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Rezensionen

Rezensionen 2017/16

REZENSIONEN 2017/16

ETHICA 2017/1


Ropohl, Günter: Das Wesen der Wirtschaft und das Unwesen der Ökonomen. Baden-Baden: edition sigma in der Nomos Verlagsges., 2015, 187 S., ISBN 978-3-8487-2513-7, Brosch., EUR 29.00

Prof. Günter Ropohl, mit Ausbildung in Technologie, Philosophie und Soziologie, setzt sich in diesem Buch mit dem Wesen der Wirtschaft auseinander. Dabei versteht er unter „Wirtschaft“ die tatsächlichen Handlungen und Einrichtungen, mit denen Bedarfsgüter ausgetauscht werden. Die Ergründung der Wirtschaft als solche ist für den Autor hingegen eine philosophische Aufgabe, die von den Philosophen allerdings kaum wahrgenommen wird.
Auch die Mehrzahl der Wirtschaftswissenschaftler hat sich um die Einbettung des Wirtschaftens in die menschlichen Lebensbedingungen kaum gekümmert. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Wirtschaft ein zwiespältiges Wesen ist. Auf der einen Seite sind es die Aktivitäten zur Sicherung unserer Lebenssituation durch Kaufen, Arbeiten und Sparen. Auf der anderen Seite ist die Wirtschaft ein Geflecht von Organisationen, die man meist nicht kennt geschweige denn durchschaut. So hat Wirtschaft eine subjektive und eine objektive Seite, insofern die Individuen zum einen ihren eigenen Plänen nachgehen, zum andern über individuelle Organisationsformen das individuelle Handeln in bestimmte Bahnen lenken. Damit verbunden ist die Arbeitsteilung, die einen zusammenhängenden Produktionsvorgang in Teilarbeiten gliedert und jede einzelne Teilarbeit einer bestimmten Person bzw. Maschine überträgt. Dabei erklärt sich der Wert einer Ware vor allem mit dem persönlich zu erwartenden Nutzen, den sich ein Käufer davon verspricht. Durch diese Subjektivierung des Wertes der Arbeit ist Letztere jedoch als Wertschöpfungsfaktor in den Hintergrund getreten. Geld ist zum Aushängeschild der Wirtschaft geworden, doch spiegelt Geld wider, was Menschen tun, um ihren Bedarf zu decken.
Seit Teile der Arbeit von Maschinen übernommen werden, sehen einige sogar das Ende der Erwerbsarbeit gekommen, was aber nicht auch schon das Ende der Arbeit bedeutet. Erwerbsarbeit ist nämlich nicht das ganze Leben.
Die Technik ist jedenfalls ein Mittel zur Kapitalakkumulation und Geld ist zu einer Ware geworden, die sich durch Verleihen sozusagen selbstständig vermehrt. Zinseinnahmen werden zum Einkommen ohne Arbeit, das durch den Zinseszins noch gesteigert wird. Allerdings bergen diese finanziellen Verfahren der Geldvermehrung den Keim krisenhafter Entwicklungen, wie der Immobilien-Kollaps in den USA gezeigt hat. Verschuldete Hauseigentümer konnten die Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen und sahen sich zu Notverkäufen gezwungen. Die Immobilienpreise fielen dramatisch und die Forderungen an die involvierten Banken konnten nicht mehr eingelöst werden.
In der modernen Wirtschaft tauscht man nämlich nicht nur Waren gegen Geld und Geld gegen Zins-Geld, sondern man tauscht auch zunehmend Geldforderungen gegen Geld. Auf diesem Weg können die Vermögensverhältnisse enorm gesteigert werden. So soll 1 Prozent der Menschen mit 110 Billionen Dollar die Hälfte des Reichtums dieser Welt besitzen. Dabei müssen die Reichen paradoxerweise Kapital abgeben, um für den gewinnbringenden Absatz ihrer Produkte auf eine entsprechende Kaufkraft zu kommen. Das ist das Gesetz des konsumistischen Kapitalismus, was besagt, dass sich die Geldspekulation von der Realwirtschaft völlig abgelöst hat.
Hingegen ist es das Ziel der Unternehmen, Bedarfsgüter hervorzubringen, die von an-
deren Wirtschaftseinheiten nachgefragt werden. Als vorrangiges Unternehmensziel gilt dabei die Rentabilität. So ist heute selbst im modernen Haushalt die Entwicklung dadurch gekennzeichnet, dass der Kauf extern hergestellter Güter gegenüber der Eigenproduktion gewonnen hat.
Die Vorstellung, die menschlichen Bedürfnisse wären unbegrenzt, wird mit der Vorstellung des Mehrens von Waren verbunden, was nach vielen Ökonomen ein menschlicher Urtrieb sei. Nun gibt es nach Ropohl auch Menschen, die mit dem, was sie haben, vollkommen zufrieden sind. Damit will der Autor das Wachstum allerdings nicht grundsätzlich verneinen, zumal Wachstum, wenn es allen schlecht geht, Abhilfe schaffen kann. Man müsse aber nicht grundsätzlich ständig Mehrung erstreben. Ist ein erreichter Zustand zufriedenstellend, sollte nur noch dieser Bestand aufrechterhalten bleiben.
Der Hinweis, dass der Vatikan die Begrenzung des Bevölkerungswachstums auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 durch ein Veto verhindert habe, ist allerdings ungenau, weil der Vatikan nur gegen eine rein technische Bevölkerungsbegrenzung ist, da er auf eine verantwortete Elternschaft baut. Dies deckt sich schließlich auch mit der Ropohls Aussage: „Wer nur in monetären Quantitäten denken kann, vermag menschliche Lebensäußerungen, die sich vor allem durch ihre besondere Qualität auszeichnen, natürlich kaum zu begreifen.“ (S. 176)
Das Buch gibt einen aufgefächerten und allgemein verständlichen Einblick in das Wesen der Wirtschaft mit einer Schlussattacke gegen die Ökonomen in einem unterschwelligen sozialen und antikapitalistischen Ton. Ein Literaturverzeichnis mit Nennung ausgewählter Klassiker und neuerer Quellen sowie ein Personenregister beschließen die informative Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften: Sozialethik der Pflege und Pflegepolitik. Münster: Aschendorff, 2016 (Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften; 57), 391 S., ISBN 978-3-402-10989-2, Brosch., EUR 38.00

Der vorliegende Sammelband enthält auf 391 Seiten 19 fachbezogene Beiträge zur Thematik der Pflege. Dass dies ein hochaktuelles Thema in westlichen Industriestaaten mit einer immer älter werdenden und langlebigeren Gesellschaft ist, braucht hier wohl nicht näher begründet zu werden. Die Hauptlast dieser Pflege-Arbeit trägt zwar immer noch die Familie, aber die Richtung zeigt eindeutig, dass zunehmend gesellschaftliche, seien es nun staatliche oder privat-, d.h., profitorientierte Trägerorganisationen, diese Aufgabe übernehmen. Hier tut sich, wie der Sammelband überzeugend darlegt, eine Vielzahl von Problemkreisen auf, die an dieser Stelle gar nicht alle aufgezählt werden können. Dabei werden nicht nur ethische Fragestellungen thematisiert, sondern auch, wie vor allem aus bundesdeutscher Sicht dargestellt und erläutert wird, eine Reihe von Problemen, die sich auf der politischen bzw. finanzierungstechnischen Seite ergeben.
Immer wieder tönt auch an, dass dem Beruf der Pflege, insbesondere von älteren Menschen, die dafür notwendige Anerkennung und Wertschätzung – nach wie vor – vorenthalten wird. Die Pflege stellt kein Berufsfeld dar, zu dem sich die Massen Arbeitswilliger drängen. So ist es denn auch nicht erstaunlich, dass in diesem Bereich fast ausschließlich Frauen arbeiten, die zu einem nicht zu unterschätzenden Teil aus Osteuropa, aber auch aus Asien kommen. Im Buch wird hierbei von sogenannten live-ins gesprochen. Das sind Arbeitskräfte, welche die Pflegearbeit bei den alten Menschen zu Hause verrichten. In der Schweiz kennen wir hierfür den Begriff der Spitex. Es haben sich aber auch hier mittlerweile Firmen etabliert, die auf rein profitorientierter Basis diese live-ins-Dienste anbieten.
Ein weiterer Punkt soll hier noch Erwähnung finden, nämlich der, dass die Vulnerabiliät des Klientels nicht allein bei diesem zu suchen ist, sondern oft in den gesellschaftlich-politischen Gegebenheiten. Es geht nicht um die Verletzlichkeit des alten Menschen als solche, sondern um die Verletzlichkeit, die systembedingt ist und verändert werden könnte. Davon handelt dieses Buch.
Es ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil ist mit ,Sozialethik der Pflege und Pflegepolitik‘ überschrieben und enthält drei Unterbereiche: a) Ouvertüre, 4 Beiträge, b) Forschungsbeiträge, 6 Beiträge und c) Literaturüberblick, 1 Beitrag. Der zweite Teil heißt: Forschungsbeiträge zur Sozialethik und enthält 2 Beiträge. Der dritte Teil trägt den Titel: Christlich-sozialethisches Denken und Arbeiten in Europa / Thinking and Doing Christian Social Ethics in Europe und enthält einen Beitrag aus Irland. Der vierte Bereich enthält Berichte und Mitteilungen über stattgefundene Tagungen sowie über Qualifikationsarbeiten in der deutschsprachigen katholischen Sozialethik. Dabei werden Arbeiten aus Deutschland und Österreich berücksichtigt.
Wer sich mit Pflege im umfassenden Sinn beschäftigt bzw. beschäftigen muss, wird nicht umhinkommen, sich diesen Sammelband zuzulegen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Witschen, Dieter: Ethischer Pluralismus. Grundarten – Differenzierungen – Umgangsweisen. Paderborn: F. Schöningh, 2016, 129 S., ISBN 978-3-506-78222-9, Brosch., EUR 19.90

Das Buch, wie es der katholische Theologe W. vorgelegt hat, räumt vor allem mit der terminologischen Unordnung in der Debatte um ethischen Pluralismus auf. In einer Vielzahl von Differenzierungen skizziert es sinnvolle und problematische Redeweisen des ethischen Pluralismus. Während W. dabei zunächst eine deskriptive Redeweise vom moralischen Pluralismus, die eine Vielstimmigkeit als Faktum konstatiert (Kap. II, 15 –23), von einer normativen Begründung (III, 24 – 69) abgrenzt, geht er dann näher auf eine Pluralität von Tugendethiken ein (IV, 70 –105), bevor er abschließend (V, 106 –129) einen „fundierten Pluralismus“ als Lösung zum Umgang mit der moralischen Vielstimmigkeit anbietet. Darunter versteht er eine Pluralität unter „Anerkennung allgemeingültiger Regeln“ (114).
Viele Differenzierungen des Buches sind klug und situationsrelativ eingefasst. Wer sich mit dem Phänomen des ethischen Pluralismus beschäftigt, wird sich häufiger in der Darstellung des Dickichts, aber auch in der Zurückhaltung gegenüber einer voreiligen Emphase für pluralistische Konzepte bestätigt fühlen. Gleichwohl ist W’s Versuch, Ordnung in ein unübersichtliches Terrain zu bringen, mit neuen Unschärfen erkauft. Das dürfte zwar der Kürze des Buches geschuldet sein; aber gerade dann hätte sich W. für eine umfassendere Darstellung entscheiden sollen. Viele methodische Entscheidungen bleiben nun im Dunkeln, so z.B. die Feststellung, metaethische Beobachtungen seien nur hin und wieder in das Buch eingeflossen (14, 131). Sollen damit die vorgenommenen Differenzierungen normativ zu verstehen sein? Dann bleibt der Leser auf Verdachtsmomente angewiesen, welche normative Leitperspektive W. einnimmt. Die Behauptung, dass in der Ethik „Geltungsgründe“ (46) stechen, übergeht aber unbegründet die Situationsethik und den Emotivismus. Ebenso fehlen die Gründe für die Behauptung, dass in einer ethischen Diskussion „Nominaldefinitionen“ (48) einzuführen sind, damit man sich in „neutraler Sprache“ (ebd.) verständigen kann. Dahinter steckt die unbegründete Unterstellung, dass eine sprachliche Ambiguität vermieden werden kann (etwa auch 69, 90).
Ich vermute dahinter einen ethischen Realismus. Ausdrücklich spricht W. davon, dass es „moralische Universalien … gibt“ (17, Herv. D.W., 33). Das Universalisierungsprinzip wird formallogisch begründet, dass es keinen Individualbegriff enthalten dürfe (32). Zwar sind moralische Erfahrungen „nicht in gleicher Weise objektivierbar wie empirische Einsichten im Feld der Naturwissenschaften“ (21), so dass die ethische Realität einer hermeneutischen Zugangsweise bedarf (ebd.). Daraus folgt aber offenbar nicht, dass sie überhaupt nicht objektivierbar wäre.
Wie sich Realismus und Hermeneutik zueinander verhalten, zeigt sich in der Darstellung der Gründe, warum trotz eingehender Diskussion ein Dissens bestehen bleiben kann (47–52). Während die meisten dieser Gründe technisch sind (sprachliche Ungenauigkeiten oder unterschiedliche Prognosen), nennt W. einen substanziellen Grund, nämlich unterschiedliche „metaphysische oder religiöse Annahmen“ (51). Wie sich solche Differenzen allerdings ausräumen lassen, bleibt wieder dem Leser überlassen. Im Realismus gäbe es hierzu zwei Optionen: Entweder bilden unterschiedliche religiöse Perspektiven jeweils verschiedene hermeneutische Zugänge zur Realität; dann wäre zu klären, ob solche Zugänge selbst ein Teil der zu erkennenden Realität sind (so anscheinend 42, wo die hermeneutische Vermittlung moralischer Äquivalente in den Weltanschauungen unterstellt wird) oder sie immer nur konstruieren. In beiden Fällen freilich wäre ein ethischer Pluralismus unausweichlich, der über einen fundierten Pluralismus hinausgehen würde. – Oder religiöse Perspektiven betreffen nur moralische Zusätze, „supererogatorische Handlungen“ (84) die zwar gelobt, aber deren Unterlassung nicht getadelt werden dürfte. Immerhin versteht W. theologische Tugenden (91) und religiöse Ideale (103) in diesem Sinn als Superadditum analog zur römisch-katholischen Zwei-Stufen-Ethik.
So sehr sich daher bei mir während der Lektüre der Eindruck eines ethischen Realismus als Leitperspektive des Buches verfestigt hat, so sehr habe ich die Begründung eines solchen vermisst. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem moralischen Pluralismus als eines Relativismus oder Partikularismus ist der bloße Verweis auf scheinbare Selbstverständlichkeiten („evident“, 12, vgl. 34) zirkulär. So muss die Prämisse von Relativisten nicht geteilt werden, dass ein Handlungsgrundsatz keine Individualbegriffe (32) enthalten dürfe, weil sie die Existenz von Universalien leugnen könnten. W. brandmarkt Partikularisten nur klischeehaft als Rassisten oder Chauvinisten (ebd.). Subtiler wäre eine Diskussion mit feministischen Ansätzen oder Tierschützern gewesen, die partikulare Begründungsmuster in Anspruch nehmen. Zudem tut W. einem Universalismus keinen Gefallen, wenn er ihn mit einem geheimen ethischen Realismus paart, so als ob diese metaphysische Vorentscheidung geschluckt werden müsse, um einen grundlegenden ethischen Konsens zu ermöglichen. Umgekehrt werden weder alle Universalisten noch alle grundierten Pluralisten der Differenz von Moral und Sitte zustimmen (26): „Was für Frauen und Männer bei welcher Gelegenheit als jeweils angemessene Kleidung angesehen wird“, sei angeblich „moralisch kein Problem“ (ebd.). Angesichts der Diskussion um Kopftuch- und Burkaverbot wüsste man hier gerne mehr, nämlich ob damit eine Tyrannei der Sitte bar moralischer Gründe über Kleidungsvorschriften entscheiden darf oder ob umgekehrt Kleidungsverbote illegitime moralische Übergriffe darstellen. W’s Realismus dürfte der Sitte jedoch in beiden Fällen einen ontologischen Status zuschreiben.
Angesichts der onto-logischen Perspektive des Buches irritiert es, dass der Art-Begriff (z.B. 7, 12, 13, 24, 32, 53), den W. für Unterscheidungen innerhalb des Pluralismus heranzieht, mehrfach äquivok verwendet wird: Er kann die Aufteilung in verantwortet / dogmatisch (12), deskriptiv / normativ /tugendethisch (13f), universalistisch / partikularistisch (31f.), statisch / dynamisch (53) meinen. Solche Äquivozitäten gehen zu Lasten der sonstigen Feinsinnigkeit von Differenzierungen, übrigens ebenso wie beim Begriff der „Ebene“ (13, 18, 29).
Warum der Tugendethik ein eigenes Kapitel zu widmen ist, wird zwar damit begründet, dass sie eine Grundart des ethischen Pluralismus sei (14). Kapitel IV. beschreibt aber eher tugendethische Ansätze als ihren pluralistischen Grundzug. Erst vom letzten Kapitel wird die tugendethische Präzisierung deutlich: W’s grundierter Pluralismus setzt letztendlich auf die Tugend der Toleranz (123). Dabei wird Toleranz nicht normativ begründet, sondern in Seinsaussagen beschrieben (125–128): Der tolerante Mensch ist selbst ein ethischer Realist, weil er sich an der „Prüfung der Realitäten“ (127) orientiert.
Lukas Ohly, Frankfurt

Wedler, Hans: Suizid kontrovers. Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft. Stuttgart: Kohlhammer, 2017 (Horizonte der Psychiatrie und Psychotherapie – Karl Jaspers-Bibliothek; 3), 148 S., ISBN 978-3-17-031046-9, Brosch., EUR 26.00

Prof. Dr. med. Hans Wedler, Facharzt für Innere Medizin und Psychotherapeutische Medizin, ehem. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), legt hier seine Wahrnehmungen zum Thema Suizid in Medizin und Gesellschaft vor.
Wie bekannt, wird der Suizid heute in fast allen gesellschaftlichen Kreisen, einschließlich der Medizin, negativ gewertet und ist in vielen Staaten sogar strafrechtlich verboten. Andererseits wird er bisweilen als die dem Menschen einzig adäquate Form der Lebensgestaltung gepriesen.
Zu den Personen, die als besonders suizidgefährdet gelten, zählt man psychisch Kranke, ältere Menschen und hier vor allem Männer, Arbeitslose sowie rassisch, religiös und politisch Verfolgte und ihrer Umgebung Entwurzelte. Dabei begeht jemand Selbstmord selten aus Überlegung, sondern aus emotionaler Verengung, wenngleich sich fast jeder vor der suizidalen Handlung in irgendeiner Weise mitteilt, was durch eine Reihe von Fällen belegt ist. So schreibt z.B. Heinrich Kleist: „... die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“
Die Option zum Suizid besteht für den Menschen ein Leben lang, für das Kind zumindest ab dem Erwachen des Todesverständnisses.
Wegen seiner individuellen und gesellschaftlichen Vielschichtigkeit ist der Suizid auch vielfach Thema in Literatur und bildender Kunst. Die Medien berichten in bestimmten Fällen in besonderer Aufmachung und Ausführlichkeit. Dabei wird der Freitod nicht selten als die Höchstform menschlicher Autonomie gepriesen. Angesichts der Einengung des Denkens und Empfindens bei der Vorbereitung und Durchführung des Suizids darf die Betonung der diesbezüglichen Autonomie durchweg in Frage gestellt werden.
Was die Formen selbstbestimmten Sterbens betrifft, so bewegen sich diese von demonstrativer öffentlicher Selbsttötung bis hin zu den ausgeklügeltsten Formen der Vertuschung.
Nach diesen Beschreibungen geht der Autor auch auf die viel diskutierte Form der Suizidassistenz ein, die in einigen Ländern schon lange praktiziert wird. In Deutschland z.B. ist nach den Bundestagsbeschlüssen vom 7. November 2015 die ärztliche Beihilfe zum gemeinsamen Suizid zweier alter Menschen erlaubt, sofern sie nicht geschäftsmäßig erfolgt.
In diesem Zusammenhang wird auch die Palliativversorgung am Lebensende angesprochen. Es geht hier nicht mehr um Heilung, sondern lediglich um Linderung der durch die Krankheit ausgelösten körperlichen und seelischen Beschwerden, einschließlich der Erleichterung des Sterbens.
Man unterscheidet heute zwischen Sterbebegleitung in Form von pflegerischer Grundversorgung, Sterbeerleichterung in Form von Palliativbehandlung und Sterbebeschleunigung in Form von ärztlich assistiertem Suizid. Was die Suizidassistenz betrifft, so ist die diesbezügliche Diskussion weltweit gegeben. Katholische Kirche, Islam und Judentum lehnen sie ab, die evangelische Kirche erklärt sich hier nicht eindeutig. Auf jeden Fall ist das Tötungsverbot die Basis für jede Form sozial gestalteten Lebens. Allerdings kennt es gewichtige Ausnahmen. Das Töten des Feindes z.B. ist ein gesellschaftlich anerkanntes Kriegsziel und heute auch ein Mittel der Wahl bei der Terrorbekämpfung und zur Wahrung der öffentlichen Ordnung, wenngleich mit definierten Einschränkungen. Daher kommen eine Aufhebung des Tötungsverbotes im Rahmen der Sterbehilfe und generell die gesellschaftliche Tolerierung des Suizids in den Augen vieler einer Verletzung der Menschenwürde gleich. Zudem setze, so die weitverbreitete Meinung, eine vom Staat legitimierte und gesetzlich geregelte Sterbebeschleunigung das falsche Signal an die Gesellschaft.
Von psychiatrischer Seite wird darauf verwiesen, dass die meisten Menschen, die einen Suizid in Erwägung ziehen, an Depressionen leiden und psychisch krank sind.
Am Schluss geht der Autor noch auf die Suizidprävention ein und stellt fest, dass weder durch gute Ratschläge noch mit Zwang ein Mensch dauerhaft vom Wert des Weiterlebens überzeugt werden kann.
Wirft man nach diesen kurzen Inhaltsangaben einen Blick auf das Buch als Gesamtes, so beindrucken Abgewogenheit, Fachlichkeit und Vielschichtigkeit der Argumentation mit den zahlreichen historischen Beispielen. Ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister beschließen diese sehr informative und fachliche Arbeit zu einem der schmerzvollsten Themen des menschlichen Lebens.
Andreas Resch, Innsbruck

Zur Nieden, Christiane: Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Eine Fallbeschreibung. Frankfurt a. M.: Mabuse 2016, ISBN 978-3-86321-287-2, Brosch., 171 S., € 19.95.

Dieses populär geschriebene Buch ist nicht nur ein Sterberatgeber. Es eröffnet auch ein ethisches Thema, das selten so offen diskutiert wurde wie hier, nämlich die Frage, auf welche Art und Weise wir selbst sterben möchten. Das ist eine sehr persönliche, aber dennoch eine ethische Frage, die dann wirklich in den Vordergrund rückt, wenn wir damit konfrontiert sind, dass unser Leben bald enden wird. Wie soll aber eine Frage, die doch letztlich nur eine Person (jeweils „mich“) angeht, eine Frage von moralischer Bedeutung sein? Erstens deswegen, weil das Sterben das gesamte Leben betrifft. Und zweitens, weil in den Gedanken und Handlungen andere involviert und direkt oder indirekt von ihnen betroffen sind.
Es gibt verschiedene Arten des mehr oder weniger selbstbestimmten Sterbens. Und es gibt das Sterben ohne Selbstbestimmung über den Zeitpunkt. Wenn Sterben im medikalisierten Raum stattfindet, ist meistens irgendeine Möglichkeit gegeben und es sind Entscheidungen darüber erforderlich, wie die Umstände des Sterbens mitgestaltet werden sollen. Sterbefasten ist einer dieser möglichen Wege. Er beinhaltet den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Es ist rechtlich gesehen einwandfrei und bietet sich auch in Ländern als Möglichkeit an, die ansonsten restriktive Gesetzgebungen für das assistierte Sterben aufweisen. Aber nicht nur dort ist das ein Thema: In den Niederlanden – bekannt für eine sehr liberale Gesetzgebung am Lebensende – starben 2010 rund 2800 Menschen mit Sterbefasten (eine Studie ist zitiert auf S. 130).
Wenn man das tun möchte, braucht es einiges Know-how: Es geht z.B. um die richtige Mundpflege, um eine gute Schmerztherapie, um eine Rund-um-die-Uhr-Fürsorge durch Familienangehörige nach spätestens 4 –5 Tagen u.v.m. Davon handelt das Buch. Es ist mit der 25-jährigen Erfahrung einer Sterbe- und Trauerbegleiterin geschrieben, die viele Menschen mit Sterbefasten bis zum Tod begleitet und unterstützt hat. Sie weiß, wie das alte Menschen machen können. Deutlich warnt sie vor Illusionen: Für Jüngere Menschen, die sterben möchten, ist es kein möglicher Weg. Auch bei alten Menschen kann man nicht wissen, wie lange es genau dauern wird, bis das Leben auslöscht. Nur so viel ist klar: Je weniger Flüssigkeit, desto schneller wird es gehen. Die Autorin schreibt davon, dass es körpereigene Prozesse gebe, die alten Sterbenden helfen, den Prozess auszuhalten: bei manchen Betroffenen entstehe eine Schläfrigkeit durch den erhöhten Harnstoffgehalt im Blut wegen einer Nierenunterfunktion. PalliativmedizinerInnen, die ich gefragt habe, sagen aber, dass das in einigen Fällen auch zu Unruhe führen kann. Medizinisch ungeklärt sei, ob es stimmt, wie im Buch behauptet wird, dass es zu einer Ausschüttung von Endorphinen führt, die heiter stimmen.
Das Buch klärt auch über die rechtlichen Begleitumstände auf: Die Abgrenzung zum assistierten Suizid, der Sinn einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht werden erklärt, sowie die in Deutschland notwendige Modifikation der Garantenpflicht des behandelnden Arztes.
Was mich beindruckt hat an diesem Buch, ist die Aufmerksamkeit, die es den moralischen Implikationen des Sterbefastens für die Beteiligten schenkt. Zuerst geht es schon einmal darum, wie man diese Handlung der Hilfe, die Menschen einem Sterbefastenden zuteil werden lassen, richtig beschreibt. Die Helfenden helfen mit, so formuliert zur Nieden, „die sterbewillige Person sterben zu lassen“ (S. 30). Es gibt Verhandlungen zwischen der sterbenden Person und den Helfenden über Fragen der Schuld. Die sterbende Person möchte oft die Angehörigen von Schuld an ihrem Sterben freisprechen. Die unterstützenden Angehörigen fragen sich, ob sie ein Recht haben, die Hilfe abzulehnen, d.h. im Endeffekt der sterbenden Person ein Leben, das sie selbst nicht mehr als lebenswert empfindet, aufzuzwingen (S. 36).
Ist das Buch suggestiv, weil es mit der als schwierig aber letztlich als positiv beschriebenen persönlichen Sterbeerfahrung der Mutter der Autorin einsetzt? Ich hatte diesen Eindruck nicht. Es nimmt zwar für die Position Partei, dass Sterbefasten eine reale Möglichkeit des selbstbestimmten Sterbens ist, die man nicht aus moralischen Gründen von vornherein ausschlagen soll. Aber es argumentiert nicht dafür, es so zu tun oder das anderen zu empfehlen.
Es wirft einige wichtige Fragen einer existenziellen und religiösen Ethik auf: Haben wir Menschen ein Recht dazu, den Tod einzuladen, wenn das Leben am Lebensende nicht mehr lebenswert ist? Mit welchem Recht können wir das anderen Menschen verweigern, die durch konsequentes Fasten diese Einladung aussprechen möchten? Kann es uns Gott verweigern? Wie müssten wir uns Gott denken – das heißt, in welchem Verhältnis uns gegenüber – wenn wir argumentierten wollten, dass er uns das in jedem Fall verweigert?
Eine andere Frage, welche die Ethik im Gesundheitswesen beschäftigen müsste, ist die: Wie krank muss man sein, um mit Sterbefasten sterben zu dürfen? Muss man eine „vorzeigbare“ Krankheit haben wie etwa Krebs oder ein Organversagen, oder reicht es aus, dass ein langes Leben gelebt ist und fortan wegen vieler Beschwerden nicht mehr sinnvoll scheint? Sollen Hospize und Palliativstationen oder auch ambulante Palliativteams Menschen, die sterben möchten, ohne an einer vorzeigbaren Krankheit zu leiden, sondern nur sehr alt und sehr gebrechlich sind, wenn sie das ausdrücklich und nachhaltig wünschen, auf dem Weg des Fastens bis zum Tod unterstützen? Das sind Nagelproben für unser moralisches Verständnis des Todes.
Christoph Rehmann-Sutter, Basel / Lübeck

Maio, Giovanni: Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung. Freiburg i. Br. u.a.: Herder, 2015, 223 S., ISBN 978-3-451-30687-7, Geb., EUR 19.99

Das Buch ist ein Plädoyer für die Zuwendung von ÄrztInnen zu kranken Menschen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, über die kein Buch geschrieben werden müsste, wenn sie nicht in unserem durchrationalisierten, ökonomisch geprägten Gesundheitssystem zunehmend verloren ginge bzw. schon verloren gegangen ist. Der Autor begründet mit leisen Tönen, dafür umso überzeugender, warum Zuwendung der Kern ärztlicher, psychotherapeutischer und pflegerischer Praxis ist. Dazu analysiert er die Begriffe Annehmen, Vertrauen, Hoffen und Verstehen.
Das Buch beginnt mit Überlegungen zu, „wenn das Verstehen des Patienten zur Nebensache wird“. Credo dieses Teiles ist ein Zitat von Ruth C. Cohn: „Keine Methode ersetzt persönliche Wärme, Toleranz und positive Einstellung zum Menschen“. Entsprechend wird die Betrachtung (und Realität) der modernen Medizin als Industriebetrieb in Frage gestellt.
Der zweite Abschnitt ist eine „kleine Phänomenologie des Krankseins“. Analysiert werden folgende Beispiele: chronischer Schmerz, Krebs, Demenz und der sterbende Mensch. Während chronischer Schmerz und Krebs Herausforderungen an eigene Einstellungen darstellen (die ausführlich beschrieben werden), sei Demenz eine Herausforderung an die Gesellschaft, die nächsten Angehörigen und die Helfenden. Ähnliches gelte für die Zuwendung zum sterbenden Menschen. Dieser Teil beginnt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen ein primäres Verständnis von Suizid als Freiheit. Es gehe nicht um die Frage, ob der Einzelne wohlüberlegt handle (der Suizid also eine Klugheitswahl sei), sondern es sei die Frage nach der Not des Menschen zu stellen, der es in Erwägung zieht, sich selbst zu töten.
Der dritte Abschnitt befasst sich mit „Annehmen zu lernen“; warum Vertrauen nicht einklagbar ist, der Bedeutung von Hoffnung für die moderne Medizin und wie der kranke Mensch verstanden werden kann. In diesem Teil führt Maio seine andernorts begonnenen Überlegungen (Abschaffung des Schicksals, 2011) zum modernen Verständnis von Schicksal fort. Entscheidend ist für ihn „die Anerkenntnis dessen, dass es etwas gibt, was sich dem Entscheidungs- und Verfügungsbereich des Menschen entzieht… Das Schicksal widerfährt einem ohne erkennbaren Sinnzusammenhang. Es bricht als etwas Unerklärliches über uns herein … Der unvorhersehbare Einbruch von Schicksal konfrontiert den Menschen mit der Fremdheit der Welt und lässt die Empfindung der Willkür und des Ausgeliefertseins in ihm aufkommen“ (S. 113/114).
Es folgen Überlegungen zur Bedeutung von Vertrauen und Hoffnung in unserem Leben und ein letzter Abschnitt zum Thema Zuwendung. Das Buch schließt mit einem Personen- und Stichwortverzeichnis.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Schlegel, Johann Ulrich: Der Terror und die Freiheit. Reaktion, Philosophie und die zurückgekehrte Religion. Baden-Baden: Nomos, 2016, 182 S., ISBN 978-3-8487-2527-4, Brosch., EUR 29.00

Vorliegendes Buch wendet sich nicht an „abgehobene pädagogische Theoretiker“ (17), es ist vielmehr ein am Beispiel orientiertes Buch eines Pädagogen, der in einer Zeit der zunehmenden Spezialisierung eine „wiedergeborene Kultur der Besinnung auf das Wesentliche“ (18) einfordert.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. In einem ersten Teil (13–94) wird anhand verschiedener Beispiele auf Wege unterschiedlicher Denker hingewiesen, in Staat und Gesellschaft mit Krieg und Frieden umzugehen. Diese Philosophie des Politischen wird in einem zweiten Teil (95–182), in Rekurs auf die Entwicklungen jüngster Zeit, auf eine politische Theologie hin transformiert.
Beispiele, so der Autor, offenbaren das Wesentliche. Zu den großen Denkern, die anhand ihrer Texte Wesentliches offenbarten, zählt Schlegel im ersten Teil etwa in persona Nietzsche, Mirandola und auch Kant. In Nietzsches Denken seien zwei Aussagen von größter Tragweite, teilt uns Schlegel mit: Diagnose und Prophetie (22–25). Die Diagnose liegt in der Erkenntnis des Todes Gottes, die Prophetie führt in den anbrechenden Nihilismus. Denn, so lesen wir, „in einer entgöttlichten Welt, in der es kein Jenseits mehr gibt, können auch unsere überlieferten Anschauungen nicht mehr stimmen. Wahrheit und Lüge, Wissenschaft und Kunst, Völker und Vaterländer verlieren ihren bisherigen Sinn, aber die neue Rolle des Menschen ist noch nicht durchgedacht“ (23). Mirandolas Beispiel ist ein anderes. Schlegel liest Mirandola als Denker des Übergangs. Ein Denker, der sowohl die Freiheit des Menschen erkennt als auch auf die Würde des Menschen, seine Bürde, nicht vergisst. Die umfangreichste Auseinandersetzung findet sich in dem Beitrag über Kant (38 – 61). Kant wird als Denker gesehen, der sich der Aufklärung annahm und diese durch die Zerstörung der Gottesbeweise auch überwand. „Nachdem Kant erst einmal Gott aus der Welt der Gelehrten zu streichen vermochte“, so schreibt der Autor, „füllte er die entstandene Lücke geschickt mit der für den Einzelnen noch schmeichelhaften Krone der eigenen Vernünftigkeit und der Selbständigkeit“ (52). Doch wo führt uns dieses allbekannte Diktum des „Sapere aude!“ hin, setzt es nicht letztlich technokratische Prozesse mit gesellschaftlichen gleich? Ist es nun nicht einfach, die Überwindung Gottes durch den eigenen Verstand ideologisch zu kompensieren, sich im Nihilismus einzubetten oder die innere Leere durch „pseudoreligiöse Ersatzkulte wie den … Marxismus in Russland und den Faschismus in Italien und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (55) auszufüllen? Schlegel bejaht dies und plädiert für die Hinzunahme eines misstrauischen „Homo homini lupus est“. Der Ausweg finde sich darin, wo Metaphysik noch bestehe, nicht im alternden Westen, sondern in der aufstrebenden islamischen Welt.
Der zweite Teil befasst sich mit besagter Transformation hin zu einer politischen Theologie. Es sei eben die Religion als Bereich des Metaphysischen, die heute zu neuer Blüte gelange. Dies bringe einerseits Gefahren mit sich, biete andererseits aber zugleich eine Lösung an. Eine Lösung, wie sie etwa in der Theologie des Katholizismus und des Protestantismus, die über Jahrhunderte gereift ist, vorgefunden werden kann. Ihre Erfahrungen seien es, die gerade im aktuellen Alltag „die Menschen vor großen Gefahren bewahren können“ (96). Diesbezüglich führt Schlegel nun auch im zweiten Teil einige Beispiele an.
Mir bleibt festzuhalten: Man kann Schlegels Buch mit Gewinn lesen.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Rosenberger, Michael / Schaupp, Walter (Hrsg.): Ein Pakt mit dem Bösen? Die moraltheologische Lehre der „cooperatio ad malum“ und ihre Bedeutung heute. Münster: Aschendorff, 2015 (Studien der Moraltheologie. Neue Folge; 5), 246 S., ISBN 978-3-402-11929-7, Brosch. , EUR 39.00

Das Böse ist immer und überall – sangen einst die Musiker der Gruppe EAV. Wenn das so ist, stellt sich unmittelbar die Frage, ob und wie es sich für die Guten vermeiden lässt, zum Bösen beizutragen bzw. wie welche Art von Beitrag zu bewerten ist. Die Frage wird weitaus dringender und relevanter, wenn bedacht wird, dass es dabei nicht „nur“ um privates Verhalten geht, sondern auch um die berufliche Mitwirkung in Firmen und Institutionen, deren Aktivitäten – oft erst im Nachhinein – als Beitrag zum Bösen erkannt werden, wenn es schon (fast) zu spät ist. So kann sich etwa ein mit der Absicht, etwas Gutes zu tun, geleisteter Beitrag zur Grundlagenforschung Jahre später als Ausgangspunkt für eine neue Massenvernichtungswaffe erweisen.
Die Herausgeber des Buches weisen in der Einführung mit Nachdruck auf die Relevanz der Thematik hin und zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich eine „cooperatio ad malum“ sowohl in der theologischen als auch in der gerichtlichen Praxis interpretiert und geahndet wurde. „Von den rund 6.500 SS-Männern, die in Auschwitz-Birkenau Dienst taten, wurden nur 45 vor Gericht angeklagt. Mitglieder der Lager-Fahrbereitschaft, die Gefangene bis vor die Tür der Gaskammern fuhren, wurden als „kleine Handlanger“ freigesprochen – anders als die Fahrer von Bankräubern, die mit steter Regelmäßigkeit wegen Beihilfe zum Raub zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden“ (S. 10). Zur kirchlichen Seite: „Eine moraltheologische Aufarbeitung der Mitwirkung in Auschwitz und im Nationalsozialismus insgesamt ist aber bis heute nicht zu erkennen. Hier hat sich das Fach ähnlich gedrückt wie die Instanzen des Rechtsstaates. Doch nicht nur vergangenheitsorientiert lässt die Anwendung und Weiterentwicklung der Cooperatio-Lehre zu wünschen übrig. Auch in den aktuellen Zukunftsfeldern der Individual- und Sozialethik spielt sie im deutschen Sprachraum keine Rolle. Dabei sind ethisch sensible Kooperationen heute häufiger als je zuvor: Zwischen Kirche bzw. kirchlichen Organisationen und demokratischem Rechtsstaat; zwischen unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteuren; auf den Gebieten von Politik und Politikberatung; im Bereich von Wissenschaft und Forschung; zwischen Non-Profit-Organisationen usw“ (S. 11).
Die im Buch versammelte Prominenz von Professoren der (Moral-)Theologie beginnt ihr gemeinsames Werk mit deutlicher Selbstkritik und weitreichender Programmatik! Wie soll das Buch diesem Anspruch gerecht werden? Im viertem Abschnitt der Einführung wird der Gesamtaufbau vorgestellt: Im ersten Teil „soll eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte die bisherige Lehre von der Mitwirkung entfalten und differenzieren. Im zweiten wird auf dieser Grundlage eine systematische Reflexion durchgeführt und auf den Prüfstand gestellt. Schließlich wird der dritte Teil konkrete Anwendungsfelder der Cooperatio-Lehre beleuchten“ (S. 15).
Der sehr differenzierten und engagierten Argumentation in allen drei Teilen kann eine Rezension schon aus Platzgründen nicht gerecht werden. Wer sich auch nur ein wenig für die Thematik interessiert, wird die aufgewendete Zeit zum Lesen und Nachdenken über das Buch nicht bereuen, sondern genießen. An einem einfachen Beispiel lässt sich die Schlussfolgerung der Herausgeber, fünf Kategorien, zwei der formalen und drei der materialen Mitwirkung zu unterscheiden, gut mitvollziehen. „Die Grundstruktur der Lehre von der Mitwirkung mit ihrer Unterteilung in zwei plus drei Kategorien trägt auch heute noch und kann die anstehenden ethischen Fragen durchaus lösen. In der konkreten Anwendung bedarf es allerdings einiger Präzisierungen und Weiterentwicklungen. Insbesondere die immanente Hermeneutik der Klassifizierungen muss vertieft und ausdifferenziert werden“ (S. 233).
Das hier angedeutete Beispiel entstand offenbar aus der Erfahrung, dass Bedienstete ein schlechtes Gewissen hatten und damit zur Beichte gegangen sind, weil ihre Herren sie zur Mitwirkung an ihren Sünden (konkret: Ehebruch) gezwungen hatten. Das Spektrum der Mitwirkung reicht vom Transport des Herren (oder der Korrespondenz zum Zwecke der Terminvereinbarung) zum Tatort über das Halten der Leiter, über die der Herr zum Fenster steigt bis hin zum Festhalten der vergewaltigten Frau. Letzteres ist offenkundig und unstrittig als formale Mitwirkung strafbare Sünde. Wie aber ist der Transport als materiale Mitwirkung zu beurteilen? Was soll der Pfarrer dem beichtenden Diener dazu sagen? Viel aktueller wirkt die folgende Frage, die der Struktur nach jedoch ganz ähnlich ist: Was soll der Pfarrer dem beichtenden Arzt sagen, an dessen Arbeitsplatz, dem örtlichen Krankenhaus, ohne seine formale Mitwirkung Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftsabbruch stattfinden?
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

Weber, Karsten / Zoglauer, Thomas: Verbesserte Menschen. Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen. Freiburg / München: Alber, 2015, 156 S., ISBN 978-3-495-48591-0, Brosch., EUR 24.00 [D], 24.70 [A]

Die beiden Autoren legen hier ein Buch vor, das aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil (57 S.) stammt von Karsten Weber, Prof. für Allgemeine Technikwissenschaften an der BTU Cottbus-Senftenberg, und trägt den Titel: (Alb)Traum und Wirklichkeit: Bilder des Menschen und Technikvisionen des Enhancements. Den zweiten Teil (63 S.) verfasste Thomas Zoglauer, er ist überschrieben mit: Die Verbesserung des Menschen: Wunschtraum oder Albtraum? Zoglauer ist Prof. für Technikphilosophie ebenfalls an der BTU Cottbus-Senftenberg. Wie an diesen Überschriften unschwer zu erkennen ist, weisen die beiden Teile diverse Überschneidungen auf, was aber kein Problem darstellt. Vermutlich war es für die beiden Autoren bzw. Kollegen so einfacher, dieses Buch zu erstellen.
Einleitend wird festgestellt, dass die Entwicklung der Technik, die sich auf den Menschen bezieht, oft zwischen dem einen Extrem „einer äußerst pessimistischen Sicht“ (S. 9) und dem anderen Extrem eines „übertriebenen Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten“ (S. 9) hin und her pendelt. Sowohl von den Befürwortern als auch von den Kritikern wird bezüglich Enhancement auf die Gerechtigkeit abgestellt. Kritiker monieren, dass damit, ähnlich wie bei der Doping-Diskussion, das Prinzip der Chancengleichheit verletzt wird. Auf der anderen Seite rücken die Befürworter eher den sozialpädagogischen Effekt in den Vordergrund, indem Defizite, Nachteile, Behinderungen etc. kompensiert werden könn(t)en.
Ein Fazit zu den zwei Teilen: Beide Autoren überzeugen durch eine Fülle von historischen Abrissen, Beispielen, Fakten und Perspektiven. Ich habe beide Teile mit großem Interesse gelesen; Einiges war mir bekannt, anderes habe ich neu erfahren. Die Schreibstile empfand ich als flüssig, d.h. sie sind gut verständlich. Also ist die Lektüre durchaus als Gewinn zu verzeichnen.
Betrachten wir die im letzten, gemeinsam erarbeiteten Kapitel normativen Fragestellungen zur beschriebenen Thematik. Es besteht (nur) aus 6 Seiten und ist überschrieben mit: „Können, sollen und dürfen Menschen sich verbessern? Oder müssen sie es sogar? Versuch einer abschließenden Bewertung“. In diesem Teil wird die grundlegende Problematik, die bereits in der Einleitung formuliert wurde, noch einmal wiederholt. Es geht dabei um Positionen des Liberalismus bzw. Kommunitarismus. Versteht man Enhancement als liberales Grundrecht, besteht die Gefahr, dass die Allokation, d.h. die Verteilungsgerechtigkeit, immer weiter in ein Ungleichgewicht abdriftet. Aber Chancengleichheit verlangt nach Normierung und Festlegung: wer, was, wann zugute hat. Dass dies kaum möglich ist, zeigt die Debatte, wer ein Spenderorgan erhält und wer nicht. Wie verhält sich der Staat, wenn es einzelnen reichen Bürgern möglich ist, sich Dinge zu verschaffen, die der Allgemeinheit so nicht zugänglich sind, „oder einfach in solche Länder abwandern, in denen die gewünschten Eingriffe erlaubt sind“ (S. 138). Im Weiteren sprechen die Autoren grundlegende Fragen der Anthropologie des Menschen an. Wann ist ein Mensch noch ein Mensch und wann beginnt er ein Mischwesen zu sein? Der Begriff Cyborg, der von den Autoren auch verwendet wird, bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt werden. Der Name ist ein Akronym, abgeleitet vom englischen cybernetic organism („kybernetischer Organismus“). Da Cyborgs technisch veränderte biologische Lebensformen sind, sollten sie nicht mit Androiden oder anderen Robotern verwechselt werden. Cyborgs erinnern mich an das Paradox aus der Antike von Theseus’ Schiff. Hier ergab sich schon damals die Frage: Inwieweit ist ein Schiff noch dasselbe, wenn laufend neue Planken und Ersatzteile eingefügt werden. Wann ist es nicht mehr das alte Schiff, sondern ein komplett anderes, obwohl es immer noch das Schiff von Theseus ist?
Hoch problematisch wird die Sache (!) dann, wenn es um Eingriffe in das menschliche Genom geht oder auch in das Zentralnervensystem. Die Autoren kommen hier zum Schluss, dass es „zum gegenwärtigen Zeitpunkt, prima facie nicht angeraten» ist, «solche Formen des Enhancements zu nutzen“ (S. 139). Ich hör die Botschaft, doch allein mir fehlt der Glaube (Goethe). Naturalistischen Argumentationen, was nun für den Menschen natürlich oder eben widernatürlich sein kann bzw. könnte, erteilen die Autoren eine Absage. Dies scheint mir nur folgerichtig und konsequent zu sein. Das Schlussfazit, d.h. die letzten beiden Sätze des Buches, erscheinen mir allerdings etwas blauäugig zu sein und ich kann diesem (Zweck-)Optimismus nicht ganz folgen. Sie lauten: „In jedem Fall eröffnet die Forschung im Bereich der menschlichen Verbesserung einen Pfad weg vom Sosein als Schicksal hin zu Sosein als Wahl (Buchanan et al. 2000). Es ist an jedem von uns (mit) zu entscheiden, ob und wie weit dieser Pfad begangen werden soll“ (S. 142).
Drei Überlegungen, die mit diesen Aussagen der beiden Autoren nicht ganz einig gehen, sollen hier, in der der gebotenen Kürze, wiedergegeben werden. Für mich nicht ganz nachvollziehbar blenden sie mehrere Dinge aus.
1. Da ist zum einen der Profit, den man sich durch Enhancement auch verspricht und der oft – erstaunlicherweise – völlig negiert wird. Es entstehen ja dadurch neue Industrien und damit auch Absatzmärkte. Das kann man doch auch bei einer ethisch motivierten Betrachtungsweise nicht außer Acht lassen.
2. Ein weiterer Punkt ist jener der normativen Kraft des Faktischen. Die Frage, die hier in den Sätzen der beiden Autoren steckt, ist doch diese: Darf der Mensch all das tun, was er auch in der Lage ist zu tun? Diese Frage ist, mit Verlaub, Spiegelfechterei. Was der Mensch tun kann, das macht er auch. Das Faktische wird zur Norm. Warum? Weil es als Fakt existent ist, geworden ist. Also: die Möglichkeit es zu tun, ergibt als Automatismus, dass es getan wird.
3. Ein weiterer Punkt, der mir doch in der Darstellung der Autoren recht naiv erscheint, ist der, dass wir (wer ist das denn?) selber entscheiden wollen, was geforscht wird oder nicht. Wurde ich jemals gefragt, ob ich damit einverstanden bin, dass Millionen in die Forschung des z.B. Neuro-Enhancements gesteckt werden? Ich glaube nicht. Obwohl wir gerade in der Schweiz häufig zur Urne gehen, gibt es hierüber keine Abstimmungen. Es ist eben nicht an jedem von uns, mitzuentscheiden, ob ich neue Innovationen möchte oder nicht, weil hierbei keine Mitbestimmung besteht. Auf die Probleme, dass ich eventuell gar nicht in der Lage bin, ein einigermaßen vernünftiges Urteil abzugeben, will ich hier nicht eingehen.
Es wäre aber m.E. an den Autoren gewesen, diese Punkte einer tiefer gehenden Betrachtung zu unterziehen. So wurde ich z.B. nie gefragt, ob ich die Pränatale Diagnostik möchte. Ich bin einfach eines Tages aufgestanden, habe meine Morgenzeitung (oder mein Tablet) gelesen und erfahren, dass es das gibt. Ich denke, dass es wohl eher so läuft und ich, wie Hase und Igel, technologischen Entwicklungen immer hinterherhechle, hecheln muss. Von individuell-persönlicher Entscheidung kann hierbei ja wohl keine Rede sein!
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Klapheck, Elisa (Hg.): Jüdische Positionen zur Sterbehilfe. Berlin: Hentrich & Hentrich, 2016 (Injanim / Kernfragen; 1), 191 S., ISBN 978-3-95565-140-4, Ebr, EUR 19.90

Ausgangspunkt vieler der vorliegenden Texte war ein Seminar 2015 in Bielefeld zum Thema „Jüdische Perspektiven auf das Ende des Lebens“, das u.a. die mit der veränderten Gesetzeslage in Deutschland zum ärztlich assistierten Suizid entstandenen Herausforderungen diskutieren wollte. Der Band enthält die große Bandbreite sowohl jüdischer Positionen zum Thema Sterben und Tod als auch der Gesetzeslage in verschiedenen Ländern, insbesondere natürlich Deutschland. „Das Gesetz des Landes ist das Gesetz“ ist ein Ausgangspunkt der Erörterungen von 6 AutorInnen (RabbinerInnen, ÄrztInnen, Rechtsanwalt), Verständnis von „Würde“ der andere.
Allen Beiträgen ist ein Abstract vorangestellt, sie erläutern dann an Hand des Talmud die unterschiedlichen jüdischen Traditionen und fassen den Standpunkt der jeweiligen Verfasser am Ende nochmals zusammen. Dabei werden sowohl jüdische Traditionen sehr anschaulich erläutert (z.B. mit der Geschichte vom Dienstmädchen des Rabbi Jehuda, mit der herausgearbeitet werden soll, dass es schon immer die Möglichkeit gab, Hindernisse für das Sterben zu beseitigen, z.B. ein zu intensives Gebet, S. 66ff.) als auch deren Anwendung auf die neuen medizinisch-technischen Möglichkeiten aufgezeigt (heute kann das Beseitigen dieser „Sterbehindernisse“ auch verstanden werden als Beendigung nicht mehr indizierter Behandlungen oder von künstlicher Ernährung).
Ein weiterer Diskussionsstrang ist die Auseinandersetzung mit dem modernen Verständnis von Selbstbestimmung / Patientenautonomie. In der traditionellen jüdischen Lehre „hat der Mensch keinen Besitzanspruch auf sein Leben oder seinen Körper“, d.h. „in der Fürsorge zur Erhaltung von Leben wird ein höherer Wert gesehen als in der Wahrung der persönlichen Autonomie“ (S. 20). Gleichzeitig sei jedoch die Unterscheidung zwischen Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Heilung und Siechtum unscharf geworden. Hier setzten dann die unterschiedlichen Deutungen und Entscheidungen ein, die ausführlich besprochen werden. Dies beinhaltet sowohl die Erläuterung bestimmter Urteile in Israel und Deutschland als auch Ausführungen dazu, warum heute allein durch Begrifflichkeiten wie „aktiv“ und „passiv“ bzw. „direkt“ und „indirekt“ viele Handlungen nicht mehr adäquat beschrieben und beurteilt werden können. Grundsätzlich sei es Tendenz im rabbinischen Schrifttum, dass Leben zu erhalten, das Sterben aber nicht künstlich in die Länge zu ziehen (S. 61). In diesem Zusammenhang werden dann auch die unterschiedlichen Positionen zu Todesfeststellung (Herz- oder Hirntod) vor dem Hintergrund jüdischer Positionen erklärt.
Abgerundet wird das Buch durch ein Gespräch zwischen der Rabbinerin und Herausgeberin Elisa Klappheck und dem Pfarrer und Direktor des Zentrums für Ethik in der Medizin in Frankfurt a. M. über „religiöse Irritationen“, die letztendlich immer bleiben werden, gleichzeitig jedoch auch zum ständigen weiteren Nachdenken und Überdenken bisheriger Standpunkte anregen.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Niederschlag, Heribert / Proft, Ingo (Hg.): Moral und Moneten. Zu Fragen der Gerechtigkeit im Gesundheitssystem. Ostfildern: Matthias Grünewald, 2013 (Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege; 4), 169 S., ISBN 978-3-7867-2994-5, Brosch., EUR 17.99

Für die meisten Menschen ist „Gesundheit“ ein Thema, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen, wenn sie sich unwohl fühlen, sich verletzt haben oder spürbar krank sind. Eine individuelle, nicht anlassbezogene Beschäftigung mit Gesundheit im Sinne von Vorsorge, gesunder Ernährung, Bewegung und Sport, Vermeidung von Drogen etc. ist seltener. Die gesellschaftliche Sicht von Gesundheit mit Themenschwerpunkten wie Finanzierung und Gerechtigkeit bei der medizinischen Versorgung aller Menschen in einem Land ist eher ein Thema für Spezialisten, obwohl es eigentlich alle Menschen angeht. Bisher hat z.B. das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich recht gute Leistungen bei unterdurchschnittlichen Kosten erbracht.
Die bereits erkennbare Tendenz zum Zwei-
klassensystem mit Grundversorgung für alle und teuren Behandlungen für die Wohlhabenden wird aber durch zwei starke Trends gefördert. Zum einen wächst das Durchschnittsalter der Bevölkerung, während zugleich die Anzahl der Beitragszahler sinkt. Deshalb steht immer weniger Geld zur Verfügung. Zum anderen steigen durch technologische Fortschritte (= teure Forschung, hohe Anschaffungs- und Betriebskosten für moderne medizinische Geräte) die Kosten im Gesundheitssystem. Die Schere zwischen dem vorhandenen Geld und den Kosten wächst zusätzlich dadurch, dass die Medizin immer mehr Wohlbefinden und Schönheit verspricht, auch wenn Umweltverschmutzung, Arbeit, anspruchsvoll gestaltete Freizeit (inklusive Extremsport und Reisen in ferne Länder) immer mehr Gesundheitsgefährdungen implizieren. Vor diesem Hintergrund werden in diesem lesenswerten Buch verschiedene Aspekte der Ausgangsfrage erörtert, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, aber für Richtungsentscheidungen im Gesundheitssystem bedeutungsvoll sind.
Ingo Proft setzt sich in seinem Beitrag (S. 35ff.) mit der Frage „Gesundheit – Statussymbol oder Sozialprodukt?“ auseinander und weist auf den entfremdenden Effekt von Gesundheit als Ware hin: „Der Mensch wird sich selbst zur eigenen Verheißungsgestalt … Doch, ein Scheitern ist vorprogrammiert – vielleicht sogar marktlogisch vorgesehen. Wo Gesundheit den Weg von einer Grundkategorie des Lebens hin zu einer produzierbaren Sinngestalt als Ware aufnimmt, verliert sich dessen Spur ins Ortlose“ (S. 40). Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag von Holger Zaborowski über „Wert und Würde. Zu den Grenzen der Logik des Marktes“ (S. 157ff.) Der Umgang mit Gesundheit als Ware oder Produkt auf einem Markt schafft Fehlorientierungen, die von vielen der AutorInnen – auch und besonders aus christlicher Sicht – kritisiert werden, etwa von Alois Schwarz unter Berufung auf Papst Johannes Paul II. (S. 83ff.).
Bemerkenswert sind auch die Überlegungen zum Stellenwert von Gerechtigkeit im Gesundheitswesen für den Bestand der Demokratie, der gefährdet scheint, wenn – wie empirisch zu beobachten ist – „reich und gesund“ auf der einen Seite sowie „arm und krank“ auf der anderen Seite gegeneinander stehen und kein oder zu wenig gesellschaftliches Bemühen um gerechten Ausgleich zu erkennen ist (vgl. dazu den Beitrag von Sonja Seiler-Pfister (S. 55ff.). Helen Kohlen verweist im Anschluss (S. 69ff.) daran unter Bezug auf Hannah Ahrendt darauf, wie aus einer sozialen Frage eine politische Frage werden kann. Wenn die politische Frage der Menschen nach Gerechtigkeit im Gesundheitswesen unzureichend beantwortet wird, kann daraus auch politischer Unwille entstehen.
Jürgen Maaß, Linz-Auhof


ETHICA 2017/3

Zaborowski, Holger: Menschlich sein. Philosophische Essays. Freiburg / München: Alber, 2016, 159 S., ISBN 978-3-495-48815-7, Geb., EUR 22.00 [D], 23.00 [A]

Dr. Holger Zaborowski, Prof. für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, fasst hier Texte zusammen, die in den letzten drei Jahren in verschiedenen Medien veröffentlicht wurden und sich mit dem Thema „Menschlich sein“ befassen.
Zum „Menschlich sein“ braucht es dem Autor zufolge Mut, den gegebenen Herausforderungen mit Freude, Spaß und Zustimmung zur Wirklichkeit zu begegnen. Diese Begegnung zeigt bereits im Aufeinandertreffen von Mensch und Tier ein Spektrum vom Veganer über den Vegetarier bis hin zum Fleischkonsumenten, was auch damit begründet ist, dass der Mensch nie wissen kann, was es bedeutet, ein Tier zu sein. Für den Menschen selbst bilden jedenfalls Sterben und Tod eine besondere Herausforderung für die Verantwortung den Anderen gegenüber, wenngleich alles dagegen zu sprechen scheint, sterben lernen zu können.
Zu diesen persönlichen Fragen gesellen sich gesellschaftliche Fragen wie jene der Identität Europas, die gezeichnet ist durch die Betonung von Würde, Freiheit und Verantwortung des Menschen sowie seiner Verpflichtung zur Gerechtigkeit. Damit verbunden ist auch Europas Verantwortung für die Vertriebenen, die in die genannten europäischen Werte ihre Hoffnung setzen. Solche Werte wie Wahrheit, Freiheit und die Idee des Menschen sind aber stets auch eine Herausforderung, was sich vor allem im Universitätsbereich niederschlägt, der für Fortschritt und Ordnung steht. Hier zeigen sich dort Probleme, wo die individuelle Freiheit von der alles verbindenden Ordnung aussteigt. Ein solcher Ausstieg kann sich aber auch ganz auf die individuelle Vorstellungwelt von der Loslösung vom Gottesbezug im „neuen Atheismus“ beziehen, wofür nach wie vor Friedrich Nietzsche Pate steht.
Dieser hier kurz skizzierte Themenbereich wird vom Autor in einer allgemein verständlichen Sprache mit Sachkenntnis und positiver Argumentation behandelt, womit eine Möglichkeit gelungenen Menschseins aufgezeigt wird.
Andreas Resch, Innsbruck

Stieber, Anselm: Ein Netz für reiche Beute. Die Gefahr der Digitalisierung. Kiel: Ludwig Verlag, 2017, 62 S., IBN 978-3-86935-313-5, Brosch., EUR 10.90

Die Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrizität und des Computers gelten als die Startpunkte der ersten drei industriellen Revolutionen. „Die Vierte industriellen Revolution lässt sich mit den Stichworten künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Speicherung und Verarbeitung aller Daten, ihre Vernetzung durch Algorithmen und das Zusammenspiel von physischen und virtuellen Systemen beschreiben“ (S. 14f.). Der Autor sieht die Folgen keinesfalls positiv: „Mit der Digitalisierung hat die Technik die Beherrschung der Gesellschaft endgültig übernommen. Das ist das Ende unserer kulturellen Entwicklung“ (S. 19). Wer steckt dahinter? „Die Produktionsanlagen werden in kurzer Zeit immer größer, die Güterproduktion steigt stetig und potenziert damit den Einfluss und die Macht derer, die von den technischen Erfindungen Gebrauch machen konnten, auch in politischer Hinsicht: den Kapitaleignern. Heute sind wir längst Beute eines Machtkomplexes, in dem die Großindustrie und das Kapital sowie Regierung und Medien in allen entscheidenden Fragen – Waffenherstellung und Krieg leider nicht ausgenommen – eine Gemeinschaft der Inhumanität eingegangen sind“ (S. 19).
Was geschieht mit uns? „Die Bürger werden in wohldosierten Raten digitaler Machterweiterung ihres gesunden Menschenverstandes beraubt und entmündigt. Sie werden zur Beute im digitalen Netz“ (S. 57). Was kann uns in dieser Situation noch helfen? „Wir brauchen eine Evolution des politischen Bewusstseins, d.h. die Wiederbelebung und Fortführung des Projektes Aufklärung“ (S. 60). In welcher Richtung sollen wir uns entwickeln? „Größenwahn, der Kult des Großen, Gigantomanie, wie wir sie in der globalisierten Wirtschaft finden, sind Bezeichnungen für Krankheitssymptome. Mit natürlichem Wachstum und gesunden Relationen haben solche Phänomene nichts zu tun. Zum Vergleich: In gesundem Gewebe finden wir kein Zellwachstum, das wäre Krebs, sondern Zellteilung“ (S. 45).
Das kleine Buch liest sich wie die Verschriftlichung einer Rede vor einem Club von Gleichgesinnten, die nicht erst noch überzeugt, sondern nur in ihrer Überzeugung bestärkt werden wollen. Wer aber nicht schon vorher zustimmt, wird über Widersprüchlichkeiten stolpern, nach genauerer Argumentation verlangen und nach überzeugenderen Konzepten für Alternativen fragen.
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

Altenberg, Brigitte u.a.: Altern: biologische, psychologische und ethische Aspekte. Freiburg / München: Alber, 2017 (Ethik in den Biowissenschaften – Sachstandsberichte der DRZE; 16), 164 S., ISBN 978-3-495-48706-8 Brosch., EUR 16.00

Der hier anzuzeigende Band steht in der Reihe der vom Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften herausgegebenen Sachstandsberichte, deren Ziel es ist, Bestandsaufnahmen zu aktuellen Themen der Bioethik vorzulegen und so normative Grundlagen zu einer qualifizierten Meinungsbildung bereitzustellen. Beim vorliegenden Band geht es um das Thema Alter(n) als interdisziplinäres Forschungsfeld, das unter biologischer, psychologischer und philosophisch-ethischer Perspektive dargestellt wird.
Im ersten Teil über „biologische Aspekte des Alterns“ (S. 11–58) geben Brigitte Altenberg und Karl Otto Greulich Einblick in das Forschungsgebiet der molekularen und zellulären Altersforschung. Berichtet wird über den Stand biogerontologischer Forschung, der es zum Beispiel gelungen ist, an Modellorganismen wie dem Rundwurm Caenorhabditis elegans, Mäusen oder Ratten die Lebenszeit etwa durch Kalorienrestriktion beträchtlich zu erweitern. Die Bedeutung von DNA-Schädigungen und -Reparaturmechanismen als Einflussfaktoren auf die Lebenslänge wird erklärt und die molekularbiologische Suche nach Alters- oder Langlebigkeitsgenen beschrieben. Unter dem Stichwort ,Biomedizinisches Anti-Aging‘ diskutieren Altenberg und Greulich die Frage, ob so etwas wie irdisches ewiges Leben, so es sich denn wissenschaftlich realisieren ließe, überhaupt wünschbar wäre. Sie kommen zum Schluss: eher nicht. Unter evolutiven Aspekten des Alterns sind sie vielmehr überzeugt: „Würde es dem Menschen gelingen, seinen Alterungsprozess vollständig zu stoppen, wäre eine Evolution der eigenen Spezies nicht mehr möglich. Es wäre daher eher günstig, wenn diesbezügliche Bemühungen … nicht allzu erfolgreich sind… (Denn) ohne Altern und Tod gibt es keine Evolution.“ (S. 12f.) Nach Ansicht der beiden Autoren liegt das Ziel molekularer und zellulärer Altersforschung darin, Einsichten zu gewinnen, die Interventionen zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen im Rahmen ihrer maximalen Lebensspanne von etwa 120 Jahren gestatten.
Im zweiten Teil über „psychologische Aspekte des Alterns“ (S. 59 –105) beschreiben die drei Heidelberger Psychologen Valerie Elsässer, Martina Gabrian und Hans-Werner Wahl das Forschungsgebiet der Psychogerontologie, das auf alternsbezogene Veränderungen und Stabilitäten im Blick auf das Verhalten, auf Leistungen bzw. Kompetenzen sowie auf das Erleben im höheren Alter fokussiert. Altern wird als lebenslanger Entwicklungsprozess verstanden, der nicht nur Defizite, sondern ebenso Wachstumsmöglichkeiten beinhaltet. Dieser Prozess verläuft multidimensional und multidirektional und ist durch ein beträchtliches Maß an Plastizität bestimmt. Das Autorenteam zeigt auf, wie psychologische Alternsforschung von einer Lebenslaufperspektive ausgeht, derzufolge Entwicklungen im Alter an frühere Entwicklungen anschließen (Lebensphasenkontextualität). Jede Lebensphase ist gleichwertig und beinhaltet ein Zugleich von Gewinnen / Ressourcen und Verlusten / Defiziten, wenngleich sich im hohen Alter die Gewinn-Verlust-Bilanz zugunsten von Verlusten verschiebt. Neben Theorie-Ansätzen zur Interpretation der Dynamik des höheren Alters, wie etwa dem Transzendenz-Konzept von E. H. Erikson et al. (wobei eigenartig ist, dass gar nicht auf L. Tornstams maßgebliches Konzept der Gerotranszendenz verwiesen wird!) oder der Theorie sozio-emotionaler Selektivität von L. L. Carstensen, werden verschiedene Forschungsfelder dargestellt: etwa die Unterscheidung zwischen der Mechanik der Kognition und fluider Intelligenz einerseits und der Pragmatik der Kognition und kristalliner Intelligenz andererseits, wobei aufgezeigt wird, dass Letztere im Alter lange stabil bleibt. Am sog. Wohlbefindensparadox im Alter wird verdeutlicht, dass ältere Menschen besser als jüngere in der Lage sind, ihre Emotionen zu regulieren. Mit dem SOK-Prinzip (Selektion, Optimierung, Kompensation) von Paul und Margret Baltes sowie den Konzeptionen von Assimilation (primäre äußere Kontrolle) und Akkomodation (sekundäre innere Kontrolle) werden Strategien der Bewältigung von Schwierigkeiten und Herausforderungen des Alters dargestellt. Schließlich wird auf die Bedeutung sozialer Beziehungen im Alter hingewiesen (social flourishing). Als Ziel psychologischer Alternsforschung sehen die Autoren das Bereitstellen von Erkenntnissen, die dazu beitragen können, dass das Potenzial älterer Menschen möglichst voll zur Entfaltung kommt. Dabei geben sie zu bedenken, dass es „wahrscheinlich künftig zu den psychischen Herausforderungen des immer länger werdenden Lebens gehören wird, den Übergang von einem ,aktiven‘ und relativ gesunden dritten Alter in ein verletzliches viertes Alter zu bewerkstelligen.“
Im dritten Teil wendet sich der Philosoph Sebastian Knell „philosophischen und ethischen Aspekten des Alterns“ zu (106 –162). Er geht davon aus, dass es in der Philosophie seit der Antike ganz unterschiedliche Bewertungen des Alters gibt: Altersklage ebenso wie Alterslob. Argumente für die eine wie die andere Sicht werden vorgeführt aus dem Blickwinkel der Bedeutung des Alters für das Individuum einerseits und die Gesellschaft andererseits. Dabei wird zwischen vier Modi des Alterns unterschieden: dem chronologischen, dem biologischen, dem existenziellen und dem psychologischen Altern (was fehlt, ist der Modus sozialen Alterns!). In längeren Ausführungen wendet sich der Verfasser sodann drei spezifischen, ethisch relevanten Diskursen zu: einmal dem Thema des Ageismus, also der abwertenden Haltung und Diskriminierung gegenüber älteren Menschen, was insbesondere an der Frage der Legitimität der Rationierung medizinischer Leistungen aus Altersgründen diskutiert wird; sodann der Frage, ob Altern etwas Normales, zum Menschsein Gehörendes ist oder als Krankheit verstanden werden sollte; schließlich geht es um das sog. Anti-Aging, also biotechnische Projekte zur Verlangsamung des Alterns und zur Lebensverlängerung, deren Bewertung kontrovers ist.
Der vorliegende Band gibt interessante Einblicke in den Stand heutiger Alter(n)sforschung, wobei vor allem der Beitrag aus psychologischer Sicht allgemeine Grundlagen heutiger Gerontologie verständlich darzulegen vermag. Warum der Fächer der disziplinären Zugänge zur Altersthematik in diesem Band, der als umfassender Sachstandsbericht daherkommt, nur gerade auf die Biologie, die Psychologie und die philosophische Ethik hin geöffnet wurde, ist nicht ganz nachvollziehbar. Eine Ausweitung zumindest auf soziologische Aspekte des Alterns (Sozialgerontologie) wäre wünschenswert gewesen; und ein Einbezug weiterer Disziplinen wie etwa der Religions- oder der Kulturgerontologie hätte diesen Überblick über den Forschungsbereich Alter(n)swissenschaften sicher noch zusätzlich bereichern können.
Heinz Rüegger, Zollikerberg / CH

Giese, Bernd u.a.: Lebendige Konstruktionen – Technisierung des Lebendigen. Potenziale, Grenzen und Entwicklungspfade der Synthetischen Biologie. Baden-Baden: Nomos, 2015 (edition sigma), 248 S., ISBN 978-3-8487-2516-8, Brosch., EUR 24.90

Vorliegendes Buch fasst Ergebnisse einer Innovations- und Technikanalyse zusammen, in deren Rahmen das Fachgebiet für Technikgestaltung und Technologieentwicklung im Fachbereich Produktionstechnik der Universität Bremen eine umfassende Untersuchung der Synthetischen Biologie durchführte – es handelt sich dabei um ein Drittmittelprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ebenso hat das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) mitgewirkt. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung an einen solchen Band.
Um es vorweg zu sagen: die Erwartung wird nicht enttäuscht. Dem Leser begegnet eine differenzierte Darstellung der Synthetischen Biologie: nach einer unbedingt zu lesenden Einleitung werden im Anschluss an das Kapitel „Vorsorgeorientierung“ (15 – 20) sog. „Paradigmen und Visionen“ (21 – 40) der Synthetischen Biologie erörtert. An ihnen richten sich die „Funktionalitäten und Methoden“ (41 – 64) aus, um daraus „Anwendungen und Chancen“ (65 – 144) abzuleiten. Erst nach deren Vorliegen können „Risikopotentiale“ (145 – 182) abgeschätzt werden, um eine Lösung in Form von „Gefährdungs- und expositionsarme[n] Entwicklungspfade[n]“ (183 – 196) anzubieten. Eine gelungene „Zusammenfassung“ (197 – 204) sowie „Perspektiven und Optionen“ (205 – 210) runden das Buch ab, dem sich ein Literatur-, Abbildungs- und Schlagwortverzeichnis anschließen.
Das Hauptproblem der Synthetischen Biologie wird in „Paradigmen und Visionen“ sowie in der „Zusammenfassung“ erörtert. Es liegt darin, einerseits Prinzipien der (deterministisch operierenden) Ingenieurswissenschaft, andererseits Prinzipien der (nicht deterministischen) Selbstorganisation anwenden zu wollen. Ingenieurswissenschaften setzen eine orthogonale „top down“ Kontrolle und maximale Determination eines (linearen) Systems voraus. Selbstorganisation hingegen wird umso ausgeprägter, je komplexer das System ist: so kommt es zu einer Steigerung der Komplexität und Selbstorganisation beginnend mit der Ebene der Moleküle bis hinauf zur Ebene der Zelle. Daher ist es vielleicht noch möglich, die Nichtlinearität einfacher Systeme zu kontrollieren, jedoch wird es nicht mehr möglich sein, komplexere Systeme mit unübersehbaren und nicht determinierten Wechselwirkungen und Netzwerken orthogonal zu determinieren oder zu programmieren. Instabilitäten – übrigens als Folge nichtlinearer Wechselwirkungen – scheinen ebenso wie das sog. Rauschen, das als Ausdruck des Vorliegens von noch nicht entschiedenen Möglichkeiten gewertet werden kann, aus denen eine Option autark selektiert wird, aus lebendigen Systemen nicht einfach ignoriert werden können.
Daraus ergeben sich zwei grundsätzlich verschiedene Methoden der Synthetischen Biologie: entweder schaltet der Bio-Ingenieur sukzessiv alle Quellen des Rauschens und der Instabilität aus, doch dann wird das lebendige System ausgerechnet des Lebensprinzips beraubt; oder er versucht einen „bottom-up“-Ansatz und lässt kontrolliert Strukturen emergieren, die das Produkt der artifiziell induzierten Selbstorganisation sind. Im letzteren Fall wird durch „tinkering“, d.h. durch Versuch und Irrtum, das erhebliche Maß an Nichtwissen darüber, wie Emergenz und Selbstorganisation überhaupt funktionieren, in Kauf genommen: ähnlich wie bei einer „Black Box“ kommt es dann nur noch auf den zum Input passenden Output an. Dass der Output dabei nicht 100%ig reproduzierbar ist, liegt im nicht deterministischen Grundzug der Selbstorganisation.
Was das Buch an dieser Stelle erwähnen könnte: es gibt sehr wohl Versuche, den unterliegenden Prozess der Selbstorganisation komplexer Systeme zu verstehen. Man denke etwa an die sog. Quantenbiologie, bei der eine auf Quantenebene verborgene Ordnung für die meso- und makroskopische Ordnung zuständig sein soll. Ein komplexes Quantensystem wäre dann so etwas wie die klassische „Seele“ als ein sich selbst bewegendes und ordnendes (Informations-)Prinzip.
Dann ist es auch nur allzu verständlich, wenn in der Synthetischen Biologie ausnahmslos ein sog. „Chassis“, also eine bereits vorliegende intakte DNS-Sequenz als Minimal-Genom gebraucht wird, um auf dieser bereits lebenden Basis aufbauen zu können. Ebenso selbst erklärend ist es dann, dass es bis dato nicht einmal annähernd gelungen ist, einen primordialen Replikator – etwa ein Ribozym –, geschweige denn eine Protozelle künstlich herzustellen, schlicht und ergreifend deswegen, weil ohne ein steuerndes Quantensystem bei biochemischen Transformationsprozessen (von denen sind geschätzt >260 allein für eine primitive sich selbst replizierende Struktur vonnöten) nichts als „organische Schmiere“ in einer sog. ausfällenden, präzipitativen Reaktion resultiert. Ohne ein henadisch ordnendes Prinzip kann Synthetische Biologie i.S. der künstlichen Erschaffung von Leben nun einmal nicht gelingen.
Wie dem auch sei: es stellt sich die Frage nach der Technikfolgenabschätzung. Wäre der orthogonale, von oben nach unten determinierende ingenieurswissenschaftliche Ansatz wirklich durchführbar, so könnten konventionelle Prognosen in Anschlag gebracht werden, um die Folgen einer spezifischen Applikation abzuschätzen. Schließlich wäre das System programmiert bzw. determiniert, so dass der Bio-Ingenieur die Kontrolle nie aus der Hand geben würde. Wenn jedoch durch Versuch und Irrtum auf Basis vorhandener lebendiger Strukturen neue Modi der Emergenz komplexer Ordnung „in vivo“ versucht werden, so wird diese neue Ordnung umso weniger prognostizierbar, je komplexer bereits das lebendige System-Substrat ist. Hier hilft m.E. auch nicht die vorgeschlagene Lösung, Wechselwirkungen mit natürlichen Systemen zu minimieren. Sobald ein sich selbst replizierendes und v.a. adaptives System „bottom up“ künstlich initiiert wurde, wird das neue synthetische Leben immer wieder einen Weg der Anpassung an einen neuen Selektionsdruck finden, der durch Menschen nicht antizipierbar ist. Die Synthetische Biologie entpuppt sich umso weniger kontrollierbar, je komplexer die Struktur und die aus ihr resultierende Dynamik sind.
Zusammenfassend sei das Buch jedem, der einen profunden Overview über technologische Applikationen „in Genese“ der Synthetischen Biologie sucht, empfohlen. Der Ethiker hingegen wird nicht viel Inputs mitnehmen, da der Stand der Forschung und Technik noch in den Kinderschuhen steckt und wohl solange stecken wird, bis nicht explizit Ansätze der Quantenbiologie integriert werden. Dann wären in der Tat Applikationen möglich, wie etwa die Steuerung der Wechselwirkung von Molekülen einer Zelle durch ihr elektromagnetisches Feld u.a.m. Dann wiederum wird eine Technikfolgenabschätzung entscheidend an dem Verständnis der Steuerung komplexer Systeme ansetzen müssen.
Imre Koncsik, HS Heiligenkreuz / Wien

Benkel, Thorsten (Hrsg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes. Bielefeld: transcript, 2016 (Kulturen der Gesellschaft; 15), 367 S., ISBN 978-3-8376-2992-7, Kart., EUR 32.99

Im Vorwort unter der Überschrift „Der lebendige Tod“ heißt es „Die individuelle Aneignung des Todes wird deshalb immer stärker angestrebt, weil kollektive Szenarien ihre Verbindlichkeit verloren haben … Tatsächlich aber gibt es keinen Tod, der losgelöst von sozialen Strukturen gedacht werden könnte“ (S. 7 – 8). Folgerichtig werden von allen AutorInnen Veränderungen in den Ansichten und Verhaltensweisen zu Tod und Erinnerungskultur stets auf dem Hintergrund der modernen Gesellschaft analysiert. Der Herausgeber fügt seinem Vorwort deshalb gleich noch einen Abschnitt zu soziologisch relevanten Aspekten des heutigen Totseins an.
Diese einführenden Bemerkungen werden in den folgenden 3 Abschnitten (mit Beiträgen verschiedener AutorInnen aus unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten) immer wieder aufgegriffen und näher ausgeführt. Weiterhin ist typisch, dass es stets um die „zwei Körper des Toten“ geht – den virtuellen (unsere Erinnerungen) und den toten Körper. Entsprechend nimmt die Entwicklung der Sepukralkultur einen breiten Raum ein. Dankenswerterweise mit vielen farbigen Bildern in exzellenter Qualität – etwas, das in unserer häufig auf Schnelllebigkeit und Verschleiß (daher Billigproduktion!) ausgelegten Gesellschaft leider selten geworden ist.
Der erste Abschnitt widmet sich „Sterbediskursen“ – ausgehend von „über den Tod spricht man nicht“ – hin zu Orten des Sterbens, die durch Palliativversorgung geprägt sind (zu Hause, im Hospiz) und jugendlichen Todesbildern im Netz. Dabei wird vor allem das „zu Hause“ als Raum des „riskanten guten Sterbens“ hinterfragt (S. 68ff.); gleichfalls erörtert werden Hospize als „Orte des idealen Sterbens“. Der letzte Beitrag dieses Abschnitts beschäftigt sich mit medialen Inszenierungen jugendlichen Selbstdesigns im vor- bzw. nachgestellten Tod auf der Fotoplattform flickr.com.
Der zweite Abschnitt ist überschrieben mit „Tod im Wandel“ und beginnt demzufolge mit gesellschaftlichen Veränderungen, die unser Verständnis von Tod und Begräbniskultur beeinflusst haben. Hier wird dann auf Sozial- und Ordnungsamtbestattungen als Herausforderungen für die Gesellschaft ebenso eingegangen wie auf Tierfriedhöfe und Friedwälder bzw. den generellen Wandel unseres Verständnisses vom Ort / Raum Friedhof. Diesem Thema ist dann vor allem der letzte Abschnitt gewidmet: „Verräumlichungen“. Darin werden eine Reihe gegenläufiger Tendenzen beschrieben (z.B. der Wunsch nach Anonymisierung etwa auf Streuwiesen bei gleichzeitiger Sehnsucht nach einem konkreten Raum zum Ablegen von Blumen und anderen Gedenkelementen). Spannend zu lesen sind dazu eine Reihe von Interviews pro und contra anonymer Bestattungen. Danach wird auf den Wandel und vor allem auf die psychologische Problematik des Umgangs mit Tot- und Frühgeburten eingegangen. Abschließend wird thesenhaft die Auflösung des Monopols von Familie und Kirche über die Gestaltung von Trauer und Erinnerung durch virtuelle Grab- und Erinnerungsstätten erläutert.
Für alle Fans von Sepukralkultur ist dieses Buch einfach ein „Muss“.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Wilhelms, Günter / Wulsdorf, Helge: Verantwortung und Gemeinwohl. Wirtschaftsethik – eine neue Perspektive. Regensburg: Friedrich Pustet, 2017, 101 S., ISBN 978-3-7917-2885-8, Kart., EUR 16.95

Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann schrieb dereinst: „Es gibt Wirtschaft, es gibt Ethik – aber es gibt keine Wirtschaftsethik“ (Wirtschaftsethik – als Ethik?, 134). Die Autoren des vorliegenden Bandes, Günter Wilhelms, Prof. für Christliche Gesellschaftslehre, und Helge Wulsdorf, seines Zeichens promovierter Theologe, würden ihm wohl nicht beipflichten.
Sie sehen die hier besprochene Publikation in ihrem Verständnis von Wirtschafts-Ethik – als Sozialethik, welche die wirtschaftliche Praxis reflektiert und „in evaluativen sowie normativen Hinsichten zu beurteilen sucht“ (24) –, als einen „Beitrag zur Profilbildung der Fachdisziplin Wirtschaftsethik“ (9). Um wirtschaftliches Handeln beurteilen zu können, treffen sie die gebräuchliche Unterscheidung zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene. Auf der Mikroebene verorten Wilhelms und Wulsdorf das Individuum als Akteur, auf der Mesoebene Korporationen und Organisationen und auf der Makroebene das gesamtwirtschaftliche System. Aufgrund der Verflochtenheit der einzelnen Ebenen, welche ein individualethisches Instrumentarium ihrer Meinung nach allein zu fassen außerstande sei, ist Wirtschaftsethik wesentlich Sozialethik (39). Ob ein solcher Schluss gerechtfertigt ist, bleibt dahingestellt. Zieht man diesen, lässt sich in weiterer Folge auch die Kategorie der Verantwortung auf die Meso- und Makroebene anwenden, wie die Autoren ferner zu zeigen versuchen (vgl. 35 – 45). Diese Kategorie verweist auf einen Träger, eine Person – und nicht einen homo oeconomicus –, um dessen Wohl als „Ausgangs- und Zielpunkt wirtschaftsethischer Reflexion“ (71) es letztlich gehen sollte. Diesbezüglich gelten den Autoren die vier Indikatoren Kommunikation, Partizipation, Kooperation und Transparenz als Prüfkriterien, mit denen sich „im Anwendungsbereich Wirtschaft Wege für Veränderungs- und Optimie-
rungsprozesse aufzeigen lassen“ (71). Die Funktionsweise dieser Indikatoren wird abschließend anhand von Fallbeispielen zu erläutern versucht.
Obwohl dem Buch eine vertiefende Auseinandersetzung mit Gegenpositionen wie etwa jener des eingangs erwähnten Niklas Luhmann oder neo-liberalen Positionierungen – ich denke hier an von Hayek – nicht geschadet hätte, ist es ein durchwegs gut lesbares Buch und kann, den Autoren folgend, wohl auch als „kleine Wirtschaftsethik“ (9) angesehen werden.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Prainsack, Barbara / Buyx, Alena: Das Solidaritätsprinzip. Ein Plädoyer für eine Renaissance in Medizin und Bioethik. Frankfurt a. M.: Campus, 2016, 183 S., ISBN 978-3-593-50523-7, EUR 29.95. – Prainsack, Barbara / Buyx, Alena: Solidarity in Biomedicine and Beyond. Cambridge: Cambridge University Press, 2017, 231 S., ISBN 978-1-107-07424-8, EUR 118.25

Eigentlich gehört noch ein drittes Werk beider Autorinnen zu der hier zu besprechenden Serie, nämlich der Report für den britischen Nuffield Council on Bioethics: Solidarity. Reflections on an emerging concept in bioethics von 2011. Das deutsche Buch, das 2016 bei Campus erschienen ist, ist die stark überabeitete und aktualisierte Übersetzung dieses Reports; das englische Buch von 2017 stellt nochmals eine um wesentliche Teile erweiterte, kohärente Neufassung der zentralen Argumentation dar. Das deutsche Buch allein schon liest sich als außerordentlich spannende Untersuchung, in deren Verlauf einige systematische Fragen auftauchen, die dann im englischen Buch weitergeführt und beantwortet werden.
Inspiriert von der strukturierenden Bestandsaufnahme von 2011, die zu einer neuen Arbeitsdefinition des Solidaritätsbegriffs geführt hatte, haben Prainsack und Buyx eine ethisch-sozialphilosophische Theorie der Solidarität entwickelt, in deren Zentrum die These steht, dass Solidarität „Praktiken“ sind. Der Begriff Solidarität beschreibt solidarische Praktiken. Diese zeichnen sich darin aus, dass sie ganz allgemein gesprochen „die Bereitschaft widerspiegeln, Kosten in Kauf zu nehmen, um anderen zu helfen“ (S. 82). Der dabei verwendete Praxisbegriff ist ausgeführt und vom Pragmatismus inspiriert. Er wendet sich explizit gegen die Engführung der Praxis als „Anwendung“ von Wissen oder einer Theorie. Praxis ist vielmehr ein absichtsvolles Interagieren mit der Welt, in der gelernt wird, und in der sich Erfahrungen und Wissen ergeben können. Man muss bei diesem Praxiskonzept viel mehr an das Erlernen eines Musikinstruments denken (bei dem auch die Finger lernen) als an das Ausführen einer Vorschrift. Das wird durch Beispiele aus dem biomedizinischen Bereich erläutert: die personalisierte Medizin, die Organspende, Public Health.
Als solcher ist Solidarität ein sowohl deskriptiver als auch normativer Begriff; seine Normativität ist aber nicht direkt deontologisch, sondern primär axiologisch zu verstehen: er beinhaltet Werte und Tugenden. In deontologischer Sicht sind viele als „solidarisch“ bezeichnete Handlungen als „supererogatorisch“ zu klassifizieren und sind entsprechend gerade nicht verpflichtend. Die axiologische Normativität, für deren Rehabilitierung die Beiträge von Prainsack und Buyx stehen, entfaltet eine fundamentalere moralische Orientierungskraft, die sich auch in der Gestaltung von Normensystemen und Institutionen auswirken kann: z.B. in einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem. So verstanden bietet die Solidarität eine Orientierung für Politik und gesellschaftliche Organisation: Wir sollen unsere Gesellschaften so organisieren, damit ihre Mitglieder solidarische Praktiken und Regulierungen ausüben, bevorzugen und unterstützen. Man kann dies das „Solidaritätsprinzip“ nennen.
Solidarität ist etwas Gutes. Darin stimmen viele überein. Die Frage ist, wie weit und mit wem Solidarität geübt werden soll und was es konkret bedeutet, solidarisch zu sein. Solidarität beinhaltet eine Gruppierung, eine Gemeinsamkeit. Diese setzt aber auch voraus, dass es immer Leute gibt, die nicht dazugehören. Gemeinsamkeit kann sich situativ ergeben (Reisende im gleichen Zugabteil, wenn der Zug wegen Betriebsstörung nicht mehr weiterfährt) oder sie kann eine lange und konfliktreiche Geschichte haben (z.B. die Solidarität der African Americans in den USA). Dieses „grouping“, wie die Autorinnen vor allem im Theorieteil des englischen Buches überzeugend herausarbeiten, kann problematisch werden, wenn es zu ungerechten Ausschlüssen führt. Das Prinzip Solidarität kann deshalb nicht das einzige Organisationsprinzip einer gerechten Gesellschaft sein. Das zu behaupten ist gerade nicht die Absicht der beiden Autorinnen. Die Solidarität der Gemeinschaft soll das Prinzip der Gerechtigkeit nicht konkurrenzieren. Dies wenden sie überzeugend gegen einige kommunitaristische Ansätze ein. Eine zentrale moralphilosophische Frage ergibt sich: Welcher Bewertung müssen sich solidarische Praktiken ihrerseits unterziehen lassen? Ein Kriterium dieser Bewertung kann dieses sein: Führen sie zu einer Verschlechterung der Situation derjenigen, die nicht dabei sind, die nicht eingerechnet sind, oder führen sie zu keiner Verschlechterung ihrer Situation?
Das Anliegen der beiden Werke ist, eine Klärung des Solidaritätskonzepts im Zusammenhang von verwandten Begriffen wie Mitgefühl, Freundschaft, Liebe, Reziprozität, Verantwortung, Würde etc. zu erreichen. Den Autorinnen ist aber noch mehr gelungen, nämlich die Funktionsweise des moralischen Systems der Gesellschaft in seinen inneren Zusammenhängen näher zu erläutern. In virtuoser Weise benützen sie dazu einen breiten Fundus an soziologischer und philosophischer Literatur.
Die Fallstudien zu Biobanken und zur personalisierten Medizin, zur Pandemieplanung und zur Transplantationsmedizin sind je für sich spannend zu lesen und liefern viel Diskussionsstoff. Vor allem die Pandemiesituation zeigt auch die Grenzen der Solidarität auf. Ob „Solidarität“ ein moralisches Prinzip ist? Diese Frage taucht auf. Was ist aber ein ethisches Prinzip? Es ist spannend, nach der Lektüre weiter darüber nachzudenken, was damit eigentlich impliziert wird und was nicht, wenn Solidarität ein Prinzip ist. Gibt ein moralisches Prinzip immer eine Rechtfertigung oder ist es ein Motivationsfaktor für das Gute? Ist ein Prinzip eher ein Maßstab oder eher eine Quelle? Wie weit reicht die normative Kraft der Solidarität, wenn jemand sagt: „Du sollst jetzt solidarisch sein!“, oder wenn die Gesellschaft Solidarität ihrer Mitglieder erwartet?
Diskussionen im Umkreis des Konzepts Solidarität in der Sozial- und Bioethik werden an den Büchern von Prainsack und Buyx nicht vorbeikommen. Völlig zu Unrecht wurde die Solidarität von der Bioethik bisher vernachlässigt.
Christoph Rehmann-Sutter, Lübeck

Mathwig, Frank / Meireis, Torsten / Porz, Rouven (Hrsg.): Fehlbarkeit und Nichtschadensprinzip. Ein Dilemma im Gesundheitswesen. Zürich: Theologischer Verlag, 2017, 132 S., ISBN 978-3-290-17861-1, Brosch., EUR 29.90

Der vorliegende Band (132 Seiten) ist der mittlerweile dritte der Berner Arbeitsgemeinschaft ,Ethics and Care‘. Grundlage für die Erstellung des Buches ist auch hier eine Tagung. Der erste Band stellte die Autonomie, der zweite die Fürsorge bzw. das Wohltun in den Vordergrund. Der nun erschienene neue Band widmet sich der Schadensvermeidung im Gesundheitswesen. Ein folgender soll sich mit der Gerechtigkeit beschäftigen. Man darf darauf gespannt sein. Diese an die Ausführungen von Beauchamp and Childress erinnernden Begrifflichkeiten werden nun anhand von Beiträgen unterschiedlicher Autoren aufgearbeitet.
Das Fazit vorneweg: Dieses kleine Buch ist aus meiner Sicht spannend, sehr interessant, enorm wichtig und prägnant. Letzteres deswegen, weil es vom Umfang her nicht überbordet und doch alle wesentlichen Elemente enthält, die mit der Fehlbarkeit und dem Nichtschadensprinzip bei medizinischen Entscheidungsfindungsprozessen in engem Zusammenhang stehen. Es wird mit dem Buch ein systematisches Risikomanagement im Krankenhaus aufgezeigt. Wichtig ist das Buch deswegen, weil auch heute noch die ,Götter in Weiss‘ i.d.R. a) das Sagen haben und weil sie dies haben, sind b) auch Fehler oft kein Thema. Wenn man sich an die Geschichte des Spitalswesens der letzten ca. 150 Jahre erinnert, so stellt dieses Buch, dass auch in Krankenhäusern Fehler passieren können, einen Meilenstein dar. Darauf wird in dem Buch nicht hingewiesen. Aber soll es dennoch geschehen. Dass Tabu, dass in einem Spital keine Fehlentscheidungen passieren (können), hängt wohl auch damit zusammen, dass wir als Patienten eben auch nicht fehlerhaft behandelt werden wollen. Es sind, dies muss der Gerechtigkeit halber auch gesagt sein, nicht nur die Chefärzte und Direktoren, die sich diese Unfehlbarkeit angeeignet haben, sie haben sie auch von uns in der Rolle derjenigen, die von der Behandlung abhängig sind, zugesprochen erhalten. Aber belassen wir es dabei und richten unser Augenmerk auf das hier vorliegende Buch. Es gliedert sich in acht Beiträge, die wiederum drei Hauptkapiteln zugeordnet sind. Ob dies viel Sinn macht, sei dahin gestellt. Die drei Oberbegriffe könnte man als 1. Grundsätzliche menschliche Fehlbarkeit, 2. Praxis des Gesundheitswesens in Bezug auf Fehler und 3. Die Schuldfrage bei Fehlern im Krankenhaus bezeichnen. Hier kurz die einzelnen Beiträge:
Frank Mathwig: Fehler als Chance und Risiko (19 Seiten)
Regula Schmitt: Fehlerfreundlichkeit – Gedanken und Erfahrungen aus ärztlicher Perspektive. Ein Versuch der Kategorisierung von Fehlern und ihren Folgen (6 Seiten)
Michelle Salathé: Fehler und Haftungsrecht. Die juridische Seite (10 Seiten)
Konstantin Beck: Krankenversicherer und systematische Behandlungsfehler. Das Fall-
beispiel Yasmin (26 Seiten)
Eva-Maria Jordi Ritz: Fehlererfassung und -vermeidung im Organisationskontext (7 Seiten)
Cornel Schiess / Settimio Monteverde: Second Victims im Pflegealltag. Überlegungen am Beispiel der Sturzprävention (17 Seiten)
Monika Bobbert: Verantwortung, Fehler und Schuld in Medizin und Pflege (16 Seiten)
Isabelle Noth: Die Fehler der anderen und die eigene Schuld. Perspektiven aus Spiritual Care und Praktische Theologie (6 Seiten).
Wie bereits erwähnt: ein wichtiges und damit auf jeden Fall lesenswertes Buch für jeden, der professionell mit Medizin i.w.S. zu tun hat. Das war mein erster Gedanke. Aber ist das Buch eventuell nicht auch interessant und wichtig für jeden, der sich in Spitalsbehandlung und -pflege begeben muss? Ich denke schon. Aber eben bewegen wir uns dann in der Dilemmasituation, dass wir ja als Patienten möchten, dass den Ärzten und Pflegenden doch bitte schön keine Fehler unterlaufen soll(t)en. Wir wissen jedoch auch, dass irren menschlich ist und dass auch in diesen Institutionen ,nur‘ Menschen arbeiten. Nur wer nichts macht, vermeidet Fehler.
Laut den Herausgebern des Buches wird diese Situation der Anfälligkeit gegenüber Fehlern durch die gesteigerte Effizienz der modernen Hochtechnologie-Medizin noch brisanter. Interessant ist aber auch der Aspekt, dass in Studien festgestellt wurde, dass Fehler oft auf der Basis von Störungen im zwischenmenschlichen Bereich, d.h. durch Unstimmigkeiten im Team passieren. Also spielt auch in der modernen Medizin der Faktor Mensch nach wie vor eine zentrale Rolle. Ein Fehler-Management ent-
tabuisiert somit die Meinung, dass hier, bei uns, keine Fehler passieren können, und lenkt andererseits den Fokus auf die Qualität der Zusammenarbeit.
Möge dieses Buch eine weite Verbreitung finden!
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Schütz, Ronja / Hildt, Elisabeth / Hampel, Jürgen (Hrsg.): Neuroenhancement. Interdisziplinäre Perspektiven auf eine Kontroverse. Bielefeld: transcript, 2016, 177 S., ISBN 978-3-8376-3122-7, Brosch., EUR 32.99

Unter Neuroenhancement wird das Bestreben verstanden, „bei gesunden Personen eine Verbesserung von Gehirnfunktionen zu erreichen“ (S. 11). Gleichwohl befassen sich die Beiträge des Bandes mit möglichen Anwendungen sowohl bei gesunden als auch bei kranken Menschen. Die verschiedenen Verfahren werden vorgestellt und in ihren jeweiligen möglichen Wirkungen aus der Sicht von Medizin, Psychologie, Philosophie, Recht und Politikwissenschaft diskutiert. Vor allem in der Philosophie gibt es seit einiger Zeit heftige Debatten um Willensfreiheit, Autonomie und Authentizität im Zusammenhang mit real bereits existierenden bzw. erst noch zu erarbeitenden Therapien, so dass auch von einem neuen Forschungsfeld, der „Neuroethik“ gesprochen wird.
Gerade weil ein Großteil der optimistischen Ankündigungen der letzten Jahre zu den Möglichkeiten der Neurowissenschaft bisher nicht eingetroffen ist, ist es hervorhebenswert, dass deren Chancen, Risiken und mögliche individuelle wie gesellschaftliche Nebenwirkungen vorab diskutiert werden. Dies war und ist leider durchaus nicht üblich.
Die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Neuroenhancement (im weiteren NH) wird, so die Meinung der HerausgeberInnen, durch folgende Probleme erschwert:
– „Es gibt derzeit keine klare operationale Definition von NH, die Regulierungsdiskursen zugrunde gelegt werden kann.“ Es sei vielmehr ein Oberbegriff, der nur ein grobes Ziel beschreibe, ohne konkret anzugeben, mit welchen Mitteln dieses Ziel erreicht werden solle.
– Die eingesetzten Verfahren seien sehr unterschiedlich.
– „Nicht nur die technisch-wissenschaftlichen Grundlagen sind ungeklärt, Aussagen über die Auswirkungen von NH sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch weitgehend spekulativ, da Risiken, Nebenwirkungen, aber auch die Möglichkeiten noch kaum abgeschätzt werden können“ (S. 13). Insbesondere würden verlässliche Studien zur Langzeitwirkung bei Gesunden fast vollständig fehlen (J. Leefmann, S. 113).
Die Kontroverse zwischen Transhumanisten (Befürworter einer umfassenden technologischen Veränderung des Menschen) und den sog. Biokonservativen (Autoren, die sich vor allem unter Bezugnahme auf die Natur des Menschen gegen verbessernde Maßnahmen aussprechen) durchzieht mehr oder weniger alle Beiträge, auf ihre Darstellung muss hier verzichtet werden. Stattdessen sollen die aufgeworfenen ethischen Fragen herausgehoben werden. Dies sind z.B. bei der Psychologin S. Diekelmann Implikationen bei der Anwendung von NH im Schlaf. Zum einen könnten wir unseren Sinn für Begabung und Talent verlieren, da Fleiß und Mühen zur Erreichung von Zielen nicht mehr wertgeschätzt würden Zum andern könne ein direkter oder indirekter Zwang entstehen, weil andere Menschen von dieser Technik bereits Gebrauch machen würden. Letztere Argumentation taucht bei mehreren AutorInnen zu verschiedenen Anwendungsmodi auf und verweist dann regelmäßig auf die Gefahr einer Verstärkung des sozialen Ungleichgewichts (nicht alle Menschen könnten sich die Anwendung von NH finanziell leisten). In dem den Band abschließenden Beitrag der Juristin H. Bebert wird der Frage nachgegangen, ob es ein „Grundrecht auf Neuroenhancement“ gäbe und dazu sowohl verfassungsrechtlich, als auch vom Gesichtspunkt einer solidarischen Krankenkasse aus argumentiert.
Jens Clausen (Herausgeber des 2015 erschienen dreibändigen Handbook auf Neu-
roethics) verweist in seinem Beitrag auf neue Wege zu möglichen Behandlungsoptionen für bisher nicht oder kaum behandelbare Krankheitszustände. Neben den medizinischen Fragen stellen sich hier dann ebenso Fragen nach neuen Begrifflichkeiten (insbesondere bezüglich der Unterscheidung von Natur und Technik) als auch nach Art und Umfang von moralischen Anforderungen, die an Menschen mit diesen Implantaten zu stellen wären. Weiterhin sei die Klärung von Verantwortlichkeiten umfassender zu diskutieren (zwischen Hersteller, Implanteur, Nutzer einer Gehirn-Computer-Schnittstelle). Von W. Kornberger wird die Problematik von Identität und ihrer Wahrnehmung aufgeworfen. Es sei zunehmend unklar, was zur menschlichen Identität gehöre. Er verweist außerdem auf die durch Anwendung von NH bei Gesunden sich verschärfende Debatte, ob der Wert von Menschen nur anhand von funktionalen Qualitäten beurteilt werden darf.
Den im Buch vorgestellten Überlegungen ist eine breite Diskussion zu wünschen, gerade weil vieles noch Zukunftsmusik ist, d.h. die Weichen einer gesellschaftlichen Entwicklung noch nicht abschließend gestellt sind.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

 

ETHICA 2016/4

Voigt, Rüdiger (Hg.): Staatsdenken. Zum Stand der Staatstheorie heute. Baden-Baden: Nomos, 2016, 534 S., ISBN 978-3-8487-0958-8, Geb., EUR 98.00

Der Buchtitel weckt hohe Erwartungen, die – wie vorab gesagt sei – in bestimmter Hinsicht nicht vollständig eingelöst werden. In der Gegenwart zeichnet sich eine Krise der Staatlichkeit bzw. des Konzepts des National- und Verfassungsstaates ab, die auf einer Vielzahl unterschiedlicher Sachverhalte und Entwicklungen beruht. Zu diesen gehören die Mondialisierung, supranationale Verflechtungen, zunehmende Macht nichtstaatlicher Organisationen wie Banken oder Konzerne, zusammenbrechende Staaten (failing states) vor allem in der südlichen Hemisphäre oder die Erosion von Rechtsstaatlichkeit in der westlichen Welt einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, verbunden mit der zunehmend offenkundig werdenden Überforderung des Staates hinsichtlich seiner Funktion, verlässliche Normierungen für die Gewährleistung von Frieden, Freiheit und sozialem Ausgleich zu statuieren. Die Dringlichkeit des im Buchtitel genannten Anliegens, den heutigen Stand der Staatstheorie zu entfalten, liegt auf der Hand.
Der Herausgeber des Buches hatte im Jahr 2011 im Stuttgarter Franz Steiner Verlag zusammen mit Ulrich Weiß einen umfangreichen Band „Handbuch Staatsdenker“ ediert. Dort waren in alphabetischer Reihung zahlreiche Autoren der Staatslehre von der Antike bis zur Gegenwart vorgestellt worden. Daher hätte man erwartet, dass sein jetzt unter dem Titel „Staatsdenken“ herausgegebenes Werk anders ansetzt und es moderne bzw. heutige Theorieansätze thematisch entfaltet sowie problembezogen diskutiert. Stattdessen werden jedoch erneut einzelne ausgewählte Autoren porträtiert, so dass z.B. Aristoteles oder Georg Jellinek in beiden Werken dargestellt werden. Der jetzige Band verlässt das Schema der Personenartikel lediglich in seinem Schlussteil, nämlich in Kapitel 15, das verdienstvollerweise dem wichtigen Thema „Staatsdenken in anderen Kulturen“ gewidmet ist, sowie in den eher kurzen „Schlussbetrachtungen: Der Staat der Zukunft“ (S. 461– 494). Um nicht missverstanden zu werden: Die Personenartikel sind oft lesenswert und interessant. Exemplarisch sei der von Oliver W. Lembcke verfasste Beitrag über den 1933 verstorbenen Juristen Hermann Heller erwähnt (S. 129 –134), in dem Hellers Differenzierungen zur sozialen Homogenität im Staat oder zur Verhältnisbestimmung von Staat und Politik angesprochen werden. Der Artikel über Böckenförde aus der Feder von Tine Stein (S. 142–147) ist informationsreicher ausgefallen als der Parallelartikel im älteren „Handbuch Staatsdenker“ von 2011. Er weist zu Recht auch auf die Einwände hin, die gegen das sogenannte Böckenförde-Diktum geltend gemacht wurden, und verschweigt nicht die Rückbezüge Böckenfördes ausgerechnet auf Carl Schmitt, die in der Sache diskussionsbedürftig sind. Ferner geht er kurz auf Böckenfördes aus Artikel 1 Grundgesetz abgeleitete, stark katholisch-naturrechtlich geprägte Auffassung über den Status menschlicher Embryonen ein. Leider findet dann keine kritische Auseinandersetzung mit Böckenfördes diesbezüglichem Standpunkt statt.
Die Personenartikel sind in 14 Kapitel eingeteilt. Zunächst erfolgt in drei Kapiteln eine chronologische Aufreihung von Autoren des antiken, klassischen sowie modernen Staatsdenkens; danach gelangen in Kapitel 4 Autoren des Staatsrechts zur Sprache, unter ihnen Jellinek, Heller oder Böckenförde; sodann wird kapitelweise zwischen konservativem, revolutionärem, anarchistischem, utopischem, radikalem, liberalem und reaktionärem Staatsdenken unterschieden; schließlich gelangen wiederum mit Hilfe von Personenartikeln religiöse, feministische und postmoderne Ansätze zur Sprache. Man kann geteilter Meinung sein, ob diese Aufgliederung hinreichend trennscharf und aussagekräftig ist. Eine solche Rückfrage ist ebenfalls an die Binnengliederung der Kapitel zu richten. So wird z.B. im Kapitel „Konservatives Staatsdenken“ der restaurative Rechtsphilosoph Friedrich Julius Stahl porträtiert (S. 162–166) und anschließend das Denken von Hermann Lübbe wiedergegeben (S. 166 –170). Lübbes Etikettierung als „konservativ“ ist zumindest erläuterungsbedürftig. In dem Artikel selbst, der von Hannah Bethke geschrieben wurde, findet sich – klare Konturen vermeidend – eine Charakterisierung Lübbes als liberal-sozial-konservativ (S. 169). In Kapitel 12 über „Religiöses Staatsdenken“ gelangen Augustinus, Thomas von Aquin, Luther sowie Calvin zur Darstellung. Auch hier kann man über die Auswahl diskutieren. Warum ist beispielsweise nicht Moses Mendelssohn aufgenommen worden, dessen 1783 erschienene Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ für die Idee der staatlich zu gewährleistenden Gewissensfreiheit bahnbrechend war und die sich u.a. auf das Preußische Allgemeine Landrecht als staatsrechtlichem Dokument ausgewirkt hat? Im Spektrum der zahlreichen Personenartikel ist der jüdische Autor Mendelssohn übrigens an überhaupt keiner Stelle zu finden, auch nicht – was im Schema der Buchgliederung ebenfalls nahegelegen hätte – in Kapitel 2 oder 3 über „klassisches“ oder „modernes“ oder in Kapitel 10 über „liberales“ Staatsdenken.
Thematische Fokussierungen, die der Buchtitel „Staatsdenken. Zum Stand der Staatstheorie heute“ eigentlich erwarten ließ, bieten erst die „Schlussbetrachtungen“ (S. 461– 494). Mehrere Autoren beleuchten hier instruktiv die Krise heutiger Staatlichkeit unter den Aspekten der Globalisierung, des Souveränitätsgedankens, des Staatenzerfalls und der Postdemokratie. Unter der Überschrift „Souveränitätsverlust?“ legt Dieter Grimm zutreffend dar, dass öffentliche Gewalt heute nicht mehr wie in der Vergangenheit nur innerstaatlich aufgeteilt ist, sondern zwischen staatlichen und überstaatlichen Einheiten auszutarieren ist (S. 478). Der abschließende Aufsatz, den der Herausgeber Rüdiger Voigt beigesteuert hat, wurde – angesichts heutiger Krisensymptome der Staatlichkeit durchaus überraschend – ohne ein Fragezeichen unter die Überschrift „Staatsrenaissance“ gestellt. Er endet dann aber mit der skeptischen, eine ungebrochene Staatsrenaissance problematisierenden Bemerkung, Rechtsstaat und Demokratie seien zurzeit in Gefahr (S. 494).
Das Buch enthält beachtliche Einzelartikel und ist informativ. In der Sache ergibt sich ein ambivalentes Fazit. Die heutige alltagsweltliche Legitimitäts- und Akzeptanzkrise von Staat und Politik spiegelt sich darin ab, dass sich Staatstheorie und Staatsdenken zurzeit ihrerseits in einer Phase der Verunsicherung befinden und sie sich an Lösungsansätze neu herantasten müssen. In der Neuzeit hat sich das Konzept „Staat“ seit dem 16. Jahrhundert ausgebildet. Gegenwärtig befindet es sich sicherlich noch nicht am Ende; aber es steht auch nicht vor einer Renaissance, wie der Titel des abschließenden Beitrags insinuieren könnte. Stattdessen sind hinsichtlich von Staat und Staatlichkeit einschneidende Umwälzungen aufzuarbeiten.
Hartmut Kreß, Bonn

Voland, Eckart / Voland, Renate: Evolution des Gewissens. Strategien zwischen Egoismus und Gehorsam. Stuttgart: S. Hirzel, 2014, 236 S., ISBN 978-3-7776-2376-4, Kart., EUR 32.00

Kaum jemand würde bestreiten, dass Darwins Evolutionstheorie zu den erfolg- wie auch einflussreichsten Theorien der Wissenschaft zählt. Und doch gibt es Sachlagen, die nach heutigem Wissensstand soziobiologisch noch nicht durchdacht sind. So etwa die Frage nach der Gewissensevolution. Hält man an der diesbezüglich vorherrschenden Theorie fest, dann begreift man Gewissen funktionalistisch als Navigator zwischen zu viel Egoismus und so viel Altruismus wie notwendig. Gewissen wird als eigennützliche, persönliche Fitness maximierende Instanz aufgefasst (vgl. 198).
Eckart Voland, Soziobiologe und emeritierter Philosoph an der Universität Gießen, und seine Frau Renate, ihres Zeichens Psychologin und Leiterin einer Grundschule, ziehen dies in Zweifel. Auf 230 Seiten entfalten sie in vorliegendem Band ein eigenständiges Argument zur Gewissensevolution, das sie zu einer Helfer-Theorie ausformen.
Nach der einleitenden Klärung des Gegenstandes im ersten Kapitel wenden sich die Autoren in Kapitel II der Frage nach der Natur und Funktionalität des Gewissens zu. Vorsichtig wird eine Verknüpfung zwischen Gewissen und Verhalten erwogen. Acht Merkmale werden aufgeführt, die das Gewissen genuin kennzeichnen sollen. Zu dieser freilich – wie die Autoren selbst bemerken (49) – hinterfragbaren Liste zählen sie etwa die Asymmetrie der Bewertung des Gewissens, die Egozentrik oder auch Non-Kognitivität und eine nicht konsequentialistische Ausrichtung.
Das dritte Kapitel sucht nach einer Verortung des Gewissens in der darwinschen Theorie. Nicht ganz unerwartet gelangen die Autoren an die Grenze zwischen Natur und Kultur, was schließlich in die Frage nach Genese und Funktion von non-konsequentialistischem Denken mündet. Ein Ansatz wäre, so das Ehepaar Voland, von zwei Moralsystemen auszugehen, die ineinandergreifen – eines konsequentialistisch, das andere non-konsequentialistisch (vgl. 67). Eine Lösung ist dies freilich noch nicht, was die Autoren dann auch zum nächsten Kapitel und zu folgender Frage führt: Wozu ist das Gewissen gut?
Im vierten, knapp 80 Seiten starken Kapitel wird das Hauptargument zur Helfer-Theorie der Gewissensevolution entwickelt. Die Autoren versuchen sich dem Gewissen, das uns vor das Problem eines „nicht fitnessförderlichen, aber dennoch evolutionsstabilen Altruismus“ (76) stellt, über das Konzept des Eltern/Kind-Konflikts zu nähern – ein Konflikt, der sich aus der elterlichen Forderung nach altruistischem Verhalten beim Nachwuchs speist; einer Forderung, der dieser von sich aus nicht nachzukommen bereit ist. Sie unterscheiden zwischen einem zeitlich begrenzten und einem lebenslangen Helfer-Konflikt, wobei sie die Thematik mit zahlreichen Belegen unterfüttern. Zwei Szenarien verdienen es, erwähnt zu werden. Das Sklaven-Szenario, worin die Gewissensevolution durch eine „lebenslange reproduktive Neutralisierung eines Teils der eigenen Nachkommenschaft im evolvierten Fitnessinteresse der Eltern liegen kann“ (148) und das Steuer-Szenario, worin „der evolutionäre Erfolg auch durch jene Vorteile befördert wird, die entstehen, wenn Familien in die Infrastruktur ihrer sozialen Gruppe investieren“ (151).
Das fünfte Kapitel bringt die Perspektive des Kindes mit ein. Kinder scheinen sich in einer evolutionären Situation zu befinden, in der „ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich vertrauensvoll den elterlichen Lernangeboten zu unterwerfen“ (170). Kinder erhöhen ihre Überlebenschance durch Subordination, durch Gehorsam und Einfügung in beispielsweise eine ihnen zugewiesene Helfer-Rolle.
Das Gewissen entwickle sich nun, so schlagen die Autoren in Kapitel VI vor, zwischen der frühen Übernahme normativer Regeln einerseits und, genetisch betrachtet, egoistischen Interessen der Eltern andererseits. Somit spricht die Helfer-Theorie der Gewissensevolution dezidiert nicht davon, dass das Gewissen eine „eigennützliche, die persönliche Fitness maximierende Instanz“ sei. Vielmehr verortet sie das adaptive Problem, so fassen Voland und Voland im abschließenden Ausblick zusammen, in den „Kontext kooperativer Fortpflanzungsgemeinschaften“, die allem Anschein nach am „Anfang des evolutionären Sonderweges des Menschen“ (204) standen.
Dieses Buch ist lesenswert. Nicht nur bringt es den Leser auf den aktuellen Stand bezüglich der evolutionsbiologischen Diskussion um das Phänomen des Gewissens. Es wird darin zudem eine alternative Theorie aufgestellt, die mit stichhaltigen Argumenten gestützt wird. Eine sechzehnseitige Literaturliste sowie ein Sach- und Personenregister beschließen das Buch.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Werden, Rita: Schamkultur und Schuldkultur. Reversion einer Theorie. Münster: Aschendorff, 2015 (Studien der Moraltheologie. Neue Folge; 3), 239 S., ISBN 978-3-402-11932-7, Brosch., EUR 36.00

Die Autorin, die hier ihre Dissertation, eingereicht am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, vorlegt, hat sich einer Thematik gewidmet, die, wellenartig, mal im Fokus des wissenschaftlichen Interesses steht, um dann für eine gewisse Zeit auch wieder zu verschwinden. Dieses Kommen und Gehen beschreibt Werden mit der Aufarbeitung historischer Bezüge in der Einleitung. Ihre Forschungshypothese, die anschließend erläutert wird, geht dahin, dass sie konstatiert, dass es ein Defizit gibt. Bei der Aufarbeitung der Scham- und Schuldproblematik wurde bislang der Kontext, in dem sich Scham und Schuld abspielen, zu wenig berücksichtigt. Diese Lücke, so der Anspruch der Verfasserin, will sie schließen. Sie stellt fest, dass es sich bei Scham und Schuld zwar „um universale Phänomene handelt, die jedoch kulturspezifische Züge tragen und in einem kulturspezifischen Verhältnis zueinander stehen, so dass es erst dann, wenn diese Einsicht vollzogen ist, sinnvoll wird, von Typen einer Schuld- oder Schamkultur zu sprechen“ (S. 19). Sie beklagt also, dass eine systematische Reflexion fehlt, „welche kulturspezifisch-soziologischen Kontextfaktoren“ (S. 19) berücksichtigt. Dabei sind Schuld und Scham einerseits von Schuld- und Schamkulturen andererseits zu unterscheiden. Kulturelle Kontexte von Schuld- und Schamkulturen müssen ihrer Meinung nach unbedingt berücksichtigt werden und das ist in der Vergangenheit kaum oder gar nicht geschehen. Es ist einleuchtend, dass auf die Frage, was entscheidend(er) ist, der Einzelne oder das Kollektiv, Gesellschaften unterschiedliche Antworten geben. Dies gilt es unbedingt zu berücksichtigen und dem ist zuzustimmen. Geschieht dies nämlich nicht, so die Autorin weiter, entstehen blinde Flecken. Um dies zu vermeiden, unternimmt die Verfasserin dann im weiteren Verlauf ihrer Arbeit den groß angelegten Versuch, diverse Konzepte quasi in einem Relecture-Prozess wieder sehend zu machen. Verschiedene Autoren werden in eigenen, in sich abgeschlossenen Kapiteln durch die Brille der Kontextbedeutung wieder-gelesen (S. 27–145). Es sind dies: Darwin, Simmel, Freud, Piers, Block Lewis, Lewis, Tangney & Dearing, Deonna & Rodogno & Teroni, Heller, Lietzmann. Im Anschluss daran (ab S. 146) werden Thesen zu den einzelnen, referatsartig vorgestellten, AutorInnen formuliert. Dies stellt summa summarum das gesamte zweite Kapitel dieses Buches dar. Nicht ganz nachvollziehbar ist die Aufteilung diverser Autoren im dritten Kapitel, das sich substanziell kaum vom zweiten unterscheidet. Methodisch wird hier im dritten Kapitel nämlich in der gleichen Art und Weise verfahren, indem nun die AutorInnen Mead, Benedict, M.S. Singer und Lotter referiert und ausgewertet werden. Die hier gezogenen Schlüsse vermögen kaum zu überraschen. Beispiele: „…dass Scham immer eine ‚relative‘, das heißt relationsbezogene Emotion ist“ (S. 216); oder: „Es gibt keine Scham ohne einen signifikanten Anderen, genauso wenig wie Scham denkbar ist ohne ein Selbstbild, das Wertsetzungen widerspiegelt…“ (S. 217). Oder: „Im Unterschied zur Scham ist Schuld eine per se moralbezogene Emotion“ (S. 218). Hier muss kritisch festgehalten werden, dass der Output aus der Fülle der bearbeiteten bzw. referierten Konzepte doch etwas dünn ausfällt. Es geht der Autorin ja darum, den Beweis anzutreten, dass die Kontextbezogenheit nie außer Acht gelassen werden darf, wenn es um die Bewertung von Schuld- und Schamkulturen geht. Diese Aussage ist m.E. gut nachvollziehbar und sie belegt sie u.a. auch damit dass sie auf die Missverständnisse hinweist, die entstanden sind, als man nach dem II. Weltkrieg Erklärungen anzustellen versuchte, wie das japanische Kaiserreich bzw. dessen Scham- und Schuldkultur beschaffen gewesen sei. Also wäre für mein Dafürhalten eine konkrete Umsetzung anhand eines kultursoziologischen Beispiels auf der Ebene mittlerer theoretischer Reichweite doch durchaus sinnvoll gewesen. Aber das erscheint leider nicht. Im Gegenteil: die Verfasserin schreibt: „Die hier vorgelegten Studien unternehmen nicht den Versuch, die Kategorien der Schuld- und Schamkultur auf reale Kontexte anzuwenden und diese zu klassifizieren“ (S. 227). Schade! Eine diesbezügliche Skizze, wie die Autorin ihr Anliegen versteht, hätte dem Buch zu wesentlich mehr Spannung verholfen.
Das Buch enthält 638 Fussnoten, was die Lesefreundlichkeit nicht unbedingt erhöht.
Eine diesbezügliche Überarbeitung der Dissertation vor der Veröffentlichung wäre eventuell sinnvoll gewesen. Es bleibt die akribisch referierte und sauber belegte Durchsicht verschiedener AutorInnen in Bezug auf die gewählte Themenstellung. Und das ist ja auch nicht wenig.
Riccardo Bonfranchi / Wolfhausen, CH

Schaupp, Walter/ Kröll, Wolfgang (Hg.): Medizin – Macht – Zwang. Wie frei sind wir angesichts des medizinischen Fortschritts? Baden-Baden: Nomos, 2016 (Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft; 1), 134 S., ISBN 978-3-8487-2966-1, Brosch., EUR 29.00

Das Buch ist Band 1 einer neuen Schriftenreihe „Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft“ und stellt die überarbeiteten Beiträge der gleichnamigen Tagung 2014 in Graz vor. Kern aller Beiträge ist die „Janusköpfigkeit der Wahlfreiheit“ bei medizinischen Entscheidungen. „Sie besteht in der Unerbittlichkeit, die mit der Entscheidungsaufgabe am Schlusspunkt des Diagnoseprozesses einhergeht“ (S. 38). Die verschiedenen Beiträge konzentrieren sich stets auf die Frage, wie viel „Freiheit“ der einzelne Mensch angesichts einer Matrix gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, kultureller Bedeutungsproduktion und der länderspezifischen Systemlogik eigentlich besitzt. Marion Baldus geht dabei auf Zugzwänge und Wirkmächte im Kontext pränataler Diagnostik ein, Sonja Frühwald auf Behandlungszwänge in der Intensivmedizin, Eberhard Schockenhoff auf die Funktion des Autonomiearguments in der Debatte um Sterbehilfe. Allgemeiner fragen Lukas Kaelin nach der Dialektik von Fortschritt und Freiheit des Individuums, Roland Kipke nach den verschiedenen Vorstellungen vom „guten Leben“ und den sich daraus ergebenden Entscheidungen in der Medizin und Michael Rosenberger nach Spiritualität als Ressource von Freiheit.
Zusammenfassend zeigt sich, so die Herausgeber in ihrem Vorwort, dass ein „Generalurteil über den biomedizinischen Fortschritt und unsere Freiheit ihm gegenüber nicht möglich ist“ (S. 9). Im vorliegenden Buch werden jedoch „Beispiele für die Lernfähigkeit der modernen Medizin im Hinblick auf die Bedürfnisse und Wertungen des einzelnen Subjekts“ beschrieben – sehr prägnant im ebenfalls abgedruckten Interview von Lukas Kenner durch den Herausgeber Wolfgang Kröll zum Thema Fortschritte in Gendiagnostik und Gentechnik.
Der Band gewinnt insbesondere dadurch, dass von den Vertretern aus Medizin, Gentechnik, Pädagogik, Philosophie und Theologie Geschichten über Fortschritt und Freiheit erzählt werden ohne endgültige Lösungen zu bieten, so dass die Leser aufgefordert sind, sich ihr eigenes Bild zu machen.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Schilling, Astrid: Ethik im Kontext erfahrungsbezogener Wissenschaft. Die Moralphilosophie des Roger Bacon (ca. 1214 –1292) vor dem Hintergrund der scholastischen Theologie sowie der Einflüsse der griechischen und arabischen Philosophie. Münster: Aschendorff, 2016 (Studien der Moraltheologie: Neue Folge; 4), 256 S., ISBN 978-3-402-11933-4, Brosch., EUR 37.00

In ihrer Dissertation über die Moralphilosophie des Roger Bacon in seinen Büchern „Opus maius“, „Opus minus“ und „Opus tertium“ geht Astrid Schilling mit großem Fleiß und bewundernswerter Gründlichkeit zwei Hauptfragen nach: „Welche Rolle spielt die Moralphilosophie innerhalb des Opus maius bzw. welche Funktion übernimmt sie im Hinblick auf die anderen Wissenschaften?“ und „Wie ist die Moralphilosophie inhaltlich zu beurteilen?“ (S. 26) Auf dem Wege zu einer Beantwortung ihrer Fragen zeigt die Autorin uns Roger Bacon als einen Grenzgänger zwischen Theologie und Philosophie (inklusive beginnender Naturwissenschaft – Bacon hat sich sehr für Optik interessiert) in einer Zeit des Aufbruchs und des Umbruchs. In den wachsenden Städten und den in ihnen gegründeten Universitäten entstanden Freiräume für Neues, über Arabien gelangten Werke von Aristoteles nach Europa (z.B. durch al-Farabi oder Avicenna) und christliche Autoren wie St. Viktor, Dominikus Gundissalinus, Bonaventura oder Thomas von Aquin trugen zu dem Rahmen bei, in dem bzw. über den hinaus Bacon sich bewegte.
Der Kontakt bzw. Zusammenstoß mit dem Rahmen war z.T. durchaus schmerzhaft und folgenreich, wie Schilling am Beispiel Bonaventura zeigt. Bonaventura war der „Generalobere der Franziskaner zur Zeit des Eintritts Bacons in den Minoritenorden“ (S. 121). „Die Tatsache, dass Bonaventura und Roger Bacon extrem konträre Weltbilder hatten, was zur äußersten Degradierung Roger Bacons bis hin zu Schreibverbot und dauerhaftem Eingesperrtsein führte, lässt sich anhand von De reductione artium ad theologiam leicht erahnen“ (S. 121). In dieser Schrift betont Bonaventura nachdrücklich das Primat der Bibel und der Kirche in Sachen Wahrheit: Wissenschaft allein genügt „zur vollen Erkenntnis der Wahrheit in keiner Weise“ (S. 124). Bacons Position im Opus maius hingegen wird von Schilling so zusammengefasst: Mathematik „ist Tor und Schlüssel aller Wissenschaften und mit ihr findet schon eine erste eigene Betrachtung der Welt statt. Diese Autopsie wird noch verstärkt durch die Optik des fünften Teils. Absolut gesichert wird dieses eigene Sehen schließlich durch das eigene Sehen in Experimenten“ (S. 152).
Das eigentliche Anliegen der Dissertation ist aber nicht der Konflikt zwischen Philosophie und Theologie um den Weg zur Wahrheit, sondern Bacons Moralphilosophie. Hier geht es um eine andere Grundsatzfrage, um den angemessenen Aufbau einer Ethik, die Schilling im dritten Kapitel ihrer Arbeit unter dem Titel „Primat der Vernunft versus Primat des Willens“ (S. 187ff.) abhandelt. Thomas von Aquin hat eine „vernunftbetonte Ethik“ (S. 188ff.) geschrieben, Duns Scotus – später als Bacon – eine „willensbetonte“ (S. 200ff.). „Bacon ist im 13. Jahrhundert seiner Zeit weit voraus, indem er gesellschaftliche Entwicklungen wie den zunehmenden Individualismus wahrnimmt und auf ihn eingeht, eine damit einhergehende größere Willensfreiheit aufnimmt und gleichzeitig dafür als Regulative totgeglaubte Künste wie Rhetorik und Poetik wiederbelebt“ (S. 245). Der wesentliche Zweck von Bacons Moralphilosophie ist es, nach Schilling, die Menschen von der Wichtigkeit moralischen Verhaltens zu überzeugen und eine umfangreiche praktische Handlungsanleitung zum moralischen Handeln zu geben.
Jürgen Maaß, Linz

Sigusch, Volkmar: Das Sex-ABC: Notizen eines Sexualforschers. Frankfurt a. M. / New York: Campus, 2016, 316 S., ISBN 978-3-593-50636-4, Geb., EUR 24.95 [D], 25.70 [A], 31.60 SFR

Volkmar Sigusch, einer der angesehensten Sexualwissenschaftler und von 1973 –2005 Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft sowie Professor für spezielle Soziologie in Frankfurt, stellt in diesem Buch in übersichtlicher Form seine Kenntnisse zur Sexualität vor. Wie schon der Titel besagt, sind die Themen alphabetisch geordnet und geben eine sehr ausführliche Beschreibung der Sexualität. Diese ist prosaisch im Sinne einer ungezwungen erzählenden Formulierung. Die Themen werden nicht im Lexikonstil, sondern in freier Formulierung abgehandelt, was zunächst den Eindruck einer saloppen Plauderei erwecken mag, zumal persönliche Attacken gegen Religion und normative Einstellungen locker und selbstbewusst hingestreut werden, ohne die dahinterliegenden Begründungen anzuführen, wie z.B. beim Thema Schuld:
„Die Schuld zu suchen einmal in der Bestie Mensch, an­dermal in der schlechten, menschenverachtenden Gesell­schaft ist ein Erbe des Christentums, auch wenn dabei die rote Fahne der Revolution geschwungen ward. Keine Gesell­schaft ohne Menschen, kein Mensch ohne Gesellschaft. Das eine vom anderen zu lösen wie die Knochen aus dem Fleisch ist Metzgerei, nicht dialektisches Denken. Auch wenn der Gedanke angesichts der vergangenen und gegenwärtigen Gräuel in unserer Welt kaum zu ertragen ist, er muss ge­fasst werden: Gäbe es nicht in den Menschen zumindest als Potenzialität ein Verschlingen, Auffressen, Zerstören, ein Verdrehen, Verschieben, eine rücksichtslose Eigenliebe, ei­nen durch und durch egoistischen Selbstbezug, hätten die allgemeinen Verblendungen und Isolierungen und Gewalt­tätigkeiten kein Fundament. Ich denke, das gilt auch dann, wenn die theoretische Einsicht geteilt wird, wie ich es tue: dass zwischen den Individuen und der Gesellschaft ein Hi­atus klafft, dass das Allgemeine als Objektivität dem Sub­jekthaften vorgängig ist, dass es nicht möglich ist, die verge­sellschaftete Gesellschaft, in der wir leben, psychologisch zu verstehen, dass die Eigendynamik von Gesellschaft eigene Begriffe erfordert, weil das Anwenden ,menschlicher‘ Kategorien ihr eine Menschlichkeit unterstellte, die sie schon lange verloren hat, sofern sie so etwas je besessenen“ (S. 231–232).
Dieser Eindruck des Saloppen kann stellenweise, wie angeführt, auftauchen, wird aber dem Gesamten des Buches nicht gerecht. Dieses beschreibt nämlich die ganze sexuelle Thematik in einer Vielfalt und Offenheit, wie man sie sonst kaum findet. So ist nach Sigusch seit der Neosexuellen Revolution in Deutschland „die allgemeine Lage paradoxal. Einerseits hat bei uns die gelebte sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den letz­ten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Lesben, Bisexuelle und Schwule können heute auch höchste Staatspositionen einnehmen. Auch die, die eine sehr seltene Vorliebe leben möchten, finden dank Internet Gleichartige. Andererseits suchen orthosexuelle Forscher nach wie vor ein sogenanntes Homo-Gen, das es nicht gibt, ist auf den deutschen Schulhö­fen ,schwul‘ noch immer ein Schimpfwort ersten Ranges, verschweigen beinahe alle Sportler ihre Homosexualität, ob Männer oder Frauen“ (S. 89).
Wie sehr die Sexualität nicht nur das Leben des Einzelnen bestimmt, sondern auch die Gesellschaft, zeigt der gegenwärtig avancierte Feminismus. „Heraus kommen Selfsex und Selfgender, selbstmächtig selbst produziert und selbst reguliert…“ (S. 81).
Auf der anderen Seite ist die Genitalverstümmelung noch lange nicht ausgestorben. „Vor allem in afrikanischen Kulturen werden aus alter Tra­dition nach wie vor die Genitalien von Frauen vor der Hei­rat verstümmelt, zum Beispiel zugenäht oder ihres Lustzent­rums, der Klitoris, operativ beraubt, damit eine ,reine‘ Frau geheiratet werden kann. Nach Terre des Femmes sind welt­weit 125 Millionen Mädchen und Frauen betroffen, vor al­lem in 28 Ländern Afrikas“ ( S. 75).
Das gilt auch vom sog. Brustbügeln:
„Nach Angaben der UN sind vor allem in Zentral- und West­afrika etwa 3,8 Millionen Mädchen dem sogenannten Brust­bügeln ausgesetzt. Befürchten Mütter, dass sich die Brüste ihrer heranwachsenden Töchter entfalten, greifen sie zu ei­ner überaus schmerzhaften, ja traumatisierenden Methode, die Folter genannt werden muss: Sie fahren tagtäglich mit einem heißen Gerät oder Stein über die Brust, um das sich bildende Gewebe abzutöten. Die Folgen sind verheerend. Sie reichen vom Hautkrebs bis zur Unfähigkeit, ein Kind stillen zu können“ (S. 37).
Was schließlich die weibliche Sexualität betrifft, so sind nach Sigusch die Frauen die Gewinnerinnen der Neosexuellen Revolution. Sie sind sexuell potenter als die Männer. Sie können mehrere Orgasmen haben, während bei den Männern während der Refraktionsphase kein Orgasmus möglich ist. Junge Frauen geben bei Beziehungen den Ton an. Frauen sind durch Texte, Filme und Bilder ebenso erregbar. Sie sind zudem nicht treuer als die Männer.
Informationen über solche Einzelheiten des sexuellen Lebens finden sich das ganze Buch hindurch. Dabei können selbst für in der Thematik Eingeweihte Neuheiten auftauchen. Die Arbeit lässt sich insgesamt als wahre Fundgrube für die menschliche Sexualität bezeichnen. Störend wirken die oft saloppen Seitenhiebe gegen Institutionen, die für sexuelle Verantwortung eintreten, sowie das Fehlen der Beschreibung von individuellen und gesellschaftlichen Problemen, die die gepriesene freie Sexualität mit sich bringen kann, ist diese doch der sensibelste Punkt menschlicher Begegnungen. Zudem würde ein Begriffsregister das Aufsuchen der einzelnen Themen erleichtern.
Abgesehen von diesen Bemerkungen dürfte zurzeit aber wohl nur Sigusch aus dem Fundus seiner jahrzehntelangen Forschung auf dem Gebiet der Sexualität ein solch informatives Buch schreiben können.
Andreas Resch, Innsbruck

Stederoth, Dirk: Freiheitsgrade. Zur Differenzierung praktischer Freiheit. Bielefeld: transcript, 2015, 298 S., ISBN 978-3-8376-3089-3, Brosch., EUR 29.95

Der Autor legt mit dieser Veröffentlichung seine Habilitationsschrift vor, die an der Universität Kassel angenommen wurde.
Wie der Titel der Studie bereits besagt, geht es um die Grade von Freiheit. Freiheit, was immer man en détail darunter versteht, ist in der Realität stets ‚nur‘ graduell. Dessen sind wir uns im Alltag bewusst. Der Verfasser hält aber fest, dass hierüber, also über die Abstufungen von Freiheit, kaum wissenschaftlich-philosophisch nachgedacht, reflektiert wird. Hier sieht er seine Aufgabe bzw. seine Initiative, diese Lücke zu füllen. Warum?
Die Frage nach der Freiheit kann i.d.R. nicht, nie mit einem klaren ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ beantwortet werden. Sie tritt quasi immer „nach unterschiedlichen Graden differenziert“ (S. 13) in Erscheinung. Also geht es nicht um die klassische Frage, ob der Mensch frei sei oder nicht, sondern „vielmehr um die Frage, über welche Form von Freiheit hier überhaupt entschieden werden soll“ (S. 18).
Wie geht der Verfasser nun diese Fragestellung an? In einer für mich überzeugenden und auch kreativen Art und Weise, teilt er die Antwort in zwei große Blöcke auf. D.h., er betrachtet die Fragestellung der Abstufungen von Freiheit einmal durch die Brille einer vertikalen und zum andern einer horizontalen Dimension. Die vertikale Dimension wird dann weiter differenziert durch 1. angeborene Verhaltensmuster, 2. erworbene Verhaltensmuster, 3. spontanes Verhalten, 4. subjektive Handlungsgründe, 5. normative Handlungsgründe und 6. logisch-vernünftige Handlungsgründe. Die Ausführungen hierzu nehmen den Raum von S. 25 bis 138 ein. Etwas knapper (S. 139 –174) fallen dann die Erörterungen zur horizontalen Dimension aus. Darunter versteht Stederoth unterschiedliche Handlungsphasen wie Motivation und Volition, die sich aus den Verhaltensweisen Wählen, Planen, Handeln und Bewerten ergeben. Bei der Darstellung der genetischen Dimension stützt er sich auf die Klassiker Piaget und Kohlberg. Ein Exkurs zu Hegel rundet dieses Kapitel ab. Interessant sind in diesem Zusammenhang, dies sei hier exemplarisch ‚herausgepickt‘, die Ausführungen des Autors zu den ‚genetischen Lücken im Handlungsraum‘ (S. 251ff.) sowie zur Analogie der genetischen Stufen im Zusammenhang mit den vertikalen kognitiven Stufen. Solche Zusammenhänge, das sei an dieser Stelle exemplarisch hervorgehoben, sind aus meiner Sicht die spannenden Teile dieser Arbeit, weil hier Elemente aufeinander bezogen werden, die man (vermutlich) so in dieser Konstellation noch nicht gesehen bzw. gelesen hat. Im 6. Kapitel geht Stederoth dann auch auf mögliche Konsequenzen der Freiheitsgrade ein, weil – dies eine ebenfalls klassische Aussage – Freiheiten immer auch mit Verantwortlichkeiten korrespondieren. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn der Autor festhält, dass abgestufte Freiheitsgrade immer auch gestufte Verantwortlichkeiten (S. 266) ergeben.
Fazit: Die vorliegende Publikation ist dicht und enthält eine Reihe von Gedanken, denen eine gewisse (abgestufte !) Kreativität nicht abzusprechen ist. Wer sich mit Freiheit auseinandersetzen will bzw. muss, wird nicht umhinkommen, sich diese Publikation zu Gemüte zu führen. Denn ein Gradationsansatz bezüglich der Freiheit legt dar, dass mit jeder höheren Stufe auch die Freiheit zunimmt. Das wiederum bedeutet, dass der Mensch auf jeder Stufe sowohl frei als auch auch unfrei ist. Es ist also immer ein Weniger oder Mehr. Was das nun im Detail bedeutet, darüber gibt diese Publikation umfassend Auskunft.
Positiv hervorgehoben werden kann abschließend, dass der Autor auf der Basis seiner analytischen Fähigkeiten und Kompetenzen eine Reihe von Schemata in sein Buch aufgenommen hat. Von diesen 13 Abbildungen hat er 10 selbst entworfen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Merkt, H. / Schlipf, Margrit / Schweitzer, Friedrich / Biesinger, Albert (Hg.): Ethische und interreligiöse Kompetenzen in der Pflege. Unterrichtsmaterialien für die Pflegeausbildung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, 190 S., ISBN 978-3-525-70212-3, Brosch., EUR 24.99

Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland – nicht nur für einen begrenzten Lebensabschnitt zum Gelderwerb (so häufig die ursprüngliche Intention der zwischenstaatlichen Abkommen der 50er und 60er Jahre), sondern aus unterschiedlichsten Gründen „für immer“. Damit haben wir es zunehmend auch mit Menschen in einem Lebensabschnitt zu tun, in dem sie pflegebedürftig sind – zu Hause oder in Einrichtungen. In der aktuellen Literatur zur Ausbildung von Pflegepersonal in der BRD (für die Ausbildungssituation anderer Länder kann die Rezensentin keine Aussage treffen, gleichwohl erscheinen die Materialien auch für andere deutschsprachige Länder geeignet) wurde dieser Situation bisher kaum Rechnung getragen. Eher sporadisch wird auf ein paar einzelnen Seiten der Lehrbücher zur Altenpflege auf Besonderheiten und spezifische Probleme bei der Behandlung und Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen bzw. spezielle Literatur z.B. von Ilhan Ilkelic wendet sich zum einen überwiegend an Ärzte, zum andern gehört sie nicht zu den Grundausstattungen von Berufsschulen. Insofern schließt die vorliegende Arbeit eine von vielen Lehrkräften seit langem schmerzlich empfundene Lücke.
Das Material ist in 9 Module eingeteilt, die jeweils zu einem Thema (1. Gute Pflege in interreligiösen Zusammenhängen, 2. Menschen in der letzten Lebensphase interreligiös sensibel begleiten, 3. Die Würde des Alters interreligiös sensibel entdecken und gestalten, 4. Der Umgang mit dem Körper, 5. Leid und Sinnfragen, 6. Menschen mit Demenzerkrankungen, 7. Menschenwürde,
Fürsorge und Autonomie, 8. Coping, 9. Ethische Fragen zum Beginn des Lebens) einführende Informationen enthalten, Lehrmaterialien und Materialien für die Auszubildenden sowie Hinweise auf weiterführende Literatur. Ideal für leidgeprüfte Lehrende, die angehalten sind, ihre Stundenvorbereitung minutiös aufzulisten, abzuheften, abzugeben usw., enthält das Material bereits einen zeitlich gegliederten Vorschlag zur Unterrichtsgestaltung mit Angaben zu den entsprechenden didaktischen Materialien.
Zwei Dinge hätte ich mir als Lehrkraft aus den neuen Bundesländern gewünscht:
Zum einen wird sehr häufig davon ausgegangen, dass den SchülerInnen bestimmte Zusammenhänge zumindest aus dem Christentum bekannt bzw. zugänglich sind. Dies entspricht aber nicht der Lebenswirklichkeit einer nach wie vor überwiegend atheistischen Bevölkerung. D.h., Aufgabenstellungen wie „Suchen / empfehlen Sie Frau B. eine passende Stelle aus den Psalmen / dem Gesangbuch“ u.Ä. scheitern hier sowohl daran, dass diese Materialien den SchülerInnen weder bekannt noch Bibeln oder Gesangbücher in den Schulen als Lehrmaterialien vorhanden sind (erst recht nicht in den Haushalten der künftigen Pflegekräfte). Hier hätte ich mir ein stärkeres Eingehen auf den Umgang von nichtreligiösen mit religiösen Menschen gewünscht.
Zum andern begegnen uns Menschen anderer Weltanschauungen zunehmend nicht nur als zu Pflegende, sondern auch als Pflegekräfte. Auch daraus ergeben sich spezifische Anforderungen im Team bzw. in den Einrichtungen. Dieser Aspekt ist noch gar nicht bearbeitet – und wäre daher wünschenswert für die nächste bzw. übernächste Auflage – welche die Rezensentin diesem Material trotz der vorstehenden Kritik sehr wünscht.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Güntzel, Joachim: Am Anfang war der Mensch. Die Entmenschlichung der ökonomischen Theorie und ihre dramatischen Folgen. Marburg: Metropolis Verlag, 2015, 181 S., ISBN 978-3-78316-1142-4, Brosch., Euro 19.80

Das Bilden von Modellen ist ein wirkungsvoller Weg, die Welt besser zu erkennen und zu verändern. Am Anfang einer jeden Modellierung steht ein Interesse, ein Ziel. Das hilft dabei auszuwählen, welche Aspekte der Welt mit welcher Genauigkeit und in welcher Weise modelliert werden sollen. Selbstverständlich hat diese Auswahlentscheidung Konsequenzen für die Aussagekraft der verwendeten Modelle. Wer zum Beispiel eine Ampelschaltung für eine Fuß-
gängerampel vor einem Seniorenwohnheim modelliert, braucht dabei vermutlich nicht zu berücksichtigen, welche Farben die Schuhe haben, die die Ampelbenutzer tragen. Wichtig hingegen ist offenbar, dass häufig ältere Leute hier über die Straße gehen wollen, die im Durchschnitt langsamer reagieren und langsamer gehen.
Der Autor kritisiert eine der zentralen Auswahlentscheidungen über die Eigenschaften von Menschen, die bei der in der Volkswirtschaft üblichen Modellbildung getroffen werden: „Die ökonomische Theorie gleicht über weite Strecken einer menschenleeren Wüste, die von einer Heerschar künstlich gezüchteter Retortenwesen bevölkert wird“ (S. 14). Ein solches Kunstwesen, bekannt als „homo oeconomicus“ (S. 22), ist ein sehr vereinfachtes Modell eines Menschen, es ist „in allererster Linie daran interessiert, aus allen seinen Handlungen den größtmöglichen Nutzen (für sich selbst) zu ziehen“ (S. 22). Dieses sehr einseitig vereinfachte Modell eines Menschen handelt stets rational, vorausschauend und „unter Ausnutzung aller vorhandenen bzw. zugänglichen Informationen“ (S. 22).
Wer Menschen so modelliert, kann ihr Verhalten besonders einfach mathematisch kalkulieren und damit volkswirtschaftliche Theorien konstruieren. Solange das ein Gedankenspiel, eine reine Theoriebildung bleibt, interessiert es nur die Volkswirte. Aber: „Die Vertreibung des Menschen als lebendiges Wesen aus den Modellwelten der Ökonomie hat dramatische Folgen“ (S. 16) – wenn und weil „die Aussagen und Botschaften derartiger ‚entmenschlichter‘ Modelle zu Aussagen über das tatsächliche Funktionieren realer Wirtschaftssysteme umgemünzt werden“ (S. 16). Die politische Praxis, die sich auf solche (insbesondere neoliberale) volkswirtschaftliche Theorie stützt, hat unter anderem in die globale Finanzkrise seit 2008 geführt.
Was tun? Die volkswirtschaftlichen Modelle sollen wieder mehr von realen Menschen ausgehen! Der Autor geht zurück auf Gründerväter der Ökonomie wie John Maynard Keynes, Joseph Alois Schumpeter, Walter Adolf Jöhr und Adam Smith, um das „wieder“ zu belegen und begründet seine These, dass der Ansatz von John R. Searle, „der vom zentralen Begriff der Intentionalität ausgeht“ (S. 17) zur Vermenschlichung der Volkswirtschaft beitragen kann.
Jürgen Maaß, Linz

Platzer, Johann / Großschädl, Franziska (Hg.): Entscheidungen am Lebensende – Medizinethische und empirische Forschung im Dialog. Baden-Baden: Nomos, 2016 (Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft; 2), 222 S., ISBN 978-3-8487-3044-5, Brosch., EUR 44.00

Das vorliegende Buch ist ein Sammelband, der 11 Beiträge enthält. Hier ein Überblick:
H. Christof Müller-Busch: Entscheidungen am Lebensende und Respekt vor Autonomie – Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin (17 – 29)
Peter Schaber: Assistierter Suizid: Was man tun darf und was man tun soll (31– 41)
Inocent Mária V. Szaniszló OP und Radoslav Lojan: Ethical challenges in end-of-life care. ‚Embodied experience‘ as a basis for Christian-Catholic perspective (43 –57)
Arne Manzeschke und Dominik Kemmer: Dem Sterben des Anderen Raum geben. Ethische Fallbesprechungen angesichts des Lebensendes (59 – 68)
Chris Gastmans: Dignity-enhancing care for persons with dementia and its application to advance euthansia directives (69 – 88)
Johann Platzer: Zwischen moralischen Intuitionen und ethischen Theorien. Zur Relevanz kohärenzorientierter Begründungsansätze in der angewandten Ethik (89 –117)
Markus Zimmermann: Praxis und Institutionalisierung von Lebensende-Entscheidungen in der Schweiz. Beobachtungen aus sozialethischer Perspektive (119 –140)
Patrick Schuchter und Andreas Heller: Von der klinischen zur politischen Ethik. Sorge- und Organisationsethik empirisch (141–161)
Paulina Wosko und Sabine Pleschberger: Der Wunsch des Verbleibs zu Hause bis zuletzt und die Unterstützung durch informelle Helfer/innen (163 –179)
Willibald J. Stronegger: Die Einstellung zur Tötung auf Verlangen in der österreichischen Bevölkerung – Eine Folge weltanschaulicher Grundpositionen (181– 201)
Joachim Cohen: Acceptance of euthanasia and the factors influencing it (203 –219).
Für eine nähere Besprechung wähle ich im Folgenden einen Beitrag, nämlich jenen von Peter Schaber, aus. Dieser geht nach meinem Dafürhalten die hier aufgeworfene Problematik in einer ‚rein‘ ethischen Betrachtungsweise an. Weitere Bezüge, die aus meiner Sicht für das Verständnis des Schaber’schen Beitrages hilfreich sind, entnehme ich dem Beitrag von Zimmermann.
Schaber thematisiert die Frage, was unter einem selbstbestimmten Sterbewillen zu verstehen ist. Damit verbunden ist die Frage, worauf man hierbei ein Recht hat. Konkret heißt das, ob man ein Recht hat, „andere zu autorisieren, einem“ (31) bei der Selbsttötung zu helfen? Wenn man hierzu ein Recht hat, dann haben andere die Pflicht, mich nicht daran zu hindern, oder sogar die Pflicht, „dafür zu sorgen, dass ich in der Lage bin, x zu tun“ (31). Dieses Recht wiederum wäre seinerseits von Gründen abhängig und um diese geht es Schaber in seinen Ausführungen. Für Schaber ist es normativ bedeutsam, dass Menschen ein Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Tod besitzen. Man könnte nun einwenden, dass ein Suizid eine Selbstschädigung darstellt, die das Selbstbestimmungsrecht des Individuums massiv in Frage stellt. Dem widerspricht Schaber aber, weil er den erklärten Willen des betreffenden Menschen höher gewichtet, sofern dieser a) freiwillig und b) im Wissen um alle Konsequenzen seiner Entscheidung geschieht.
Im Weiteren ergibt sich nun die Frage, ob es geboten ist, einer suizidwilligen Person zu assistieren? Dies hängt, nach Schaber, von den Gründen ab, welche die betreffende Person hat. Wenn diese an einer unheilbaren Krankheit leidet, so ist das, gemäß Schaber, ein ‚guter‘ Grund. D.h. in der Konsequenz, dass die Willensbestimmung allein nicht ausreichend ist, der betreffenden Person bei ihrer Absicht zu helfen. Das Helfen hängt also nicht allein vom Wollen der Person ab, es ermöglicht die Hilfestellung lediglich, weil sie Hilfe als Handlung erlaubt. Dass dann auch geholfen werden soll, hängt wiederum von den Gründen ab, welche die betreffende Person hat. Fazit: Die Selbstbestimmung allein kann nicht als grenzenlos bezeichnet werden. Es müssen gute Gründe vorliegen, dass eine Suizidhilfe „geleistet werden soll“ (41). Was nun ‚gut‘ bedeutet und welche Probleme mit diesem Begriff verbunden sind, erläutert Schaber nicht weiter. Darauf wird noch zurückzukommen sein.
Mit der o.e. Argumentation bildet Schaber die aktuelle Praxis der Sterbehilfe der Schweizer Organisation EXIT ab, indem auch diese davon ausgeht, ausgehen muss, dass sie nur dann Sterbehilfe leistet, wenn eine unheilbare Krankheit vorliegt. In diesem Zusammenhang kann man auch auf den Beitrag von Zimmermann im vorliegenden Sammelband verweisen, der dezidiert die unterschiedlichen Lebensende-Entscheidungen empirisch erfasst und insbesondere auf die Praxis der Suizidhilfe in der Schweiz, namentlich von EXIT, eingeht (128ff.). Das Schweizerische Strafgesetzbuch regelt die Suizidbeihilfe mit einem Satz, nämlich in Artikel 115, der besagt, dass „Beihilfe zum Selbstmord“ nur dann strafrechtlich verboten ist, wenn bei der unterstützenden Person ‚selbstsüchtige Beweggründe‘ vorliegen. Zimmermann erläutert drei Gründe, die insbesondere für den Arzt bei der Beihilfe zur Selbsttötung von Bedeutung sein sollen, folgendermaßen:
– Das Lebensende des Sterbewilligen steht unmittelbar bevor.
– Alternative Möglichkeiten der Hilfestellung wurden angeboten und
– der Suizidwillige ist urteilsfähig, er hat seinen Wunsch gut erwogen und dieser ist ohne äußeren Druck entstanden und überdauernd.
Wenden wir uns nun wieder dem Beitrag von Schaber zu. Für mich ergibt sich nun die Frage, ob diese eher medizinisch-empirisch ausgerichteten Gründe von Zimmermann als gute Gründe im Schaber’schen Sinne zu werten sind. Schaber gibt (leider) in seinem Beitrag nur ein Beispiel für einen guten Grund an, der erlaubt, bei einer Selbsttötung zu assistieren, nämlich den der unheilbaren Krankheit. Ist nun eine Krebsdiagnose, deren Verlauf nie eindeutig vorherzusagen ist, bereits ein ‚guter‘ Grund? Es sind auch weitere Krankheiten vorstellbar, deren Verlauf i.d.R. zu einem frühzeitigen Tod führt, dieser kann aber noch mehrere Jahre auf sich warten lassen. Ist dann der Grund auch ‚gut‘? Dies wäre eine zeitliche Frage, die hier ins Spiel kommt und die Zimmermann mit dem Adjektiv ‚unmittelbar‘ zu klären versucht. Das scheint mir hier aber im Zusammenhang, was ein guter Grund für eine einforderungswürdige Assistenz ist, weniger bedeutsam zu sein als vielmehr die Frage, was denn unter ‚gut‘ zu verstehen ist. Es können in der hier gebotenen Kürze folgende Überlegungen angedeutet werden. Sie beziehen sich auf die Ausführungen von Bernard Williams (Der Begriff der Moral – Eine Einführung in die Ethik (19789, insbesondere das 5. Kapitel ‚Gut‘, 47ff.). Halten wir fest, es geht hierbei um empirische Feststellungen, die Zimmermann detaillierter als Schaber aufgelistet hat, die als Gründe genannt werden, wann und ob eine Suizidbeihilfe als moralisch gerechtfertigt erscheint oder nicht. Diese o.e. drei (im Grunde sind es ja 5) Gründe können nun nach Schaber als gute Gründe bezeichnet werden. Es sind (nach Moore) Tatsachenfeststellungen, die eine Wertung ergeben, nämlich die, es ist moralisch erlaubt oder sogar geboten, dass einem Suizidwilligen assistiert wird, wenn die Kriterien von Zimmermann erfüllt sind. Williams ist nun der Meinung, dass über diesen naturalistischen Fehlschluss, dem er ohnehin kritisch gegenübersteht, hinweggesehen werden kann, weil es unbestreitbar so erscheint, dass „bei zahlreichen Einsetzungen für ‚x‘ in der Formel „Das ist ein gutes x“ das Wissen, was dieses x ist oder tut und was es faktisch mit diesem x auf sich hat – d.h. eine Kombination von Begriffs- und Fakteninformation-, ausreichend ist, um (zumindest im Großen und Ganzen) zu entscheiden, ob das resultierende Urteil wahr oder falsch ist“ (Williams, 55). Also erscheint ein Beziehen von Fakten auf eine Wertung als durchaus möglich und der Begriff ‚gut‘ kann als tauglich bezeichnet werden. Ob nun die Einschränkung: ‚im Großen und Ganzen‘ für eine Entscheidung von so weitreichender Bedeutung, wie sie die Suizidbeihilfe zweifellos darstellt, hinreichend ist, muss hier bei einer Rezension dahingestellt bleiben.
Fakt ist, dass dieses Buch eine Fülle an Daten und ethisch-fundierten Überlegungen bietet, die es dem an dieser Thematik Interessierten gebietet, sich das Buch anzuschaffen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Eckrich, Felicitas / Tanner, Klaus (Hg.): Forschung und Verantwortung im Konflikt? Ethische, rechtliche und ökonomische Aspekte der Totalsequenzierung des menschlichen Genoms. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2013 (Nova Acta Leopoldina, Neue Folge: Band 117, Nr. 396), 131 S., ISBN-13: 978-3-8047-3241-4, Brosch., EUR 20.95

Das Human Genom Projekt endete im Jahre 2001 erfolgreich mit der ersten vollständigen Totalsequenzierung eines menschlichen Genoms und kostete etwa 3 Milliarden Dollar. Die „next generation sequencing technology“ (vgl. S. 50) ermöglichte die Sequenzierung von 20 Genomen pro Tag zum Preis von etwa 50000 Dollar, die dritte Generation verspricht eine Sequenzierung eines Genoms in noch kürzerer Zeit für weniger als 1000 Dollar. Damit rückt eine individuelle Genomdiagnose im Falle einer Erkrankung oder im Zuge einer Vorbeugung wegen einer erblichen Anlage zur Erkrankung in ökonomische Reichweite. Eine im Zuge einer solchen Diagnostik entstehende Totalsequenzierung des Genoms eines Patienten, gespeichert als Datenfile, kann – insbesondere, wenn in den Daten auch Informationen über das Leben des Patienten, wie Ernährungsgewohnheiten, ein potentiell gesundheitsgefährdender Arbeitsplatz, sportliche Aktivitäten etc. enthalten sind, sehr wertvolles Material für medizinische Forschung sein. Viele solcher Daten (eine Biodatenbank oder kurz „Biobank“, vgl. S. 51ff.) ermöglichen es, statistische Zusammenhänge zwischen bestimmten DNS-Sequenzen, gesundheitlichen Belastungen bzw. menschlichen Verhaltensweisen und „typischen“ Erkrankungen zu erkennen.
Welchen Nutzen hat der Patient? Noch ist es Science Fiction, wenn aufgrund der Genanalyse die Ursache für einen Leberschaden in einer nicht optimalen Gensequenz gefunden wird und gleich im Krankenhaus eine optimale und verträgliche neue Leber aus eigenen optimierten Genen gezüchtet und dann implantiert wird. Hingegen schon heute denkbar sind individuell angepasste Medikamente und einiges mehr (vgl. S. 83).
Wo liegt ein Problem? Welche Gründe für ethische Überlegungen und Bedenken gibt es? Für die meisten Patienten ist der unmittelbare Nutzen noch gering, weil die gewonnene Information eine wahrscheinlichkeitstheoretische Aussage über mögliche Zusammenhänge und Gefahren ist. Wenn z.B. in einer Familie bereits mehrere Menschen unter Bluthochdruck leiden, hilft es nicht viel, wenn die Ursache dafür in einer bestimmten Gensequenz vermutet wird, statt wie bisher zu sagen ‚es liegt in der Familie‘. Wenn es um eine vererbbare Krankheitsursache geht, liegt die Versuchung nahe, den Nachwuchs genetisch zu planen bzw. zu optimieren sowie in die Keimbahn einzugreifen und die entsprechenden Gene zu ändern. Das ist bereits ein Thema für die Ethik.
Grit M. Schwarzkopf hat in ihrem einleitenden Beitrag „Ethische Grundfragen der Genomsequenzierung“ (S. 9 –24) sehr systematisch und genau zusammengefasst, welche weiteren Fragen auftauchen, wie bisher im Umgang mit Patienten und in der Forschung etablierte ethische Regeln konfligieren können und weshalb ein Bedarf zur Einzelfallabwägung besteht.
Im Beitrag „Gesundheitsökonomische Aspekte der Totalsequenzierung des menschlichen Genoms“ (S. 25 – 43) zeigen J.-Matthias Graf von der Schulenburg, Anne Prenzler und Martin Frank, dass bisher noch viel Unklarheit in der Kostenfrage steckt.
Welche Chancen und Risiken die erwähnten „Biobanken“ aus medizinischer Sicht bergen, ist Thema des Beitrages von Michaela T. Mayrhofer und Kurt Zatloukal (S. 45 –58).
Wie viel sich tatsächlich aus dem Genom über einen Menschen, seine Vorfahren und Nachkommen sowie seine Verwandten sagen lässt, ist noch nicht vollständig absehbar. Klar erkennbar ist aber schon jetzt, dass es ein großes Datenschutzproblem gibt, wenn die Daten erhoben werden (also das Genom sequenziert und die Sequenz gespeichert wird). Silja Vöneky schaut aus der Perspektive des deutschen und internationalen Rechts auf diese Problematik (S. 59 –75).
Jens Georg Reich weist bespielhaft darauf hin, wie neue ethische Fragen gleichsam nebenbei entstehen: „Oft sind es gar nicht neue Erkenntnisse, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen, sondern sie entstehen als Folge der Verbesserung, Präzisierung, Fehlerbereinigung oder Verbilligung von Methoden, die im Prinzip vorhanden waren, aber moralisch neutral eingesetzt wurden“ (S. 77).
Setzt die Genetik auch neue Normen? Dirk Lanzerath untersucht normative Probleme der Konzeptualisierung genetischen Wissens (S. 87–105). „Hat sich die Molekularbiologie von einer Spezialdisziplin zur allgemeinen Methode nahezu aller biologischen und medizinischen Disziplinen entwickelt, ist sie – jedenfalls nach Auffassung einiger Autoren – jetzt auf dem Weg zu einer neuen Form postmoderner Meta-Physik zu werden“ (S. 100).
„Gesundheit und Krankheit im Zeitalter der Postgenomik“ (S. 107–131, von Thomas Lemke) werden vielleicht künftig anders definiert, insbesondere im Hinblick auf neue Möglichkeiten in der prädikativen Medizin.
Insgesamt bietet dieser Band einen komprimierten und sachkundigen Einblick in ethische und andere Dimensionen der möglichen Folgen einer raschen und preiswerten Totalsequenzierung des menschlichen Genoms.
Jürgen Maaß, Linz