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Editorial 2015

Editorial 2015

EDITORIAL 2015

Gedanken über das Sterben und Altern,
über das Wesen des Menschen und über die Rolle der Philosophie


JOHANNES KRÄMMER

1. Neue und alte Themen und Probleme: das gute und sinnvolle Leben, das Sterben und Altern

Ein Blick auf den gegenwärtigen Zustand der deutschsprachigen Philosophie zeigt, dass das Interesse an der praktischen Philosophie, insbesondere an der Ethik, im Steigen begriffen ist. Besonders die angewandte Ethik boomt. Dies mag zum einen daran liegen, dass man in der Philosophie seit einiger Zeit darum bemüht ist, Praxisbezug und Nützlichkeit zu beweisen, zum anderen daran, dass wir heute mit einer Vielzahl an neuen Herausforderungen konfrontiert sind, was etwa Fragen der Gerechtigkeit, was die Umweltethik und die Medizinethik anbelangt. Ethische Reflexion ist auch deshalb ein Gebot der Zeit, weil wir gerade eine gewaltige Erosion von Gewissheiten und Wertvorstellungen miterleben. Viele Menschen sind verunsichert, sie zweifeln. Und dabei handelt es sich um eine typisch philosophische Situation: Der Mensch beginnt, Fragen zu stellen, etwa jene, was er tun soll, oder jene, ob er so weitermachen soll und was es denn nun eigentlich für eine Bewandtnis mit seinem Leben hat. Wozu bin ich da, so fragt sich der Mensch, was mache ich hier, woran soll ich mich halten, wie fülle ich die Zeit zwischen Geburt und Tod?
Diese Zeit ist begrenzt und voller Unwägbarkeiten, überraschender Wendungen und Schicksalsschläge. Manches kann sich der Mensch aussuchen, vieles nicht, vor allem nicht, dass und wann er geboren wird und dass und wann er sterben muss. Doch eben hier hat sich etwas geändert. Wenn man an die Sterbehilfe denkt, so sind wir dem Tod nicht mehr hilflos ausgeliefert – manche von uns können (und wollen) den Zeitpunkt und die Umstände bestimmen. Dass es z.B. Vereine wie Dignitas und Exit gibt, von denen ein begleiteter Freitod und ein sanftes, würdiges, humanes Sterben angeboten wird, wirft neue Fragen auf: Ist es tatsächlich menschenwürdiger, sich auf Wunsch bzw. freiwillig töten zu lassen, oder entspricht es nicht eher der Würde des Menschen, bei schweren und unheilbaren Krankheiten palliativ gut versorgt zu werden? Darf sich der Mensch erlauben, über sein Leben und seinen Tod selbst zu bestimmen und dürfen ihm andere beim Sterben behilflich sein? Und wenn ihm andere dabei helfen, inwieweit ist er dann noch autonom? Oder besteht die entscheidende Frage darin, ob es bei dem fraglichen Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben letztlich darum geht, einer ausweglosen Situation zu entrinnen oder sie zumindest erträglich zu gestalten?1 Ist es nicht andererseits so, dass der Mensch von heute mit seinen diesbezüglichen Entscheidungen allein gelassen wird, dass das aber als Freiheit verkauft oder missverstanden wird? Wird der Einzelne hier nicht überfordert und handelt es sich bei der Überforderung nicht auch um ein Charakteristikum des Zeitgenossen? Einerseits ist vieles machbar, es bestehen viele Möglichkeiten, nicht nur den Sterbensvorgang angenehmer zu gestalten, sondern auch im Verlauf eines langen Lebens ein Optimum an Gesundheit, Fitness, Leistungsfähigkeit und materiellem Wohlstand zu erlangen. Andererseits wird man von den vielen Möglichkeiten regelrecht erdrückt, sie werden zur Last. Optimize your life, so lautet die Losung, doch dies klingt weniger wie ein Angebot als ein Befehl und auch das dahintersteckende Glücksversprechen wirkt wenig überzeugend. Wie gesagt: Das Leben ist voller Schicksalsschläge und Härten, was einzelne Glücksmomente und Phasen der Lebenszufriedenheit zwar nicht ausschließt, andauernde und gesteigerte Happiness jedoch absurd und unangebracht erscheinen lassen.
Woran sollen wir uns halten, wie unser Leben einrichten, welche Werte und Ziele sollen unser Handeln leiten? Diese Fragen sind alt. Sie wurden von Seneca und von Montaigne, von Schopenhauer und von Kierkegaard und anderen behandelt und wir haben von diesen Denkern Ratschläge, Hinweise und Inspiration erfahren. In Angelegenheiten der Lebensbewältigung und Lebenskunst wird man heutzutage von Wilhelm Schmid mit Anregungen versorgt.2 Es scheint erhöhter Bedarf zu bestehen und dem Bedarf korrespondiert andererseits auch eine beträchtliche Anzahl an – mehr oder weniger – seriösen weltanschaulichen Sinnangeboten und Heilsversprechen. Optimierungsstrategen und Gurus treten dann auf, aber auch wissenschaftlich-technische Innovatoren wie jene Biogerontologen, die daran arbeiten, die Ursachen des Alterns herauszufinden und diesen Prozess zu stoppen oder sogar rückgängig zu machen.3 Daneben zielen die trans- und posthumanistischen Visionäre der Gegenwart (wie Ray Kurzweil) darauf ab, Alter und Tod z.B. mittels Nanotechnologie so weit als möglich zu verhindern, den Menschen in umfassender Weise zu verbessern, ihn widerstandsfähiger, gesünder, eventuell auch glücklicher zu machen.4 Auch die Anti-Aging-Medizin legt sich auf ihre Weise mit dem Alter an. Nun: Was ist an all dem auszusetzen, wer möchte nicht fit sein, jugendlich wirken und möglichst lange beschwerdefrei leben?

2. Der Mensch: seine Unzufriedenheit, seine Mängel, seine Besonderheit und seine Probleme

Ein längeres Leben unter Beibehaltung von Vitalität und Gesundheit: Wer würde das ausschlagen? Zum einen hätte man endlich mehr Zeit, um die Vielzahl an Lebensmodellen und Möglichkeiten auszutesten, zum anderen stellt sich die Frage, warum die erwähnten Gurus und Visionäre den Menschen überhaupt umgestalten wollen. Ist es die Unzufriedenheit mit dem Menschen, die sie motiviert? Wie ist diese Unzufriedenheit entstanden, warum soll der Mensch verbessert werden? Nach Rousseau ist der Mensch, dieses mit Reflexionsvermögen und Willensfreiheit ausgestattete Wesen, insbesondere durch seine „Fähigkeit zur Vervollkommnung“5 ausgezeichnet. Diese Fähigkeit ist allerdings auf seine diversen Mängel – etwa die mangelhafte Kraft und Schnelligkeit – zurückzuführen: Der Mensch ist gezwungen, sich in Sachen Geschicklichkeit und Intelligenz zu entwickeln bzw. zu verbessern, um sein Überleben zu sichern. Es steht nicht fest, wie wir diese „uns auszeichnende, fast unbegrenzte Fähigkeit“6 nutzen und es besteht die Gefahr, dass sie die „Quelle alles Unglücks der Menschen“7 ist. Unser Tun ist nicht vorhersehbar, so meint auch Nietzsche, demgemäß „der Mensch [...] kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgendein Tier“ ist, er ist „der große Experimentator mit sich, der Unbefriedigte, Ungesättigte [...], der ewig-Zukünftige, der vor seiner eignen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart wühlt“8. Könnte man nun sagen, dass die Unzufriedenheit – das Ungenügen – ein weiteres Charakteristikum des Menschen, und zwar nicht nur des Zeitgenossen, ist, dass sie also Teil der menschlichen Natur und etwas Natürliches, dass sie aber andererseits etwas Unnatürliches, Krankes ist? Einerseits ist dauerhafte Zufriedenheit nicht erreichbar, sie führt zum Stillstand und der Mensch ist einer, der beständig neu und anders wird, er ist dazu gezwungen. Aber sich nicht und niemals zufriedenzugeben – das ist doch andererseits auch nicht normal, oder?
Kann der Mensch nicht anders oder will er nicht anders? Ist es nach Rousseau nicht auch die Freiheit, die den Menschen ausmacht? Was macht den Menschen zum Menschen? Gerade diese Fragen sollten im Mittelpunkt philosophischer und ethischer Reflexion stehen. Was aber vermag Letztere zu leisten, was die philosophische Ethik, was die Philosophie generell? Sie sollte zunächst um die Sichtung und Deutung von empirischem Material, dann aber auch um eine Klärung grundsätzlicher Begriffe bemüht sein. Und wenn Begriffe wie „Mensch“, „Menschenwürde“, „Selbstbestimmung“, „Freiheit“, „Mangelhaftigkeit“, „Vervollkommnungsfähigkeit“, „Jugend und Alter“, „Gesundheit und Krankheit“, „Leben und Tod“ mit Bedeutung versehen und voneinander separiert werden, wird deutlich, dass sie einander bedingen, dass dabei bereits von diversen Annahmen ausgegangen wird, die miteinander zusammenhängen, dass bereits auf der Basis eines Gesamtbildes von der Welt bzw. der Wirklichkeit (man verzeihe mir hier die unsaubere Begrifflichkeit) operiert und das Feld sondiert wird. Und dieses Ganze, dieser Ausgriff aufs Ganze, dieser Gesamtentwurf hat die Philosophie lange Zeit gekennzeichnet, wird sie möglicherweise auch immer kennzeichnen und sollte deshalb stets mitbedacht werden. In diesem Ganzen wird der Mensch situiert und konturiert, er wird verglichen mit anderen Lebewesen und auch mit seinen früheren Verhaltensweisen: Was hat sich geändert, was wird sein, was wird der Mensch tun? Worauf ist er angelegt, was soll er tun? Es zeigt sich, dass bei der Beschreibung des Menschen und der Welt stets eine normativ-wertende Dimension mitschwingt, insofern den Dingen (abermals eine vage Formulierung) Wert zu- oder abgesprochen wird, insofern der – freie und selbstbestimmte – Mensch als ein besonders hoher, wenn nicht als der höchste, zumindest aber als zentraler Wert erachtet wird, von dem aus vieles bemessen und beurteilt wird. Warum eigentlich? Woher bezieht der Mensch sein Wertbewusstsein, woher weiß er um den Wert seiner selbst und um die mindere Werthaftigkeit von nicht-menschlichen Lebewesen und Dingen? Was macht ihn so sicher, wie kommt er dazu, sich selbst auszuzeichnen?
Zugegeben: Der Mensch ist aufgrund der genannten Charakteristika etwas Besonderes, er hebt sich sichtbar von seiner Umwelt ab. Dabei ist es die Kluft zwischen dem, was ist und was sein soll, die ihn antreibt. Er versucht, das Denk-, das Mach- und das Lebbare zu vereinen und diese Spannung zwischen Denken und Tun, aber auch jene zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Ideal und Realität macht ihn zu einem auf die Zukunft hin offenen Wesen, das es ebenfalls als Ganzes in den Blick zu bekommen gilt. Da zeigt sich, dass es sich um ein mit Mängeln behaftetes, verletzliches und schwaches, bisweilen ängstliches und egoistisches, bisweilen unvernünftiges Wesen mit Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten handelt, um ein Wesen, das der Hilfe bedarf, das sich immer wieder als fremdbestimmt und abhängig erfährt, das heute – in den wohlhabenden Regionen der Welt – dank medizinisch-technischer Errungenschaften die Möglichkeit erhält, bequem und abgesichert sowie lange relativ gesund zu leben, Krankheiten, die früher lebensbedrohlich waren, erfolgreich zu bekämpfen und das Altern und den Tod hinauszuzögern. Könnte es sein, dass ein Großteil der menschlichen Bemühungen darauf abzielt, das Sterben und den Tod zu vermeiden? Ist der Tod das größte Problem des Menschen, wie der Transhumanist Fereidoun M. Esfandiary9 annimmt? In gewisser Weise hat er recht: Selbstbestimmung und Freiheit werden ebenso wie mutiges und beherztes Handeln durch den drohenden Tod meistens verhindert. Demnach wäre die Abschaffung des Todes wünschenswert. Aber wollen wir wirklich ewig leben, wären wir dann freier, altruistischer, glücklicher? Tun wir uns damit etwas Gutes, wenn wir dem Tod davonlaufen, ihn so lange wie möglich hinausschieben, ihn verdrängen, ihn nicht wahrhaben wollen? Wieder werden Fragen aufgeworfen, die der philosophischen Besinnung bedürfen, Fragen, die schon lange bestehen und von jedem Menschen und jeder Generation aufs Neue gelöst werden müssen. Philosophen bemühen sich seit jeher um Lösungen und Antworten.

3. Lösungsvorschläge aus der philosophischen Tradition

Schon die alten Griechen sind der Frage nachgegangen, ob der Tod ein Übel und demnach zu fürchten ist. In Platons Apologie (29a) meint Sokrates, dass es nicht weise sei, den Tod für ein Übel zu halten. Dafür gibt es keinen Grund, keinen Beweis. Wir verfügen diesbezüglich über keine Kenntnisse und der weise Mann fürchtet sich nur vor dem als solches erkennbaren und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretenden, nicht aber vor einem nur möglichen Übel.10 Kennzeichen des weisen Mannes ist die Gelassenheit gegenüber ungewissen Dingen – schließlich besteht die Möglichkeit, dass der Tod auch eine Wohltat ist. Was den Tod, genauer gesagt: das Sterben als Vorgang anbelangt, so ist ein gutes Sterben nach Seneca, Montaigne und Kierkegaard ein Sterben ohne Reue. Dabei geht es einerseits darum, rechtschaffen11 gelebt zu haben und ohne Schuldgefühle und Selbstvorwürfe dem Tod entgegenzugehen. Andererseits ist mit einem Sterben ohne Reue auch gemeint, dass man gut gelebt, insofern man seine Zeit zu nutzen und auszukosten verstanden hat und deshalb das Leben eher loslassen, sich mit dem Gedanken des Todes eher anfreunden oder wenigstens arrangieren kann. Wer jeden Tag annähernd so gestaltet, als sei es der letzte in seinem Leben, der wird dem eigenen Ende auch gelassener entgegensehen. Es kommt darauf an, sich zur rechten Zeit für das Wesentliche zu entscheiden und das zu tun, was man für wichtig und wertvoll hält.12 Was dann wegfiele, wäre das große Bedauern am Lebensende: Was man nicht alles noch unternehmen, erleben, erledigen wollte!
Montaigne betrachtet das Sterben – den Vorgang des Sterbens – als abschließenden Teil des Lebens und als persönliche und intime Aufgabe. Ihm selbst ist daran gelegen, den Abschluss seines Lebens angenehm und den eigenen Vorstellungen entsprechend hinzubringen.13 Zudem soll das Sterben nach Montaigne authentisch erlitten werden. „Haben wir standhaft und ruhig leben können: so werden wir auch ebenso sterben können“14, heißt es bei ihm. Wer das nicht vermochte, der wird auch einen anderen Tod erleiden. Jeder möge auf seine Weise sterben, gemäß seinem Naturell, zu seinem bisherigen Leben passend. Schmerz und Leid sind dann möglicherweise auch dabei, sie sind ernst zu nehmen und nicht zu verharmlosen. Allerdings ist zu klären, ob und inwieweit Schmerzen zum Leben und also zum Sterben dazugehören und bis zu einem gewissen Grad an- und hingenommen werden müssen.15
Und das Altern? Auch diesbezüglich können wir von den Philosophen der Vergangenheit lernen, Ratschläge empfangen, uns trösten und inspirieren lassen, z.B. durch den Gedanken, dass das Altern keine Krankheit, sondern ein essentieller Bestandteil des Lebens und der personalen Entwicklung im Sinne von Reifung und Vollendung ist. Oder dass – wie es bei Platon in dessen Politeia (329a-c) heißt – im Alter die körperlichen Begierden nachlassen und man diesbezüglich an Unabhängigkeit gewinnt. Nach Schopenhauer wiederum herrscht in der Jugend „Begehrlichkeit und Sehnsucht ins Unbestimmte“16, im Alter hingegen ein Zustand der Desillusionierung und der Ruhe vor. Das Wissen aber wächst im Laufe des Lebens: „Was man in der Jugend zu wissen glaubte, das weiß man im Alter wirklich, überdies weiß man auch wirklich viel mehr und hat eine von allen Seiten durchdachte und dadurch ganz eigentlich zusammenhängende Erkenntnis; während in der Jugend unser Wissen stets lückenhaft und fragmentarisch ist.“17 Schopenhauer meint zudem, dass „im höheren Alter […] die Geisteskräfte“18 abnehmen, dass jedoch „die richtige Einsicht immer noch“ zunimmt, dass sich „das Urteil schärft“ und zwar „durch Erfahrung, Kenntnis, Übung und Nachdenken“19. Bereits Cicero hat diesbezüglich ältere Menschen im Vorteil gesehen, denn: „Große Dinge vollbringt man nicht durch körperliche Kraft, Behendigkeit und Schnelligkeit, sondern durch Planung, Geltung und Entscheidung; daran pflegt man im Alter nicht nur nicht abzunehmen, sondern gar noch zuzunehmen.“20

4. Resümee und Ausblick

Nun muss man nicht annehmen, dass damit das Altern und der Tod schön geredet werden sollen. Was allein zählt, ist die nüchtern-sachliche Abwägung. Diese führt z.B. bei Platon dazu, dass er im Phaidon Sokrates sagen lässt, dass der weise Mensch am wenigsten Grund zur Furcht vor dem Tode hat (vgl. 67e). Er hat also Furcht, aber weniger als gewöhnliche Menschen, sie ist verständlich und nachvollziehbar. Es soll auch nicht behauptet werden, dass man nur die Vorteile des Älterwerdens ins Blickfeld rücken müsse, dann sei es kein Problem. Wir fürchten uns vor dem Sterben und dem Tod und das Altern ist beschwerlich, aber worauf es ankommt, ist das Potential der Philosophie als Suche nach der Weisheit, nach dem Sinn und nach dem guten Leben zu erkennen: Sie kann dem Menschen vom Kontroll-, Machbarkeits- und Perfektionszwang heilen. Sie kann zeigen, dass der Mensch ein endliches, sich entwickelndes Wesen ist, das auch immer erst und noch unterwegs zum Verstehen dessen, was es ist, sein könnte und sein sollte, sie kann zur Prüfung unserer Wünsche und Ziele anregen und helfen, vernünftig, bewusst wie auch maßvoll zu leben und Zufriedenheit da zu lernen, wo sie angebracht ist. Kann sie das, kann die Philosophie Lebensratgeberin sein? Ja, wenn sie sich emanzipiert von dem Ideal, eine deskriptive Wissenschaft wie andere zu sein, wenn sie sich aus ihrem Schneckenhaus herauswagt und sich den Wert- und Sinnfragen stellt, die aus dem Leben erwachsen, das uns in seiner Ungerechtigkeit und Erbarmungslosigkeit, in seiner Irrationalität und Endlichkeit oft überfordert. Philosophie beginnt mit dem Verlust von Gewissheiten, mit Verunsicherung und mit dem Eingeständnis: Ich kenne mich nicht mehr aus, ich weiß nur, dass ich nicht mehr weiß, was zu Recht begehrt wird und was nicht, welche Grenzen ich akzeptieren und welche ich transzendieren soll, was ich vom Leben erwarten darf und was nicht. Ich bin ein Suchender und ein Mensch und diesen suchenden und irrenden Menschen sollte die Philosophie in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen. Nur so wird und kann sie sich auch weiterhin als lebensrelevant und nützlich erweisen. Sie sucht, sie versucht, sie irrt und sie zeigt dabei ihr menschliches Antlitz. Sie wird von Menschen betrieben, die selbst Suchende sind, voller Fragen und Sorgen, abhängig und frei, unsicher und ängstlich, aber auch zum Wagnis bereit, dazu imstande und gewillt, ein anderes Leben zu führen – vor allem, weil das Leben endlich ist.

A n m e r k u n g e n:

1 Vgl. S. Flasspöhler: Mein Tod gehört mir (2013); vgl. J. Krämmer: Vom Wandel (2014), S. 257–266.
2 Vgl. W. Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (2004).
3 Vgl. A. de Grey / M. Rae: Niemals alt (2010).
4 Vgl. A. HILT / I. JORDAN / A. FREWER: Athanasia (2010), S. 12; vgl. R. HEIL: Trans- und Posthumanismus (2010). Vgl. J. KRÄMMER: Vom Wandel (2014), S. 268–270.
5 J.-J. Rousseau: Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (51995), S. 107f.
6 Ebd., S. 109.
7 Ebd.
8 F. NIETZSCHE: Zur Genealogie der Moral (1999), S. 367.
9 Vgl. O. KRÜGER: Much ado about nothing (2011), S. 446.
10 Vgl. P. Gehring: Theorien des Todes zur Einführung (22011), S. 36.
11 Vgl. L. A. Seneca: Philosophische Schriften (1984), S. 5.
12 Vgl. L. A. Seneca: Von der Kürze des Lebens (31989), S. 196f.; vgl. M. de Montaigne: Essais (1992), S. 127; vgl. S. Kierkegaard: An einem Grabe (1964), S. 178f.; vgl. R. Nozick: Vom richtigen, guten und glückseligen Leben (1991), S. 20; vgl. J. Krämmer: Vom Wandel (2014), S. 262f.
13 M. de Montaigne: Essais (1992), S. 175f.; vgl. J. Krämmer: Vom Wandel (2014), S. 263.
14 M. de Montaigne: Essais (1992), S. 309.
15 Vgl. H. Rüegger: Sterben in Würde? (2003), S. 60 – 63; vgl. M. C. Schmidt: Schmerz und Leid (2006).
16 A. Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit (1976), S. 226.
17 Vgl. ebd., S. 223.
18 Ebd., S. 228.
19 Ebd.
20 M. T. Cicero: De senectute (1998), S. 37.

L i t e r a t u r

Cicero, M. T.: Cato maior de senectute / Cato der Ältere über das Altern. Lateinisch / Deutsch. Übers. und hg. von H. Merklin. Stuttgart: Reclam, 1998.
Flasspöhler, S.: Mein Tod gehört mir. Über selbstbestimmtes Sterben, München: Pantheon, 2013.
Gehring, P.: Theorien des Todes. Zur Einführung. Hamburg: junius, 22011.
Grey, A. de / Rae, M.: Niemals alt! So lässt sich das Alter umkehren. Fortschritte der Verjüngungsforschung. Bielefeld: transcript, 2010.
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Hilt, A. / Jordan, I. / Frewer, A.: Athanasia – Endlichkeit, Medizin und Unsterblichkeit. Zur Einführung, in: Dies. (Hg.): Endlichkeit, Medizin und Unsterblichkeit. Geschichte – Theorie – Ethik. Stuttgart: Franz Steiner, 2010, S. 11–15.
Kierkegaard, S.: An einem Grabe, in: Ders.: Gesammelte Werke. Hg. von E. Hirsch und H. Gerdes. 13. und 14. Abteilung: Vier erbauliche Reden 1844, Drei Reden bei gedachten Gelegenheiten 1845. Düsseldorf / Köln: Eugen Diederichs, 1964, S. 173 – 205.
Krämmer, J.: Vom Wandel des Umgangs mit den Themen Tod und Sterben. Ein Überblick über aktuelle Entwicklungen und Diskussionen. Ethica. Wissenschaft und Verantwortung 22 (2014) 3, 253 –282.
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Nozick, R.: Vom richtigen, guten und glückseligen Leben. Aus dem Amerikanischen von M. Pfeiffer. München / Wien: Hanser, 1991.
Rousseau, J.-J.: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, in: Ders.: Schriften zur Kulturkritik. Französisch / Deutsch. Eingel., übers. und hg. von K. Weigand. Hamburg: Felix Meiner, 51995, S. 77–269.
Rüegger, H.: Sterben in Würde? Nachdenken über ein differenziertes Würdeverständnis, Zürich: NZN Buchverlag AG, 2003.
Schmid, W.: Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2004.
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Schopenhauer, A.: Aphorismen zur Lebensweisheit. Frankfurt a. M.: Insel, 1976.
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–– Von der Kürze des Lebens, in: Ders., Philosophische Schriften. Lateinisch und deutsch. Hg. von M. Rosenbach. Zweiter Band: Dialoge VII–XII. Darmstadt: WBG, 31989, S. 175 –239.

Dr. Johannes Krämmer, Universität Salzburg, FB Philosophie an der Kath.-Theol. Fakultät,
Franziskanergasse 1/IV, A-5020 Salzburg
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