondere natürlich Deutschland. „Das Gesetz des Landes ist das Gesetz“ ist ein Ausgangspunkt der Erörterungen von 6 AutorInnen (RabbinerInnen, ÄrztInnen, Rechtsanwalt), Verständnis von „Würde“ der andere.
Allen Beiträgen ist ein Abstract vorangestellt, sie erläutern dann an Hand des Talmud die unterschiedlichen jüdischen Traditionen und fassen den Standpunkt der jeweiligen Verfasser am Ende nochmals zusammen. Dabei werden sowohl jüdische Traditionen sehr anschaulich erläutert (z.B. mit der Geschichte vom Dienstmädchen des Rabbi Jehuda, mit der herausgearbeitet werden soll, dass es schon immer die Möglichkeit gab, Hindernisse für das Sterben zu beseitigen, z.B. ein zu intensives Gebet, S. 66ff.) als auch deren Anwendung auf die neuen medizinisch-technischen Möglichkeiten aufgezeigt (heute kann das Beseitigen dieser „Sterbehindernisse“ auch verstanden werden als Beendigung nicht mehr indizierter Behandlungen oder von künstlicher Ernährung).
Ein weiterer Diskussionsstrang ist die Auseinandersetzung mit dem modernen Verständnis von Selbstbestimmung / Patientenautonomie. In der traditionellen jüdischen Lehre „hat der Mensch keinen Besitzanspruch auf sein Leben oder seinen Körper“, d.h. „in der Fürsorge zur Erhaltung von Leben wird ein höherer Wert gesehen als in der Wahrung der persönlichen Autonomie“ (S. 20). Gleichzeitig sei jedoch die Unterscheidung zwischen Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Heilung und Siechtum unscharf geworden. Hier setzten dann die unterschiedlichen Deutungen und Entscheidungen ein, die ausführlich besprochen werden. Dies beinhaltet sowohl die Erläuterung bestimmter Urteile in Israel und Deutschland als auch Ausführungen dazu, warum heute allein durch Begrifflichkeiten wie „aktiv“ und „passiv“ bzw. „direkt“ und „indirekt“ viele Handlungen nicht mehr adäquat beschrieben und beurteilt werden können. Grundsätzlich sei es Tendenz im rabbinischen Schrifttum, dass Leben zu erhalten, das Sterben aber nicht künstlich in die Länge zu ziehen (S. 61). In diesem Zusammenhang werden dann auch die unterschiedlichen Positionen zu Todesfeststellung (Herz- oder Hirntod) vor dem Hintergrund jüdischer Positionen erklärt.
Abgerundet wird das Buch durch ein Gespräch zwischen der Rabbinerin und Herausgeberin Elisa Klappheck und dem Pfarrer und Direktor des Zentrums für Ethik in der Medizin in Frankfurt a. M. über „religiöse Irritationen“, die letztendlich immer bleiben werden, gleichzeitig jedoch auch zum ständigen weiteren Nachdenken und Überdenken bisheriger Standpunkte anregen.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Niederschlag, Heribert / Proft, Ingo (Hg.): Moral und Moneten. Zu Fragen der Gerechtigkeit im Gesundheitssystem. Ostfildern: Matthias Grünewald, 2013 (Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege; 4), 169 S., ISBN 978-3-7867-2994-5, Brosch., EUR 17.99

Für die meisten Menschen ist „Gesundheit“ ein Thema, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen, wenn sie sich unwohl fühlen, sich verletzt haben oder spürbar krank sind. Eine individuelle, nicht anlassbezogene Beschäftigung mit Gesundheit im Sinne von Vorsorge, gesunder Ernährung, Bewegung und Sport, Vermeidung von Drogen etc. ist seltener. Die gesellschaftliche Sicht von Gesundheit mit Themenschwerpunkten wie Finanzierung und Gerechtigkeit bei der medizinischen Versorgung aller Menschen in einem Land ist eher ein Thema für Spezialisten, obwohl es eigentlich alle Menschen angeht. Bisher hat z.B. das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich recht gute Leistungen bei unterdurchschnittlichen Kosten erbracht.
Die bereits erkennbare Tendenz zum Zwei-
klassensystem mit Grundversorgung für alle und teuren Behandlungen für die Wohlhabenden wird aber durch zwei starke Trends gefördert. Zum einen wächst das Durchschnittsalter der Bevölkerung, während zugleich die Anzahl der Beitragszahler sinkt. Deshalb steht immer weniger Geld zur Verfügung. Zum anderen steigen durch technologische Fortschritte (= teure Forschung, hohe Anschaffungs- und Betriebskosten für moderne medizinische Geräte) die Kosten im Gesundheitssystem. Die Schere zwischen dem vorhandenen Geld und den Kosten wächst zusätzlich dadurch, dass die Medizin immer mehr Wohlbefinden und Schönheit verspricht, auch wenn Umweltverschmutzung, Arbeit, anspruchsvoll gestaltete Freizeit (inklusive Extremsport und Reisen in ferne Länder) immer mehr Gesundheitsgefährdungen implizieren. Vor diesem Hintergrund werden in diesem lesenswerten Buch verschiedene Aspekte der Ausgangsfrage erörtert, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, aber für Richtungsentscheidungen im Gesundheitssystem bedeutungsvoll sind.
Ingo Proft setzt sich in seinem Beitrag (S. 35ff.) mit der Frage „Gesundheit – Statussymbol oder Sozialprodukt?“ auseinander und weist auf den entfremdenden Effekt von Gesundheit als Ware hin: „Der Mensch wird sich selbst zur eigenen Verheißungsgestalt … Doch, ein Scheitern ist vorprogrammiert – vielleicht sogar marktlogisch vorgesehen. Wo Gesundheit den Weg von einer Grundkategorie des Lebens hin zu einer produzierbaren Sinngestalt als Ware aufnimmt, verliert sich dessen Spur ins Ortlose“ (S. 40). Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag von Holger Zaborowski über „Wert und Würde. Zu den Grenzen der Logik des Marktes“ (S. 157ff.) Der Umgang mit Gesundheit als Ware oder Produkt auf einem Markt schafft Fehlorientierungen, die von vielen der AutorInnen – auch und besonders aus christlicher Sicht – kritisiert werden, etwa von Alois Schwarz unter Berufung auf Papst Johannes Paul II. (S. 83ff.).
Bemerkenswert sind auch die Überlegungen zum Stellenwert von Gerechtigkeit im Gesundheitswesen für den Bestand der Demokratie, der gefährdet scheint, wenn – wie empirisch zu beobachten ist – „reich und gesund“ auf der einen Seite sowie „arm und krank“ auf der anderen Seite gegeneinander stehen und kein oder zu wenig gesellschaftliches Bemühen um gerechten Ausgleich zu erkennen ist (vgl. dazu den Beitrag von Sonja Seiler-Pfister (S. 55ff.). Helen Kohlen verweist im Anschluss (S. 69ff.) daran unter Bezug auf Hannah Ahrendt darauf, wie aus einer sozialen Frage eine politische Frage werden kann. Wenn die politische Frage der Menschen nach Gerechtigkeit im Gesundheitswesen unzureichend beantwortet wird, kann daraus auch politischer Unwille entstehen.
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

 

ETHICA 2016/2

Huber, Wolfgang / Meireis, Torsten / Reuter, Hans-Richard (Hrsg.): Handbuch der Evangelischen Ethik. München: C. H. Beck, 2015, 736 S., ISBN 978-3-406-6660-
5, Gewebe, EUR 34.00

Das hier vorliegende „Handbuch der Evangelischen Ethik (HEE)“ stellt für die deutschsprachige evangelische Ethik ein Novum dar, zumal in letzter Zeit keine Gesamtdarstellung vorgelegt wurde, die eine Grundlegung evangelischer Ethik mit einer umfassenden Bearbeitung der wichtigsten Bereichsethiken verbindet. Zur schärferen Abgrenzung der im gegenwärtigen Protestantismus vertretenen Ansätze werden die angeführten 10 Kapitel mit folgender Struktur versehen: 1. Definitorische Bestimmung und einleitender Überblick, 2. Problemgeschichte, Theorieansätze und Grundbegriffe, 3. Problemfelder, 4. Literatur.
Die Auswahl der Autoren erfolgte im Blick auf die Abdeckung der verschiedenen Ansätze protestantischer Ethik, wie die folgende Skizzierung der 10 Beiträge veranschaulichen soll.
1. Hans-Richard Reuter: Grundlagen und Methoden der Ethik. Reuter definiert Ethik als Reflexion auf das gute Leben und richtiges Handeln. Moral ist hingegen ein System von Normen und Verhaltensregeln, die sich an den Grundunterscheidungen gut / böse oder schlecht, richtig / falsch, geboten / verboten (oder erlaubt) orientieren und für alle gelten. Ethik unterscheidet sich als Sittenlehre und Moraltheorie sowohl von Ethos als auch von Moral. Dabei ist zwischen deskriptiver, normativer Ethik, Metaethik, Fundamentalethik, konkreter Ethik und Bereichsethiken zu unterscheiden. Nach diesen definitorischen Abklärungen wendet sich Reuter der Problemgeschichte und den Theorieansätzen zu, um dann auf die Traditionen protestantischer Ethik einzugehen. Für Martin Luther gibt es etwa im Gegensatz zu Thomas von Aquin keine sichere Erkenntnis der lex naturalis mehr, da das Gute nicht aufgrund menschlicher Erkenntnis gut ist, sondern nur weil Gott es will, womit die geoffenbarte lex divina an Bedeutung gewinnt. So versteht Friedrich Schleiermacher im Gegensatz zu Kants Moraltheorie Ethik als Beschreibung dessen, was im Phänomen der Handlung mit gesetzt ist. Der reformierte Schweizer Karl Barth, der bedeutendste evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts, versuchte gegen die kulturprotestantische wie gegen die Lutherische Tradition die theologische Ethik vollständig in seine kirchliche Dogmatik zu integrieren, das heißt, den unbedingten Primat der Gnadenzusage vor jeder moralischen Norm zu setzen.
2. Wolfgang Huber: Rechtsethik. Von Rechtsethik ist nach Huber dort zu sprechen, wo man die legale, soziale und inhaltliche Geltung miteinander in Verbindung zu bringen sucht. Dabei liegt überall dort implizit ein rechtsethischer Nihilismus vor, wo die Möglichkeit einer normativen Ethik generell bestritten wird. Ihm steht ein rechtsethischer Essentialismus gegenüber, während der rechtsethische Reduktionismus darauf abzielt, auf ethische Legitimierung so weit als möglich zu verzichten – in Abhebung zum rechtsethischen Normativismus, der einer rechtsethischen Überprüfung des Rechts Raum lässt.
Nach diesen Feststellungen geht Huber auf die philosophische und theologische Rechtsethik ein, wo sich neue Fragestellungen ergeben, wie Rechtsethik als Bürgerethik, Professionsethik und Institutionsethik. Bei der Betrachtung der Ansätze der Rechtsethik befasst sich Huber mit dem Prozess der Ausdifferenzierung von Religion, Moral und Recht, den Traditionen des Naturrechts, der Reformation und Recht, den Traditionen des Vernunftrechts, dem Gewaltmonopol und dem Rechtsstaat, der Menschenwürde und den Menschenrechten sowie mit Gerechtigkeit und Recht. Abschließend geht Huber noch auf neuere Herausforderungen der Rechtsethik ein, auf die Ethik des Vertrags, die Ethik der Justiz, die Ethik des staatlichen Machtmonopols und die Religionen in der Rechtsordnung.
3. Reiner Anselm: Politische Ethik. Nach Anselm obliegt einer evangelischen Ethik des Politischen nicht mehr die Ausstattung der staatlichen Ordnung mit einer theologischen Legitimation, sondern die Darlegung der Grundelemente des christlichen Glaubens und der christlichen Lebensführung in einem vorgefundenen Staatswesen. Anselm geht dann auf die Problemgeschichte, die Theorieansätze und die systematischen Leitlinien der evangelischen Ethik in der Reformationszeit wie der Neuzeit ein und verweist auf die Skepsis dem säkularen Staat gegenüber und die Neubesinnung im Schatten des Kirchenkampfes, die Transformation der protestantischen Staatslehre durch die Demokratiegedenkschrift mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen und die Leitlinien für eine evangelische Ethik des Politischen. Unter „Ebenen und Themen konkreter Verantwortung“ befasst sich Anselm ferner mit dem Bürger als Wähler, den Organisationen und Parteien, den Amts- und Funktionsträgern wie dem Staatsvertrag und der Staatsverwaltung.
4. Thorsten Meireis: Ethik des Sozialen. In seinem Beitrag beschäftigt sich Meireis vorrangig mit den Fragen der sozialen Gerechtigkeit, also der angemessenen Verteilung von Anerkennungs-, Teilnahme- und Teilhabechancen, der Ethik des Sozialen im Kontext der Bereichsethiken und dem Gegenstandsbereich der Ethik des Sozialen. Unter den normativen Prinzipien einer Ethik des Sozialen kommen Freiheit, Gleichheit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit zur Sprache. Als Anwendungsfelder der Ethik des Sozialen werden Arbeit, Armut und Reichtum, Bildung und Befähigung, Wertschätzung und Diskriminierung beschrieben.
5. Traugott Jähnichen: Wirtschaftsethik. Die Besonderheit einer evangelischen Wirtschaftsethik besteht nach Jähnichen darin, dass im Dialog mit den Wirtschaftswissenschaften spezifische theologisch-sozialethische Perspektiven für wirtschaftliches Handeln in ihrer Bedeutung fruchtbar gemacht werden. Dabei wird zwischen deskriptiver und normativer Wirtschaftsethik unterschieden, wobei die Möglichkeiten und Grenzen ethischer Beeinflussung auszuloten sind. Als normative Grundlagen evangelischer Wirtschaftsethik gelten Verantwortung, Nächstenliebe, Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Zur wirtschaftsethischen Verantwortung gehören die Rahmenbedingungen und die Akteure.
6. Petra Bahr: Ethik der Kultur. Da Kultur wie Leben ein Totalbegriff ist, kann sie nach Bahr nur im jeweiligen Kontext definiert werden. So beschreibt sie Kultur in der globalisierten Weltgesellschaft und als Kult. In der Ethik wurde das Kulturthema nämlich erst aufgegriffen, als diese sich von der Theologie verselbständigte. Zu ihren Konfliktfeldern und Problembereichen zählt Bahr den Menschen als homo ludens, Sport-Ethik am Leitfaden des Leibes, Künste als Schule der Wahrnehmung und Kritik, Beteiligungs- und Befähigungsgerechtigkeit, Bildkonflikte als Religions- und Kulturkonflikte, Medien zwischen Aufklärung, Verschleierung und Skandalisierung, digitale Grundrechte und eine Ethik der Bildung.
7. Frank Surall: Ethik der Lebensformen. Nach der reformatorischen Tradition ist der Mensch ein cooperator Dei, ein Mitarbeiter Gottes, womit auch gesagt wird, dass theologische Ethik keine Naturethik, sondern eine Kulturethik ist. Surall eröffnet seine Ausführungen mit „Sex und Gender“. Unter „Problemgeschichte, Theorieansätze und Grundbegriffe“ werden Sexualität, Liebe und Freundschaft, Ehe und alternative Lebensformen, Familie beschrieben, während unter „Problemfelder“ Homosexualität und gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft, Partnerlosigkeit, Zölibat und Single, Lebensmitte und Lebensende zur Sprache kommen.
8. Peter Dabrock: Bioethik des Menschen. Zunächst werden unter dem Thema „Bioethik und Religion“ sämtliche Konfliktfelder der Lebensfunktionen des Menschen mit Religion eingereiht, angefangen von der künstlichen Befruchtung bis zur Euthanasie samt den damit verbundenen bioethischen Debatten zu Selbst-und Fremderwartungen an religiöse Beiträge. In „Grundorientierungen evangelisch-theologischer Bioethik“ erörtert Dabrock die Methodik theologischer Ethik mit begrenztem Pluralismus und Kompromissfähigkeit, um dann auf Problem- und Konfliktfelder an den Grenzen des Leben einzugehen, um Lebensanfang mit Schwangerschaftskonflikten, Produktions- und Pränatalmedizin, Lebensende mit Suizid, Tötung auf Verlangen, Vorsorge und Transplantationsmedizin, Gesundheit und Krankheit, leibliches Perfektionierungsstreben und Humanexperimente zu behandeln.
9. Ulrich H. J. Körtner: Bioethik nichtmenschlicher Lebensformen. Körtner schränkt für seine Ausführungen den Begriff Bioethik auf die Ethik des Lebens ein und befasst sich unter Tier- und Pflanzenethik mit Lebenswissenschaft, Natur und Technik, Leben, Schöpfungsglaube und Theologie. Unter „Problemgeschichte,
Theorieansätze und Grundbegriffe“ geht Körtner auf patho-, bio- und physiozentrische Konzepte der Tier- und Pflanzenethik, auf das Problem der Anthropozentrik, den Würdebegriff in der Tier- und Pflanzenethik und die Bioethik nichtmenschlicher Lebewesen im Christentum ein, um sich dann mit der Problemethik der heutigen Tier- und Pflanzenethik zu befassen, wie Biodiversität und Nachhaltigkeit, Gentechnik in der Tier- und Pflanzenwelt, Biopatente und synthetische Biologie.
10. Elisabeth Gräb-Schmidt: Umweltethik. Unter Umweltethik versteht Gräb-Schmidt jenen Teilbereich der Ethik, dessen Gegenstand der sittlich bestimmte Umgang des Menschen mit der nichtmenschlichen Natur ist, wie das Verhältnis von Ethik und Natur, anthropologische Grundlagen einer Umweltethik und die Frage der Abkehr von anthropozentrischer Ethik. Unter „Umweltethik als Ethik der Verantwortung im Licht von Schöpfung und Versöhnung“ befasst sich Gräb-Schmidt mit dem Verhältnis von Theologie und Natur und den Konsequenzen für eine Ethik der Umwelt, der Verantwortung des Menschen im Horizont technologischer Entwicklungen und ihrer begrifflichen Bestimmungen. Als Aufgabenfelder gegenwärtiger Umweltethik werden der Begriff des Klimas und die Gefahren des Klimawandels, das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung, die Umweltethik im Zeichen globaler und intergenerationeller Gerechtigkeit sowie im Horizont von Schöpfung und Moderne behandelt.
Diese grobe Inhaltsangabe soll nur einen kurzen Einblick in die Vielfalt der behandelten Themen des Handbuches der evangelischen Ethik gewähren, ohne damit eine inhaltliche Wertung zu verbinden, weil dies den Rezensionsrahmen sprengen würde. So sei nur allgemein festgestellt, dass die 10 Beiträge inhaltlich und formell sehr übersichtlich und sachlich abgefasst und jeweils mit einem Literaturverzeichnis versehen sind. Dazu trägt die Gesamtgestaltung des Bandes wesentlich bei, die man als hervorragend bezeichnen muss und die einem Handbuch alle Ehre macht, wozu auch das Personen- und Sachregister, das Verzeichnis der Bibelstellen und die Autorenhinweise zu zählen sind.
So kann man am Schluss die im Vorwort gemachte Feststellung voll unterstreichen, dass die vorliegende Publikation für die deutschsprachige evangelische Ethik ein Novum darstellt, das allen am Thema Interessierten nur empfohlen werden kann.
Andreas Resch, Innsbruck

Haltaufderheide, Joschka: Zur Risikoethik. Analysen im Problemfeld zwischen Normativität und unsicherer Zukunft. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2015
(Epistemata / Würzburger Wissenschaftliche Schriften: Reihe Philosophie; 565), 295 S., ISBN 978-3-8260-5883-7, Brosch., EUR 46.00

Was in der Zukunft geschehen wird, ist unsicher. Manches von dem, was Menschen tun oder nicht tun, birgt Risiken, die sich in der Zukunft zeigen werden. Das ist für individuelle Handlungen leicht einsehbar (nach dem Genuss von Alkohol mit dem eigenen Auto nach Hause fahren, ist offenbar risikoreich), für Entscheidungen über Neue Technologie und Wissenschaftsentwicklungen stehen aber oft unterschiedliche und kaum absehbare Risiken neben- oder gar gegeneinander: Beim Bau von Atomkraftwerken sind etwa technische Risiken und Gefahren für Mensch und Umwelt bei Unfällen gegen die Folgen von Energieversorgungsengpässen abzuwägen. Schön wäre dabei die Hilfe einer Risikoethik, die beim Entscheiden hilft oder gar den Verantwortlichen die Verantwortung abnimmt, indem sie sichere Wege für eine Entscheidung zugunsten einer sicheren Zukunft zeigt.
Von einer solchen hilfreichen Risikoethik, die Antworten auf die Fragen nach der richtigen Entscheidung gibt, sind wir nach Ansicht des Autors weit entfernt: „Obwohl Antworten von überragender gesellschaftlicher Bedeutung sind, scheint sich die Ethik damit schwer zu tun. Wie diese Arbeit zeigt, ist der Grund in einem unhinterfragten Begriff sicherer Entscheidung zu suchen, der im ethischen Argument ein grundsätzliches Dilemma evoziert. Die Frage, die sich jede Risikoethik daher zuerst stellen muss, ist nicht, wie man zu sicheren Entscheidungen im Falle unsicherer Konsequenzen kommt, sondern was ,sichere Entscheidung‘ im Angesicht unsicherer Konsequenzen überhaupt heißen kann.“ Dieser Text auf der Rückseite des Buches deutet schon an, dass es im Buch um eine Rundreise durch viele Gebiete der Ethik geht, die man besuchen und mehr oder weniger ausführlich studieren muss, um Antworten auf die Frage nach „sicherer Entscheidung“ finden zu können.
Die lange Reise durch Gebiete wie Sprachphilosophie (Diskurs, Wertsprache, Werturteile, Moralsprache, Urteil, Konklusion, …), Theorie von Handlungen, bisherige Überlegungen zu Risikoethiken etc. zeigt (vielleicht in didaktischer Absicht), wie unsicher alles ist und wie wenig Sicherheit der Autor selbst bei der Auswahl der Themen und der Intensität ihrer Thematisierung bzw. Vertiefung erlangen kann. Insbesondere in den orientierenden Texten zu Beginn bzw. zum Ende eines solchen Ausfluges finden sich immer wieder mehr oder weniger nachvollziehbare Argumente dafür, die Reise in dieses Gebiet an dieser Stelle abzubrechen oder noch ein wenig weiterzuführen.
Dem Rezensenten scheint, die Analysen im Problemfeld wären eher nachvollziehbar und für Schritte zu einer hilfreichen Risikoethik besser nutzbar gewesen, wenn sie auf ein konkretes historisches Beispiel bezogen gewesen wären. Die Auseinandersetzungen um die sogenannte „friedliche Nutzung“ der Kernenergie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der BRD bieten dazu gute Möglichkeiten, weil eine Fülle von Schriften zu „Chancen und Risiken“ der Kernenergie, Aussagen der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, Resolutionen und Bücher von Kritikern vorliegen, in denen sich viele Ansätze zu einer Risikoethik bzw. Anforderungen an eine solche rekonstruieren lassen. Zudem wäre es besonders aufschlussreich, aus der Distanz von mehreren Jahrzehnten rückblickend zu beurteilen, welche der damals vertretenen Positionen vorausschauend zutreffend waren.
Jürgen Maaß, Linz

ETHICA 2016/3

Korff, Wilhelm / Vogt, Markus (Hg.): Gliederungssysteme angewandter Ethik: ein Handbuch. Freiburg i. Br. u.a.: Herder, 2016, 790 S., ISBN 978-3-451-34238-7, Geb., EUR 49.99 [D], 51.40 [A]

Das vorliegende Handbuch ist für Wilhelm Korff gleichsam ein krönender Abschluss seines über ein halbes Jahrhundert dauernden Nachdenkens über die „Vernunft des menschlichen Handelns“. Korff war von 1973 –1979 Professor für Theologische Ethik in Tübingen und von 1979 –1993 Professor für Christliche Sozialethik in München. Sein Nachfolger ist Markus Vogt.
Das hier vorliegende Forschungsprojekt „Gliederungssysteme angewandter Ethik“ geht von dem Leitgedanken aus, dass es im Rahmen der Ethik weder allein um Grundlagenfragen noch allein um Anwendungsfragen geht, da Ethik aufgrund der komplexen Gesellschaftsentwicklung mit vielfältigen Themen konfrontiert wird. So reflektiert das vorliegende Handbuch die Geschichte der Ethik anhand von drei normativen Leitbegriffen: Gebote, Tugenden und Pflichten. Die zukunftsweisende Bedeutung von Ethik wird am Schluss als Verantwortungsethik beschrieben. So wird der erste Teil mit Dekalog, der zweite mit Tugendsysteme, der dritte mit Pflichtenkreise und der vierte mit der Frage nach übergreifenden Gliederungssystemen im modernen Ethikdiskurs überschrieben. Da eine so umfangreiche Arbeit von einer Person allein nicht zu bewältigen ist, sind die einzelnen Themen mit verschiedenen Autoren besetzt, die nur kurz angeführt werden sollen, um die Bandbreite ihrer Argumentation anzusprechen.
Zunächst gibt Christian Schröer in „Gebot, Tugend, Pflicht – Die maßgeblich gewordenen normativen Orientierungsschlüssel angewandter Ethik“ eine kurze Einführung.
In Teil I, Der Dekalog, befasst sich Wilhelm Korff mit der Frage nach der theologischen Grundverfassung des Dekalogs und beschreibt dessen ethisches Anspruchsgefühl, während Markus Vogt und Peter Marinkovic die Gliederungsbedeutung des Dekalogs in Ansehung der Tora behandeln.
Roland Kany erläutert das Denken des Philos von Alexandrien zum Dekalog, beschreibt die Stellung des Dekalogs im Neuen Testament und dessen Rezeption von der Patristik bis zum 12. Jahrhundert.
Mit „Natürliches Gesetz und Dekalog bei Thomas von Aquin“ dringt Christian Schröer bis zu aktuellen Themen vor, woraufhin Isabelle Mandrella den Dekalog als Systematisierungsschlüssel angewandter Ethik im 13. und 14. Jahrhundert beleuchtet. Auf die Bedeutung des Dekalogs für die Entwicklung der neuzeitlichen Moraltheologie im Zeichen der Kasuistik geht Sigrid Müller ein. Den Meinungspluralismus in Moraltheologie und Kasuistik und seine Grundlegung im Barock beschreibt Rudolf Schüßler.
Den Teil 2, Tugendsysteme, eröffnet Maximilian Forschner mit „Die Kardinaltugenden als Systematisierungsschlüssel angewandter Ethik in den tugendethischen Konzepten Platons und der Stoa“. Dem schließt sich der Beitrag „Tugenden und Laster als Gliederungselemente angewandter Ethik im antiken Christentum“ wiederum von Roland Kany an.
Den Ausbau der Tugendsysteme zu umfassenden Gliederungsschlüsseln angewandter Ethik im 12. und 13. Jahrhundert nimmt sich Stefan Ernst vor, und Hans-Joachim Höhn beschließt den 2. Teil mit der Darlegung der Fortwirkungen des Tugendgedankens in modernen Ethiken.
Teil 3, Pflichtenkreise, befasst sich mit der seit dem späten 16. Jahrhundert zu einem teils führenden Gliederungssystem aufsteigenden theologischen und philosophischen Ethik mit Betonung von Gesetz und einzelner Handlung.
Zur patristischen Rezeption der antiken Äquivalente des Pflichtbegriffs schreibt Roland Kany, um dann auf die Ursprünge der Pflichtentrias – gegenüber Gott, den Mitmenschen und sich selbst – einzugehen.
„Der neuzeitliche Paradigmenwechsel zur Pflichtenkreistriade: Ablösungen und Gabelungen“ ist das Thema von Rudolf Uertz. Er geht im Anschluss daran zur philosophisch-ethischen Grundlegung der neuzeitlichen Pflichtenkreislehre über. Hans J. Münk befasst sich mit der theologisch-ethischen Rezeption der Pflichtenkreislehre in der theresianisch-josephinischen Studienreform, während Wilhelm Korff den Übergang von der Pflichtenkreislehre zur Verantwortungsethik beleuchtet und so zum Teil 4, der Frage nach übergreifenden Gliederungssystemen im modernen Ethikdiskurs, überleitet, den Markus Vogt mit der Beschreibung der bereichsethischen Gliederung im Zeichen des Pluralismus beginnt. Ludger Honnefelder geht auf die Frage nach übergreifenden Gliederungssystemen im modern Ethikdiskurs: „Applied Ethics“ – „Angewandte Ethik“ – „Bereichsethiken“ – „Verantwortung“ ein. Jochen Ostheimer schreibt zu den Formen und gesellschaftlichen Orten der angewandten Ethik heute und Hans Joachim Höhn stellt die Frage „Pluralitätskompatibel?“ und macht sich auf die Suche nach Strukturelementen eines bereichsethischen Gliederungsmodells. Das Spannungsfeld theologischer und philosophischer Ethik als Ausgangspunkt für die Gliederung normativer Reflexion thematisiert Markus Vogt.
In einem 5. Teil fasst der Mitherausgeber Wilhelm Korff die Ausführungen der genannten Autoren zu den einzelnen Themen zusammen. Zentrale Bedeutung kommt dabei nach Korff der Frage nach der genuin theologischen Fundierung des Dekalogs zu. Dabei geht es um den geistesgeschichtlich weit zurückreichenden Gedanken der natürlichen Gleichstellung, der dann in der Zeit der Aufklärung zum Begriff der Menschenrechte führte. Die Universalität des ethischen Anspruchs wird nun nicht mehr mit Begriffen wie Gebot, Tugend und Pflicht, sondern in Form von Recht artikuliert. Mit diesem übergreifenden Regulativ Menschenrechte / Menschenwürde könnte die angewandte Ethik der Moderne, nach Korff, zu der auf sie zugeschnittenen globalen Gliederungssystematik gefunden haben.
Die Entstehung der Tugendsysteme geht hingegen auf die klassisch-griechische Ethik zurück, die offenbar dem Bedürfnis folgte, in die Pluralität des menschlichen Handelns gewisse Einzeltugenden als tragendes Ordnungsgefüge einzubauen. Beachtenswert ist hierbei, dass Platons Kardinaltugenden bis ins Hochmittelalter gestaltend weiterwirkten und mit den von Paulus konzipierten drei theologischen Tugenden zu einem „Siebenerschema“ von Grundtugenden wurden, deren Gehalt auch heute noch Bestand hat.
Demgegenüber hat der von der Stoa erstmals entwickelte Pflichtgedanke in der frühen Neuzeit eine überraschende Aktualisierung erfahren und wurde im Zuge der Aufklärungsphilosophie zur Grundlage für individuelle, politische und soziale Freiheitsrechte jenseits der religiösen Sphäre.
Von zukunftsweisender Bedeutung ist laut Korff schließlich der Verantwortungsbegriff, zumal Verantwortungsethik gegen jegliche Form von rigoroser Gesetzesethik steht. Allerdings kann Verantwortung ohne Gesetze, ohne Tugenden und ohne Dekalog zu einer leeren Hülse der Beliebigkeit jenseits jeder ethischen Anforderung verkommen.
Was das Buch insgesamt betrifft, so sind die Gestaltung übersichtlich, die einzelnen Beiträge leserfreundlich, informativ und reichlich mit Anmerkungen versehen. Ein Autorenverzeichnis sowie ein Personen- und Sachregister beschließen diese einmalige Arbeit, die für jeden an ethischen Fragen Interessierten eine historische Fundgrube darstellt.
Andreas Resch, Innsbruck

Bossert, Leonie: Wildtierethik. Verpflichtungen gegenüber wildlebenden Tieren. Baden-Baden: Nomos, 2015 (Ethik in der Nachhaltigkeitsforschung; 2), 157 S., ISBN 978-3-8487-1693-7, Brosch., EUR 29.00

Die vorliegende Publikation ist als zweiter Band in der Reihe „Ethik in der Nachhaltigkeitsforschung“ im Nomos Verlag erschienen. Die Autorin, Leonie Bossert, befasst sich darin mit einem ihrer Meinung nach vernachlässigten Themenfeld in der zeitgenössischen Tierethik: der Frage nach der moralischen Berücksichtigungswürdigkeit von „Tieren“ in Bezug auf den menschlichen Umgang mit „wildlebenden“ Tieren (11).
Der Einführung folgend wird im zweiten Kapitel (15 – 47) ein kurzer Überblick über wichtige Vertreter klassischer sentientistischer Ansätze gegeben. Zu Wort kommen Peter Singer (19 –22), Tom Regan (26 –30) und David DeGrazia (33ff.) als Vertreter des Utilitarismus und des Rechte-Ansatzes für nichtmenschliche Tiere Arthur Schopenhauer (37ff.), als wichtigster Vertreter einer Mitleidsethik, sowie einige Vertreter verschiedener Ansätze zur Fürsorgeethik (37– 42). Diesen Teil beschließt eine ausführliche Vorstellung von Ursula Wolfs Ansatz zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung (42– 47). Das zweite Kapitel ist als Einführung gedacht und kann auch so verstanden werden. Die Autorin stellt die unterschiedlichen Ansätze korrekt dar und lässt auch am Ende einer jeden Vorstellung Kritiker zu Wort kommen. Dennoch fällt auf, dass eine Auseinandersetzung mit grundlegend kritischen Positionen nicht erwünscht zu sein scheint. So könnte man durchaus dafür argumentieren, dass es bei der Vorstellung eines Rechte-Ansatzes für nichtmenschliche Tiere legitim und wünschenswert wäre, gewichtige Gegenstimmen, wie jene Carl Cohens, nicht nur in einer Fußnote (FN 18, S. 26), ganz beiläufig abzuhandeln. Dasselbe gilt für Gegenstimmen, die den Kontraktualismus ins Feld führen. So findet ein Peter Carruthers im gesamten Buch keine Erwähnung.
Das dritte Kapitel (49 –126) befasst sich nun eingehend mit der Wildtierethik und gibt, folgt man dem Titel, den aktuellen Stand der Diskussionen wieder. Dabei werden die Ansätze von Martha Nussbaum (vgl. 50 –73) und Clare Palmer (vgl. 74 –118) an zentraler Stelle behandelt. Auf Nussbaums Interpretation des Fähigkeitenansatzes, auf die Implikationen der Ausdehnung ihres Ansatzes für die Tierethik, wird ausführlich eingegangen und Ansatzpunkte zur Kritik, wie Nussbaums strittiger Begriff der Tierwürde, werden glaubhaft erörtert. Gleiches kann für die kritische Einlassung auf Palmers „bisher umfassendste und überzeugendste Auseinandersetzung mit der Fragestellung des moralisch richtigen Umgangs mit wildlebenden Tieren“ (73) festgehalten werden. So überzeugend Palmers relationaler Ansatz auch sein mag, frei von Schwierigkeiten ist er, und hier ist der Autorin beizupflichten, sicherlich nicht. Als ein Kritikpunkt, der von Bossert gut herausgearbeitet wird, kann „Palmers Zuordnung von Wiedergutmachungspflichten zu den positiven Pflichten“ (112) angeführt werden.
Im vierten Kapitel (127–144) behandelt Bossert die Frage nach dem richtigen Umgang mit invasiven Arten. Dieses in der Tat bisher in der Literatur vernachlässigte Thema birgt Konflikte zwischen Naturschutz und Tierethik. Die Autorin bedient sich hier ein weiteres Mal Palmers relationalen Ansatzes und zeigt anhand des Beispiels einer Elch-Population dessen Begrenztheit auf (vgl. 135f.).
Ein fünftes, kurzes Kapitel (145 –148) fasst die bisher gewonnenen Einsichten zusammen und beschließt diesen Band. Darin verleiht Bossert ihrer Auffassung Ausdruck, dass „sentientistische Begründungsansätze die überzeugendste Grundlage für Naturschutztheorie und -praxis bieten“ (145).
Wenngleich eine oftmals kritischere Auseinandersetzung mit Gegenargumenten wünschenswert gewesen wäre, erscheint es mir dennoch vertretbar zu sein, diesen Band zur Lektüre zu empfehlen.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Nogara, Marco: Moral begründen oder erklären? Zum Begriff der ethischen Gewissheit. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2014 (Epistemata: Würzburger wissenschaftliche Schriften, Reihe Philosophie; 543), 322 S., ISBN 978-3-8260-5334-4, Kart., EUR 48.00

Bei dieser Studie Nogaras (N.s) handelt es sich um eine an der Fakultät für Philosophie der Universität Trier eingereichte Dissertationsschrift. Der Gesamttext gliedert sich in eine „Allgemeine Einführung“ und 4 Teile, die jeweils von spezifischen Inhaltsverzeichnissen sowie Einführungen eingeleitet und teilspezifischen Zusammenfassungen beendet werden. Am Schluss des Haupttextes steht eine „Allgemeine Zusammenfassung“, gefolgt von der Bibliographie (S. 311–322).
Die Leitfrage, ob sich moralische Grundgewissheiten begründen lassen, geht N. auf dem Hintergrund von Wittgensteins Abhandlung „Über Gewissheit“ an. Grundgewissheiten (basic certainties / beliefs) sind nicht als komparative Steigerungen eines Gewissheitsgefühls zu verstehen; vielmehr geht es um eine Prämissenfunktion in Folgerungs-Zusammenhängen bzw. um „Rahmenbedingungen dieser Folgerungen“ (7). Grundgewissheiten können satzförmig vorgestellt und in ihrer (von Wittgensteins „Sprachspielen“ her verstandenen) Praxisfunktion (u.a.) als „Rotationsachsen unserer Handlungen“ (3) eingeführt werden. Man erwirbt sie in vertrauensvollen sozialen Praxen, d.h., „indem man zu handeln lernt“ (78). Sie selbst bleiben vorthematische, kontextspezifische, unreflexe Größen, die sozusagen „inkognito“ ihre Wirkung entfalten und keinen Raum für Zweifel lassen. Im Falle moralischer Grundgewissheiten kann man sie charakterisieren als „Rahmenbedingungen jenes Regelsystems, das innerhalb einer Praxisgemeinschaft festlegt, welche Motive und Beweggründe in den jeweiligen Situationen erlaubt, nicht erlaubt oder geboten sind“ (71). Sie genießen innerhalb einer „Denkgemeinschaft“ selbstverständliches, ungefragtes Vertrauen; freies, vernünftiges Handeln ist auf sie angewiesen (155).
Der 2. Teil (81–164) vertieft die Thematik im Hinblick auf Fragen des Begründens und Erklärens. Hier (wie auch in folgenden Kapiteln) bezieht sich N. vielfach auf Arbeiten des Trierer Philosophen A. W. Müller, der nach N. „den Ansatz Wittgensteins am deutlichsten auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen ethischen Gewissheiten und Moralphilosophie angewendet“ hat (164).
Vergewissern bildet den Kern des Begründens, das von anderen Modalitäten zur Stützung des Wahrheitsanspruchs eines Satzes (Erklären, Bestätigen, Stützen u.a.) zu unterscheiden ist. Erklärungen zielen auf die bessere Verständlichkeit, wobei die Wahrheit von Konklusionen fester steht als die Wahrheit der Prämissen (vgl. 107). Zu unterscheiden ist ferner zwischen den Perspektiven der ratio essendi (Seinsgrund eines Wahrheitsanspruchs) und der ratio cognoscendi (Erkenntnisgrund). Durchgehend verficht N. als Hauptthese: Grundgewissheiten können weder durch Evidenzen noch auf pragmatischem oder anderem Weg (z.B. in elaborierter Form) begründet werden. Sie bilden indes Rahmenbedingungen für Wissenssätze, die ihrerseits begründungsfähig sind.
Im 3. Teil (165 –264) erörtert N. zunächst jene folgenreichen neuzeitlichen Umbrüche, die moralgeschichtlich zu einer norm- bzw. pflichtethischen „Schlagseite“ der Moralphilosophie führten. Eigens weist er auf die neuzeitlichen Naturrechtslehren hin, die eine Reduktion der Moral auf Recht verstärkt hätten; sie förderten eine Dominanz von Gesetzeskonzeptionen in der Moral. Auf die Verlustseite gerieten hingegen Tugendansätze und die Frage nach dem guten Leben. Demgegenüber verteidigt N. eine Moralkonzeption des „guten, gelungenen und glücklichen Lebens“ (177).
N. kommt sodann auf seine Hauptthese zurück, die er dezidiert nicht im Sinne eines metaethischen Non-Kognitivismus verstanden wissen will, denn moralische Grundgewissheiten stammen „aus dem Vertrauen (…), mit dem wir handeln (und wir haben dieses Vertrauen erworben, indem wir innerhalb einer Handlungsgemeinschaft gelernt haben zu handeln)“ (186). Gleichwohl hält er einen Dialog zwischen verschiedenen Weltbildern deshalb noch nicht für nutzlos. In Auseinandersetzung mit dem sog. Humeschen Gesetz sowie mit Verweis auf die Unterscheidung von ratio essendi und cognoscendi erörtert er die Frage, wie sich Moral, philosophische Anthropologie und (teleologisch verstandene) Menschennatur zueinander verhalten. Diese Überlegungen münden in die These, dass sich Moral nicht durch rationale Kriterien [darunter selbst die Verallgemeinerbarkeit bzw. Universalisierbarkeit (221f.)] mit dem Anspruch einer anthropologisch neutralen Position begründen lasse. Lebensform-neutrale, formale Kriterien der Rationalität moralischer Gewissheiten erweisen sich als unterbestimmt in Anwendungskontexten. Diese mangelnde „Operationalisierbarkeit“ demonstriert er ausführlich an neuen Theorie-Entwürfen zur Begründung eines kulturübergreifenden, (post)modernen Toleranzverständnisses (226 –238); ohne Verankerung in einem „System von Grundgewissheiten“ ist dieses Defizit nicht zu beheben. In einem längeren Abschnitt (245–263) verteidigt N. die These, dass es u.U. „klug (und moralisch erlaubt)“ sei, „die Verbreitung fremder moralischer Auffassungen zu verhindern“ (245). Ein solcher Einsatz liege innerhalb des Aufgabenspektrums der Moralphilosophie, das N. dreifach gliedert: Erstens ist zu erklären, warum moralische Grundgewissheiten wahr sind (didaktische Funktion); zweitens sind partikuläre Zweifelsfälle zu klären und moralinterne Begründungs- und Kritikaufgaben wahrzunehmen (kritische Funktion); drittens obliegt ihr die Verteidigung der eigenen Position (apologetische Funktion).
Im 4. und letzten Teil (265 –308) unterzieht N. einige neuere moralphilosophische Ansätze (P. Foot, J. Finnis, „New School of Natural Law“, A. MacIntyre, J. Rawls) auf dem Hintergrund seiner Position einer Kritik, wobei das Rawls’sche Urzustands-Modell besonders schlecht abschneidet.
Im Hinblick auf den zur Verfügung stehenden Raum muss ich mich abschließend auf ganz wenige Gesichtspunkte beschränken; dabei verzichte ich fast ganz auf Hinweise zu formalen Mängeln, auch wenn manches ärgerlich ist (z.B. wenn man eine im Haupttext abgekürzt zitierte Literaturangabe in der Bibliographie vergeblich sucht, vgl. 35: Kohlenberg, 1983). Die von N. bearbeitete Thematik ist im Wesentlichen der Moral-Epistemologie (moral epistemology) zuzuordnen, die in der deutschsprachigen Fachliteratur mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Hier kann seine Studie manche Anstöße vermitteln.
Insgesamt hinterlässt diese Studie indes einen zwiespältigen Eindruck. Von einem Text mit philosophisch-analytischem Anspruch hätte man z.B. eine sorgfältige Unterscheidung zwischen juridischem und moralischem Rechtsverständnis erwarten können (vgl. 180f.). In Bezug auf den mehrfach gebrauchten Begriff „Vertrauen“, dem ein wichtiger Stellenwert zukommt, vermisst man eine Bezugnahme auf die bemerkenswerte neuere philosophische Vertrauensforschung. Wer die Mühe der Lektüre nicht scheut, wird noch auf manch andere Probleme stoßen.
Hans J. Münk, Luzern

Rosenberger, Michael: Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier: eine christliche Tierethik. München: Kösel, 2015, 240 S., ISBN 978-3-466-37135-8, Brosch., EUR 17.99 [D], 18.50 [A]

Der Autor möchte mit diesem Buch einen Beitrag zur Tierethik aus christlicher Perspektive liefern und dadurch dem ökonomisierten und industrialisierten Umgang mit Tieren entgegentreten. Er vertritt die These, dass man „am Umgang des Menschen mit den Tieren ablesen kann, wie der Mensch ist und wer er ist und wie er auch mit Seinesgleichen umgeht“ (S. 2). Rosenberger gliedert seine Abhandlung in drei große Teile und folgt dabei dem klassischen Dreischritt von Sehen, Urteilen, Handeln.
In einem ersten Teil macht Rosenberger eine Bestandsaufnahme, in der er untersucht „wie Tiere sind und wie der Mensch faktisch mit ihnen umgeht“ (S. 2). Er distanziert sich von der Sichtweise Descartes’, welcher aufgrund der Vernunft einen tiefen Graben zwischen Mensch und Tier zieht und Letztere auf Maschinen reduziert. Im Gegenzug dazu argumentiert er dafür, dass bestimmte Tiere eine Form des Ichbewusstseins realisieren, das sich in Körperbewusstsein, Heimbewusstsein, Spiegelbildbewusstsein u.a. ausdrückt. Er verweist auf die Fähigkeit zur Empathie und Trauer, auf die Fähigkeit zum Spielen, zum Werkzeuggebrauch und zur Werkzeugherstellung, spricht bestimmten Tieren sogar begriffliches Denken und Ethos (reflektierte oder nicht reflektierte Wertungen) zu. Den Unterschied zwischen Mensch und Tier sieht er, biologisch betrachtet, nicht prinzipiell, sondern nur graduell. Mit dem Ausdruck „Biophilie“ verweist er auf das Miteinander von Mensch und Tier als soziale Wesen im Laufe der Geschichte und vertritt die These, dass die Beziehung zu den Tieren die Entwicklung des Menschen und der menschlichen Kultur maßgeblich mitgeprägt hat. Ausführlich geht der Autor auf den Umgang des Menschen mit dem Tier in der industrialisierten Moderne ein und plädiert für eine Ethik des Hinschauens. Er geißelt eine zu langsame Verbesserung der Haltungsformen bei Masttierarten, eine nur auf Leistungsoptimierung ausgerichtete Tierhaltung und das industrialisierte Schlachten.
In einem zweiten Teil diskutiert Rosenberger philosophische und theologische Entwürfe. Er distanziert sich von einer einseitigen Anthropozentrik, deren Grundlagen er in einer zu starken Betonung der griechischen Philosophie zu Lasten der biblischen Tradition ausmacht. Mit Thomas von Aquin, René Descartes und Immanuel Kant greift Rosenberger drei Anthropozentriker auf. Während er Thomas und Descartes vorwirft, sie würden die Tiere auf Instrumente bzw. Maschinen reduzieren, unterstreicht er, dass Kant die Tiere als Individuen mit eigenen Bedürfnissen betrachtet. Von diesen anthropozentrischen Ansätzen unterscheidet der Autor einen pathozentrischen Ansatz, wie er im Utilitarismus begegnet. Doch auch hier gibt es Engpässe, und zwar vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Utilitarismus mit grundlegenden Überzeugungen der klassischen Ethik bricht. Er stellt den Nutzen einer Handlung und damit die Menge der erfüllten Interessen in den Mittelpunkt, nicht aber das Individuum als einzigartiges Subjekt. Eigens geht der Autor auf die problematische Position des Utilitaristen Peter Singer ein. Dieser vertritt die Auffassung, dass nicht alle Menschen Personen sind, und behauptet gleichzeitig, dass manche Tiere zu den Personen gerechnet werden müssen. Rosenberger macht ein zweifaches Problem aus. Einerseits verweist er darauf, dass der Tierschutz auf Kosten des Menschen erkauft werde und andererseits werde der garstige Graben zwischen Personen und Nichtpersonen nur anders gezogen. Eigens erwähnt der Autor die Position von Tom Regan, der den Tieren, insofern sie bestimmte Fähigkeiten wie Überzeugungen, Wünsche, Vorstellungen, Erinnerungen haben, im Anschluss an Kants Würdebegriff einen inhärenten Wert zuschreibt. Rosenberger bewertet auch diesen Ansatz kritisch. Dem philosophischen Befund setzt er dann tierethische Impulse aus der Bibel entgegen und verwirft dabei gleichzeitig die These von Eugen Drewermann, dass nämlich die Bibel ein rein anthropozentrisches Weltbild vertrete. Im Gegenzug hält Rosenberger fest: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern deren Haushalter. In den Schöpfungsgeschichten werden die Tiere als Mitbewohner und Bundespartner des Menschen gesehen. Sie sind Adressaten der Gerechtigkeit und Jesus selbst steht für ein friedliches Miteinander zwischen Mensch und Tier. Die goldene Regel (Mt 7,12) animiert den Menschen, sich gedanklich und emotional nicht nur in einen anderen Menschen, sondern auch in ein Tier hineinzuversetzen. Im Anschluss an den biblischen Teil spricht der Autor über die geschöpfliche Würde der Tiere und meint damit einen Wert, der dem Tier vorab von jeder Wertung durch den Menschen zukommt. „Wer Würde besitzt, hat Eigenständigkeit und Selbstzwecklichkeit“ (S. 131). An diesem Punkt entwickelt er eine eigene Position, die über die oben genannten philosophischen Konzepte hinausgeht und deren Engpässe zu vermeiden versucht. Rosenberger versucht, die Zuschreibung geschöpflicher Würde an nichtmenschliche Lebewesen naturrechtlich und naturphilosophisch zu begründen, indem er auf die gemeinsame Natur der Lebewesen rekurriert. Ausgehend von diesem Blick auf gemeinsame Grundstrukturen alles Lebendigen treten Unterschiede zwischen Tier und Mensch und einzelnen Tieren aufgrund der jeweils realisierten Intelligenz in den Hintergrund. Ja selbst der Unterschied zwischen Tieren und Pflanzen ist nur graduell und quantitativ, nicht prinzipiell und qualitativ (S. 133). Aufgrund der Würde, die man Tieren zuspricht, müssen sie auch gerecht behandelt werden. Dabei greift der Autor auf die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls zurück und erweitert diese auf den Bereich der Tiere in Anlehnung an Mark Rowland. In seiner theory of justice entwickelt Rawls einen Gerechtigkeitsbegriff ausgehend von einer Vertragstheorie. Der Vertrag zwischen den Menschen wird in einem fiktiven Urzustand geschlossen, der sich durch den Schleier des Nichtwissens kennzeichnen lässt. Dieser Schleier des Nichtwissens spielt nun in der Argumentation von Rosenberger eine entscheidende Rolle, „da die Vertragsparteien im Urzustand ja nicht wissen, welches Geschick ihnen als moral patients droht und ob sie als Menschen mit geistiger Behinderung oder gar als Tiere leben werden“ (S. 140.) Entscheidend ist die Annahme, dass „man (…) die Einschränkung geistiger Fähigkeiten eines Menschen und die Einschränkung der nichtmenschlichen Spezies, überhaupt als mögliches Schicksal der Parteien zulässt, die im Urzustand verhandeln“ (S. 140). Dieses Nichtwissen führt nach Rosenberger dazu, dass Menschen mit geistiger Behinderung und Tiere als schlechtestgestellte Individuen betrachtet werden, für die akzeptable Lebensbedingungen zu sichern sind. Insofern Tiere wie Menschen Lebewesen sind, kommt ihnen ein umfangreiches System von Grundfreiheiten zu (Recht auf Leben, Recht auf körperliche Integrität, Recht auf Bewegungsfreiheit), das nur in Ausnahmefällen außer Kraft gesetzt werden darf. Tiere sind Träger von Würde und als solche auch Adressaten von menschlicher Gerechtigkeit. Der Autor fordert auf, Haus- und Wildtiere am Wohlstand der Menschen teilhaben zu lassen, betont die Empathie gegenüber Tieren und rückt diese in die Nähe der biblischen Barmherzigkeit, denkt eine Güterabwägung zwischen menschlichen und tierischen Gütern an und ersehnt eine geschwisterliche Aufteilung der Ressourcen zwischen Mensch und Tier. Er betont die Grundbedürfnisse der unterschiedlichen Tierarten, die es vor allem bei der Nutztierhaltung zu berücksichtigen gilt. Auch die Haltung von Haustieren wie Katzen und Hunden bedarf des Korrektivs der Gerechtigkeit, damit diese Tiere nicht Opfer subtiler Interessen ihrer Besitzer werden. In Folge setzt sich Rosenberger mit der Tötung von Tieren auseinander. Er spricht sich nicht für ein striktes Tötungsverbot aus und möchte die tierethisch-individuelle Sichtweise durch die ökonomisch-ökologisch-systemische erweitern. Er befasst sich ausführlich mit dem Schlachten von Tieren und liefert spirituelle Impulse zur Mäßigung des Fleischverzehrs.
In einem dritten Teil sichtet der Autor menschliche Rituale im Umgang mit Tieren und plädiert für eine Erneuerung der christlichen Tierrituale. Er verweist auf die biblische Vision des Schöpfungsfriedens, der alle Geschöpfe betrifft, im Verhalten großer Heiliger ansatzweise verwirklicht ist und im messianischen Frieden seine Vollendung findet. In der Bibel selbst sucht Rosenberger nach einer Basis für die Tiergerechtigkeit und findet sie in der Noaherzählung. Doch auch andere Bibelstellen, wie die Schöpfungserzählungen und die Prophetentexte, sind ein Aufruf für ein friedliches Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Wer die biblische Botschaft mit ihren Visionen ernst nimmt, kann sich nicht mit dem Status quo der Tierhaltung und Tiertötung zufriedengeben. Der Autor beendet das Buch mit Gedanken zur Auferstehung von Tieren. Rosenberger weist eine Position der Anthropozentrik in dieser Frage zurück und verweist darauf, dass biblisch „von der Genesis bis zu Paulus klar ist, dass die Tiere von Gott in die Erlösung einbezogen sind“ (S. 227).
Das vorliegende Werk besticht durch die einfache, klare, gut verständliche Sprache. Besonders hervorzuheben sind die für ein Werk aus der angewandten Ethik wertvollen Fachkenntnisse des Autors. Rosenberger erweist sich nicht nur als Kenner der zeitgenössischen Debatte im Rahmen der Ethik, sondern hat auch viel Wissen aus Verhaltensforschung, Biologie, Landwirtschaft und Tierhaltung in das Buch eingearbeitet. Positiv zu unterstreichen sind die kreativen und eigenständigen Versuche, ausgehend von Rawls eine Theorie der Tiergerechtigkeit zu entwerfen. Problematisch erscheint allerdings die über Rawls hinausgehende Annahme, dass die Vertragspartner im fiktionalen Urzustand aufgrund des Schleiers des Nichtwissens nicht wissen können, ob sie irgendwann als Tiere leben werden. Ist diese Annahme nicht fraglich, wenn es sich im Naturzustand um vernünftige, geistig gesunde Menschen handeln soll? Doch genau diese Annahme ist das entscheidende Argument, um letztlich akzeptable Lebensbedingungen für Tiere schon im Vertrag des Urzustandes einzufordern. Zudem verbirgt diese Annahme eine von Rosenberger ja an anderen Stellen selbst abgelehnte Anthropozentrik. Sie basiert nämlich auf der Annahme, dass Tiere aus der menschlichen Perspektive der Vertragspartner als schlechtestgestellte Individuen betrachtet werden.
Insgesamt ist der Autor aber bemüht, die Unterschiede zwischen Mensch und Tier aufzuweichen und spricht den Tieren eine Würde zu. Kritisch kann angefragt werden, ob eine Tierethik dieses Aufweichen der Grenzen tatsächlich benötigt oder ob sich dahinter eine Form des Anthropomorphismus verbirgt.
Markus Moling, Brixen

Stieber, Anselm: Ringt um eure Verfassung. Gedanken zu einer neuen politischen Kultur. Kiel: Ludwig, 2015, 62 S., ISBN 978-3-86935-271-8, Brosch., EUR 10.90

In diesem schmalen Bändchen gibt Anselm Stieber eine Sammlung von Gedanken zum System unserer politischen Ordnung wieder. Er sieht die Verfassung und damit die Kultur unserer Demokratie bedroht – bedroht durch Technokratie und einen ausufernden Kapitalismus. Er meint, die heutige Gesellschaft hätte das Gleichgewicht zwischen Kultiviertheit und Zivilisation, genauer, dem kultivierten und dem zivilisierten Menschen verloren. Als zivilisierend verortet der Autor jene Kräfte, die dem „stofflichen Bereich des Lebens und seinen materiellen Werten verpflichtet sind“ (11), als kultivierend hingegen jene geistig-ideellen Kräfte, die den Menschen u.a. zu einem reflektierenden, aufgeklärten und sprach-affinen Individuum machen. Der zivilisierte Mensch scheint die Oberhand gewonnen zu haben. Als Brand-Beschleuniger des Bruches im politischen Denken gilt Stieber der verantwortungslose Neoliberalismus unserer Tage. Neu ist eine solche Kapitalismus- und Systemkritik freilich nicht. Man denke nur an die sozialistische Kapitalismuskritik früherer Tage oder etwa auch die christliche Soziallehre, um nur zwei Beispiele zu nennen. Was ist die Alternative? Für Stieber liegt die Alternative in einem Wandel unseres politischen Bewusstseins hin zur Eigengesetzgebung, dahin, sich selbst eine Verfassung zu geben. Seine Verfassung legt er uns auf den Seiten 48ff. dar. Eine solche Verfassung würde den Vorteil mit sich bringen, dass „wir anfangen uns wieder bewusst als Individuen um unsere Freiräume und um unsere Verantwortung Gedanken zu machen“ (56). Das wäre ein Anfang. Neu ist dies freilich auch nicht. Zudem birgt es die Gefahr, dass die Verfassung des einen mit der Verfassung des anderen nicht zwangsläufig kompatibel sein muss. Was dann?
Stieber nimmt Stellung. Als Stellungnahme sollte dieses Bändchen auch gewertet werden.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Ohls, Isgard: Der Arzt Albert Schweitzer: weltweit vernetzte Tropenmedizin zwischen Forschen, Heilen und Ethik. Göttingen: V& R unipress, Bonn University Press, 2015 (Bonner Beiträge zur Geschichte, Anthropologie und Ethik der Medizin; 10), 466 S., ISBN 978-3-8471-0491-9, Geb., EUR 69.99 [D], 72.00 [A]

Uneingeschränkt – so sei vorausgeschickt – stimme ich den Worten des Herausgebers der Bonner Beiträge, Walter Bruchhausen, zu, die er im Geleitwort zu diesem Buch formuliert hat: „Der materialreichen und gründlichen Studie von Isgard Ohls, die als Theologin, Musikerin und Ärztin Schweitzer in Vielem sehr nahe ist, kommt das große Verdienst zu, auch anhand von zahlreichen bisher unveröffentlichten Archivalien und in umfassender Kenntnis der bereits sehr umfangreichen Literatur zu Schweitzer mit einem solchen einseitigen Bild des bloß humanitären, weniger wissenschaftlichen Buschdoktors aufzuräumen. … Diesem wertvollen Beitrag zu unserem Schweitzer-Bild und zur Schweitzer-Forschung ist zu wünschen, dass er in diesem Sinne nicht nur den engen Kreis der Anhängerschaft oder biographisch Interessierten erreicht und überzeugt, sondern darüber hinaus eine weitere Leserschaft, die sich der Frage nach dem Zusammenhang von humanitärem Engagement und wissenschaftlich basierter Lebensform – oder einfacher: der Menschlichkeit der Medizin – stellt“ (S. 12f.).
Die Autorin gestaltet das Buch nach einer Einleitung zu Forschungsstand, Material- und Quellenbasis in drei konzentrisch angelegten Kreisen:
Kapitel A, „Der Mensch – Das Wirken in Europa (1875 – 1913)“, beginnt mit einer biographischen Skizze des Lebens von A. Schweitzer, einschließlich des Nachruhms. Es folgen in vertiefenden Kreisen dieser Skizze sein Weg zur Medizin, die Jahre des Medizinstudiums, der Konflikt mit der Pariser Missionsgesellschaft und der Beginn der Arbeit in den Tropen.
Kapitel B, „Der Arzt – Das Wirken in Afrika (1913 –1965)“, enthält zwei längere Abschnitte, von denen der erste der Behandlung verschiedener Tropenkrankheiten gewidmet ist und der zweite die wissenschaftliche Forschung im tropenmedizinischen Alltag untersucht.
Kapitel C, „Der Denker – Das Wirken Schweitzers in der und für die Welt (1913 – 2013)“, greift die medizinethischen Fragen des Umgangs mit den Patienten noch einmal auf und stellt sie in den Kontext der Debatte zwischen Biomedizin und traditioneller Medizin.
Von den etwa 5000 Titeln über das Leben und Werk Schweitzers, die in Frankfurt am Main bibliographisch erfasst sind, musste die Autorin natürlich eine Auswahl treffen; diese ist sachlich bezogen, konzentriert sich voll auf Schweitzer als Arzt und umfasst sowohl deutsch- als auch englisch- und französischsprachige Werke. Es mag für in wissenschaftlicher Literatur ungeübte Leser beschwerlich sein, wenn auf der Seite mehr Text in Fußnoten (es sind insgesamt 1653) steht als im gewohnten Lesefluss. Hier wäre zu empfehlen, zuerst einmal die Aufmerksamkeit nur auf den normalen Text zu richten; die Neugier wird schon dafür sorgen, dass nach den Quellen und Ergänzungen gesucht wird.
Den biographischen Weg Schweitzers setzt der Rezensent als bekannt voraus.
Die Autorin wendet sich der Diagnostik und Therapie verschiedener Tropenkrankheiten im medizinischen Alltag zu. Bekannte Bilder, die Leser aus den Büchern über das Spital kennen, sind die Geschwüre auf der Haut, die Elephantiasis-Tumore und Patienten mit der Schlafkrankheit. Letztere wurde für Schweitzer zu einer besonderen Herausforderung. Die Autorin folgt Schweitzer von der Beschreibung der Ätiologie, der Epidemiologie bis zu den Versuchen der Therapie. Weniger Probleme hatte Schweitzer mit der Malaria, da er im Labor relativ schnell die Differenzialdiagnose stellen konnte.
Weltbekannt wurde Schweitzer durch die Hilfe für die Lepra-Kranken, die, von ihrer Sippe getrennt, oft elend zugrunde gingen. Mit seinem „Dorf des Lichts“ schuf er einen Ort der Behandlung und Geborgenheit. Zu Schweitzers Zeit befanden sich zunächst etwa 240 Patienten in Bambushütten; sie konnten dann in die Baracken mit Wellblechdächern umziehen, was natürlich in der Regenzeit unschätzbar hilfreich war. Auch die Konflikte mit seinen Mitarbeiterinnen, die neue Wege versuchten, werden beschrieben. Man musste sein Vertrauen gewinnen, dann ließ er auch neue Medikamente zu.
Heute findet man dort wohl schon die vierte Generation und nur eine Handvoll Kranke, dafür einen freundlichen Korbflechter, der nahezu ohne Finger damit sein Einkommen aufbessert.
Ein besonderes Problem sind Vergiftungen, weil sie nicht nur von Schlangen oder aus Nahrung (wie z.B. aus wildem Honig) stammen, sondern auch als Waffe eingesetzt werden. Deshalb nahmen im Spital Afrikaner grundsätzlich keine zubereiteten Speisen ein, sondern empfingen nur Lebensmittelrationen.
Da psychische Krankheiten keine speziellen Tropenkrankheiten sind, ist ihnen auch kein Abschnitt gewidmet. Die Bezugnahme erfolgt vielfach in Anmerkungen oder Notizen so nebenbei. Jedoch war der Ausschluss der Kranken aus der Sippe mindestens ebenso dramatisch und brutal wie bei der Lepra. Schweitzer berichtet von seiner ersten Begegnung mit einer an einen Baum gefesselten kranken Frau. (Die Autorin verzichtet hier – im Gegensatz zur sonstigen Gewohnheit – auf die Primärquelle und zitiert einen Hinweis von H. Mai.) Es ist richtig, dass Schweitzer keine spezielle psychiatrische Ausbildung hatte, aber das Schicksal dieser Kranken ließ ihn nicht in Ruhe. Dank einer großzügigen Spende aus London konnte er für die Geisteskranken 1930 das erste Gebäude mit acht Einzelzellen, Tagesraum und Freigelände schaffen. (Marie Woytt-Secretan) Erika Taap schildert in ihrem „Tagebuch“ den Weg zur Gartenarbeit.
Wenn man heute den Pfad von der Historischen Zone zum Lepradorf geht, kommt man an vom Urwald überwucherten Gebäuderesten aus Schweitzers Zeit vorbei. Mit der Schließung des Spitals wurde 1981 eine neue Form der Betreuung geschaffen. (Dr. Martina Heitz-Schoenlaub) Walter Munz berichtete (1991), dass die Psychiatrie noch 32 Betten hatte. Im Speisesaal hängt ein Kalender aus der Arbeitstherapie (1993). Heute gibt es keine psychiatrische Abteilung mehr. Im ehemaligen Haus „Kopp“ ist eine Art Sozialstation, in der man einem psychiatrisch kranken Mann begegnen kann. Für eine wünschenswerte Neuauflage des Buches wäre ein spezieller Abschnitt zur Psychiatrie als Beispiel echter Patienten-Achtung ein Gewinn.
Der für das Buch vielleicht entscheidende konzentrische Kreis ist der Abschnitt „Die wissenschaftliche Forschung im tropenmedizinischen Alltag von Lambarene“. Fast unglaublich, was die Autorin auf dem Dachboden eines Hamburger Instituts und in Syracus aufgestöbert hat.
Es geht hier um Schweitzers Verbindung zum Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, um seine Einstellung zum Tierexperiment und deren Realisierung, um die internationalen Kontakte zu weiteren tropenmedizinischen Instituten und Forschern sowie um klinisch-therapeutische Versuche im tropenärztlichen Alltag von Lambarene. Der Untertitel des Buches, „Weltweit vernetzte Tropenmedizin zwischen Forschen, Heilen und Ethik“, hat in diesem Abschnitt eine besondere Bedeutung. Es geht um die ethische Begründung der Tierexperimente, um die internationalen Kontakte zu tropenmedizinischen Instituten und Forschern und um den klinisch-therapeutischen wie wissenschaftlichen Versuch im tropenärztlichen Alltag von Lambarene. In einem neuen konzentrischen Kreis wird auf die Kontakte zwischen Lambarene und Hamburg zurückgegriffen, um die Versuche zu beschreiben, die der Heilung der Lepra dienten.
Das Konfliktpotential ist enorm, deshalb ist auch vieles bisher nicht publiziert worden. Es ist ein Drahtseilakt, den Schweitzer unternimmt, um Leben zu retten, sich dafür nicht nur Wissen zu besorgen, sondern auch sich für Handlungen zu entscheiden, die einen Konflikt mit seiner Ethik schaffen. Ob Schweitzers ethische Beurteilung von Tierversuchen in letzter Konsequenz „individualethisch“ und „subjekt-orientiert“ ist (Ferrari) oder ob es mehr um eine „Güterabwägung zwischen menschlichen und tierischen Interessen“ geht, wie die Autorin meint, kann hier nicht diskutiert werden. Immer allerdings gibt es eine „rote Linie“: „Keiner mache sich die Last seiner Verantwortung leicht“ (Anm. 947, S. 234).
Die Thematik „Forschung“ wird bis in die Gegenwart fortgeführt, da – unabhängig von der Spitalstiftung – ein großes internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Kremsner aus Tübingen im Spital arbeitet.
Das letzte Kapitel C, „Der Denker – Das Wirken Schweitzers in der und für die Welt (1913 – 2013)“, greift alle Probleme noch einmal vom Beginn der ärztlichen Tätigkeit auf: Das Arzt-Patient-Verhältnis, das Spannungsfeld zwischen europäischer Biomedizin und afrikanischer traditioneller Medizin und bewertet zum Schluss „Die ethisch-moralische Basis von Schweitzers tropenärztlichem Handeln“. Ihr Ziel ist es, in diesem Kapitel eine Antwort zu geben auf die Frage: „Was blieb und bleibt von der „ethischen Improvisation Lambarene“ bestehen?“
Die Einleitung beginnt erst einmal mit den zahlreichen Ehrungen Schweitzers, darunter schließlich auch die Vergabe mit der „Ehrendoktorwürde der Ostberliner Humboldt-Universität“. Über die Reaktion Schweitzers erfahren Leser nur, wenn sie den Anmerkungen folgen und in den Quellen nachlesen. Dafür erklärt die Autorin apodiktisch: „Die sich daran anschließende Korrespondenz mit Walter Ulbricht schadete Schweitzer in der Folgezeit mehr als dass sie nutzte.“
Finden wir schon auf S. 53 die tendenziöse Darstellung, dass die Staatsführung der DDR Schweitzer für eigene Zwecke einzuspannen versuchte, wird es auf S. 302 geradezu absurd. Die Autorin verschweigt, dass der Streit zwischen Heuss und Schweitzer im August 1961 zurzeit der Bundestagswahl entstand und Heuss beklagte, „dass kaum ein Augenblick ungeschickter gewählt werden konnte, mit führenden Leuten der DDR in irgendeine unmittelbare loyale (E.L.) Auseinandersetzung einzutreten. 1961 existierte die DDR 12 Jahre und immer noch galt die Hallsteindoktrin vom alleinigen Anspruch der BRD, Deutschland zu repräsentieren und jede Person, wie jeden Staat materiell, juristisch und moralisch zu bestrafen, soweit Kontakt mit der DDR aufgenommen wird. Schweitzer aber ging es um die Gefahr eines Atomwaffenkonflikts. 50 Jahre danach müsste man doch wissen, dass die Bonner Regierung in dem Wahn lebte, in dem 13 km langen Atombunker nahe Bonn einen Atomkrieg zu überstehen, während das Volk wie in Hiroshima verbrennt. Natürlich war und ist es das Recht aller Staaten und Bürger, Schweitzer zu ehren. Er gehört eben nicht nur einem Land. Aber zurück zum Nutzen und Schaden.
Es gab viele Kräfte in der SED-Diktatur, die versuchten, den Einfluss Schweitzers zu begrenzen. Sie hatten keine Chance. Die Vernunft setzte sich bis in die Kreise des ZK der SED durch. Hier seien nur exemplarisch erwähnt die Gründung des Albert-Schweitzer-Komitees beim Präsidium des DRK der DDR, das damit verbundene Erscheinen der Rundbriefe des ASK, das erste Albert-Schweitzer-Denkmal der Welt 1968, das Internationale Albert-Schweitzer-Symposium in Burgscheidungen 1980, die bis 1989 244 Kollektive, die den Namen Albert-Schweitzer verliehen bekommen haben, die über 2 Millionen Mark der DDR Sachspenden, die Lambarene aus der DDR erhielt. Man lese die Chronik „50 Jahre nationales und internationales Engagement für das praktische Werk Albert Schweitzers“ und wird schnell davon überzeugt, wie hoch der Nutzen der Initiative von 1961 war.
Zurück zur Frage, was von Schweitzers Anliegen bleibt. Das ist einmal sehr positiv zu beantworten, weil die Achtung vor Schweitzers Wirken auch auf seine Nachfolger übertragen wurde und in weiten Kreisen Gabuns und der Welt bis heute anhält. Zum andern darf nicht übersehen werden, dass auch in Gabun die Marktwirtschaft mächtig ist und ihren Einfluss ausübt. Über die Ehrungen zum 100-jährigen Bestehen des Spitals und die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben hat Roland Wolf ausführlich berichtet, wie über die finanziellen Sorgen und Personalprobleme.
Mit ihrem Buch hat die Autorin der Leserschaft zusammen mit Albert Schweitzer eine große Schar von ärztlichen und pflegerischen Helfern aus aller Welt bekannt gemacht; dafür ist ihr zu danken. Als Schlusssatz steht ein Vermächtnis und eine Aufforderung von Walter Munz: „Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben.“
Den Kapiteln schließt sich ein umfangreicher wissenschaftlicher Anhang an.
Das Buch ist es wert, in allen medizinethischen sowie pflegerischen Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen diskutiert zu werden.
Ernst Luther, Halle

Hartlieb, Michael: Die Menschenwürde und ihre Verletzung durch extreme Armut. Eine sozialethisch-systematische Relektüre des Würdebegriffs. Paderborn u.a.: Schöningh, 2013, 436 S., ISBN 978-3-506-77798-0, Kart., EUR 56.00

Michael Hartlieb geht in seiner Dissertation dem dringlichen Problem auf den Grund, wie die weltweite Armut in den Griff zu bekommen ist. Im ersten von sechs Kapiteln verweist er zunächst auf den Umstand, dass es sich bei der Armut um ein „mehrdimensionales Problem“ handelt, „das sich einer schnellen Lösung anhand überstürzt und unüberlegt postulierter politischer und ökonomischer Konzepte verweigert“ (S. 16). In der zeitgenössischen Armutsforschung herrscht Uneinigkeit, was die Ursachen für extreme Armut sind. Selbst die Vorstellungen bezüglich dessen, was extreme Armut ausmacht, sind uneinheitlich und bisweilen abstrakt. Hartliebs Anliegen besteht deshalb nicht nur darin, der Frage nachzugehen, „ob überhaupt und unter welchen Bedingungen eine Kennzeichnung von extremer Armut als Verletzung der Menschenwürde ethisch zu rechtfertigen wäre“ (S. 18). Es geht ihm auch darum, die vielen Formen der Armut aufzuzeigen, „den Begriff der Armut selbst zu problematisieren“ (S. 35) und nicht zuletzt den Begriff der Menschenwürde einer kritischen Sichtung zu unterziehen.
Im zweiten Kapitel skizziert Hartlieb die bisherigen Phasen und die Schwierigkeiten der Entwicklungshilfe und kommt auf die Einsicht zu sprechen, dass heute „der Versuch der Eindämmung und Beseitigung von Armutsstrukturen aus Sicht der empirisch arbeitenden Wissenschaften viel gezieltere und von den angestrebten Wirkmechanismen her fein ausbalancierte Maßnahmen enthalten muss als eine zentral gesteuerte ökonomische Unterstützung nach dem ‚Gießkannenprinzip‘ leisten kann“ (S. 28). Armut, Wohlergehen und Lebensqualität lassen sich zudem nur schwer objektiv beurteilen, es bedarf auch der Berücksichtigung der „Perspektive der Betroffenen“ (S. 36), um ein ausgewogenes Gesamtbild der Ursachen und Folgen von Armut zu gewinnen. Ein Minimalkonsens bezüglich der Armut sieht so aus, sie als „existenzielle Mangelerfahrung [...], die generell jeden treffen kann“ (S. 69), zu bestimmen. Armut besteht nicht nur in geringem Einkommen, sondern auch in mangelnden Bildungsmöglichkeiten, in fehlender medizinischer Hilfe, in Ermangelung sauberen Trinkwassers etc. Angesichts dessen definiert Hartlieb „extreme Armut als Summe von Einkommensarmut und fehlenden Bedingungen für das individuelle Wohlergehen“ (S. 94).
Um Armut und Wohlergehen sowie um die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit von einem guten bzw. glücklichen Leben gesprochen werden kann, geht es Hartlieb im dritten Kapitel. Traditionellerweise wird in Zusammenhang mit dem guten Leben auf die Vernünftigkeit und Autonomie des Menschen rekurriert. Aber wie ist das autonome Glücksstreben des Individuums mit der Gesellschaft in Einklang zu bringen und wie sind Ungerechtigkeiten zu vermeiden? John Rawls ist davon ausgegangen, dass das Kennzeichen einer gerechten Gesellschaft die gerechte Güterverteilung ist, die wiederum die Basis für eine weitestgehende Chancengleichheit darstellen soll (vgl. S. 131). Amartya Sen hat an Rawls’ Ansatz bemängelt, dass er die konkreten – das Verhalten der Menschen beeinflussenden – Lebensumstände zu wenig berücksichtigt. Und an Sen anschließend hat Martha Nussbaum das „Grundgütermodell“ von Rawls, „insbesondere dessen monodimensionale Ausrichtung auf Einkommen und Vermögen“ (S. 144) kritisiert und sich für die Berücksichtigung der „tatsächlichen sozialen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Menschen“ (S. 147) stark gemacht. Nussbaum hat nach der Natur und nach den Fähigkeiten des Menschen gefragt, sie hat ihre berühmte Liste an Fähigkeiten entwickelt und ist davon ausgegangen, dass eine Gesellschaft als gerecht bezeichnet werden kann, wenn jeder Mensch diese Fähigkeiten prinzipiell verwirklichen kann. Der Fähigkeitenansatz beinhaltet „Kriterien für ein achtbares und menschenwürdiges Leben“ (S. 152). Nach Sen und Nussbaum stellt Armut eine „Verletzung der Entwicklungsfähigkeit“ (S. 178) und der Menschenwürde dar.
Wie aber kann die Menschenwürde universal begründet werden, was ist konkret darunter zu verstehen, was hat man früher darunter verstanden und wie ist der Begriff entstanden? Im vierten Kapitel zeichnet Hartlieb die wechselvolle Geschichte des Würdebegriffs von der Antike über das Christentum bis hinauf in die Neuzeit nach und zeigt, dass es niemals eine einheitliche Vorstellung der Menschenwürde gegeben hat (vgl. S. 19f.). Vor allem Kant kommt das Verdienst zu, geklärt zu haben, wie „jeder Mensch durch sein Vermögen zur Vernunft in der Lage ist, als autonom handelndes Wesen unter anderen autonom handelnden Wesen gleichrangig zu leben“ (S. 322). Mit und nach Kant hat sich der handelnde Mensch „immer zu fragen, ob er mit seinen Wertbestimmungen der Ziele, die er anstrebt, gleichsam die Achtung der Freiheitssphäre seiner Mitmenschen gewährt sehen kann“ (S. 324). Erst nach Kant kann von „Menschenwürde in einem modernen Sinne“ (S. 326) gesprochen werden, von einer Würde, die allen Menschen unabhängig von kulturellen Unterschieden und von weltanschaulichen Grundüberzeugungen zukommen soll.
Thema des fünften Kapitels ist „die ‚Verletzung der Menschenwürde‘ als Topos im modernen Menschenrechtsdiskurs“ und die Menschenrechtscharta von 1948. Hartlieb untersucht nun in kritischer Weise die zwischen den damals proklamierten Rechten und der Würde des Menschen bestehenden Zusammenhänge. Er verweist darauf, dass die heute häufig konstatierte „Verletzung der Menschenwürde“ nach Kurt Bayertz oft nur noch als „Stoppschild“ (vgl. S. 356) diene, sich dabei aber immer stärker die Frage stelle, „was denn unter Menschenwürde überhaupt zu verstehen sei“ (S. 357). Und wenn extreme Armut als Verletzung der Menschenwürde angeprangert werde, dann werde die Armut meist nur in einem materiellen Sinn verstanden, „von gerade in globaler Reichweite äußerst komplexen Sachverhalten und Interdependenzverhältnissen“ (S. 358) werde jedoch abstrahiert. Hartlieb besteht darauf, dieses eindimensional-materielle Armutsverständnis zu hinterfragen, d.h. den Blickwinkel zu erweitern und die Frage nach den Ursachen der Armut wieder einzublenden. Letztlich ist es ihm auch darum zu tun, dass „nicht prinzipiell jeder durch geschickte Lobbyarbeit oder eine Instrumentalisierung der Medien erfolgreich Menschenwürde für alle sozialen Probleme reklamieren kann“ (S. 360), dass also der Begriff der Menschenwürde durch inflationäre Verwendung nicht überstrapaziert und so entwertet wird, dass die Rede von der Verletzung der Menschenwürde nicht zu einer inhaltsleeren und unverbindlichen Floskel verkommt.
Im letzten Kapitel geht Hartlieb unter anderem der Frage nach, welche Art von Hilfe gefragt ist, um extreme Armut zu bekämpfen. Seine umfang- und facettenreiche Studie konnte hier nur überblickshaft dargestellt werden. Sie ist auf jeden Fall detailliert und vielschichtig, argumentativ aufwändig und intellektuell anspruchsvoll. Für die Lektüre sind Ausdauer und ein hohes Maß an Konzentration erforderlich.
Johannes Krämmer, Salzburg

Coors, Michael / Grützmann, Tatjana /Peters, Tim (Hrsg.): Interkulturalität und Ethik. Der Umgang mit Fremdheit in Medizin und Pflege. Göttingen: Edition Ruprecht, 2014 (Edition Ethik; 13), 166 S., ISBN 978-3-8469-0162-5, Geb., EUR 36.90

Die Beiträge des Bandes 13 der Edition Ethik gehen zurück auf die Tagung „Das Fremde verstehen. Interkulturalität und Ethische Konflikte in Medizin und Pflege“, die 2012 vom Zentrum für Gesundheitsethik der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover durchgeführt wurde. Bereits damals betrug in Deutschland die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund 15 Millionen, das sind fast 19% der Gesamtbevölkerung. Inzwischen hat sich die damit gegebene Aktualität des Themas durch die zunehmende Zahl von Flüchtlingen in allen europäischen Ländern weiter erhöht. Unterschiedliche Wertauffassungen von Menschen in einem Land bzw. einer Einrichtung sind historisch gesehen kein neues Phänomen – allerdings hat die kulturelle Differenz in unserer Zeit besonders zugenommen. Damit ist in der Moderne die fundamentale Frage der Ethik aufgeworfen, „wie sich der universale Anspruch ethischer Normen zu ihrer faktisch immer nur regionalen Geltung verhält“ (S. 9). Oder: „Wie viel Verständigung über die Grenzen kultureller Differenzen hinweg ist notwendig, wie viel möglich oder gar wünschenswert, um in einem konkreten ethischen Konfliktfall zu einer verantwortbaren Lösung zu kommen?“ (S. 13). Dabei kann Aufhebung der kulturellen Differenz nicht das Ziel sein – sondern immer nur die Eröffnung von „Wegen zur Fremdheit des Anderen“. Der vorliegende Band gliedert sich dazu in 2 Teile – zunächst in ethische und ethnologische Reflexionen und Theorien, dann in Interkulturalität in der Praxis.
Die theoretische Reflexion eröffnet Walter Bruchhausen, indem er zunächst interkulturelle Konflikte in ethischer Hinsicht systematisch unterscheidet in 1. Konflikte aus mangelndem Verstehen der fremden Sichtweise; 2. Konflikte durch unterschiedliche Einschätzung der Situation trotz gemeinsamer Wertegrundlage; 3. Konflikte aus Fehlverhalten, weil die allgemein oder für Landsleute akzeptierten Verpflichtungen gegenüber manchem Fremden nicht gesehen und erfüllt werden und 4. Konflikte aus unvereinbaren moralischen Positionen (vgl. S. 26). Nur Letztere seien echte ethische Konflikte.
In den meisten weiteren Beiträgen wird darauf verwiesen, dass diese Arten von Konflikten in der Praxis häufig vermischt werden – meist wird nur über zwei grundlegende Probleme gesprochen: (fehlende) sprachliche Kompetenz und Kulturalisierung von Schwierigkeiten (der Mensch wird nicht als konkretes Individuum gesehen, sondern als Vertreter einer bestimmten religiösen oder ethnischen Gruppierung). Weiters stimmen alle Beiträge dahingehend überein, dass die Ausbildung in den entsprechenden Berufen in Bezug auf interkulturelle Kompetenz (ebenso wie die transkulturelle – d.h. das Verständnis zwischen einzelnen Berufsgruppen) erweitert werden muss und berichten über bereits vorhandene Wege und Modelle. Tatjana Grützmann geht in ihrem Beitrag explizit auf drei verschiedene Modelle der kultursensiblen Ethikberatung ein. Der Schweizer Autor Peter Saladin erläutert darüber hinaus explizit die Aufgaben der Unternehmensleitung von Krankenhäusern (bzw. anderen Einrichtungen) als notwendige Voraussetzung für die Verankerung der interkulturellen Kompetenz auf allen Ebenen und für alle beteiligten Berufsgruppen. Damit geht er weit über den oftmals nur geforderten Einsatz von Dolmetschern bzw. die Einrichtung von Ethik-Komitees hinaus und verankert damit die Problemlösung auf der notwendigen Ebene.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Frewer, Andreas / Bruns, Florian (Hrsg.): Klinische Ethik – Konzepte und Fallstudien. Freiburg / München: Karl Alber, 2013 (Angewandte Ethik; 15), 279 S., 978-3-495-48517-0, Geb., EUR 39.00

Hochtechnologie-Medizin hat unser Leben verlängert und unser Bewusstsein von gesund und krank geschärft. Wir werden älter, gefährliche Krankheiten wie Pest, Cholera, Kinderlähmung etc. sind verschwunden, die Säuglingssterblichkeit, eine Geißel, welche die Menschheit Jahrhunderte gequält hat, ist auf ein Minimum gesunken. Aber wie schon Goethes Zauberlehrling beklagt: walle, walle manche Strecke…, gibt es auch eine Kehrseite dieser durchaus positiv zu wertenden Medaille. So lautet denn auch die letzte Strophe des Zauberlehrlings: „In die Ecke, Besen! Besen! Seid’s gewesen. Denn als Geister ruft euch nur, zu seinem Zwecke erst hervor der alte Meister.“ Ja, wer ist nun der alte Meister, fragt man sich? Die Antwort erscheint einfach: die Ethik und in unserem Fall ist es die Bereichsethik der klinischen oder medizinischen Ethik.
Der hier vorliegende Sammelband unterteilt sich in vier Bereiche:
– Grundlagen von klinischer Ethik und
Ethikberatung
– Klinische Ethik am Lebensbeginn
– Klinische Ethik in Lebenskrisen
– Klinische Ethik am Lebensende.
Jeder Bereich umfasst drei Beiträge, das ergibt 12 Aufsätze. Acht Aufsätze sind von Medizinern geschrieben, vier von Vertretern anderer Berufsgruppen. Obwohl die Aufsätze additiv nebeneinanderstehen und keine inhaltlichen Bezüge aufweisen, kann, auf den Sammelband als Ganzes bezogen, von einer interdisziplinären Sichtweise gesprochen werden.
Der erste Beitrag (Andreas Frewer) liefert eine Übersicht zu Geschichte und Grundlagen der Klinischen Ethik. Hier wird festgestellt, dass eben durch die immer weiter voranschreitenden Möglichkeiten der Medizin auch immer kompliziertere Entscheidungen (21) gefällt werden müssen. Florian Bruns widmet seine Überlegungen der Ethikberatung im medizinischen Kontext. Ihm geht es um die Kontrolle dieser Beratungen einerseits sowie um eine Vernetzung der getroffenen Entscheidungen andererseits. „An wen kann sich nun der ‚mündige‘ Patient mit seiner Beschwerde beziehungsweise seinem Anliegen wenden?“ (63), fragen Leyla Fröhlich-Güzelsoy und Inken Emrich in ihrem Beitrag, der die Patientenperspektive thematisiert. „Ein auffälliger Befund der Pränataldiagnostik kann bei der Schwangeren bzw. dem betroffenen Paar zu einer starken emotionalen Verunsicherung führen und zur Hilflosigkeit angesichts einer komplexen Gemengelage unterschiedlicher Informationen und Entscheidungszwänge (93, zitiert nach Rohde / Woopen: Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik, Köln 2007). Diese Entscheidungsprozesse zu entwirren bzw. zu vereinfachen, hat sich Christa Wewetzer in ihrem Exposé zur Aufgabe gemacht. Als zwar ethisch geschulter, aber doch Nicht-Mediziner hat mich der Beitrag des Nicht-Mediziners László Kovács besonders berührt. Ihm geht es um normative Aspekte von Argumenten zur Vergeblichkeit (= futility, auch: Nutzlosigkeit) bei der Therapie von Frühgeborenen. Hierbei ist wichtig anzumerken, „dass Vergeblichkeit sich immer nur auf eine einzige kurative Maßnahme und nicht auf den gesamten Umgang mit dem Patienten bezieht. Wenn eine therapeutische Maßnahme als vergeblich eingestuft wird, soll daraus nicht geschlossen werden, dass der Patient nicht versorgt wird. Eine palliative Pflege als ultima ratio bleibt immer eine Alternative“ (119). Kovács geht mit den Medizinern hart ins Gericht, wenn er feststellt (130), dass „Ärzte den Tod häufig (bei extrem kleinen Neugeborenen, R. B.) für eine bessere Alternative als bestimmte Behinderungen [halten], wogegen Eltern und junge Menschen nach einer extremen Frühgeburt die zweite Alternative befürworten“ (zit. nach Saigal et al. (1999) und Lam et al. (2009)). Kovács weiter: „Annahmen hinter den ärztlichen Entscheidungen sind als nachweisbar sehr subjektiv, fachspezifisch geprägt und unpräzise“ (130). In einem weiteren Beitrag untersuchen Tanja Ramsauer und Andreas Frewer die Qualität der erstellten Fall-Dokumentationen insbesondere im Bereich der Pädiatrie. Sie kommen zum Schluss: „Im Hinblick auf die Vollständigkeit der Dokumentation erscheinen detailliertere Angaben zum medizinischen Sachverhalt, vor allem aber auch ein größeres Augenmerk auf den Autonomiegedanken und damit genauere Beschreibung der Patienten- bzw. Elternmeinung wichtig und wünschenswert“ (152). Hört man da leise Untertöne eines gewissen Paternalismus von Seiten der Mediziner, der immer noch besteht? Stephan Kolb zeigt Probleme und Möglichkeiten der Beratungsarbeit bei Patienten mit Nierenproblemen (Nephrologie) auf. Interessant sind hier die eingestreuten Fallbeispiele die 1:1 wiedergegeben werden. In diesem Beitrag wird besonders deutlich, in welchem Dilemma Ärzte heute stehen, wenn in über 80% der Fälle (182) eine Patientenverfügung oder Vollmacht nicht erwähnt bzw. nicht vorhanden ist. Mit der Problematik der tiefen Hirnstimulation, die bei einer kleinen Patientengruppe neurologische und psychiatrische Erkrankungen behandeln, „welche durch besondere Schwere gekennzeichnet sind und nicht auf die meist medikamentösen Therapien reagieren“ (193), befasst sich der Beitrag von Kirsten Brukamp. Da es hierbei auch um eine Veränderung der Personalität, der Identität des Patienten geht, ist eine umfassende Abklärung unbedingt notwendig. Dabei stellt sich die Frage, „welche Kriterien zur Definition eines Ideal-, Normal-, Norm- oder Ausgangszustands herangezogen werden sollen, in dem die wichtigen Eigenschaften der Einwilligungs- und Entscheidungsfähigkeit verwirklicht sein müssen“ (202). Anhand des Beispiels der Britin Diane Pretty umreißt Martin Mattulat die klinischen, empirischen und moralischen Aspekte bei Amyotropher Lateralsklerose (degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems). Einleuchtend hierbei sind seine gewählten Kapitelüberschriften, welche die jeweilige Dilemmasituation treffend widerspiegeln: Defizite versus Werte – Leiden versus Lebensmöglichkeiten – Ohnmacht versus Kontrolle – Extrospektion versus Introspektion. Mit Patientenverfügungen und weiteren Formen des Patientenwillens setzt sich Arnd T. May auseinander. Es geht ihm dabei um ein Patientenselbstbestimmungsrecht, Vertretungsregelungen sowie um Behandlungswünsche. Der Aufsatz von Thela Wernstedt geht der Frage nach, „welche Funktionen ein Morphinperfusor (kontinuierliche Infusion eines Medikaments, R.B.) im Sterbeprozess für die Beteiligten hat und ob durch die Veröffentlichung von Leitlinien und Empfehlungen der Umgang mit schwerwiegenden Symptomen, die nur noch durch eine Sedierung zu lindern sind, leichter wird“ (243). Der letzte Beitrag in diesem Sammelband widmet sich der Seminargestaltung, d.h. der Ausbildung von beruflich Pflegenden im Kontext von Palliative Care. Hier wird der Ansatz von Beauchamp & Childress, der auf einer mittleren Reichweite anzusiedeln ist, vorgestellt.
Fazit: Der Sammelband von Frewer & Bruns reiht eine Fülle von Informationen kompakt aneinander. Einige Redundanzen ließen sich dabei nicht vermeiden. Das Buch sollte jedoch von jedem Medizinstudenten als Pflichtlektüre gelesen werden müssen. Die Veröffentlichung zeigt m.E. aber auch deutlich auf, dass es von großer Wichtigkeit ist, dass sich Ärzte untereinander austauschen und sich immer wieder über die Grenzen ihres Handelns und Tuns kritisch auseinandersetzen. Was ist dem Band kritisch anzumerken? Eine philosophische Auseinandersetzung findet kaum bzw. nur ansatzweise statt. Was ist darunter zu verstehen? Das Buch trägt den Begriff der Ethik im Titel. Unter Ethik ist die Wissenschaft moralisch-normativen Handelns zu verstehen. Ethische Fragestellungen, die z.B. auf der Deontologie, dem Utilitarismus (welcher Couleur auch immer), der Tugendethik oder auch der Care-Ethik fußen, können nicht aus dem Expertenwissen, wie es in diesem Sammelband nahezu ausschließlich getan wird, hervorgehen. Die Basis ethischer Werturteile, die sich einer ‚großen‘ ethischen Theorie verpflichtet fühlen, fehlt in diesem Buch. Es lebt (in eindrücklicher Art und Weise!) vom reinen Expertenwissen. Kann bzw. darf es dann den Begriff ‚Ethik‘ im Titel führen? Ich denke, dass dies nicht statthaft ist, wenn keine philosophischen Grundlagen referiert bzw. diese mit dem Fachwissen in keinen Zusammenhang gebracht werden.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Görder, Björn: Milton Friedmans Freiheitsverständnis. Tübingen: Mohr Siebeck, 2015 (Perspektiven der Ethik; 6), 508 S., ISBN 978-3-16-153665-6, Kart., EUR 74.00

Der Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman (1912–2006) war einer der einflussreichsten Neo-Liberalen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in seinem Buch Kapitalismus und Freiheit (1962) betont er die zentrale Bedeutung von Freiheit, u.a. erreicht durch eine minimale Rolle des Staates. Was aber meint er mit Freiheit? In seiner sehr gründlichen und umfassend argumentierenden Dissertation, die nun in leicht überarbeiteter Form als Buch vorliegt, rekonstruiert der Autor zunächst Friedmans Verständnis von Freiheit. Im ersten Teil des Buches (S. 10 – 49) hilft ein historischer und ideengeschichtlicher Abriss, den Hintergrund von Friedmans Theorien zu verstehen. Im zweiten Teil (S. 50 –233) wird systematisch rekonstruiert: „Erkenntnistheoretische Voraussetzungen und formale Argumentationsstruktur“ (Kap. 1), „Anthropologische Grundlagen: Nutzenmaximierung und Individualismus“ (Kap. 2), „Konsequenzen des normativen Individualismus: Der Freiheitsglaube“ (Kap. 3), „Ökonomische, bürgerliche und politische Freiheit“ (Kap. 4), „Freiheit und Verantwortung“ (Kap. 5), „Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“ (Kap. 6), Freiheit und Markt“, (Kap. 7), „Freiheit und Staat“ (Kap. 8) und schließlich „Freiheit und Moralität“ (Kap. 9). Die Mühe des Autors verdient hohes Lob: Wer diese Zusammenfassung liest, erhält einen sehr guten Einblick in Friedmans Texte und Denkweise.
Im dritten Teil (S. 234 – 439), der kritischen Diskussion von Friedmans Position, deckt der Autor systematisch Lücken auf und versucht sogar, sie teilweise im Sinne Friedmans oder seiner eigenen Position zu schließen. Dazu skizziere ich zwei Beispiele. Das erste Beispiel betrifft Friedmans Verteidigung von Eigentumsrechten. Zur gewünschten Freiheit gehört nach Friedman auch das „Verfügen-Können über Ressourcen. Er beschränkt dies jedoch auf die Verteidigung von Eigentumsrechten“ (S. 314). Dabei nimmt er die derzeitige Verteilung als normative Grundlage, analog zur Verteilung von Talenten. Dieses Argument zerpflückt der Autor gründlich und geht gleich zum nächsten Punkt über: Friedman problematisiert nicht, „wie Eigentum erworben wird. Er hinterfragt deswegen auch nicht die Legitimität von Privateigentum, das durch die Anwendung von Zwang oder Irreführung zustande gekommen ist … Noch weniger scheint er danach zu fragen, ob ggf. erwachsene Verpflichtungen mit einem Vermögen vererbt werden“ (S. 316).
Das zweite Beispiel betrifft die anthropologischen Grundlagen Friedmans, die offensichtlich nicht mit den theologischen Glaubensannahmen des Autors kompatibel sind. Im Abschnitt „Würdigung umfassender Freiheit aus Perspektive der Freiheit in Christus“ (S. 326ff.) wird – hier sehr verkürzt zusammengefasst – deutlich, dass die Annahme, jeder Mensch soll in der Wahl seiner Präferenzen, die sein Verhalten als Marktteilnehmer bestimmen, möglichst völlig frei sein, nicht zu einem Leben im Sinne der 10 Gebote führt.
Auch wenn (und weil!) der Autor Friedman sehr behutsam und wertschätzend darstellt und kritisiert, wird doch sehr klar, wo aus ethischer Sicht Zweifel an seiner Theorie angebracht sind. Nicht überschätzt werden darf jedoch der strategische Wert solch berechtigter Argumente etwa zu Friedmans anthropologischen Grundannahmen. Selbst wenn solche Zweifel allseits anerkannt werden, hilft das jenen Menschen, die derzeit an den Folgen neoliberaler Globalisierung leiden, nicht viel.
Jürgen Maaß, Linz

Jacquet, Jennifer: Scham: die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls. Frankfurt / M.: S. Fischer, 2015, ISBN 978-3-10-035902-5, Kart., 223 Seiten, EUR 18.99

Dieses Buch geht u.a. der Frage nach, wie sich die öffentliche Bloßstel­lung und Beschämung als Instrument in den verschiedenen Politikbereichen einsetzen lässt. Untersucht werden Scham, Schuld und Beschämung als ge­sellschaftliche Instrumente der Bestrafung. In den Analysen ist festzu­stellen, dass Scham und Beschämung eng mit Konventionen und Normen zusammenhängen, die sich innerhalb einer Gesellschaft und von Gesellschaft zu Gesellschaft ständig verändern. Der ebenso wichti­ge pädagogisch-anthropologische
und entwicklungspsychologische Bereich von Scham und Beschämung wird in diesem Buch ausgeklammert. Es geht hier um den öffent­lichen Akt der Beschämung und weniger um das private Gefühl der Scham.
Oft wird das Schamgefühl bereits durch die Furcht vor der Bloßstellung ausgelöst. Der Akt der Beschämung, der das Gefühl der Scham verursacht, ist eine Form der Bestrafung, und dient wie jede Strafe der Durchsetzung von gesellschaftlichen Normen. J. Jacquet hat einen „Strafwegweiser“ mit verschiedenen Etappen aufgestellt und verdeutlicht damit die Beziehungen zwischen Schuld, Bestrafung und Beschämung.
In den USA zwingen manche Richter die Verurteilten dazu, ein T-Shirt zu tragen, auf dem ihr Vergehen beschrieben ist. Diese Strafe wird allerdings von vielen US-Bürgern für unangemessen gehalten. Rechtswissenschaftler lehnen sie ab, weil sie nicht nur beschämend und demütigend, sondern auch stigmatisierend wirkt. In China ist es bis heute gang und gäbe, Verurteil­ten Schilder umzuhängen, auf denen ihre Vergehen beschrieben werden. Die Scham erhält ihre Macht durch die typische menschliche Fokussierung auf das Negative! Ch. Darwin geht in seiner Untersuchung „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren (1872)“ davon aus, dass es sich bei der Scham beim Menschen um ein angeborenes Gefühl handeln müsse.
Bei der Durchsetzung von Normen spielt die Scham eine wichtige Rolle. An dieser Stelle erwähnt die Autorin den „Fall Monica Lewinsky“ im Weißen Haus. Sie stellt an der betreffenden Stelle fest: „Die Tatsache, dass Scham so eng mit Normen zusammenhängt, lässt den Schluss zu, dass es weniger die Beschämung sein könnte, die uns Unbehagen bereitet, als viel­mehr die Norm selbst, mit der wir möglicherweise nicht konform gehen“ (S. 96). Auch die Finanzkrise von 2008 wird an mehreren Stellen thematisiert. So stellte ein Journalist fest: „Dass für den systematischen Betrug, der der Finanzkrise des Jahres 2008 voranging, nicht ein einziger Banker der Wall Street vor Gericht gestellt wurde, ist einer der größten und schändlichsten Fehler der Obama-Regierung“ (S. 108).
Viele Anregungen für interessante Diskussionen liefern die „Sieben Wege zur effektiven Beschämung“. Es werden Wege aufgezeigt, wie sich die Beschämung effektiv bei der Etablierung und Durchsetzung von Normen einsetzen lässt und wann die Öffentlichkeit dieses Mittel am ehesten akzeptiert. Bei den „Sieben Wegen“ handelt es sich um allgemeine Orientierungshilfen. Ein Regelverstoß sollte deshalb
1. die angesprochene Öffentlichkeit betreffen;
2. deutlich vom erwünschten Verhalten abweichen;
3. absehbar nicht juristisch belangt werden;
Der Täter sollte
4. der Gruppe angehören, die ihn bloßstellt;
5. die Beschämung sollte durch eine anerkannte Instanz erfolgen;
6. die Beschämung sollte sich auf etwas richten, das maximalen Nutzen verspricht;
7. die Beschämung sollte gewissenhaft umgesetzt werden.
Die „Sieben Wege“ werden ausführlich dargestellt, hervorragend kommentiert und durch Beispiele konkretisiert.
Beispiel: Vergleichen wir Rauchen und Übergewicht hinsichtlich der Auswirkungen auf die Öffentlichkeit. Fettleibigkeit ist in der amerikanischen Gesellschaft nicht mit dem gleichen Stigma behaftet wie Rauchen. Ein namhafter Bioethiker (am Hastings Center for Bioethics) forderte in der Presse dazu auf, übergewichtige Menschen genauso zu beschämen wie Raucher. Er konnte in der Öffentlichkeit nur Teilerfolge erzielen.
Die Beschämung wirkt umso besser, je größer die Kluft zwischen erwünschtem und tatsächlichem Verhalten ist. Um maximale Wirkungen zu erreichen, kann es gelegentlich sinnvoller sein, sich auf Institutionen, Unternehmen und Länder zu konzentrieren denn auf Einzelpersonen. Beschämung ist nichts ohne Öffentlichkeit und das Internet ist heute derjenige Ort, an dem sich die große Öffentlichkeit versammelt. Das Internet hat mit seinen Milliarden von Nutzern und den nahezu grenzenlosen Möglichkeiten der Informationsverbreitung „das Gesicht der Beschämung“ völlig verändert. Deshalb widmet Jacquet ein Kapitel ihres Buches dem „Online-Pranger“.
Festzustellen ist, dass im Internet nicht nur die Beschämung ein Problem ist, sondern auch die Schamlosigkeit!
Bei einer Neuauflage des Buches sollte eventuell folgende Erweiterung des Titels in Erwägung gezogen werden: „Scham und Beschämung als politische Kräfte eines unterschätzten Gefühls“.
Gottfried Kleinschmidt, Leonberg-Ramtel

Bossenmayer, Jörg: Wider die ärztliche Kunst? Recht und Unrecht in der Medizin. Stuttgart: Thieme Verlag, 2015 (Hintergründe), 142 S., ISBN 978-3-13-198931-4, Geb., EUR 19.99 [D], 20.60 [A]

Von „seltsamen“ und „unglaublichen“ Geschichten berichtet Jörg Bossenmayer in dem hier vorliegenden, doch eher schmal gehaltenen, 140 Seiten starken Bändchen. Diese Geschichten geben in anonymisierter Form zehn Fälle aus der Rechtsprechung und dem Alltag des Autors, einem in Stuttgart ansässigen Fachanwalt für Medizinrecht, wieder. Die Thematik ist weit gespannt, vom naheliegenden Behandlungsfehler samt Schmerzensgeldforderung ist ebenso die Rede wie von der Berufsausübungsgemeinschaft, der Entziehung der Zulassung oder von Betrug und Mord. Die meisten, auf den ersten Blick seltsam anmutenden, Fälle erweisen sich letzten Endes als nachvollziehbar. Als unglaublich oder doch eher überraschend erwies sich die Schilderung des vorletzten Falles, „Dübel ist nicht gleich Dübel“. Darin wird deutlich, welchen Risiken sich Ärzte, fern des Operationstisches ausgesetzt sehen – in diesem Fall dem Vorwurf des Aufklärungsfehlers. So wird dem hier anonymisierten Neurochirurgen erstinstanzlich vorgeworfen, auf die bestehenden Alternativen und die jeweiligen Vor- und Nachteile der verwendeten Interponate – in diesem Fall die Verwendung von Rinderknochen anstatt eines aus dem Beckenkamm entnommenen Eigenknochens zur „Dübelung“ des durch Bandscheibenentfernung aus der Halswirbelsäule entstandenen Leerraumes – nicht in ausreichendem Maße hingewiesen zu haben. Der BGH änderte nächstinstanzlich das Urteil. Was bleibt, ist die Frage danach, ob es für diesen Arzt ausreichend war, die „Dübel“ von der Krankenhausapotheke zu erwerben oder ob er die Zulassung als Arzneimittel in Deutschland selbst überprüfen hätte sollen. Man kann sich wundern und ich bin geneigt Bossenmayer hier zu folgen, wenn er schreibt: „Inzwischen scheint ein Aufklärungsfehler in Arzthaftungssachen eine Art juristisches Auffangnetz geworden zu sein, wenn der Nachweis eines Behandlungsfehlers nicht gelingt“ (129). Demgegenüber ist die Fallgeschichte „Doktor falsus“ ein klassisches Beispiel für Betrug und Täuschung. Die Geschichte ist schnell erzählt; ein Amtmann bewirbt sich mit gefälschten Dokumenten als Mediziner, erhält die Stelle, übt sie mehrere Monate aus und wird schließlich aufgrund eines Zufalles enttarnt. Es folgen Anklage und Verurteilung. So unspektakulär die Darstellung auf den ersten Blick erscheinen mag, so spannend wird sie, wenn man die Nähe zum bekannten Fall des Hochstaplers Gert Postel feststellt, der u.a. unter dem Pseudonym DDr. Clemens Bartholdy in Flensburg und Leipzig als Amts- und Oberarzt tätig war.
Es bleibt festzuhalten, dass Jörg Bossenmayers Fallsammlung für den „prozessfreien“ Laien Neues und Interessantes bereithält. Umfassend werden die einzelnen Fallgeschichten gut lesbar dargestellt und erläutert. Zudem beschließt eine Factbox jede Geschichte. Freilich, so bleibt anzumerken, hätte diese juristische Aufarbeitung umfangreicher gestaltet werden können.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Beck, Teresa Koloma / Schlichte, Klaus: Theorien der Gewalt zur Einführung. Hamburg: Junius, 2014, 187 S., ISBN 978-3-88506-080-2, Brosch., EUR 13.90, 14.30 [A]

Gewaltforschung ist heute eine Angelegenheit verschiedenster Disziplinen. Das Forschungsfeld ist weitverzweigt und die Zugänge sind selbst in den einzelnen Disziplinen vielfältig. In der Einleitung weisen die Autoren dieses Einführungsbandes darauf hin, dass sie sich der Gewalt aus sozialwissenschaftlicher Sicht nähern und sich dabei auf einen Ausschnitt beschränken wollen: Auf „Sozialtheorien, die Gewalt als Problem in Prozessen sozialer Ordnungsbildung thematisieren“ (S. 11) bzw. auf „Gewalt in Prozessen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung“ (S. 12). In diesem Zusammenhang geht es ihnen einerseits um die seit Jean Bodin und Thomas Hobbes gängigen Theorien, staatlich ausgeübte und kontrolliert eingesetzte Gewalt zu rechtfertigen, andererseits um Versuche, die „empirischen Dynamiken der Gewalt“ zu „rekonstruieren und zu erklären“ (S. 14). Der allgemein gehaltene Titel „Theorien der Gewalt“ führt also in die Irre, geht es doch um einen besonderen Zugang zur Gewalt.
Im zweiten Kapitel über Gewalt als sozialwissenschaftliches Phänomen zeigen Beck und Schlichte auf, dass Gewalt gegenwärtig als Ausnahme, als Störfaktor erachtet und pauschal verurteilt wird. Gewalt möge ganz verschwinden, so lautet der zeitgenössische und so lautete der moderne Tenor. Die nicht zum modernen und liberalen Selbstverständnis passende Gewalt wurde zunehmend geächtet, für überwindbar oder für ein Relikt vergangener Zeiten gehalten. Man wähnte sich frei von ihr. „Gewaltlosigkeit“ dient als „eines der entschiedensten Distinktionsmerkmale aufgeklärter Gesellschaften“ (S. 25). Erst Karl Marx hat gegen die Beurteilung der liberal-kapitalistischen Moderne als „gewaltfrei“ aufbegehrt. Später wurde auf die imperialistische und diskriminierende Gewalt sowie auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht. Und die beiden Weltkriege haben das Projekt einer gewaltfreien Moderne vollends unglaubwürdig werden lassen. Zygmunt Baumann hat die These vertreten, dass es sich beim Holocaust um ein zutiefst modernes Verbrechen handelt. Der Evolutionspsychologe Steven Pinker hingegen hat jüngst eine Studie vorgelegt, die empirisch belegen soll, dass die Gewalt weltweit immer mehr abnimmt.
Themen des dritten Kapitels sind Rechtfertigung und Kritik der Gewalt. Max Weber hat Gewalt bzw. das staatliche Gewaltmonopol auf nachhaltige Weise legitimiert, insofern er in Wirtschaft und Gesellschaft „alle politischen Gebilde“ als „Gewaltgebilde“ bezeichnet hat. Weber hat sich keine Illusionen gemacht und Politik als konfliktiven Machtkampf verstanden. Gewalt wird als Ordnungsmittel eingesetzt, sie wird staatlich verordnet. Bereits nach Bodins Theorie der Staatssouveränität bedarf es „einer zentralisierten Gewalt“ (S. 54), um soziale Konflikte zu befrieden. Berühmtestes Modell für einen in dieser Hinsicht starken Staat ist Hobbes’ Leviathan, der für den Schutz des Individuums und für Frieden zwischen einander feindlich gesinnten Bürgern, politischen Gruppen, vor allem aber zwischen antagonistischen religiösen Gemeinschaften sorgen soll. Bei Lockes Begründung der Staatsgewalt wiederum spielt der Gedanke des zentral organisierten Schutzes von Privateigentum eine wichtige Rolle. Auch bei Kant geht es um Eigentumsschutz. Dazu bedürfe es einer „Rechtsordnung“ (S. 60) und die Notwendigkeit einer solchen Ordnung müsse von allen vernünftigen Menschen eingesehen und akzeptiert werden, d.h. es bedarf der Unterordnung aller. Diese Versuche der Begründung und Rechtfertigung staatlich geregelter und angewandter Gewalt erfuhren von verschiedenster Seite und aus verschiedensten Gründen Kritik: Wie steht es um das Recht auf Widerstand? Wie steht es mit dem Vorwurf von Marx, dass die Verwandlung von „Gemeineigentum in Privatbesitz“ (S. 78) gewaltsam vor sich ging und illegitim sei? Und was ist mit dem Vorwurf der Anarchisten, wonach „jede politische Herrschaft [...] eine Usurpation, einen illegitimen Herrschaftsanspruch“ darstellt, „der durch repressive Gewalt abgesichert wird“ (S. 83)? Der Rest des dritten Kapitels ist der Rechtfertigung des Krieges und der erst im Laufe des 19. Jahrhunderts einsetzenden Kritik am Krieg als politischer Praxis gewidmet. Die bekanntesten und wirkmächtigsten Kritiker waren Tolstoi, Gandhi und Walter Benjamin.
Erklärende Gewalttheorien werden im vierten Kapitel vorgestellt und diskutiert. Auch hier erfährt der Leser, dass in der Forschung Gewalt meist als Anomalie gefasst und nach Jan Philipp Reemtsma als Rückfall in vorzivilisatorische Zustände, als Problem von Krisengebieten, als etwas Fremdes und durchgängig Destruktives verstanden wurde. In den von Beck und Schlichte ausgewählten erklärenden Gewalttheorien hingegen werden auch die „produktiven Effekte“ (108) der Gewalt berücksichtigt. Der Gewalt inhäriert hervorbringende Kraft, Gewalt verändert. Zunächst werden Theorien von Macht und Herrschaft behandelt. Sodann geht es um jüngere Ansätze, in denen unterschiedlichste Gewaltphänomene sozusagen aus der Mikroperspektive analysiert werden. In dieser Gewaltphänomenologie gilt das Interesse auch der Frage, wie überhaupt über Gewalt geschrieben werden kann: Trutz von Trotha orientiert sich hierbei an Geertz’ Konzept der dichten Beschreibung. Darüber hinaus will er „Gewalt als eine systematische Möglichkeit sozialen Handelns“ (S. 125) fassen. Wolfgang Sofsky hat versucht, auf empirisch gesättigte Weise zu erklären, wie Gewalt im Konzentrationslager organisiert und auch entfesselt wurde. Und Reemtsma hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, „wie in Gesellschaften, die den Mythos ihrer eigenen Gewaltabstinenz regelmäßig enttäuscht sehen, die Reproduktion sozialen Vertrauens überhaupt möglich ist“ (S. 129). Zudem hat er eine Gewalttypologie erarbeitet. Gegen Ende des Werkes von Beck und Schlichte werden Gewaltordnungen zum Thema gemacht: Abgesehen von spontan ausbrechender Gewalt bedarf Gewaltausübung der Organisation. Der bereits erwähnte Sofsky fasst das Konzentrationslager als „Organisationsform“ (S. 134) und analysiert die Ordnung des Lagers. Stathis Kalyvas wiederum hat die „Funktionsweise bewaffneter Gruppen und deren Verhältnis zur sozialen Umwelt“ (S. 136) untersucht. Und Randall Collins ist der Frage nachgegangen, wie Gewalt in Gang gesetzt wird und welche „emotionalen Barrieren“ dabei „überwunden werden müssen“ (S. 142). Abschließend geht es um Theorien, bei welchen das Verhältnis zwischen Gewalt und Subjekt im Mittelpunkt steht.
In ihrer Schlussbemerkung verweisen die beiden Autoren u.a. darauf, dass es heute nicht nur wissenschaftlich, sondern primär politisch heftig umstritten ist, was als legitime Gewalt zählen soll. Augenscheinlich wird dieses Problem, wenn es darum geht, militärische Interventionen und Gewalteinsatz zum Zwecke der Bekämpfung von Gewalt zu rechtfertigen. Beck und Schlichte bieten einen guten Einblick in aktuelle Diskussionen und folglich eine gute – bisweilen allerdings nicht leicht zu lesende, viel Konzentration erfordernde – Einführung.
Johannes Krämmer, Salzburg

Mathwig, Frank / Meireis, Torsten / Porz, Rouven / Zimmermann, Markus (Hg.): Macht der Fürsorge? Moral und Macht im Kontext von Medizin und Pflege. Zürich: Theologischer Verlag, 2015, 212 S., ISBN 978-3-290-17763-8, Brosch., EUR 33.90

Dieser Sammelband gibt 12 Beiträge zur ethischen Problematik der Fürsorge wieder, die an einer interdisziplinären Tagung in Bern gehalten wurden. In allen Beiträgen geht es zum einen um die Macht, z.B. von Ärzten, und den auf die Fürsorge angewiesenen Patienten, aus welchem Grund auch immer dieser auf die Fürsorge (caring) oder das Wohltun (beneficence) anderer angewiesen ist. Ein hierbei verwendeter Schlüsselbegriff ist der des Paternalismus (von Maternalismus wird hier nie gesprochen; warum eigentlich nicht?). Also der pater der römischen Familie wusste eben, was gut war für die anderen. Dabei wird oft vergessen, dass seine Rolle das Wohl aller, also der ganzen Familie, dem System als Ganzem galt. Heute wird Paternalismus eher individuell verstanden, im Sinne von: ich weiß, was für dich gut ist und deshalb zwinge ich dich dazu. Dabei wird dann dieses Gut oft weder näher erklärt (epistemisch) noch näher legitimiert (moralisch). Beim Zwang wird im Rahmen der Paternalismus-Diskussion zwischen weichem und hartem Paternalismus unterschieden. Was damit gemeint ist, scheint klar.
Gehen wir, in der hier gebotenen Kürze, auf die Beiträge näher ein. Meireis legt die Basis, indem er die Begriffe ‚Fürsorge‘ und ‚Macht‘ einer näheren Beschreibung und Analyse unterzieht. Zimmermann greift die Problematik des Helfens bzw. der christlichen Caritas auf und arbeitet deren Ambivalenz heraus. Fürsorge hat natürlich auch eine politische Bedeutung bzw. erfüllt eine gesellschaftliche Aufgabe. Diesen Zusammenhang erläutert im Folgenden Mathwig. Bobbert untersucht die Autonomie bzw. den informed consent des Patienten. In der Regel hat diejenige Person, die Fürsorge benötigt auch Angehörige. Hofstetter geht auf deren Rolle im System Krankenhaus bzw. Spitex ein. Nicht nur Ärzte ‚wandern‘ oft auf dem schmalen Grat zwischen Macht und Fürsorge, sondern auch das Pflegepersonal. Diesem widmet Schaffert-Witvliet ihre Aufmerksamkeit. Fürsorge und Wohltun, das ist einsichtig, muss organisiert, administrativ verwaltet werden. Coullery und Seebeck leuchten in ihrem Beitrag diesen Bereich aus. Institutionelle Langzeitpflege sieht sich besonderen Herausforderungen gegenüber gestellt, weil hier die Abhängigkeitsverhältnisse von Dauer sind. Diese spezielle Problematik erläutert Schmitt. Ehrwein Nihan möchte das Verständnis von Care-Ökonomie fördern. Autonomie und Macht geraten dann in ein Ungleichgewicht und es muss mit methodischen Mitteln versucht werden, dieses auszugleichen, wenn es sich um kognitiv beeinträchtigte Menschen handelt. Ritzenthaler kommt das Verdienst zu, sich dieser Gruppe (fürsorglich-)theoretisch angenommen zu haben. Monteverde zeigt diverse Bezüge von Fürsorgebeispielen aus der Kultur (z.B. Th. Mann, Picasso etc.) auf. Den letzten Beitrag widmen Wick und Porz den Machtstrukturen in der Psychiatrie und wie (eventuell) diese durch eine Care-Ethik aufzubrechen sind.
Fazit: Es kann nicht davon abgesehen werden, dass sich in diesem Sammelband einige Wiederholungen nicht haben vermeiden lassen. Einige Beiträge fokussieren stark die Gesetzgebung und die Verhältnisse, wie sie in der Schweiz anzutreffen sind. Dennoch handelt es sich hier um ein informatives Buch, das Macht und Fürsorge im Sechseck von Patienten, Ärzten, Pflegepersonal, Verwaltungsapparat, Angehörigen und Politikern gut verständlich thematisiert.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Vietta, Silvio: Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat. Baden-Baden: Nomos, 2016, 240 S., ISBN 978-3-8487-2998-2, Brosch., EUR 39.00

Die Geschichte des Abendlandes ist wesentlich bestimmt von ihren Anfängen im alten Griechenland. Das gilt nach Ansicht des Autors nicht nur für Philosophie und Kultur, sondern insbesondere für eine damals in Griechenland neu entwickelte Form von Rationalität: „Die auf ihr begründete neue Kultur geht vielmehr wissensbasiert vor, holt mithin das rationale Denken in die Praxis hinein und gestaltet diese nach Maßgabe der Rationalität. Das gilt für den Krieg, die Arbeit, die Ökonomie, die Kunst sowie für die entsprechenden soziologischen Rollenbilder des Menschen in diesen Kultursektoren – dies immer auch flankiert von irrationalen Begleiterscheinungen.“ (S. 17). Mit diesem Weltgeschichts-Erklärungsansatz will Vietta eine „geschichtsphilosophische Theorie“ (S. 17) begründen, welche die Weltgeschichte der letzten zweitausendfünfhundert Jahre und wenn möglich auch die künftige Entwicklung erklärt. Seine Darstellung der Geschichte ist „nicht primär an historischen Personen und Ereignissen orientiert, sondern legt den Schwerpunkt auf die Analyse der Funktionen der Rationalität und ihrer Wirkkraft in der Geschichte“ (S. 25).
In den vier Kapiteln seines Buches unternimmt Vietta den Versuch, seine Theorie plausibel zu begründen. „Die Revolution der Rationalität: Abendländische Wissenschaft, Weltbegriff, Technik“ (Kap. I, S. 29 – 60) spannt einen Bogen von ersten geometrischen Überlegungen zur Welt als Kugel und zur Mathematisierung der Welt von Pythagoras bis zur vollcomputerisierten Smart City. Aus abstrakter Mathematik wurde und wird vielfältige mathematische Technologie. Im zweiten Kapitel, „Militärische Rationalität: Weltgeschichte als Welteroberung“ (S. 61–112), werden militärische Erfolge auf militärische Rationalität zurückgeführt, etwa auf die Bildung von Formationen wie die Phalanx in der Schlacht und auf immer neue militärische Technologien wie etwa Kanonen auf den Schiffen, die zu Beginn der Neuzeit die Welterkundung und -eroberung starteten. Im dritten Kapitel über „Rationalität und Religion“ (S. 113 – 164) konzentriert sich Vietta auf Christentum und Islam. Er arbeitet als wesentlichen Unterschied den im Zuge der Aufklärung (z.B. von Schleiermacher) entwickelten „rationalen Begriff von Gott“ (S. 160) heraus. „Das abendländisch-rationale Denken auf einer aufklärerisch entwickelten Stufe erhebt daher gar nicht mehr den Anspruch auf absolute Wahrheit, sondern reflektiert in allem Wissen zugleich auch seine eigene Endlichkeit und Relativität mit. Wissen wird so in der abendländischen Rationalität zu einem Dauerprozess der fortschreitenden Erkenntnisgewinnung ohne Verabsolutierungen. Genau dieses Eigendenken und den Zweifel aber verbietet der Koran kategorisch“ (S. 161). Im vierten Kapitel, „Rationalität und Reichtum“ (S. 165 –220), versucht der Autor – vergeblich! – den irrationalen Teil der Rationalität zu erklären, die schier unersättliche Habgier, die Kolonisation und Imperialismus angetrieben haben. Auch heute finden sich viele Beispiele für diese zerstörerische Habgier als Triebfeder der Welteroberung, obwohl sich die Methode vom Militärischen auf eine eher ökonomische Variante hin gewandelt hat.
Diese recht unterschiedliche Ausgangspunkte zusammenführende neue Sicht auf die Geschichte des Abendlandes ist auch dann lesenswert, wenn sich da und dort Zweifel an Viettas Argumenten einschleichen. Die neue Perspektive fordert alle Leser dazu heraus, die eigenen, gewohnten Ansichten und ihre Geschichtsversion in Frage zu stellen.
Jürgen Maaß, Linz

ETHICA 2016/4

Voigt, Rüdiger (Hg.): Staatsdenken. Zum Stand der Staatstheorie heute. Baden-Baden: Nomos, 2016, 534 S., ISBN 978-3-8487-0958-8, Geb., EUR 98.00

Der Buchtitel weckt hohe Erwartungen, die – wie vorab gesagt sei – in bestimmter Hinsicht nicht vollständig eingelöst werden. In der Gegenwart zeichnet sich eine Krise der Staatlichkeit bzw. des Konzepts des National- und Verfassungsstaates ab, die auf einer Vielzahl unterschiedlicher Sachverhalte und Entwicklungen beruht. Zu diesen gehören die Mondialisierung, supranationale Verflechtungen, zunehmende Macht nichtstaatlicher Organisationen wie Banken oder Konzerne, zusammenbrechende Staaten (failing states) vor allem in der südlichen Hemisphäre oder die Erosion von Rechtsstaatlichkeit in der westlichen Welt einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, verbunden mit der zunehmend offenkundig werdenden Überforderung des Staates hinsichtlich seiner Funktion, verlässliche Normierungen für die Gewährleistung von Frieden, Freiheit und sozialem Ausgleich zu statuieren. Die Dringlichkeit des im Buchtitel genannten Anliegens, den heutigen Stand der Staatstheorie zu entfalten, liegt auf der Hand.
Der Herausgeber des Buches hatte im Jahr 2011 im Stuttgarter Franz Steiner Verlag zusammen mit Ulrich Weiß einen umfangreichen Band „Handbuch Staatsdenker“ ediert. Dort waren in alphabetischer Reihung zahlreiche Autoren der Staatslehre von der Antike bis zur Gegenwart vorgestellt worden. Daher hätte man erwartet, dass sein jetzt unter dem Titel „Staatsdenken“ herausgegebenes Werk anders ansetzt und es moderne bzw. heutige Theorieansätze thematisch entfaltet sowie problembezogen diskutiert. Stattdessen werden jedoch erneut einzelne ausgewählte Autoren porträtiert, so dass z.B. Aristoteles oder Georg Jellinek in beiden Werken dargestellt werden. Der jetzige Band verlässt das Schema der Personenartikel lediglich in seinem Schlussteil, nämlich in Kapitel 15, das verdienstvollerweise dem wichtigen Thema „Staatsdenken in anderen Kulturen“ gewidmet ist, sowie in den eher kurzen „Schlussbetrachtungen: Der Staat der Zukunft“ (S. 461– 494). Um nicht missverstanden zu werden: Die Personenartikel sind oft lesenswert und interessant. Exemplarisch sei der von Oliver W. Lembcke verfasste Beitrag über den 1933 verstorbenen Juristen Hermann Heller erwähnt (S. 129 –134), in dem Hellers Differenzierungen zur sozialen Homogenität im Staat oder zur Verhältnisbestimmung von Staat und Politik angesprochen werden. Der Artikel über Böckenförde aus der Feder von Tine Stein (S. 142–147) ist informationsreicher ausgefallen als der Parallelartikel im älteren „Handbuch Staatsdenker“ von 2011. Er weist zu Recht auch auf die Einwände hin, die gegen das sogenannte Böckenförde-Diktum geltend gemacht wurden, und verschweigt nicht die Rückbezüge Böckenfördes ausgerechnet auf Carl Schmitt, die in der Sache diskussionsbedürftig sind. Ferner geht er kurz auf Böckenfördes aus Artikel 1 Grundgesetz abgeleitete, stark katholisch-naturrechtlich geprägte Auffassung über den Status menschlicher Embryonen ein. Leider findet dann keine kritische Auseinandersetzung mit Böckenfördes diesbezüglichem Standpunkt statt.
Die Personenartikel sind in 14 Kapitel eingeteilt. Zunächst erfolgt in drei Kapiteln eine chronologische Aufreihung von Autoren des antiken, klassischen sowie modernen Staatsdenkens; danach gelangen in Kapitel 4 Autoren des Staatsrechts zur Sprache, unter ihnen Jellinek, Heller oder Böckenförde; sodann wird kapitelweise zwischen konservativem, revolutionärem, anarchistischem, utopischem, radikalem, liberalem und reaktionärem Staatsdenken unterschieden; schließlich gelangen wiederum mit Hilfe von Personenartikeln religiöse, feministische und postmoderne Ansätze zur Sprache. Man kann geteilter Meinung sein, ob diese Aufgliederung hinreichend trennscharf und aussagekräftig ist. Eine solche Rückfrage ist ebenfalls an die Binnengliederung der Kapitel zu richten. So wird z.B. im Kapitel „Konservatives Staatsdenken“ der restaurative Rechtsphilosoph Friedrich Julius Stahl porträtiert (S. 162–166) und anschließend das Denken von Hermann Lübbe wiedergegeben (S. 166 –170). Lübbes Etikettierung als „konservativ“ ist zumindest erläuterungsbedürftig. In dem Artikel selbst, der von Hannah Bethke geschrieben wurde, findet sich – klare Konturen vermeidend – eine Charakterisierung Lübbes als liberal-sozial-konservativ (S. 169). In Kapitel 12 über „Religiöses Staatsdenken“ gelangen Augustinus, Thomas von Aquin, Luther sowie Calvin zur Darstellung. Auch hier kann man über die Auswahl diskutieren. Warum ist beispielsweise nicht Moses Mendelssohn aufgenommen worden, dessen 1783 erschienene Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ für die Idee der staatlich zu gewährleistenden Gewissensfreiheit bahnbrechend war und die sich u.a. auf das Preußische Allgemeine Landrecht als staatsrechtlichem Dokument ausgewirkt hat? Im Spektrum der zahlreichen Personenartikel ist der jüdische Autor Mendelssohn übrigens an überhaupt keiner Stelle zu finden, auch nicht – was im Schema der Buchgliederung ebenfalls nahegelegen hätte – in Kapitel 2 oder 3 über „klassisches“ oder „modernes“ oder in Kapitel 10 über „liberales“ Staatsdenken.
Thematische Fokussierungen, die der Buchtitel „Staatsdenken. Zum Stand der Staatstheorie heute“ eigentlich erwarten ließ, bieten erst die „Schlussbetrachtungen“ (S. 461– 494). Mehrere Autoren beleuchten hier instruktiv die Krise heutiger Staatlichkeit unter den Aspekten der Globalisierung, des Souveränitätsgedankens, des Staatenzerfalls und der Postdemokratie. Unter der Überschrift „Souveränitätsverlust?“ legt Dieter Grimm zutreffend dar, dass öffentliche Gewalt heute nicht mehr wie in der Vergangenheit nur innerstaatlich aufgeteilt ist, sondern zwischen staatlichen und überstaatlichen Einheiten auszutarieren ist (S. 478). Der abschließende Aufsatz, den der Herausgeber Rüdiger Voigt beigesteuert hat, wurde – angesichts heutiger Krisensymptome der Staatlichkeit durchaus überraschend – ohne ein Fragezeichen unter die Überschrift „Staatsrenaissance“ gestellt. Er endet dann aber mit der skeptischen, eine ungebrochene Staatsrenaissance problematisierenden Bemerkung, Rechtsstaat und Demokratie seien zurzeit in Gefahr (S. 494).
Das Buch enthält beachtliche Einzelartikel und ist informativ. In der Sache ergibt sich ein ambivalentes Fazit. Die heutige alltagsweltliche Legitimitäts- und Akzeptanzkrise von Staat und Politik spiegelt sich darin ab, dass sich Staatstheorie und Staatsdenken zurzeit ihrerseits in einer Phase der Verunsicherung befinden und sie sich an Lösungsansätze neu herantasten müssen. In der Neuzeit hat sich das Konzept „Staat“ seit dem 16. Jahrhundert ausgebildet. Gegenwärtig befindet es sich sicherlich noch nicht am Ende; aber es steht auch nicht vor einer Renaissance, wie der Titel des abschließenden Beitrags insinuieren könnte. Stattdessen sind hinsichtlich von Staat und Staatlichkeit einschneidende Umwälzungen aufzuarbeiten.
Hartmut Kreß, Bonn

Voland, Eckart / Voland, Renate: Evolution des Gewissens. Strategien zwischen Egoismus und Gehorsam. Stuttgart: S. Hirzel, 2014, 236 S., ISBN 978-3-7776-2376-4, Kart., EUR 32.00

Kaum jemand würde bestreiten, dass Darwins Evolutionstheorie zu den erfolg- wie auch einflussreichsten Theorien der Wissenschaft zählt. Und doch gibt es Sachlagen, die nach heutigem Wissensstand soziobiologisch noch nicht durchdacht sind. So etwa die Frage nach der Gewissensevolution. Hält man an der diesbezüglich vorherrschenden Theorie fest, dann begreift man Gewissen funktionalistisch als Navigator zwischen zu viel Egoismus und so viel Altruismus wie notwendig. Gewissen wird als eigennützliche, persönliche Fitness maximierende Instanz aufgefasst (vgl. 198).
Eckart Voland, Soziobiologe und emeritierter Philosoph an der Universität Gießen, und seine Frau Renate, ihres Zeichens Psychologin und Leiterin einer Grundschule, ziehen dies in Zweifel. Auf 230 Seiten entfalten sie in vorliegendem Band ein eigenständiges Argument zur Gewissensevolution, das sie zu einer Helfer-Theorie ausformen.
Nach der einleitenden Klärung des Gegenstandes im ersten Kapitel wenden sich die Autoren in Kapitel II der Frage nach der Natur und Funktionalität des Gewissens zu. Vorsichtig wird eine Verknüpfung zwischen Gewissen und Verhalten erwogen. Acht Merkmale werden aufgeführt, die das Gewissen genuin kennzeichnen sollen. Zu dieser freilich – wie die Autoren selbst bemerken (49) – hinterfragbaren Liste zählen sie etwa die Asymmetrie der Bewertung des Gewissens, die Egozentrik oder auch Non-Kognitivität und eine nicht konsequentialistische Ausrichtung.
Das dritte Kapitel sucht nach einer Verortung des Gewissens in der darwinschen Theorie. Nicht ganz unerwartet gelangen die Autoren an die Grenze zwischen Natur und Kultur, was schließlich in die Frage nach Genese und Funktion von non-konsequentialistischem Denken mündet. Ein Ansatz wäre, so das Ehepaar Voland, von zwei Moralsystemen auszugehen, die ineinandergreifen – eines konsequentialistisch, das andere non-konsequentialistisch (vgl. 67). Eine Lösung ist dies freilich noch nicht, was die Autoren dann auch zum nächsten Kapitel und zu folgender Frage führt: Wozu ist das Gewissen gut?
Im vierten, knapp 80 Seiten starken Kapitel wird das Hauptargument zur Helfer-Theorie der Gewissensevolution entwickelt. Die Autoren versuchen sich dem Gewissen, das uns vor das Problem eines „nicht fitnessförderlichen, aber dennoch evolutionsstabilen Altruismus“ (76) stellt, über das Konzept des Eltern/Kind-Konflikts zu nähern – ein Konflikt, der sich aus der elterlichen Forderung nach altruistischem Verhalten beim Nachwuchs speist; einer Forderung, der dieser von sich aus nicht nachzukommen bereit ist. Sie unterscheiden zwischen einem zeitlich begrenzten und einem lebenslangen Helfer-Konflikt, wobei sie die Thematik mit zahlreichen Belegen unterfüttern. Zwei Szenarien verdienen es, erwähnt zu werden. Das Sklaven-Szenario, worin die Gewissensevolution durch eine „lebenslange reproduktive Neutralisierung eines Teils der eigenen Nachkommenschaft im evolvierten Fitnessinteresse der Eltern liegen kann“ (148) und das Steuer-Szenario, worin „der evolutionäre Erfolg auch durch jene Vorteile befördert wird, die entstehen, wenn Familien in die Infrastruktur ihrer sozialen Gruppe investieren“ (151).
Das fünfte Kapitel bringt die Perspektive des Kindes mit ein. Kinder scheinen sich in einer evolutionären Situation zu befinden, in der „ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich vertrauensvoll den elterlichen Lernangeboten zu unterwerfen“ (170). Kinder erhöhen ihre Überlebenschance durch Subordination, durch Gehorsam und Einfügung in beispielsweise eine ihnen zugewiesene Helfer-Rolle.
Das Gewissen entwickle sich nun, so schlagen die Autoren in Kapitel VI vor, zwischen der frühen Übernahme normativer Regeln einerseits und, genetisch betrachtet, egoistischen Interessen der Eltern andererseits. Somit spricht die Helfer-Theorie der Gewissensevolution dezidiert nicht davon, dass das Gewissen eine „eigennützliche, die persönliche Fitness maximierende Instanz“ sei. Vielmehr verortet sie das adaptive Problem, so fassen Voland und Voland im abschließenden Ausblick zusammen, in den „Kontext kooperativer Fortpflanzungsgemeinschaften“, die allem Anschein nach am „Anfang des evolutionären Sonderweges des Menschen“ (204) standen.
Dieses Buch ist lesenswert. Nicht nur bringt es den Leser auf den aktuellen Stand bezüglich der evolutionsbiologischen Diskussion um das Phänomen des Gewissens. Es wird darin zudem eine alternative Theorie aufgestellt, die mit stichhaltigen Argumenten gestützt wird. Eine sechzehnseitige Literaturliste sowie ein Sach- und Personenregister beschließen das Buch.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Werden, Rita: Schamkultur und Schuldkultur. Reversion einer Theorie. Münster: Aschendorff, 2015 (Studien der Moraltheologie. Neue Folge; 3), 239 S., ISBN 978-3-402-11932-7, Brosch., EUR 36.00

Die Autorin, die hier ihre Dissertation, eingereicht am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, vorlegt, hat sich einer Thematik gewidmet, die, wellenartig, mal im Fokus des wissenschaftlichen Interesses steht, um dann für eine gewisse Zeit auch wieder zu verschwinden. Dieses Kommen und Gehen beschreibt Werden mit der Aufarbeitung historischer Bezüge in der Einleitung. Ihre Forschungshypothese, die anschließend erläutert wird, geht dahin, dass sie konstatiert, dass es ein Defizit gibt. Bei der Aufarbeitung der Scham- und Schuldproblematik wurde bislang der Kontext, in dem sich Scham und Schuld abspielen, zu wenig berücksichtigt. Diese Lücke, so der Anspruch der Verfasserin, will sie schließen. Sie stellt fest, dass es sich bei Scham und Schuld zwar „um universale Phänomene handelt, die jedoch kulturspezifische Züge tragen und in einem kulturspezifischen Verhältnis zueinander stehen, so dass es erst dann, wenn diese Einsicht vollzogen ist, sinnvoll wird, von Typen einer Schuld- oder Schamkultur zu sprechen“ (S. 19). Sie beklagt also, dass eine systematische Reflexion fehlt, „welche kulturspezifisch-soziologischen Kontextfaktoren“ (S. 19) berücksichtigt. Dabei sind Schuld und Scham einerseits von Schuld- und Schamkulturen andererseits zu unterscheiden. Kulturelle Kontexte von Schuld- und Schamkulturen müssen ihrer Meinung nach unbedingt berücksichtigt werden und das ist in der Vergangenheit kaum oder gar nicht geschehen. Es ist einleuchtend, dass auf die Frage, was entscheidend(er) ist, der Einzelne oder das Kollektiv, Gesellschaften unterschiedliche Antworten geben. Dies gilt es unbedingt zu berücksichtigen und dem ist zuzustimmen. Geschieht dies nämlich nicht, so die Autorin weiter, entstehen blinde Flecken. Um dies zu vermeiden, unternimmt die Verfasserin dann im weiteren Verlauf ihrer Arbeit den groß angelegten Versuch, diverse Konzepte quasi in einem Relecture-Prozess wieder sehend zu machen. Verschiedene Autoren werden in eigenen, in sich abgeschlossenen Kapiteln durch die Brille der Kontextbedeutung wieder-gelesen (S. 27–145). Es sind dies: Darwin, Simmel, Freud, Piers, Block Lewis, Lewis, Tangney & Dearing, Deonna & Rodogno & Teroni, Heller, Lietzmann. Im Anschluss daran (ab S. 146) werden Thesen zu den einzelnen, referatsartig vorgestellten, AutorInnen formuliert. Dies stellt summa summarum das gesamte zweite Kapitel dieses Buches dar. Nicht ganz nachvollziehbar ist die Aufteilung diverser Autoren im dritten Kapitel, das sich substanziell kaum vom zweiten unterscheidet. Methodisch wird hier im dritten Kapitel nämlich in der gleichen Art und Weise verfahren, indem nun die AutorInnen Mead, Benedict, M.S. Singer und Lotter referiert und ausgewertet werden. Die hier gezogenen Schlüsse vermögen kaum zu überraschen. Beispiele: „…dass Scham immer eine ‚relative‘, das heißt relationsbezogene Emotion ist“ (S. 216); oder: „Es gibt keine Scham ohne einen signifikanten Anderen, genauso wenig wie Scham denkbar ist ohne ein Selbstbild, das Wertsetzungen widerspiegelt…“ (S. 217). Oder: „Im Unterschied zur Scham ist Schuld eine per se moralbezogene Emotion“ (S. 218). Hier muss kritisch festgehalten werden, dass der Output aus der Fülle der bearbeiteten bzw. referierten Konzepte doch etwas dünn ausfällt. Es geht der Autorin ja darum, den Beweis anzutreten, dass die Kontextbezogenheit nie außer Acht gelassen werden darf, wenn es um die Bewertung von Schuld- und Schamkulturen geht. Diese Aussage ist m.E. gut nachvollziehbar und sie belegt sie u.a. auch damit dass sie auf die Missverständnisse hinweist, die entstanden sind, als man nach dem II. Weltkrieg Erklärungen anzustellen versuchte, wie das japanische Kaiserreich bzw. dessen Scham- und Schuldkultur beschaffen gewesen sei. Also wäre für mein Dafürhalten eine konkrete Umsetzung anhand eines kultursoziologischen Beispiels auf der Ebene mittlerer theoretischer Reichweite doch durchaus sinnvoll gewesen. Aber das erscheint leider nicht. Im Gegenteil: die Verfasserin schreibt: „Die hier vorgelegten Studien unternehmen nicht den Versuch, die Kategorien der Schuld- und Schamkultur auf reale Kontexte anzuwenden und diese zu klassifizieren“ (S. 227). Schade! Eine diesbezügliche Skizze, wie die Autorin ihr Anliegen versteht, hätte dem Buch zu wesentlich mehr Spannung verholfen.
Das Buch enthält 638 Fussnoten, was die Lesefreundlichkeit nicht unbedingt erhöht.
Eine diesbezügliche Überarbeitung der Dissertation vor der Veröffentlichung wäre eventuell sinnvoll gewesen. Es bleibt die akribisch referierte und sauber belegte Durchsicht verschiedener AutorInnen in Bezug auf die gewählte Themenstellung. Und das ist ja auch nicht wenig.
Riccardo Bonfranchi / Wolfhausen, CH

Schaupp, Walter/ Kröll, Wolfgang (Hg.): Medizin – Macht – Zwang. Wie frei sind wir angesichts des medizinischen Fortschritts? Baden-Baden: Nomos, 2016 (Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft; 1), 134 S., ISBN 978-3-8487-2966-1, Brosch., EUR 29.00

Das Buch ist Band 1 einer neuen Schriftenreihe „Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft“ und stellt die überarbeiteten Beiträge der gleichnamigen Tagung 2014 in Graz vor. Kern aller Beiträge ist die „Janusköpfigkeit der Wahlfreiheit“ bei medizinischen Entscheidungen. „Sie besteht in der Unerbittlichkeit, die mit der Entscheidungsaufgabe am Schlusspunkt des Diagnoseprozesses einhergeht“ (S. 38). Die verschiedenen Beiträge konzentrieren sich stets auf die Frage, wie viel „Freiheit“ der einzelne Mensch angesichts einer Matrix gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, kultureller Bedeutungsproduktion und der länderspezifischen Systemlogik eigentlich besitzt. Marion Baldus geht dabei auf Zugzwänge und Wirkmächte im Kontext pränataler Diagnostik ein, Sonja Frühwald auf Behandlungszwänge in der Intensivmedizin, Eberhard Schockenhoff auf die Funktion des Autonomiearguments in der Debatte um Sterbehilfe. Allgemeiner fragen Lukas Kaelin nach der Dialektik von Fortschritt und Freiheit des Individuums, Roland Kipke nach den verschiedenen Vorstellungen vom „guten Leben“ und den sich daraus ergebenden Entscheidungen in der Medizin und Michael Rosenberger nach Spiritualität als Ressource von Freiheit.
Zusammenfassend zeigt sich, so die Herausgeber in ihrem Vorwort, dass ein „Generalurteil über den biomedizinischen Fortschritt und unsere Freiheit ihm gegenüber nicht möglich ist“ (S. 9). Im vorliegenden Buch werden jedoch „Beispiele für die Lernfähigkeit der modernen Medizin im Hinblick auf die Bedürfnisse und Wertungen des einzelnen Subjekts“ beschrieben – sehr prägnant im ebenfalls abgedruckten Interview von Lukas Kenner durch den Herausgeber Wolfgang Kröll zum Thema Fortschritte in Gendiagnostik und Gentechnik.
Der Band gewinnt insbesondere dadurch, dass von den Vertretern aus Medizin, Gentechnik, Pädagogik, Philosophie und Theologie Geschichten über Fortschritt und Freiheit erzählt werden ohne endgültige Lösungen zu bieten, so dass die Leser aufgefordert sind, sich ihr eigenes Bild zu machen.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Schilling, Astrid: Ethik im Kontext erfahrungsbezogener Wissenschaft. Die Moralphilosophie des Roger Bacon (ca. 1214 –1292) vor dem Hintergrund der scholastischen Theologie sowie der Einflüsse der griechischen und arabischen Philosophie. Münster: Aschendorff, 2016 (Studien der Moraltheologie: Neue Folge; 4), 256 S., ISBN 978-3-402-11933-4, Brosch., EUR 37.00

In ihrer Dissertation über die Moralphilosophie des Roger Bacon in seinen Büchern „Opus maius“, „Opus minus“ und „Opus tertium“ geht Astrid Schilling mit großem Fleiß und bewundernswerter Gründlichkeit zwei Hauptfragen nach: „Welche Rolle spielt die Moralphilosophie innerhalb des Opus maius bzw. welche Funktion übernimmt sie im Hinblick auf die anderen Wissenschaften?“ und „Wie ist die Moralphilosophie inhaltlich zu beurteilen?“ (S. 26) Auf dem Wege zu einer Beantwortung ihrer Fragen zeigt die Autorin uns Roger Bacon als einen Grenzgänger zwischen Theologie und Philosophie (inklusive beginnender Naturwissenschaft – Bacon hat sich sehr für Optik interessiert) in einer Zeit des Aufbruchs und des Umbruchs. In den wachsenden Städten und den in ihnen gegründeten Universitäten entstanden Freiräume für Neues, über Arabien gelangten Werke von Aristoteles nach Europa (z.B. durch al-Farabi oder Avicenna) und christliche Autoren wie St. Viktor, Dominikus Gundissalinus, Bonaventura oder Thomas von Aquin trugen zu dem Rahmen bei, in dem bzw. über den hinaus Bacon sich bewegte.
Der Kontakt bzw. Zusammenstoß mit dem Rahmen war z.T. durchaus schmerzhaft und folgenreich, wie Schilling am Beispiel Bonaventura zeigt. Bonaventura war der „Generalobere der Franziskaner zur Zeit des Eintritts Bacons in den Minoritenorden“ (S. 121). „Die Tatsache, dass Bonaventura und Roger Bacon extrem konträre Weltbilder hatten, was zur äußersten Degradierung Roger Bacons bis hin zu Schreibverbot und dauerhaftem Eingesperrtsein führte, lässt sich anhand von De reductione artium ad theologiam leicht erahnen“ (S. 121). In dieser Schrift betont Bonaventura nachdrücklich das Primat der Bibel und der Kirche in Sachen Wahrheit: Wissenschaft allein genügt „zur vollen Erkenntnis der Wahrheit in keiner Weise“ (S. 124). Bacons Position im Opus maius hingegen wird von Schilling so zusammengefasst: Mathematik „ist Tor und Schlüssel aller Wissenschaften und mit ihr findet schon eine erste eigene Betrachtung der Welt statt. Diese Autopsie wird noch verstärkt durch die Optik des fünften Teils. Absolut gesichert wird dieses eigene Sehen schließlich durch das eigene Sehen in Experimenten“ (S. 152).
Das eigentliche Anliegen der Dissertation ist aber nicht der Konflikt zwischen Philosophie und Theologie um den Weg zur Wahrheit, sondern Bacons Moralphilosophie. Hier geht es um eine andere Grundsatzfrage, um den angemessenen Aufbau einer Ethik, die Schilling im dritten Kapitel ihrer Arbeit unter dem Titel „Primat der Vernunft versus Primat des Willens“ (S. 187ff.) abhandelt. Thomas von Aquin hat eine „vernunftbetonte Ethik“ (S. 188ff.) geschrieben, Duns Scotus – später als Bacon – eine „willensbetonte“ (S. 200ff.). „Bacon ist im 13. Jahrhundert seiner Zeit weit voraus, indem er gesellschaftliche Entwicklungen wie den zunehmenden Individualismus wahrnimmt und auf ihn eingeht, eine damit einhergehende größere Willensfreiheit aufnimmt und gleichzeitig dafür als Regulative totgeglaubte Künste wie Rhetorik und Poetik wiederbelebt“ (S. 245). Der wesentliche Zweck von Bacons Moralphilosophie ist es, nach Schilling, die Menschen von der Wichtigkeit moralischen Verhaltens zu überzeugen und eine umfangreiche praktische Handlungsanleitung zum moralischen Handeln zu geben.
Jürgen Maaß, Linz

Sigusch, Volkmar: Das Sex-ABC: Notizen eines Sexualforschers. Frankfurt a. M. / New York: Campus, 2016, 316 S., ISBN 978-3-593-50636-4, Geb., EUR 24.95 [D], 25.70 [A], 31.60 SFR

Volkmar Sigusch, einer der angesehensten Sexualwissenschaftler und von 1973 –2005 Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft sowie Professor für spezielle Soziologie in Frankfurt, stellt in diesem Buch in übersichtlicher Form seine Kenntnisse zur Sexualität vor. Wie schon der Titel besagt, sind die Themen alphabetisch geordnet und geben eine sehr ausführliche Beschreibung der Sexualität. Diese ist prosaisch im Sinne einer ungezwungen erzählenden Formulierung. Die Themen werden nicht im Lexikonstil, sondern in freier Formulierung abgehandelt, was zunächst den Eindruck einer saloppen Plauderei erwecken mag, zumal persönliche Attacken gegen Religion und normative Einstellungen locker und selbstbewusst hingestreut werden, ohne die dahinterliegenden Begründungen anzuführen, wie z.B. beim Thema Schuld:
„Die Schuld zu suchen einmal in der Bestie Mensch, an­dermal in der schlechten, menschenverachtenden Gesell­schaft ist ein Erbe des Christentums, auch wenn dabei die rote Fahne der Revolution geschwungen ward. Keine Gesell­schaft ohne Menschen, kein Mensch ohne Gesellschaft. Das eine vom anderen zu lösen wie die Knochen aus dem Fleisch ist Metzgerei, nicht dialektisches Denken. Auch wenn der Gedanke angesichts der vergangenen und gegenwärtigen Gräuel in unserer Welt kaum zu ertragen ist, er muss ge­fasst werden: Gäbe es nicht in den Menschen zumindest als Potenzialität ein Verschlingen, Auffressen, Zerstören, ein Verdrehen, Verschieben, eine rücksichtslose Eigenliebe, ei­nen durch und durch egoistischen Selbstbezug, hätten die allgemeinen Verblendungen und Isolierungen und Gewalt­tätigkeiten kein Fundament. Ich denke, das gilt auch dann, wenn die theoretische Einsicht geteilt wird, wie ich es tue: dass zwischen den Individuen und der Gesellschaft ein Hi­atus klafft, dass das Allgemeine als Objektivität dem Sub­jekthaften vorgängig ist, dass es nicht möglich ist, die verge­sellschaftete Gesellschaft, in der wir leben, psychologisch zu verstehen, dass die Eigendynamik von Gesellschaft eigene Begriffe erfordert, weil das Anwenden ,menschlicher‘ Kategorien ihr eine Menschlichkeit unterstellte, die sie schon lange verloren hat, sofern sie so etwas je besessenen“ (S. 231–232).
Dieser Eindruck des Saloppen kann stellenweise, wie angeführt, auftauchen, wird aber dem Gesamten des Buches nicht gerecht. Dieses beschreibt nämlich die ganze sexuelle Thematik in einer Vielfalt und Offenheit, wie man sie sonst kaum findet. So ist nach Sigusch seit der Neosexuellen Revolution in Deutschland „die allgemeine Lage paradoxal. Einerseits hat bei uns die gelebte sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den letz­ten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Lesben, Bisexuelle und Schwule können heute auch höchste Staatspositionen einnehmen. Auch die, die eine sehr seltene Vorliebe leben möchten, finden dank Internet Gleichartige. Andererseits suchen orthosexuelle Forscher nach wie vor ein sogenanntes Homo-Gen, das es nicht gibt, ist auf den deutschen Schulhö­fen ,schwul‘ noch immer ein Schimpfwort ersten Ranges, verschweigen beinahe alle Sportler ihre Homosexualität, ob Männer oder Frauen“ (S. 89).
Wie sehr die Sexualität nicht nur das Leben des Einzelnen bestimmt, sondern auch die Gesellschaft, zeigt der gegenwärtig avancierte Feminismus. „Heraus kommen Selfsex und Selfgender, selbstmächtig selbst produziert und selbst reguliert…“ (S. 81).
Auf der anderen Seite ist die Genitalverstümmelung noch lange nicht ausgestorben. „Vor allem in afrikanischen Kulturen werden aus alter Tra­dition nach wie vor die Genitalien von Frauen vor der Hei­rat verstümmelt, zum Beispiel zugenäht oder ihres Lustzent­rums, der Klitoris, operativ beraubt, damit eine ,reine‘ Frau geheiratet werden kann. Nach Terre des Femmes sind welt­weit 125 Millionen Mädchen und Frauen betroffen, vor al­lem in 28 Ländern Afrikas“ ( S. 75).
Das gilt auch vom sog. Brustbügeln:
„Nach Angaben der UN sind vor allem in Zentral- und West­afrika etwa 3,8 Millionen Mädchen dem sogenannten Brust­bügeln ausgesetzt. Befürchten Mütter, dass sich die Brüste ihrer heranwachsenden Töchter entfalten, greifen sie zu ei­ner überaus schmerzhaften, ja traumatisierenden Methode, die Folter genannt werden muss: Sie fahren tagtäglich mit einem heißen Gerät oder Stein über die Brust, um das sich bildende Gewebe abzutöten. Die Folgen sind verheerend. Sie reichen vom Hautkrebs bis zur Unfähigkeit, ein Kind stillen zu können“ (S. 37).
Was schließlich die weibliche Sexualität betrifft, so sind nach Sigusch die Frauen die Gewinnerinnen der Neosexuellen Revolution. Sie sind sexuell potenter als die Männer. Sie können mehrere Orgasmen haben, während bei den Männern während der Refraktionsphase kein Orgasmus möglich ist. Junge Frauen geben bei Beziehungen den Ton an. Frauen sind durch Texte, Filme und Bilder ebenso erregbar. Sie sind zudem nicht treuer als die Männer.
Informationen über solche Einzelheiten des sexuellen Lebens finden sich das ganze Buch hindurch. Dabei können selbst für in der Thematik Eingeweihte Neuheiten auftauchen. Die Arbeit lässt sich insgesamt als wahre Fundgrube für die menschliche Sexualität bezeichnen. Störend wirken die oft saloppen Seitenhiebe gegen Institutionen, die für sexuelle Verantwortung eintreten, sowie das Fehlen der Beschreibung von individuellen und gesellschaftlichen Problemen, die die gepriesene freie Sexualität mit sich bringen kann, ist diese doch der sensibelste Punkt menschlicher Begegnungen. Zudem würde ein Begriffsregister das Aufsuchen der einzelnen Themen erleichtern.
Abgesehen von diesen Bemerkungen dürfte zurzeit aber wohl nur Sigusch aus dem Fundus seiner jahrzehntelangen Forschung auf dem Gebiet der Sexualität ein solch informatives Buch schreiben können.
Andreas Resch, Innsbruck

Stederoth, Dirk: Freiheitsgrade. Zur Differenzierung praktischer Freiheit. Bielefeld: transcript, 2015, 298 S., ISBN 978-3-8376-3089-3, Brosch., EUR 29.95

Der Autor legt mit dieser Veröffentlichung seine Habilitationsschrift vor, die an der Universität Kassel angenommen wurde.
Wie der Titel der Studie bereits besagt, geht es um die Grade von Freiheit. Freiheit, was immer man en détail darunter versteht, ist in der Realität stets ‚nur‘ graduell. Dessen sind wir uns im Alltag bewusst. Der Verfasser hält aber fest, dass hierüber, also über die Abstufungen von Freiheit, kaum wissenschaftlich-philosophisch nachgedacht, reflektiert wird. Hier sieht er seine Aufgabe bzw. seine Initiative, diese Lücke zu füllen. Warum?
Die Frage nach der Freiheit kann i.d.R. nicht, nie mit einem klaren ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ beantwortet werden. Sie tritt quasi immer „nach unterschiedlichen Graden differenziert“ (S. 13) in Erscheinung. Also geht es nicht um die klassische Frage, ob der Mensch frei sei oder nicht, sondern „vielmehr um die Frage, über welche Form von Freiheit hier überhaupt entschieden werden soll“ (S. 18).
Wie geht der Verfasser nun diese Fragestellung an? In einer für mich überzeugenden und auch kreativen Art und Weise, teilt er die Antwort in zwei große Blöcke auf. D.h., er betrachtet die Fragestellung der Abstufungen von Freiheit einmal durch die Brille einer vertikalen und zum andern einer horizontalen Dimension. Die vertikale Dimension wird dann weiter differenziert durch 1. angeborene Verhaltensmuster, 2. erworbene Verhaltensmuster, 3. spontanes Verhalten, 4. subjektive Handlungsgründe, 5. normative Handlungsgründe und 6. logisch-vernünftige Handlungsgründe. Die Ausführungen hierzu nehmen den Raum von S. 25 bis 138 ein. Etwas knapper (S. 139 –174) fallen dann die Erörterungen zur horizontalen Dimension aus. Darunter versteht Stederoth unterschiedliche Handlungsphasen wie Motivation und Volition, die sich aus den Verhaltensweisen Wählen, Planen, Handeln und Bewerten ergeben. Bei der Darstellung der genetischen Dimension stützt er sich auf die Klassiker Piaget und Kohlberg. Ein Exkurs zu Hegel rundet dieses Kapitel ab. Interessant sind in diesem Zusammenhang, dies sei hier exemplarisch ‚herausgepickt‘, die Ausführungen des Autors zu den ‚genetischen Lücken im Handlungsraum‘ (S. 251ff.) sowie zur Analogie der genetischen Stufen im Zusammenhang mit den vertikalen kognitiven Stufen. Solche Zusammenhänge, das sei an dieser Stelle exemplarisch hervorgehoben, sind aus meiner Sicht die spannenden Teile dieser Arbeit, weil hier Elemente aufeinander bezogen werden, die man (vermutlich) so in dieser Konstellation noch nicht gesehen bzw. gelesen hat. Im 6. Kapitel geht Stederoth dann auch auf mögliche Konsequenzen der Freiheitsgrade ein, weil – dies eine ebenfalls klassische Aussage – Freiheiten immer auch mit Verantwortlichkeiten korrespondieren. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn der Autor festhält, dass abgestufte Freiheitsgrade immer auch gestufte Verantwortlichkeiten (S. 266) ergeben.
Fazit: Die vorliegende Publikation ist dicht und enthält eine Reihe von Gedanken, denen eine gewisse (abgestufte !) Kreativität nicht abzusprechen ist. Wer sich mit Freiheit auseinandersetzen will bzw. muss, wird nicht umhinkommen, sich diese Publikation zu Gemüte zu führen. Denn ein Gradationsansatz bezüglich der Freiheit legt dar, dass mit jeder höheren Stufe auch die Freiheit zunimmt. Das wiederum bedeutet, dass der Mensch auf jeder Stufe sowohl frei als auch auch unfrei ist. Es ist also immer ein Weniger oder Mehr. Was das nun im Detail bedeutet, darüber gibt diese Publikation umfassend Auskunft.
Positiv hervorgehoben werden kann abschließend, dass der Autor auf der Basis seiner analytischen Fähigkeiten und Kompetenzen eine Reihe von Schemata in sein Buch aufgenommen hat. Von diesen 13 Abbildungen hat er 10 selbst entworfen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Merkt, H. / Schlipf, Margrit / Schweitzer, Friedrich / Biesinger, Albert (Hg.): Ethische und interreligiöse Kompetenzen in der Pflege. Unterrichtsmaterialien für die Pflegeausbildung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, 190 S., ISBN 978-3-525-70212-3, Brosch., EUR 24.99

Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland – nicht nur für einen begrenzten Lebensabschnitt zum Gelderwerb (so häufig die ursprüngliche Intention der zwischenstaatlichen Abkommen der 50er und 60er Jahre), sondern aus unterschiedlichsten Gründen „für immer“. Damit haben wir es zunehmend auch mit Menschen in einem Lebensabschnitt zu tun, in dem sie pflegebedürftig sind – zu Hause oder in Einrichtungen. In der aktuellen Literatur zur Ausbildung von Pflegepersonal in der BRD (für die Ausbildungssituation anderer Länder kann die Rezensentin keine Aussage treffen, gleichwohl erscheinen die Materialien auch für andere deutschsprachige Länder geeignet) wurde dieser Situation bisher kaum Rechnung getragen. Eher sporadisch wird auf ein paar einzelnen Seiten der Lehrbücher zur Altenpflege auf Besonderheiten und spezifische Probleme bei der Behandlung und Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen bzw. spezielle Literatur z.B. von Ilhan Ilkelic wendet sich zum einen überwiegend an Ärzte, zum andern gehört sie nicht zu den Grundausstattungen von Berufsschulen. Insofern schließt die vorliegende Arbeit eine von vielen Lehrkräften seit langem schmerzlich empfundene Lücke.
Das Material ist in 9 Module eingeteilt, die jeweils zu einem Thema (1. Gute Pflege in interreligiösen Zusammenhängen, 2. Menschen in der letzten Lebensphase interreligiös sensibel begleiten, 3. Die Würde des Alters interreligiös sensibel entdecken und gestalten, 4. Der Umgang mit dem Körper, 5. Leid und Sinnfragen, 6. Menschen mit Demenzerkrankungen, 7. Menschenwürde,
Fürsorge und Autonomie, 8. Coping, 9. Ethische Fragen zum Beginn des Lebens) einführende Informationen enthalten, Lehrmaterialien und Materialien für die Auszubildenden sowie Hinweise auf weiterführende Literatur. Ideal für leidgeprüfte Lehrende, die angehalten sind, ihre Stundenvorbereitung minutiös aufzulisten, abzuheften, abzugeben usw., enthält das Material bereits einen zeitlich gegliederten Vorschlag zur Unterrichtsgestaltung mit Angaben zu den entsprechenden didaktischen Materialien.
Zwei Dinge hätte ich mir als Lehrkraft aus den neuen Bundesländern gewünscht:
Zum einen wird sehr häufig davon ausgegangen, dass den SchülerInnen bestimmte Zusammenhänge zumindest aus dem Christentum bekannt bzw. zugänglich sind. Dies entspricht aber nicht der Lebenswirklichkeit einer nach wie vor überwiegend atheistischen Bevölkerung. D.h., Aufgabenstellungen wie „Suchen / empfehlen Sie Frau B. eine passende Stelle aus den Psalmen / dem Gesangbuch“ u.Ä. scheitern hier sowohl daran, dass diese Materialien den SchülerInnen weder bekannt noch Bibeln oder Gesangbücher in den Schulen als Lehrmaterialien vorhanden sind (erst recht nicht in den Haushalten der künftigen Pflegekräfte). Hier hätte ich mir ein stärkeres Eingehen auf den Umgang von nichtreligiösen mit religiösen Menschen gewünscht.
Zum andern begegnen uns Menschen anderer Weltanschauungen zunehmend nicht nur als zu Pflegende, sondern auch als Pflegekräfte. Auch daraus ergeben sich spezifische Anforderungen im Team bzw. in den Einrichtungen. Dieser Aspekt ist noch gar nicht bearbeitet – und wäre daher wünschenswert für die nächste bzw. übernächste Auflage – welche die Rezensentin diesem Material trotz der vorstehenden Kritik sehr wünscht.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Güntzel, Joachim: Am Anfang war der Mensch. Die Entmenschlichung der ökonomischen Theorie und ihre dramatischen Folgen. Marburg: Metropolis Verlag, 2015, 181 S., ISBN 978-3-78316-1142-4, Brosch., Euro 19.80

Das Bilden von Modellen ist ein wirkungsvoller Weg, die Welt besser zu erkennen und zu verändern. Am Anfang einer jeden Modellierung steht ein Interesse, ein Ziel. Das hilft dabei auszuwählen, welche Aspekte der Welt mit welcher Genauigkeit und in welcher Weise modelliert werden sollen. Selbstverständlich hat diese Auswahlentscheidung Konsequenzen für die Aussagekraft der verwendeten Modelle. Wer zum Beispiel eine Ampelschaltung für eine Fuß-
gängerampel vor einem Seniorenwohnheim modelliert, braucht dabei vermutlich nicht zu berücksichtigen, welche Farben die Schuhe haben, die die Ampelbenutzer tragen. Wichtig hingegen ist offenbar, dass häufig ältere Leute hier über die Straße gehen wollen, die im Durchschnitt langsamer reagieren und langsamer gehen.
Der Autor kritisiert eine der zentralen Auswahlentscheidungen über die Eigenschaften von Menschen, die bei der in der Volkswirtschaft üblichen Modellbildung getroffen werden: „Die ökonomische Theorie gleicht über weite Strecken einer menschenleeren Wüste, die von einer Heerschar künstlich gezüchteter Retortenwesen bevölkert wird“ (S. 14). Ein solches Kunstwesen, bekannt als „homo oeconomicus“ (S. 22), ist ein sehr vereinfachtes Modell eines Menschen, es ist „in allererster Linie daran interessiert, aus allen seinen Handlungen den größtmöglichen Nutzen (für sich selbst) zu ziehen“ (S. 22). Dieses sehr einseitig vereinfachte Modell eines Menschen handelt stets rational, vorausschauend und „unter Ausnutzung aller vorhandenen bzw. zugänglichen Informationen“ (S. 22).
Wer Menschen so modelliert, kann ihr Verhalten besonders einfach mathematisch kalkulieren und damit volkswirtschaftliche Theorien konstruieren. Solange das ein Gedankenspiel, eine reine Theoriebildung bleibt, interessiert es nur die Volkswirte. Aber: „Die Vertreibung des Menschen als lebendiges Wesen aus den Modellwelten der Ökonomie hat dramatische Folgen“ (S. 16) – wenn und weil „die Aussagen und Botschaften derartiger ‚entmenschlichter‘ Modelle zu Aussagen über das tatsächliche Funktionieren realer Wirtschaftssysteme umgemünzt werden“ (S. 16). Die politische Praxis, die sich auf solche (insbesondere neoliberale) volkswirtschaftliche Theorie stützt, hat unter anderem in die globale Finanzkrise seit 2008 geführt.
Was tun? Die volkswirtschaftlichen Modelle sollen wieder mehr von realen Menschen ausgehen! Der Autor geht zurück auf Gründerväter der Ökonomie wie John Maynard Keynes, Joseph Alois Schumpeter, Walter Adolf Jöhr und Adam Smith, um das „wieder“ zu belegen und begründet seine These, dass der Ansatz von John R. Searle, „der vom zentralen Begriff der Intentionalität ausgeht“ (S. 17) zur Vermenschlichung der Volkswirtschaft beitragen kann.
Jürgen Maaß, Linz

Platzer, Johann / Großschädl, Franziska (Hg.): Entscheidungen am Lebensende – Medizinethische und empirische Forschung im Dialog. Baden-Baden: Nomos, 2016 (Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft; 2), 222 S., ISBN 978-3-8487-3044-5, Brosch., EUR 44.00

Das vorliegende Buch ist ein Sammelband, der 11 Beiträge enthält. Hier ein Überblick:
H. Christof Müller-Busch: Entscheidungen am Lebensende und Respekt vor Autonomie – Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin (17 – 29)
Peter Schaber: Assistierter Suizid: Was man tun darf und was man tun soll (31– 41)
Inocent Mária V. Szaniszló OP und Radoslav Lojan: Ethical challenges in end-of-life care. ‚Embodied experience‘ as a basis for Christian-Catholic perspective (43 –57)
Arne Manzeschke und Dominik Kemmer: Dem Sterben des Anderen Raum geben. Ethische Fallbesprechungen angesichts des Lebensendes (59 – 68)
Chris Gastmans: Dignity-enhancing care for persons with dementia and its application to advance euthansia directives (69 – 88)
Johann Platzer: Zwischen moralischen Intuitionen und ethischen Theorien. Zur Relevanz kohärenzorientierter Begründungsansätze in der angewandten Ethik (89 –117)
Markus Zimmermann: Praxis und Institutionalisierung von Lebensende-Entscheidungen in der Schweiz. Beobachtungen aus sozialethischer Perspektive (119 –140)
Patrick Schuchter und Andreas Heller: Von der klinischen zur politischen Ethik. Sorge- und Organisationsethik empirisch (141–161)
Paulina Wosko und Sabine Pleschberger: Der Wunsch des Verbleibs zu Hause bis zuletzt und die Unterstützung durch informelle Helfer/innen (163 –179)
Willibald J. Stronegger: Die Einstellung zur Tötung auf Verlangen in der österreichischen Bevölkerung – Eine Folge weltanschaulicher Grundpositionen (181– 201)
Joachim Cohen: Acceptance of euthanasia and the factors influencing it (203 –219).
Für eine nähere Besprechung wähle ich im Folgenden einen Beitrag, nämlich jenen von Peter Schaber, aus. Dieser geht nach meinem Dafürhalten die hier aufgeworfene Problematik in einer ‚rein‘ ethischen Betrachtungsweise an. Weitere Bezüge, die aus meiner Sicht für das Verständnis des Schaber’schen Beitrages hilfreich sind, entnehme ich dem Beitrag von Zimmermann.
Schaber thematisiert die Frage, was unter einem selbstbestimmten Sterbewillen zu verstehen ist. Damit verbunden ist die Frage, worauf man hierbei ein Recht hat. Konkret heißt das, ob man ein Recht hat, „andere zu autorisieren, einem“ (31) bei der Selbsttötung zu helfen? Wenn man hierzu ein Recht hat, dann haben andere die Pflicht, mich nicht daran zu hindern, oder sogar die Pflicht, „dafür zu sorgen, dass ich in der Lage bin, x zu tun“ (31). Dieses Recht wiederum wäre seinerseits von Gründen abhängig und um diese geht es Schaber in seinen Ausführungen. Für Schaber ist es normativ bedeutsam, dass Menschen ein Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Tod besitzen. Man könnte nun einwenden, dass ein Suizid eine Selbstschädigung darstellt, die das Selbstbestimmungsrecht des Individuums massiv in Frage stellt. Dem widerspricht Schaber aber, weil er den erklärten Willen des betreffenden Menschen höher gewichtet, sofern dieser a) freiwillig und b) im Wissen um alle Konsequenzen seiner Entscheidung geschieht.
Im Weiteren ergibt sich nun die Frage, ob es geboten ist, einer suizidwilligen Person zu assistieren? Dies hängt, nach Schaber, von den Gründen ab, welche die betreffende Person hat. Wenn diese an einer unheilbaren Krankheit leidet, so ist das, gemäß Schaber, ein ‚guter‘ Grund. D.h. in der Konsequenz, dass die Willensbestimmung allein nicht ausreichend ist, der betreffenden Person bei ihrer Absicht zu helfen. Das Helfen hängt also nicht allein vom Wollen der Person ab, es ermöglicht die Hilfestellung lediglich, weil sie Hilfe als Handlung erlaubt. Dass dann auch geholfen werden soll, hängt wiederum von den Gründen ab, welche die betreffende Person hat. Fazit: Die Selbstbestimmung allein kann nicht als grenzenlos bezeichnet werden. Es müssen gute Gründe vorliegen, dass eine Suizidhilfe „geleistet werden soll“ (41). Was nun ‚gut‘ bedeutet und welche Probleme mit diesem Begriff verbunden sind, erläutert Schaber nicht weiter. Darauf wird noch zurückzukommen sein.
Mit der o.e. Argumentation bildet Schaber die aktuelle Praxis der Sterbehilfe der Schweizer Organisation EXIT ab, indem auch diese davon ausgeht, ausgehen muss, dass sie nur dann Sterbehilfe leistet, wenn eine unheilbare Krankheit vorliegt. In diesem Zusammenhang kann man auch auf den Beitrag von Zimmermann im vorliegenden Sammelband verweisen, der dezidiert die unterschiedlichen Lebensende-Entscheidungen empirisch erfasst und insbesondere auf die Praxis der Suizidhilfe in der Schweiz, namentlich von EXIT, eingeht (128ff.). Das Schweizerische Strafgesetzbuch regelt die Suizidbeihilfe mit einem Satz, nämlich in Artikel 115, der besagt, dass „Beihilfe zum Selbstmord“ nur dann strafrechtlich verboten ist, wenn bei der unterstützenden Person ‚selbstsüchtige Beweggründe‘ vorliegen. Zimmermann erläutert drei Gründe, die insbesondere für den Arzt bei der Beihilfe zur Selbsttötung von Bedeutung sein sollen, folgendermaßen:
– Das Lebensende des Sterbewilligen steht unmittelbar bevor.
– Alternative Möglichkeiten der Hilfestellung wurden angeboten und
– der Suizidwillige ist urteilsfähig, er hat seinen Wunsch gut erwogen und dieser ist ohne äußeren Druck entstanden und überdauernd.
Wenden wir uns nun wieder dem Beitrag von Schaber zu. Für mich ergibt sich nun die Frage, ob diese eher medizinisch-empirisch ausgerichteten Gründe von Zimmermann als gute Gründe im Schaber’schen Sinne zu werten sind. Schaber gibt (leider) in seinem Beitrag nur ein Beispiel für einen guten Grund an, der erlaubt, bei einer Selbsttötung zu assistieren, nämlich den der unheilbaren Krankheit. Ist nun eine Krebsdiagnose, deren Verlauf nie eindeutig vorherzusagen ist, bereits ein ‚guter‘ Grund? Es sind auch weitere Krankheiten vorstellbar, deren Verlauf i.d.R. zu einem frühzeitigen Tod führt, dieser kann aber noch mehrere Jahre auf sich warten lassen. Ist dann der Grund auch ‚gut‘? Dies wäre eine zeitliche Frage, die hier ins Spiel kommt und die Zimmermann mit dem Adjektiv ‚unmittelbar‘ zu klären versucht. Das scheint mir hier aber im Zusammenhang, was ein guter Grund für eine einforderungswürdige Assistenz ist, weniger bedeutsam zu sein als vielmehr die Frage, was denn unter ‚gut‘ zu verstehen ist. Es können in der hier gebotenen Kürze folgende Überlegungen angedeutet werden. Sie beziehen sich auf die Ausführungen von Bernard Williams (Der Begriff der Moral – Eine Einführung in die Ethik (19789, insbesondere das 5. Kapitel ‚Gut‘, 47ff.). Halten wir fest, es geht hierbei um empirische Feststellungen, die Zimmermann detaillierter als Schaber aufgelistet hat, die als Gründe genannt werden, wann und ob eine Suizidbeihilfe als moralisch gerechtfertigt erscheint oder nicht. Diese o.e. drei (im Grunde sind es ja 5) Gründe können nun nach Schaber als gute Gründe bezeichnet werden. Es sind (nach Moore) Tatsachenfeststellungen, die eine Wertung ergeben, nämlich die, es ist moralisch erlaubt oder sogar geboten, dass einem Suizidwilligen assistiert wird, wenn die Kriterien von Zimmermann erfüllt sind. Williams ist nun der Meinung, dass über diesen naturalistischen Fehlschluss, dem er ohnehin kritisch gegenübersteht, hinweggesehen werden kann, weil es unbestreitbar so erscheint, dass „bei zahlreichen Einsetzungen für ‚x‘ in der Formel „Das ist ein gutes x“ das Wissen, was dieses x ist oder tut und was es faktisch mit diesem x auf sich hat – d.h. eine Kombination von Begriffs- und Fakteninformation-, ausreichend ist, um (zumindest im Großen und Ganzen) zu entscheiden, ob das resultierende Urteil wahr oder falsch ist“ (Williams, 55). Also erscheint ein Beziehen von Fakten auf eine Wertung als durchaus möglich und der Begriff ‚gut‘ kann als tauglich bezeichnet werden. Ob nun die Einschränkung: ‚im Großen und Ganzen‘ für eine Entscheidung von so weitreichender Bedeutung, wie sie die Suizidbeihilfe zweifellos darstellt, hinreichend ist, muss hier bei einer Rezension dahingestellt bleiben.
Fakt ist, dass dieses Buch eine Fülle an Daten und ethisch-fundierten Überlegungen bietet, die es dem an dieser Thematik Interessierten gebietet, sich das Buch anzuschaffen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Eckrich, Felicitas / Tanner, Klaus (Hg.): Forschung und Verantwortung im Konflikt? Ethische, rechtliche und ökonomische Aspekte der Totalsequenzierung des menschlichen Genoms. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2013 (Nova Acta Leopoldina, Neue Folge: Band 117, Nr. 396), 131 S., ISBN-13: 978-3-8047-3241-4, Brosch., EUR 20.95

Das Human Genom Projekt endete im Jahre 2001 erfolgreich mit der ersten vollständigen Totalsequenzierung eines menschlichen Genoms und kostete etwa 3 Milliarden Dollar. Die „next generation sequencing technology“ (vgl. S. 50) ermöglichte die Sequenzierung von 20 Genomen pro Tag zum Preis von etwa 50000 Dollar, die dritte Generation verspricht eine Sequenzierung eines Genoms in noch kürzerer Zeit für weniger als 1000 Dollar. Damit rückt eine individuelle Genomdiagnose im Falle einer Erkrankung oder im Zuge einer Vorbeugung wegen einer erblichen Anlage zur Erkrankung in ökonomische Reichweite. Eine im Zuge einer solchen Diagnostik entstehende Totalsequenzierung des Genoms eines Patienten, gespeichert als Datenfile, kann – insbesondere, wenn in den Daten auch Informationen über das Leben des Patienten, wie Ernährungsgewohnheiten, ein potentiell gesundheitsgefährdender Arbeitsplatz, sportliche Aktivitäten etc. enthalten sind, sehr wertvolles Material für medizinische Forschung sein. Viele solcher Daten (eine Biodatenbank oder kurz „Biobank“, vgl. S. 51ff.) ermöglichen es, statistische Zusammenhänge zwischen bestimmten DNS-Sequenzen, gesundheitlichen Belastungen bzw. menschlichen Verhaltensweisen und „typischen“ Erkrankungen zu erkennen.
Welchen Nutzen hat der Patient? Noch ist es Science Fiction, wenn aufgrund der Genanalyse die Ursache für einen Leberschaden in einer nicht optimalen Gensequenz gefunden wird und gleich im Krankenhaus eine optimale und verträgliche neue Leber aus eigenen optimierten Genen gezüchtet und dann implantiert wird. Hingegen schon heute denkbar sind individuell angepasste Medikamente und einiges mehr (vgl. S. 83).
Wo liegt ein Problem? Welche Gründe für ethische Überlegungen und Bedenken gibt es? Für die meisten Patienten ist der unmittelbare Nutzen noch gering, weil die gewonnene Information eine wahrscheinlichkeitstheoretische Aussage über mögliche Zusammenhänge und Gefahren ist. Wenn z.B. in einer Familie bereits mehrere Menschen unter Bluthochdruck leiden, hilft es nicht viel, wenn die Ursache dafür in einer bestimmten Gensequenz vermutet wird, statt wie bisher zu sagen ‚es liegt in der Familie‘. Wenn es um eine vererbbare Krankheitsursache geht, liegt die Versuchung nahe, den Nachwuchs genetisch zu planen bzw. zu optimieren sowie in die Keimbahn einzugreifen und die entsprechenden Gene zu ändern. Das ist bereits ein Thema für die Ethik.
Grit M. Schwarzkopf hat in ihrem einleitenden Beitrag „Ethische Grundfragen der Genomsequenzierung“ (S. 9 –24) sehr systematisch und genau zusammengefasst, welche weiteren Fragen auftauchen, wie bisher im Umgang mit Patienten und in der Forschung etablierte ethische Regeln konfligieren können und weshalb ein Bedarf zur Einzelfallabwägung besteht.
Im Beitrag „Gesundheitsökonomische Aspekte der Totalsequenzierung des menschlichen Genoms“ (S. 25 – 43) zeigen J.-Matthias Graf von der Schulenburg, Anne Prenzler und Martin Frank, dass bisher noch viel Unklarheit in der Kostenfrage steckt.
Welche Chancen und Risiken die erwähnten „Biobanken“ aus medizinischer Sicht bergen, ist Thema des Beitrages von Michaela T. Mayrhofer und Kurt Zatloukal (S. 45 –58).
Wie viel sich tatsächlich aus dem Genom über einen Menschen, seine Vorfahren und Nachkommen sowie seine Verwandten sagen lässt, ist noch nicht vollständig absehbar. Klar erkennbar ist aber schon jetzt, dass es ein großes Datenschutzproblem gibt, wenn die Daten erhoben werden (also das Genom sequenziert und die Sequenz gespeichert wird). Silja Vöneky schaut aus der Perspektive des deutschen und internationalen Rechts auf diese Problematik (S. 59 –75).
Jens Georg Reich weist bespielhaft darauf hin, wie neue ethische Fragen gleichsam nebenbei entstehen: „Oft sind es gar nicht neue Erkenntnisse, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen, sondern sie entstehen als Folge der Verbesserung, Präzisierung, Fehlerbereinigung oder Verbilligung von Methoden, die im Prinzip vorhanden waren, aber moralisch neutral eingesetzt wurden“ (S. 77).
Setzt die Genetik auch neue Normen? Dirk Lanzerath untersucht normative Probleme der Konzeptualisierung genetischen Wissens (S. 87–105). „Hat sich die Molekularbiologie von einer Spezialdisziplin zur allgemeinen Methode nahezu aller biologischen und medizinischen Disziplinen entwickelt, ist sie – jedenfalls nach Auffassung einiger Autoren – jetzt auf dem Weg zu einer neuen Form postmoderner Meta-Physik zu werden“ (S. 100).
„Gesundheit und Krankheit im Zeitalter der Postgenomik“ (S. 107–131, von Thomas Lemke) werden vielleicht künftig anders definiert, insbesondere im Hinblick auf neue Möglichkeiten in der prädikativen Medizin.
Insgesamt bietet dieser Band einen komprimierten und sachkundigen Einblick in ethische und andere Dimensionen der möglichen Folgen einer raschen und preiswerten Totalsequenzierung des menschlichen Genoms.
Jürgen Maaß, Linz